Bikepacking am Combin

7. April 2021

Grenzwechsel am Combin: Vier Jungs, drei Tage, ein Trail. Einsames Bikepacking ­zwischen Wallis und Italien.

Fotos: Julian Rohn

Autor, 4-Seasons Magazin
Jungstrips sind Juliantrips

Ob das mit dem Tarp so eine schlaue Idee ist, frage ich mich, als die Mücken angreifen. Ein richtiges Zelt könnte man einfach hinter sich schliessen und die Plagegeister blieben draussen. Um Gewicht zu sparen, haben wir aber nur ein Tarp als Schutz gegen Regen dabei. Und mit Mücken hatte ich ehrlich gesagt auf 2300 Metern nicht mehr gerechnet. Doch anscheinend dient der kleine flache See, an dem wir lagern, auch in dieser Höhe noch als Brutstätte. Als wir vor ein paar Stunden mit unseren Bikes hier ankamen, war nichts davon zu bemerken.

Beste Mehrtagestour der Schweiz

Es ist der erste Abend auf unserer Runde um den Grand Combi­n. Ausgeschildert als «Tour des Combins» führt die Rout­­e einmal um das dreigipfelige Massiv des 4000ers. Die Hälfte des Weges liegt in der italienischen Regio­­n Aosta und die andere Hälfte im Wallis. Die Tour des Combins ist kürzer und hat weniger Höhenmeter als beispielsweise die Tour du Mont-Blanc, die nur ein paar Kilometer weiter nordwestlich verläuft. Aber dafür ist es rund um den Combin deutlich ruhiger. Wanderer laufen die 120 Kilometer in sechs Tagen. Mit dem Velo benötigt man drei. Die Runde gilt als eine der besten Mehrtagestouren mit dem MTB in der Schweiz.

Doch zurück zu den Mücken. Eigentlich sind wir nach den ersten 40 Kilometern längst bereit für die Schlafsäcke, aber wir müssten uns komplett darin verkriechen, um nicht zerstochen zu werden. Lieber suchen wir kurzfristig unser Heil in der Flucht und laufen ein paar Meter auf eine kleine Geländekante und hoffen dort noch etwas Wind und dadurch Ruhe zu finden. Eine halbe Stunde später ist es den Plagegeistern anscheinend auch zu dunkel und so wagen wir uns zurück in unser Lager. Am nächsten Morgen sehen wir die Sonne nur kurz, während wir Müsli mit Milchpulver und Wasser anrühren. Aus der Richtung des Combin ziehen dunkle Wolken herüber. Dabei steht heute die Königsetappe an. Zwei Pässe wollen wir schaffen. Die erste Passhöhe können wir gerade noch sehen, bevor auch sie sich mit Wolken füllt. Über das Fenêtre de Durand wollen wir von Italien ins Wallis wechseln. Der 2797 Meter hohe Übergang ist höchster Punkt und Schlüsselstelle der Tour. Weil wir mit Anfang Juni vergleichsweise früh im Jahr unterwegs sind, liegt dort oben noch Schnee.

Als wir den Lagerplatz verlassen, hat uns der Regen schon fast erreicht, gleichzeitig wird es schnell kühl. Was gestern wie eine Hochsommertour gestartet ist, erscheint jetzt direkt zwei Stufe­n ungemütlicher. Ich krame Handschuhe und Mütze aus meiner Satteltasche und trage gegen den kalten Wind neben meiner Hardshelljacke auch meine lange Regenhose. Gleichzeitig führt der Trail so steil bergan, dass ich unter den wasserdichten Sachen mein eigenes Dampfbad eröffne.
Aber mit dem Velofahren ist bald Schluss. Der Pfad verschwindet im Schnee. Wir schieben zunächst in Serpentinen die Altschnee­felder hinauf. Doch die Velos rutschen uns dabei imme­­r wieder seitlich weg. Während man selbst nur wackelig im Schnee steht und dann das vollbeladene Bike ins Rutschen kommt, muss man sich ziemlich konzentrieren, um nicht zusammen zurück ins Tal zu rodeln.

Wir beschliessen in direkter Linie aufzusteigen, dann können wir die Bikes etwas besser halten. Warum wir die Velos nicht gleich tragen? Jedes ist vollbepackt mit einer Lenkerrolle, einer Rahmen- und einer Satteltasche – das trägt sich auch nicht besse­­r. Immerhin ziehen die Regenwolken zügig weiter und das Geländ­­e flacht irgendwann ab. Die letzten Meter zum Pass sind sogar schneefrei.

