Auf Wolke Sieben

14. November 2020

Der Purist lehnt es ab, der Pragmatiker nennt es Variantenfahren und der Connaisseur kommt aus dem Schwärmen nicht mehr raus – über eine Skitourenwoche mit Liftunterstützung im Lötschental.

Fotos: Ruedi Thomi, Illustrationen: Susanne Mader

Deko, Filiale Markthalle Bern
Strahlt gerne mit der Wintersonne um die Wette

Ein Montagmorgen auf dem Hauptbahnhof Bern. Die bunt leuchtenden Tourenski sind im Heer der Berufspendler nicht zu übersehen. Vier Transianer auf dem Weg ins Lötschental. Perseo, Verkaufsberater in der Filiale Zürich Europaallee, Daniel, Finanzen, Office Zürich, Urs, Bergsport in der Filiale Markthalle Bern und ich, Orietta, Deko in der Filiale Markthalle Bern. Als Gruppe sehen wir uns heute zwar zum ersten Mal, Berührungsängste kennen wir aber keine. Man spürt, wie alle den gleichen Spirit haben.

Mit dem «Lötschberger» der BLS geht es Richtung Wallis. Es ist bislang ein schneearmer Winter auf der Alpennordseite. Während sich unser Zug das Kandertal hochschlängelt, schweifen unsere Blicke leicht besorgt über grüne Gras­hänge. Welche Verhältnis­se uns die kommenden Tage wohl erwarten? Unse­­r Ziel, das Lötschental, gilt als eine der schneereichsten Regionen der Schweiz. Wir sollten unsere Wahl nicht bereuen.

Nach nur eineinhalb Stunden Zugfahrt und einmal Umsteigen in Goppenstein stehen wir an der Talstation in Blatten, wo wir Bergführer Paul von Höhenfieber treffen. Eine gutmütige Seele, braun gebrannt, mit vollem Bart und stets einem Grinsen im Gesicht. Was soll da noch schiefgehen?

Während wir mit der Gondel rasch dem Tal entschweben in Richtung der 1969 Meter hoch gelegenen Lauchernalp, sinnieren wir über die Tourenziele der kommenden Tage. Das Skigebiet ist bekannt für seine zahlreichen Variantenabfahrten, lässt sich aber auch hervorragend mit alpinen Skitouren verbinden. Ein Terrain ganz nach unserem Geschmack.

Morgens Bahnhof, mittags Powder

Keine vier Stunden, nachdem wir Bern verlassen haben, schnappen die Skischuhe erstmals in die Bindung. Es ist für den Abend ein Sturm vorausgesagt und wir wollen zuvor noch das fast 3300 Meter hohe Hockenhorn besteigen. Noch zeigt sich das Wetter zwar von der gnädigen Seite, doch immer dunkler werdende Schleierwolken im Westen kündigen den Wettersturz bereits an. Uns soll es recht sein, denn die damit wahrscheinliche Ladung frischen Pulverschnees auf die ohnehin gute Grundlage hier im Lötschental nehmen wir mit Handkuss.

Bald erreichen wir den höchsten Punkt des Skigebiets, den Hockenhorngrat. Zeit, sich warm zu fahren. Nach dem obligaten LVS-Check an der Bergstation buckeln wir die Ski über den Winterwanderweg. Bergführer Paul ist schon seit einigen Tagen im Gebiet und hat eine Nase für stiebenden Pulver und unverspurte Hänge. Die kupierten Hänge unter uns bieten Abfahrten am Laufmeter, sind aber nicht besonders übersichtlich. Gute Sicht, Ortskenntnis und eine zuverlässige Einschätzung von Gelände und Lawinensituation ist wie immer im Backcountry Voraussetzung.

