Mit Packraft und Velo durch Sibirien

10. März 2020

Was haben eine alte russische Militärkarte, Hollywood-Star Ewan McGregor und zwei Schlauchboote miteinander zu tun? Die Antwort liefern Kilian Reil und Roman Brünner in diesem Bericht über ihre 2000 Kilometer lange Reise mit Velo und Packraft auf der «Road of Bones» durch die sibirische Wildnis.

Fotos: Kilian Reil

Gastautor, 4-Seasons Magazin
Packrafter & Fotograf
Romans Hand streicht über ein wirres Geflecht aus Linien, Strichen und grünen Flächen – viele grüne Flächen, riesige grüne Flächen. Er kniet auf dem Boden über einer XXL-Landkarte. Es ist wie in einem Labyrinth: Sein Finger folgt einer Linie und stösst dann an einen Gebirgszug. Roman seufzt. Er setzt sich auf und versucht, einen anderen Weg zu finden. Apps oder GPS-Tracks? Keine grosse Hilfe. Wer den Osten Russlands aus der Ferne erforschen möchte, stösst schnell an die Grenzen der Digitalisierung. Schon früh hatte Roman beiläufig das Wort «Bikerafting» fallen gelassen: Für uns Europäer ist die Kombination aus Velo und Schlauchboot eine eher unbekannte Form der Fortbewegung. Aber: Sie eröffnet ganz neue Möglichkeiten – Land und Wasserrouten lassen sich verknüpfen. Für uns heisst das: Wir sind nicht nur auf der Suche nach geeigneten Strassen, sondern auch nach Flüssen.

Ein gescheiterter Hollywood-Star

Einige Tage zuvor fanden wir in den Weiten des Internets endlich brauchbares Kartenmaterial. Eine eher dubios erscheinende Webseit­e versorgte uns mit Militärkarten aus den 50er-Jahren. Roman und ich staunten, welche Arbeit damals in die Vermessung gesteckt wurde. Selbst die hintersten unbewohnten Winkel wurde­n kartografiert.

Immer wieder blieben wir an der Region zwischen Lena und Werchojansker Gebirge hängen: Jakutien, auch Republik Sascha genannt, ist etwa siebzig Mal so gross wie die Schweiz. Allerdings wohnen dort nur circa eine Million Menschen – und davon etwa die Hälfte in der Hauptstadt Jakutsk.
Eine Woche später ploppte eine Mail von Roman auf meinem Bildschirm auf: «Das müssen wir uns genauer anschauen!» Dann ein Video-Link: Ein Mann fährt mit seinem Motorrad auf einer Strasse. Diese würde in Europa nicht mal als Schotterweg durchgehen, eher als Acker. Der Mann? Ewan McGregor – besser bekannt als «Star Wars»-Jedi Obi-Wan Kenobi. Der Film «Long Way Round» begleitet ihn auf seiner Fahrt über die Kolyma Trassa von Jakutsk nach Magadan.
Die Kolyma Trassa, im Westen auch Road of Bones genannt, wurde von Tausenden Zwangsarbeitern unter Stalin erbaut. Während dessen Herrschaft zwischen 1927 und 1953 starben unzählige politisch­e Gefangene und Gulag-Insassen – durch Hinrichtungen, Hungertod oder die extremen Wetterbedingungen. Die Knochen dieser Toten bilden angeblich das Fundament der Road of Bones und verleihen ihr ihren Namen.

McGregors Motorrad war diesen Strassen nicht gewachsen: Nach mehreren Rückschlägen mussten sich der Schauspieler und sein Team einem Konvoi anschliessen. Nur so schafften sie es, die fern­e Stadt Magadan am Ochotskischen Meer zu erreichen. Ich war überzeugt: Das Ziel für unser Abenteuer war Jakutien – und die Strasse der Knochen.


«Good luck!»