 

Schnee am Fenêtre de Durand

Oben bestätigt sich aber meine Befürchtung: Auf der Schweizer Seite verschwindet der Trail wieder unterm Schnee. Den ersten Kilometer ins Tal müssen wir schieben. Dafür geht es bergab und die Sonne scheint wieder. Was dann folgt, ist ausreichend Lohn für unsere Anstrengungen. Ein zunächst flowig­er und später immer anspruchsvollerer Singletrail bringt uns hinunter ins Val des Bagnes. Jetzt zahlt sich aus, dass wir schon ein paar Tage in Aosta verbracht hatten. Auf den Weltklassetrails der Umgebung und auch mit ein paar Runden im Bikepark von Pila hatten wir uns warmgefahren. So kommen wir hier auch mit unseren beladenen Bikes gut hinab.

Am Ende des Tals sehen wir schon den grossen Stausee Lac de Mauvoisin direkt unterhalb des Giétrozgletschers. Inzwischen hat der Klimawandel dafür gesorgt, dass die Gletscher­zunge nicht mehr bedrohlich über dem Tal hängt, und der See selbst ist mit einer 250 Meter hohen Staumauer gesichert. Bis ins 19. Jahrhundert hatten hier Gletscherabbrüche immer wieder das Tal blockiert und Wasser aufgestaut, das sich dann in grossen Flutwellen ins Tal ergoss. Sogar im 40 Kilometer entfernten Martigny kamen noch Menschen ums Leben. Vorne an der imposante­­n Staumauer angekommen, wechseln wir das erste Mal auf Asphalt. Dank unseres Gepäcks liegen die Velos satt auf der Strasse. Dazu geben die Scheibenbremsen und dicken Pneus weitaus mehr Sicherheit als auf einem Rennvelo und wir lassen es bergab krachen.

Ungeduscht ins Restaurant

Kurz vor Fionnay lockt direkt an der Strasse mit roten Sonnenschirmen das Café de la Promenade. Weil gerade Mittagszeit ist, die Wasserflaschen ohnehin gefüllt werden müsse­­n und wir gut eine Abwechslung zu den ganzen Energie­riegeln gebrauchen können, schummeln wir uns ungedusch­­t und verdreckt zu den anderen Gästen auf die Terrasse. Hungrig Essen bestellen – das kann nur eskalieren. Nach mehreren Walliser Vorspeisenplatten mit Trockenfleisch, Salami und Käse folgen Spaghetti Carbonara und Polenta Montagnarde. Und als Dessert noch ein Stück von der Tarte du jour. Ein Festessen.

Was ich nicht bedacht habe: Nach dem Mittag führt die Streck­­e wieder bergauf und mein übervoller Magen zieht jetzt gewaltig nach unten. Ausserdem merke ich, dass ich nicht ganz so viele Trainingskilometer in den Beinen habe wie meine Freunde Niels und Benni. Vor allem Benni rollt mit entspannter Miene bergauf und hat ausreichend Luft übrig, um regelmässig Daten von seinem Garmin zu referieren. Während wir über die aktuelle Steigung in Prozent und noch zu absolvierende Höhenmeter bestens informiert werden, versuchen wiederum mein Kumpel Thomas und ich, einfach nur an den Hinterrädern der beiden zu bleiben. Kurbel­umdrehung um Kurbelumdrehung schrauben wir uns in Richtung Col de Mille hinauf. Zufällig schaue ich zur gegenüberliegenden Talseite. Der Ort auf dem Sonnenhang kommt mir bekannt vor. Ein paar Forststrassenkehren später hat sich mein gerade etwas unterversorgtes Gehirn dann zusammengerechnet, dass wir uns vis-à-vis von Verbier und dem zugehörigen Skigebiet befinden müssen.

Auch der zweite Pass des Tages entwickelt sich zu einem Rennen gegen das Wetter. Während wir die letzten Meter zum Col de Mille (2473 m) schieben, krachen erste Donner eines Gewitters. Glücklicherweise liegt direkt am Pass die Cabane de Mille. Während drinnen den Gästen schon der Apéro serviert wird, schlüpfen wir unter das Vordach. Sobald das Gewitter weiterzieht, wollen wir noch etwas Strecke mache­­n. Schliesslich geht es ab hier wieder bergab und es ist noch mindestens drei Stunden hell.

Irgendwo hinter den Wolken müssten wir von hier das Mont-Blanc-Gebiet sehen können, heute leider nicht. Nach einer halbe­­n Stunde blitzt es nicht mehr, wir befüllen noch unsere Wasser­flaschen und brechen wieder auf. Sehr weit kommen wir dann doch nicht mehr. Während der Pause sind wir alle etwas eingerostet. Nach elf Stunden im Sattel für 55 Kilometer und etwas über 2000 Höhenmeter sind die Beine leer. An eine­m kleinen Bachlauf spannen wir unser Tarp auf, kochen eine schnelle Pasta und fallen in die Schlafsäcke.

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