Von Mal zu Mal läuft es ringer, wird es rassiger, unsere Tage im Schnee sind lanciert. Die Schneedecke ist nicht ohne, die Konsistenz wechselt hin und her zwischen Bruchharst und Pulver. Mit meinen breiten Ski spure ich mir meinen Weg. Nach einigen Abfahrten fahren wir mit der Gondel erneut zum höchsten Punkt und nehmen das Hockenhorn in Angriff. Ein bissiger Westwind pfeift uns entgegen. Anfänglich mit Ski und Fellen über den Winterwanderweg, wechseln wir bald auf Pickel und Steigeisen. Der Aufstieg ab dem Skidepot ist technisch wenig schwierig, aber trotzdem nicht zu unterschätzen. Zu unserer Linken fallen steile Flanken 1500 Meter tief ins Gasterental ab. Ein Fehltritt hätte gravierende Folgen. Doch dank Pickel, Steigeisen und sorgfältigen Tritten erreichen wir bald den Gipfel. Wir gratulieren uns, verstehen kaum ein Wort des anderen. Die Böen werden immer stärker, die Sicht wird milchiger. Mit Blick auf das Balmhorn ziehen wir rasch unsere 100 Prozent winddichten Hardshelljacken über. Nach dem Abstieg vom Gipfel machen wir uns an die letzte Abfahrt des Tages. Und nun ist er da, der Nebel. Einmal mehr eindrücklich zu sehen, wie schnell das Wetter umschlagen und sich die Sicht verschlechtern kann. Ich wechsle die Gläser meiner Skibrille. Dank den orangefarbenen Gläsern ist der Kontrast etwas stärker. Das Gelände lässt uns nun seine Tücken spüren. Vorsichtig fahren wir talwärts, Bergführer Paul navigiert uns sicher in Richtung Lauchernalp.

Urchiger Abend im ältesten Hotel des Lötschentals

An der Talstation angekommen, brennen uns ein erstes Mal die Oberschenkel. Zeit für eine warme Dusche und eine reichhaltige Stärkung. Wir quartieren uns ein im ältesten Hotel des Lötschentals, dem Hotel Nest- und Bietschhorn. Gastgeberin Esther nimmt uns herzlich in Empfang. Man kann die Historie förmlich riechen. An den Wänden hängen historische Bilder, der Gang zu den modern umgebauten Zimmern kommt einem Museumsbesuch gleich. Und urchig geht der Abend weiter. Vor dem Znacht erhalten wir einen Einblick ins Maskenschnitzen. Die «Tschäggättä» haben eine lange Tradition im Lötschental. Gebannt verfolgen Jung und Alt, wie aus einem vermeintlich profanen Stück Holz eine Maske entsteht.

Anschliessend werden wir mit einem Schlemmermenu verwöhnt. Die Atmosphäre ist warm und herzlich. Das wohlige Gefühl des «Runterfahrens» mischt sich mit der Vorfreude auf die kommenden beiden Tage. Denn beim Blick aus dem Fenster stellen wir im fahlen Licht der Strassenlaternen fest: Es schneit. Nach dem Nachtessen besprechen wir im Stübli mit Bergführer Paul die Optionen für den morgigen Tag und gehen voller Vorfreude zu Bett.

Wir erwischen die erste Bahn. Die Landschaft ist frisch überzuckert, der blaue Himmel kündigt einen Prachtstag an, den es zu nutzen gilt. Der Trick dabei: Nach diversen Variantenabfahrten auf der Lauchernalp übernachten wir am Abend in der Lötschenpasshütte (2690 m). So haben wir noch mehr Möglichkeiten bei der Routenplanung und sind auch an Tag zwei nach dem Schneefall in der Poleposition für noch mehr Powder. Das heisst aber auch: Material für die Hüttenübernachtung gehört ebenfalls in den Rucksack.

Bluebird und frischer Zucker

Die folgenden Stunden sind Genuss pur! Im Angesicht von Bietschhorn und Co. lassen wir es Mal für Mal stieben, trotz Sonne ist es angenehm kühl, der Schnee bis weit in den Nachmittag hinein fantastisch. Genau für solche Tage liebe ich das Skitouren und Freeriden: dem Nebel im Unterland entfliehen, das Panorama geniessen, die Freude, wenn die Fahrtechnik stärker ist als die Schneebeschaffenheit, das Gefüh­­l von Fliegen und die Leichtigkeit in der Abfahrt. Die Mittags­pause verbringen wir auf der Hockenalp, einer pittores­ken Chalet-Siedlung inklusive Bergkapelle und ein Postkarten-Sujet vom Feinsten.