Nach neun Monaten Planung hatten wir endlich eine Route: von Jakutsk 1300 Kilometer auf der Road of Bones. Danach 200 Kilometer unsere Räder durchs Hinterland schieben. 20 Kilometer über einen Gletschersee paddeln, einen 150 Kilometer lange­n Pass überwinden und abschliessend noch 500 Kilometer auf einem Fluss Richtung Ochotskisches Meer zurücklegen. Gesagt, getan: Als wir Ende Juli 2019 auf der Landebahn von Jakutsk aufsetzen, fallen Roman und mir zwei Steine vom Herzen. Zusammen mit 140 Kilo Gepäck haben wir den Ausgangspunkt unseres Abenteuers erreicht. Nun liegen fünf Wochen sibirische Wildnis vor uns. Eine rund 2000 Kilometer lange Strecke und verdammt viel Schotter und Schlamm.

Schon die ersten Kilometer auf dem Velo aus Jakutsk heraus sind, nun ja, nennen wir es spannend: Knappe Überholmanöver, hupend­e und wild gestikulierende Autofahrer – Velos scheinen die Locals dort eher selten zu sehen. Nach zehn Kilometern kommen wir zur Fährstation an der Lena – dem jakutischen Hauptstrom. Schnell stellen wir fest, dass wir den reissenden Fluss mit unseren Packrafts nicht überqueren können. Die Strömung ist zu stark. Unsere Jungfernfahrt fällt also aus – wir nehmen die Fähre ans andere Ufer. Während der einstündigen Fahrt kommt ein älterer Mann auf uns zu. Als er unsere Räder sieht, schüttelt er den Kopf. Er lacht und drückt uns eine halb volle Flasche Wodka in die Hände. «Für den Weg …», grinst er. Und dann sagt er etwas, das wir noch häufiger hören werden: «Good luck!»

Am anderen Ufer angekommen, radeln wir auf der Schotterpiste los. Da ist sie: die «Road of Bones». Wir fahren durch lichte Lärche­n- und Kiefernwälder, durch Birkenhaine vorbei an alten, zerfallenen Kolchosen, verlassenen Höfen und wilden Pferde­herden.

Willkommen in der Wildnis

Die anfängliche Abwechslung wird schnell monoton: tagelang nichts als Bäume. Am Horizont nur Wald. Unser erstes Etappenziel, das Suntar-Chajata-Gebirge, können wir in der Entfernung nur er­ahnen. Der Strassenbelag ist eine bunte Mischung aus Sand und Schotter und um einiges abwechslungsreicher als das Panorama. Am Abend errichten wir unser Zelt auf einer Kiesbank am Fluss – die einzige unbewaldete Fläche neben der Strasse. Während ich Holz für ein Feuer sammele, ruft mich Roman zu sich. Er zeigt auf den Sand vor seinen Füssen. Die frische Tatzenspur eines Bären ist deutlich zu erkennen. Wir sehen uns mit grossen Augen an und beschliessen, das Lagerfeuer besonders hoch zu schüren.
Nach fünf Tagen erreichen wir Chandyga, ein kleines Städtchen am Ufer des Flusses Aldan. Alte, verrostete Fabriken, gestrandete Lkw, kaputte Autowracks in den Vorgärten und die abblätternde Farbe an den Hütten und Holztüren sorgen für ein ziemlich raues Stadtbild. Als wir in die Ortsmitte radeln, begrüssen uns die wenigen Bewohner mit überraschten Gesichtern. Ein paar Kinder beobachten uns verwundert, während wir unsere voll bepackten Räder vor einem kleine­n Supermarkt abstellen und uns auf die Suche nach etwas kulinarischer Abwechslung machen.

Wir legen die letzten Kilometer der schnurgeraden Road of Bones zurück und erreichen endlich unser heiss ersehntes Etappenziel: die Berge. Jede Kurve, jede Anhöhe eine willkommene Abwechslung. Ein Lkw passiert uns. Die Staubfahnen bilden eine dicke Kruste auf unseren Armen.

Am neunten Tag lassen wir die Road of Bones hinter uns. Mehr schiebend als radelnd bewegen wir uns mit 40 Kilometern pro Tag nur schleichend auf unser nächstes Ziel zu: Dyby, ein Fluss, der aus dem Gebirge entspringt und in den Aldan fliesst.

