An einem Strang

21. Januar 2022

Lieferketten, Lebenszyklen, Tier- und Umweltschutz – Jenny (Transa) und Elaine (Haglöfs) sind Expertinnen für diese Themen. Hier nehmen sie uns mit hinter die Kulissen und erklären, warum Händler und Hersteller enger kooperieren sollten, um die gemeinsamen Ziele zu erreichen.

Fotos: zVg

Redaktor, 4-Seasons Magazin
Hat für dich mitgehört
Elaine, wie viele Firmen sind entlang der Lieferkette an der Produktion einer Hardshell-Jacke beteiligt?
Elaine: Eine Hardshell-Jacke besteht aus vielen verschiedenen Komponenten, die jeweils ihre eigene Lieferkette haben. Wir wissen, welcher Lieferant den Stoff hergestellt oder gefärbt hat. Es sind aber noch viele andere Unternehmen beteiligt, bis hin zur Gewinnung von Erdöl für synthetische Stoffe oder der Gewinnung von Metall für Reissverschlüsse und Knöpfe. Diese Dinge können wir nicht zurückverfolgen und daher auch nicht quantifizieren. 

Wie hoch ist der Einfluss einer grossen Marke wie Haglöfs auf die Lieferkette?
E: Wenn wir in einer Fabrik in Asien mit unseren Aufträgen 20 Prozent des gesamten Auftragsvolumens ausmachen, haben wir dort einen so grossen Einfluss, dass wir mit den Verantwortlichen sehr ernsthaft über Arbeitsbedingungen, Energieverbrauch und solche Dinge reden können – was wir in dem Fall natürlich auch tun. Es gibt aber auch Zulieferer, vor allem am Anfang der Lieferkette, die deutlich grösser sind als Haglöfs selbst. Dort hält sich unser Einfluss sehr in Grenzen. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns genau überlegen, welche Unternehmen wir beauftragen und wo in der Lieferkette unser Einfluss am grössten ist.

Jenny, welche Rolle spielt ein Detailhändler wie Transa in der Lieferkette?
Jenny: Wir sind das Bindeglied zwischen Kundschaft und Hersteller, wir steuern durch die Sortimentsgestaltung das Angebot für unsere Kunden – eine zentrale Rolle also. Wir hören in den Filialen aus erster Hand, was die Kunden wollen, und geben auf der anderen Seite Informationen der Hersteller, zum Beispiel zum Thema Nachhaltigkeit, an die Kunden weiter. Durch die Vielschichtigkeit des Themas ist das eine grosse Herausforderung: Um intern bei allen Mitarbeitenden eine gemeinsame Wissensbasis zu schaffen, ist grosser Effort nötig. Ausserdem endet der Produktlebenszyklus ja nicht mit dem Verkauf. Themen wie Reparatur- und Verleihservice lassen sich ohne den Detailhandel kaum realisieren.

Woher weiss Transa, wie nachhaltig eine Marke ist?
J: Um Bestandteil unseres Sortiments sein zu können, muss eine Marke Transaeigene Tierwohl-, Sozial- und Umweltstandards erfüllen. Wir schicken unseren Lieferanten einen Fragebogen, der viele Zahlen und Daten rund um die Themen soziale Nachhaltigkeit, Tierwohl und Umweltschutz abfragt. Dadurch wissen wir zumindest theoretisch ziemlich genau, welche Marke sich in welchem Bereich engagiert und wo es vielleicht noch Handlungsbedarf gibt. Diese Erhebung ist aber sehr komplex: Wie gehen wir zum Beispiel damit um, wenn eine Marke unsere Fragen nicht beantworten kann oder will? Wie oft müssen wir die Daten aktualisieren, um keine wichtige Entwicklung zu verpassen?

Lässt sich dieses Info-Sammeln nicht vereinfachen?
J: Es wäre für alle Beteiligten ein riesiger Vorteil, wenn es eine zentrale Datenbank für solche Informationen gäbe. Denn wir merken aktuell, dass sich die Dinge so schnell verändern, dass wir kaum hinterherkommen. Und auch für die Lieferanten ist es natürlich eine wahnsinnige Arbeit, wenn jeder Händler mit seinem eigenen Fragebogen kommt.
E: Ich denke, dass das Thema Datenerfassung in den nächsten Jahren immer wichtiger werden wird. Die EU wird von den Unternehmen immer mehr Infos über die Auswirkun-gen ihrer Produkte verlangen. Die grösste Herausforderung ist, dass es in der gesamten Branche an Daten fehlt, die Vergleiche ermöglichen. Es gibt aber Bestrebungen, wie zum Beispiel den Higg-Index, dieses Problem anzugehen und effizientere Methoden der Datenerfassung und -weitergabe bereitzustellen.

Jenny, wie geht ihr mit kleinen Brands um, die gar nicht die Mittel haben, um die Zah-len zu erheben, die ihr anfordert?
J: Hier gehen wir in den direkten Austausch – diese Marken fliegen deswegen natürlich nicht einfach aus dem Sortiment. Oft haben Marken mit kleineren Produktionsmengen und grösserer Produktekonstanz vorbildliche Transparenz in ihrer Lieferkette und geben diese gerne weiter. Die Herausforderung für den Händler liegt in der Aufbereitung dieser Transparenz für die Kunden. Ebenso bei den grossen Marken: Wenn wir unsere Standards nicht erfüllt sehen, haken wir nach und fordern Verbesserungen ein. Wenn eine Marke jedoch keine Bereitschaft zur Veränderung zeigt, wird sie in der Konsequenz aus dem Transa Sortiment weichen müssen.