Die schönste Abfahrt sparen wir uns für den Schluss. Anstatt auf dem Winterweg gemütlich zur Lötschenpasshütte zu «stöckeln», nehmen wir kurzerhand noch einen Hang linker Hand mit. Dieser entpuppt sich als perfekt geneigt. In fünffacher Synchronfahrerei mit Paul als Taktgeber schwingen wir wie im Rausch durch den stiebenden Pulver. Das er­neute Anfellen, um hoch zur Lötschenpasshütte zu kommen, nehme­­n wir dafür gerne in Kauf.

Mit den letzten Sonnenstrahlen erreichen wir die kom­fortable Hütte, die wie als Wächter zwischen Lötschen- und Gasterental auf der Passhöhe platziert ist. Die gute Nachricht gleich zu Beginn: Wir sind die einzigen Übernachtungsgäste. Welch ein Luxus. Dies hängt aber auch mit der Wetter­prognose für den kommenden Tag zusammen. Erneut sind Schneefall und starke Winde vorausgesagt.

Was das für unseren weiteren Tourenverlauf heisst? Geplant wäre der Klassiker. Die Abfahrt über die Gitzifurgge nach Leukerbad. Ob uns der Wetterbericht einen Strich durch die Rechnung macht? Wir beschliessen, uns beide Optionen offenzuhalte­­n und am Morgen zu entscheiden.

Seitenwechsel bei Schlechtwetter

Anderntags fällt uns die Entscheidung leicht. Schneefall und schlechte Sicht begrüssen uns, wir zücken Plan B und fahren über das Chummunäbritz nach Ferden. Die Sicht ist im oberen Teil dermassen schlecht, dass es uns mangels Orientierung das eine ums andere Male regelrecht in den Tiefschnee kegelt. Im unteren Teil wird die Sicht besser und der Schnee schlechter. Ein anstrengendes Unterfangen. Doch wir merke­n uns die Route: Bei guter Sicht und Neuschnee muss das eine Traumabfahrt sein und eine super Alternative als Ausstieg aus dem Gebiet.

In unserem Fall gelangen wir dank dem Lötschbergtunnel ruckzuck auf die Berner Seite nach Kandersteg. Keine Stunde später fahren wir mit der Gondel hoch ins Sunnbüel. Dort schneit es zwar ebenfalls, aber wir erhoffen uns eine etwas bessere Sicht dank Nadelbäumen. Wir peilen das Unters Tatelis­hore an. In der Spitelmatte, eigentlich eine idyllische Hochebene, geraten wir in einen regelrechten Wintersturm. Daniel stellt treffend fest: «Man wähnt sich hier eher in den Weite­­n des Nordens und weniger in der Schweiz.»

Das Wildschutzgebiet im Bereich des Sagiwalds umgehen wir und folgen der offiziellen Skitourenroute. Der Aufstieg ist garstig, trotzdem saugen wir diesen Moment förmlich auf. Wir sind uns einig: Am Skitouren geniessen wir vor allem das Hochlaufen. In gleichmässigem Rhythmus Ski für Ski nach vorne setzen hat etwas Sanftes, wie es Daniel formuliert. Auch mir gefallen das Gleiten auf den Ski, die Ruhe der Natur, die Langsamkeit der Umgebung, weg von allgegenwärtiger Reizüberflutung die imposante Bergwelt erleben. Nur die Windböen durchbrechen unsere Gedanken, Schneefahnen peitschen durch den Tannenwald. Wir spüren, dass wir draussen unterwegs sind. Einmal mehr denke ich, wie intensiv das Erlebnis eben gerade bei schlechtem Wetter ist. Den Gipfel erreichen wir dieses Mal nicht ganz. Der letzte Teil der Route ist stark abgeblasen. Wir entscheiden uns für die Umkehr und eine rauschende, wenn auch viel zu kurze Abfahrt entlang unserer wegweisenden Aufstiegsspur durch den lichten Tannenwald.

Kurze Zeit später sitzen wir müde, aber zufrieden im Berggasthaus Sunnbüel. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht und um eine Vielzahl an Eindrücken und Erlebnissen reicher. Alle sind sich einig: Dank des guten Guidings haben wir das Maximum aus unserer Zeit im Lötschental rausgeholt. Der Alltag kann kommen, das Grinsen bleibt.

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