Am Dyby angekommen, packen wir unsere roten Gummiboote aus – die, wie wir später erfahren werden, mehr aushalten als vermutet. Unser Gepäck und die Räder verstauen wir im vorderen Teil der Boote. Diese lassen sich durch die 70 Kilogramm Last jedoch nur schwer steuern. Zwar hatten wir zu Hause schon eine Testfahrt gemacht, doch waren die Verhältnisse dort nicht mit den reissenden russischen Flüssen zu vergleichen.

«Es muss ja weitergehen, oder?»

Der Dyby fliesst durch die jakutische Gebirgslandschaft und überrascht gerne mit kniffligen Wildwasserstellen. Diese Passagen sind technisch nicht schwer, aber sehr unübersichtlich. Um­gestürzte Bäume und Wurzeln ragen in den Fluss und verstecken sich unter der Wasseroberfläche. Unterschiedliche Strömungen bilden Kehrwasserstellen mit starken Strudeln.

Am zweiten Paddeltag erkenne ich zu spät, dass unter der Wasser­oberfläche zwei Baumstämme im Fluss liegen. Die Strömung presst mich dagegen und wickelt mich und mein Boot um die Äste unter Wasser. Das Boot wird immer weiter unter die Baumstämme gedrückt – keine Chance, mich zu befreien. Ich schnappe nach Luft und versuche mich zu orientieren. Ich greife nach den Ästen über mir, um mich daran festzuhalten. Mein Herz rast, mir wird kalt. In letzter Sekunde kann ich mich doch noch befreien und ziehe mich ans Ufer. Wie eine ausgedrückte Zahnpastatube klemmt mein Boot zwischen den Baumstämmen. Mein Rad und mein Gepäc­k sind imme­r noch daran festgezurrt. Mit letzten Kräften ziehe ich das Boot aus dem Wasser.
Nachdem wir den Schock überwunden haben, stellen wir erleichtert fest, dass Boot und Gepäck wie durch ein Wunder unversehrt sind. «Was machen wir jetzt?», fragt Roman und klopft mir auf den Rücke­n. Ich trockne meine Brille an einem Handtuch und erwidere: «Na ja … es muss ja weitergehen, oder?»

Wir einigen uns darauf, ab jetzt alle schwierigen Stellen in Ruhe zu untersuchen und notfalls grosszügig zu umfahren. Dann lassen wir unsere Boote wieder ins Wasser gleiten. Einige Kilometer flussabwärts wird der Strom breiter und ruhiger. Die spektakuläre Landschaft und die leuchtenden Farben der unberührten Natur lassen uns den Schock vergessen. Wir sind vermutlich die einzigen Menschen im Umkreis von hundert Kilometern. Hier und da ist ein Elch oder ein Bär am Ufer zu sehen. Ich atme tief ein, Roma­n grinst mich zufrieden an. Drei Wochen sind vergangen, seitdem wir in Jakutien gelandet sind.

300 Kilometer flussabwärts treffen wir auf die Mündung in den Alda­n. Ein riesiger Strom, der über die Lena ins Nordpolarmeer fliesst. Das Paddeln wird monotoner: Seitdem wir die Berge hinter uns gelassen haben, ist der Gegenwin­d stärker geworden. Doch dank Romans Segel-Know-how, gewinnen wir bald an Geschwindigkeit: Wir sägen aus jungen Pappelbäume­n, die wir in grossen Treibholzstapeln am Ufer finden, ein paar Bretter. Aus unseren Booten, den Brettern und einem Mast in der Mitte bauen wir uns einen Katamara­n. Das Sege­l? Unse­r Tarp. Mit bis zu 15 Kilometern pro Stunde schiessen wir den Aldan hinab, vorbei an kleinen Dörfern und vereinzelten Lastkähnen.

Volle Kraft voraus!

