Couchsurfing: Gast für eine Nacht

20. November 2020

Über 250 Nächte hat Stephan Orth schon in Gästebetten von Fremden verbracht. Die meisten davon in Ländern mit zweifelhaftem Ruf. Uns erklärt er, wie das Couch¬surfen zu seinem Lebensthema wurde – und warum er mal den Hund seiner Gastgeber essen musste.

Fotos: Stephan Orth, Diverse

Redaktor, 4-Seasons Magazin
Surft selber gerne durch die Welt

Stephan, erinnerst du dich noch an deine erste Nacht auf einer fremden Couch?
Klar, das war 2001 in Vancouver. Die Gastgeberin war total nett. Nur eine Sache an unseren Gesprächen war irritierend: Sie äusserte mehrmals die These, Deutsche seien im internationalen Vergleich besonders versaut, und wollte meine Meinung dazu hören. Als junger Typ Anfang 20 wusste ich nicht, was ich dazu sagen sollte, und bin ihr ausge­wichen. Am dritten Tag klärte sich das Ganze bei einem Blick in ihr Schlafzimmer auf: Dort hingen unzählige Fotos, auf denen sie als Domina posierte – ihr Interesse an solchen Themen war also quasi beruflicher Natur.

Warum fasziniert dich das Couchsurfen so?
Ich finde toll, dass man beim Couchsurfen die Länder aus einer nicht touristischen und nicht kommerziellen Perspektive kennenlernt. Ich habe mit Leuten zu tun, die nicht dafür bezahlt werden, dass sie nett zu mir sind. Man bekommt Einblicke in die Gesellschaft, die «normalen» Touristen meistens verwehrt bleiben – das finde ich ganz fantastisch.

Bleibst du mit den Gastgebern nach deinem Besuch in Kontakt?
Nicht mit allen. Aber manche haben mich sogar schon in Hamburg besucht. Zum Beispiel eine Iranerin, die es geschafft hat, nach Deutschland zu fliehen. Sie hat hier ein neues Leben als Studentin angefangen und es war ganz toll, sie in unserem freien Land wiederzutreffen. Ein anderer Iraner hat es ebenfalls nach Deutschland geschafft und hier Asyl beantragt. Ich habe ihn mehrfach in Hamburg getroffen. Das war eine krasse Situation, weil ich ihn im Iran als ganz normalen, wohlsituierten Mittelständler mit einem Job als Ingenieur erlebt habe. Hier war er als Asylbewerber auf einmal ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie, lebte monatelang auf zwölf Quadratmetern eingepfercht mit anderen Geflüchteten.

Iran, Russland, China, Saudi-Arabien: Warum bereist du Länder mit einem zweifelhaften Ruf?
Ich möchte mit meinen Büchern zeigen, wie es hinter den Fassaden in solchen Ländern zugeht. Es ist ein grosser Unterschied, ob man die Politik eines Landes in unseren Medien verfolgt oder ob man sich persönlich und auf Augenhöhe mit den Einwohnern unterhält. Ich habe bei meinen Reisen festgestellt, dass wir mit unseren Vorurteilen ziemlich oft weit danebenliegen.

Deine kurioseste Couchsurfing-Unterkunft?
Das war in einem Dorf in Sibirien, das zu einer Weltuntergangs-Sekte gehört. Diese Gemeinschaft folgt einem ehe­maligen Verkehrspolizisten namens Wissarion, der sich für den wiedergeborenen Jesus hält. Ihm folgen rund 5000 Leute. Sie sind Vegetarier, leben als Selbstversorger in ein paar Dörfern im Wald. Einer von ihnen ist tatsächlich bei couchsurfing.com registriert. Er hat sich total über meine Nachricht gefreut. Ich war der Erste, der ihn jemals angeschrieben hat.

Was war die verrückteste Mahlzeit, die du mal serviert bekommen hast?
In einem Dorf im Süden Chinas sagte mir mein Gastgeber gleich bei der Begrüssung, dass sich seine Eltern wahnsinnig über meinen Besuch freuen – und dass sie den Hund der Familie für mich geschlachtet hätten. Das Abendessen war alles andere als angenehm. Aber es hätte das Ganze noch viel unangenehmer gemacht, wenn ich die Mahlzeit abgelehnt hätte – es wäre schlicht respektlos gewesen.