Wie kann ich als Kunde erkennen, wie ernst es eine Marke mit der Nachhaltigkeit meint?
E: Das ist in der Tat nicht ganz einfach – selbst ich tue mir damit manchmal schwer. Für die Marken ist es sehr verlockend, einfache Phrasen und Labels zu verwenden und es dabei zu belassen. Gleichzeitig sind ernsthafte Bemühungen oft sehr komplex und schwer zu vermitteln – hier ist eine gute Kommunikation mit der Kundschaft sehr wichtig.
Wie kann ich als Kunde erkennen, wie ernst es eine Marke mit der Nachhaltigkeit meint?
E: Das ist in der Tat nicht ganz einfach – selbst ich tue mir damit manchmal schwer. Für die Marken ist es sehr verlockend, einfache Phrasen und Labels zu verwenden und es dabei zu belassen. Gleichzeitig sind ernsthafte Bemühungen oft sehr komplex und schwer zu vermitteln – hier ist eine gute Kommunikation mit der Kundschaft sehr wichtig. 

Was ist am wichtigsten: soziale Nachhaltigkeit, Tierwohl oder Umweltschutz?
J: Diese Kriterien lassen sich nicht gegeneinander aufwiegen – die Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Unsere Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass die Produkte in unserem Sortiment in allen drei Bereichen unsere Standards erfüllen. Und wir müssen alle Infos bereitstellen, die die Kundschaft braucht, um eine bewusste Kaufentscheidung treffen. 

In welchem dieser drei Bereiche ist es am schwierigsten, nachhaltiger zu werden?
E: Eindeutig im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit, also den Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten. Umweltschutz und Tierwohl sind letztendlich eine Frage des Geldes: Wenn ein Hersteller wirklich will, kann er problemlos den teureren Stoff mit blue-sign-Zertifizierung oder die hochwertige zertifizierte Daune verwenden. Die Sicherstellung eines existenzsichernden Lohns für die Näherin in Vietnam ist dagegen viel schwieriger, da hier komplexere Faktoren eine Rolle spielen. Zum Beispiel die lokalen wirtschaftlichen Verhältnisse. Ausserdem verfolgt die Fabrik das Ziel, auf dem lokalen Markt konkurrenzfähig zu bleiben. Gibt es eine Arbeitnehmervertretung? Nutzen andere Marken mit verschiedenen Priorititäten die gleiche Fabrik? Wie sichtbar ist der Lohn in den Gesamtkosten? Kommt das Geld, das ich mehr bezahle, überhaupt bei der Näherin an?
Warum produziert ihr nicht einfach in Europa?
E: Wir stellen einige Produkte in Portugal her. Ich glaube, dass die Industrie in den kommenden Jahren verstärkt nach Europa zurückkehren wird – wenn auch hauptsächlich nach Osteuropa, wo die Löhne aktuell noch niedrig sind. In Westeuropa zu produzieren, wo die Standards und Löhne am höchsten sind, würde die Produktionskosten und damit auch den Verkaufspreis auf ein Niveau bringen, das die wenigsten Verbraucher bereit sind zu zahlen. Zu unserem 100-jährigen Jubiläum im Jahr 2014 haben wir einen Rucksack komplett in Schweden hergestellt, einschliesslich der Materialien. Um die Kosten für ein solches Produkt zu decken, mussten wir es für rund 500 Euro verkaufen – die meisten dieser Rucksäcke liegen bis heute bei uns im Lager. 

Was kann ich als Kunde tun?
J: Du kannst dich informieren und dir überlegen, welche Anforderungen du überhaupt wirklich an ein Produkt hast. Brauchst du für eine Herbstwanderung zum Beispiel wirklich die hochfunktionale Hardshell-Jacke? Ausserdem kannst du darauf achten, dass die Produkte, die du kaufst, möglichst haltbar und reparierbar sind. Mach dir bewusst, wo deine Balance zwischen «Öko» und «Performance» liegt. Dank unserer innovativen Industrie gibt es bereits viele Produkte, die beides vereinen, so dass Nachhaltigkeitsleistungen und Funktionalität nicht mehr gegenläufig sein müssen. Fakt ist: Mit deiner Kaufentscheidung hast du Einfluss darauf, was die Unternehmen wie produzieren und welche Produkte wir in unser Sortiment aufnehmen. 

Welche Rolle spielen bluesign, Fair Wear Foundation und Co. in eurer Arbeit? 
E: Für mich sind diese Organisationen äusserst wertvoll, vor allem hinter den Kulissen: Sie verfügen über enormes Fachwissen, kennen sich vor Ort aus und geben uns die Gewissheit, dass das, was wir kaufen, unsere Standards erfüllt. Sie ermöglichen es uns auch, diese Standards gegenüber dem Verbraucher zu kommunizieren, aber das ist eher ein «Nice-to-have». 
J: Ein Label ist natürlich prinzipiell nicht verkehrt und bietet der Kundschaft sicher auch eine gewisse Orientierung. Aber es lohnt sich trotzdem, genau hinzuschauen: Wofür steht das Label und welche Stufen des Produktlebenszyklus deckt es ab? Gilt das Label nur für dieses eine Produkt? Oder für eine ganze Marke?

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?
E: Ich arbeite punktuell eng mit Wettbewerbern zusammen und ich hoffe, dass die Zusammenarbeit hinter den Kulissen noch weiter zunimmt – vor allem auch mit dem Handel. Denn am Ende sind wir alle ein Teil der gleichen Lieferkette.
J: Wir müssen verstehen, dass das Thema Nachhaltigkeit kein Wettbewerb sein darf. Unser Einfluss ist am grössten, wenn wir uns gemeinsam anstrengen ...

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