Es ist Ende August, als wir unser Segelboot wieder an Land ziehen, um die finale Etappe anzugehen. Die Temperaturen sind in den letzten Tagen gesunken und der Dauerregen hat uns zu­gesetzt. Vom Dorf Ust’-Tatta führt eine Strasse zurück auf den letzten Teil der Road of Bones. Doch sie hat sich in ein tiefes Schlammbad verwandelt. Der lehmige Boden klebt an unseren Reifen und im Rahmen – kein Weiterkommen.

Roman und ich diskutieren, wie um Himmels willen wir vorankomme­n sollen, als uns ein alter, klappriger Jeep entgegenschlittert. Drei Männer springen aus dem Auto und fragen uns freudig, wo wir hinfahren. Als wir ihnen unser Vorhaben erklären, fangen sie laut an zu lachen. Dann zeige­n sie auf unsere Räder und deuten auf das Dach des Geländewagens. Wir sollen lieber mit zum Angeln kommen, sagen sie in gebrochenem Englisch.


Ein Ausflug mit Nachwirkungen

Mit den Rädern auf dem Dach des Jeeps präsentiert der Fahrer seinen spektakulären Fahrstil. Wir halten vor einem kleinen Holzhaus, dessen Farbanstrich von der Fassade blättert. Die Tür geht auf und eine Frau begrüsst uns herzlich. Sie ist die Mutter einer der Männer. Wild gestikulierend zeigt sie auf den Esstisch und bedeutet uns, dass sie uns etwas zu essen bringen will.

Nach der warmen Mahlzeit treibt uns Kolya, einer der Männe­r, in eine Saunahütte: Vor dem Angeln sollen wir uns noch wasche­n. Nach mehr als vier Wochen ohne Dusche eine sehr willkommene Aufforderung – und dringend nötig.
Kurz danach fahren wir mit dem Jeep zurück zum Aldan. Doch wir sind nicht alleine – etwa 25 Männer versammeln sich um kleine Boote aus Aluminium. Mit diesen fahren wir auf dem Fluss zu einer Reihe von Blockhütten im Wald. Die Männer tragen Tarnkleidung, Gewehre und schleppen an die 80 Flaschen Wodka in die Hütten. Mir wird klar: Der Abend wird sportlich.

Mit pochenden Kopfschmerzen wache ich am nächsten Morgen auf. Zum Frühstück schiebt uns einer der Männer zwei Gläser Wodka zu. So würde der Kater schneller verfliegen, versichert er uns in Zeichensprache.
Am späten Vormittag verteilen sich die Männer erneut in die Boote. Roman und ich sehen uns verwirrt an, denn unser Boot ist das einzige, das flussaufwärts fährt. Unsere beiden Begleiter unterhalten sich angeregt, als wir nach einigen Kilometern mitten auf dem riesigen Strom anhalten. Kolya wirft den Anker ins Wasse­r und fängt an, Netze aus dem Fluss zu ziehen. Die Männer greifen nach den Fischen und werfen sie in die Eimer vor Romans und meinen Füssen. Mit zwei Eimern voller Störe fahren wir zurück zu den Blockhütten.


Geschafft – in jeder Hinsicht...

Tags darauf verlassen wir das Dorf und machen uns auf den Weg nach Jakutsk. Vor uns liegen weitere 350 Kilometer auf schwierigen Pisten und im Schlamm. Wir müssen uns beeilen, denn unse­r Angelabenteuer hat uns ungeplant aufgehalten.

Nach fünf Wochen erreichen wir Jakutsk. Bei einer Tasse Kaffee unterhalte­n wir uns über das Erlebte: Die un­endlichen Weiten diese­r Region und die Zeit in der Wildnis haben ihre Spuren in unseren Köpfen hinterlassen. Waren wir uns vorher sicher, ob wir die Strecke komplett schaffen würden? Sicher nicht! Würden wir noch mal einen Bikerafting-Trip machen? Auf jeden Fall! Die Mongolei wäre perfekt. Oder mit einem geringeren CO2-Fuss­abdruck im Tatragebirg­e. Oder Grönland? Und so endet diese Reise, wie sie begonnen hat: mit der Suche nach dem nächsten Abenteuer.

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