 
In welchem Land hat Couchsurfen am besten funktioniert? In welchem am schlechtesten?
Schwer zu sagen. Saudi-Arabien war relativ schwierig, weil die Couchsurfing-Community dort kaum Mitglieder hat. In den drei grössten Städten hat es einigermassen geklappt, aber die Suche war mühsam. Im Iran war es völlig anders: Die Leute sind unfassbar gastfreundlich und empfangen einen mit offenen Armen. Dort gibt es zwei völlig unterschiedliche Welten: die öffentliche und die private. In der Öffentlichkeit spielen die Leute den guten Staatsbürger. Sobald die Türen zu sind, werden alle Regeln gebrochen. Dann werden Partys gefeiert, es wird Alkohol getrunken, man lästert über die Regierung und den Islam.

Wieso hast du dir Saudi-Arabien für dein aktuelles Buchprojekt ausgesucht?
Die Idee entstand bei einem Kneipengespräch mit einer Journalisten-Kollegin. Ich habe mich dann ein wenig informiert und fand heraus, dass es unmöglich ist, ein Touristenvisum für dieses Land zu bekommen. Zwei Wochen später kam dann die Meldung, dass Saudi-Arabien nun erstmals Visa für Individualtouristen vergibt. Ich habe gleich das Online-Formular ausgefüllt, keine Viertelstunde später hatte ich die Genehmigung im Postfach.

Was hast du dort erlebt?
Als ich mit meinem grossen Rucksack ankam, fragten mich die Leute, ob ich ein Fallschirmspringer sei – sie hatten einfach noch nie einen Rucksacktouristen ge­sehen. Es gibt dort gute Verkehrswege, viele Inlands­flüge und Busse zwischen den Grossstädten, aber darüber hinaus wenig touristisches Angebot. Dafür aber spannende Sehenswürdigkeiten. Zum Beispiel fünf UNESCO-Welterbe-Stätten, die spektakulärste davon ist Al-’Ula. Das ist eine vorchristliche Grabstätte, ähnlich wie Petra in Jordanien.

Welches Land hat dich bislang am meisten überrascht?
Vermutlich der Iran. Ich habe ein viel strenger religiöses Land mit weniger Opposition erwartet. Die Menschen dort sind sehr kultiviert und gebildet, man führt Gespräche über Goethe, Hafis und Weltpolitik und die Leute interessieren sich sehr für Europa. Man spürt, dass es ein seltsamer Zufall der Weltgeschichte ist, dass ausge­rechnet dieses Land durch seine fürchterliche Regierung zum Feind der westlichen Welt geworden ist.

Du bewegst dich bei deinen Reisen teilweise in rechtlichen Grauzonen …
Ja, das stimmt. In den Iran beispielsweise darf ich seit der Veröffentlichung meines Buches nicht mehr einreisen. Dort ist Couchsurfen verboten und die Mullahs waren natürlich alles andere als glücklich darüber, dass ich in meinem Buch offenlege, wie es dort im Privaten zugeht. Generell mögen es autoritäre Regierungen nicht gern, wenn ein deutscher Journalist darüber berichtet, wie es hinter den Kulissen aussieht.

Wissen deine Gastgeber denn, dass du ein Buch über deinen Besuch schreiben wirst?
In den meisten Fällen schreibe ich das schon in der ersten E-Mail oder sage es spätestens bei der Ankunft. Gerade in Ländern, in denen es sensibel ist, sich öffentlich politisch zu äussern, fände ich es völlig unverantwortlich, es den Leuten nicht zu sagen. Manchmal verändere ich im Nachhinein Namen und Details, um die Protagonisten zu schützen.

Gab es auch mal brenzlige Situationen?
Im Iran hat mich ein Freund eines Gastgebers zum Essen mit in die Stadt genommen. Innerhalb kürzester Zeit hat er sich mit selbst gebranntem Fusel fürchterlich betrunken. Auf dem Rückweg ist er einem Taxi hinten reingefahren und hat Fahrerflucht begangen. Er ist sturzbetrunken mit über hundert Sachen durch die Stadt gerast. Wie in einem Hollywoodfilm überholte ihn dann der Taxifahrer irgendwann und drängte ihn ab. Beide sind ausgestiegen und haben angefangen, sich zu prügeln. In dem Moment bin ich einfach weggelaufen und zu Fuss durch die Stadt, bis ich ein Taxi gefunden hatte.

Warst du schon immer viel auf Reisen?
Nein, ich war eher ein Spätstarter: Mit 25 war ich für drei Semester zum Studieren in Australien. In den Semester­ferien bin ich das erste Mal alleine mit meinem Rucksack losge­zogen: acht Wochen Neuseeland, Fidschi und Cookinseln. Seitdem hat mich das Fernweh nie wieder losgelassen und das Reisen ist zu meinem Beruf geworden.

Wie bist du dann bei Spiegel Online gelandet?
In Australien habe ich einen Master in Journalismus gemacht. Nach meiner Rückkehr habe ich mich für Praktika beworben und wurde bei Spiegel Online genommen. Auf das Praktikum folgte ein Volontariat und darauf eine Anstellung als Redakteur. Insgesamt habe ich dort neun Jahre gearbeitet.

Im Journalismus ist das eine sehr begehrte Stelle. Wieso hast du sie aufgegeben und bist Autor geworden?
Ich hatte das Gefühl, dass ich mich beruflich zwar sehr viel mit dem Thema Reisen beschäftige, aber eigentlich selber zu wenig unterwegs bin. Ich habe dann ein Sabbatjahr eingelegt – währenddessen ist «Couchsurfing im Iran» entstanden. Als das ein Bestseller wurde, war mir klar: Das ist der perfekte Moment, um mich selbstständig zu machen. Vier Jahre ist das nun schon her und ich habe die Entscheidung nie bereut …

Für dein Buch «Opas Eisberg» bist du nach Grönland gereist. Wie kam es dazu?
1888 gelang es dem Norweger Fridtjof Nansen als erstem Menschen überhaupt, Grönland über das Inlandeis komplett zu durchqueren. 1912 brach dann eine Schweizer Expedition unter dem Geophysiker Alfred de Quervain mit dem gleichen Ziel auf. Mein Opa Roderich Fick war Teil dieser zweiten Expedition, die ebenfalls erfolgreich war. Sie waren 40 Tage unterwegs, mit Schlittenhunden und Schlafsäcken aus Rentierfell, haben Messungen gemacht und vor Ort Forschung betrieben. Vor ungefähr zehn Jahren entdeckte ich das Tagebuch meines Opas aus dieser Zeit. Für mich war nach dem Lesen klar: Diesen Teil unserer Familiengeschichte muss ich weiter aufarbeiten.

Wie sah diese Aufarbeitung aus?
2011 bin ich mit der ganzen Familie nach Grönland geflogen. Unser Ziel: ein Berg an der Ostküste Grönlands, der nach meinem Opa benannt ist. Wir haben eine organisierte Tour gefunden, die den Ficks Bjerg besteigt. Er ist zwar nur 600 Meter hoch, aber die Tour startet auf Meereshöhe und der Berg ist relativ zerklüftet und deswegen nicht ganz einfach zu besteigen. Wir sind also gemeinsam rauf auf den Gipfel, haben abends vor den Zelten am Lagerfeuer aus dem Tagebuch meines Opas gelesen und waren genau an den Orten, die er da beschreibt. Das war ein sehr emotionales, spezielles Erlebnis, von dem bis heute noch alle reden.

Reisen ist aktuell extrem schwierig, Couchsurfing ist das exakte Gegenteil von Social Distancing. Wie geht es für dich weiter?
Gute Frage. Beim Ausbruch der Pandemie war ich gerade in Saudi-Arabien unterwegs. Dort hat mich dann schon ein Gastgeber wieder ausgeladen, weil die Fallzahlen so angestiegen waren. Da habe ich gespürt, dass das ein Thema werden wird. Wenn jemand wie ich viel unterwegs ist, viele Leute trifft und dann jemanden um Beherbergung bittet, passt das natürlich nicht in die Pandemie-Zeit. Deshalb habe ich bis zum nächsten Sommer erst mal keine Couchsurfing-Pläne. Für jemanden, dessen Job und Lebensinhalt das Reisen ist, ist Corona eine echte Herausforderung.

Bietest du deine eigene Couch auch an?
Ja, klar. Das Konzept des Couchsurfens basiert auf Gegenseitigkeit. Wenn ich mal zu Hause in Hamburg bin, habe ich einmal pro Monat einen Gast. Das macht Spass und bringt neue Perspektiven: Einerseits erlebt man die eigene Stadt noch mal anders, wenn man Gäste herumführt, und andererseits bekommt man auch Inspiration für neue Reisen. Die Begegnung mit echten Menschen ist viel mehr wert als jede Recherche am Schreibtisch.

Was ist die wichtigste Erkenntnis aus deinen vielen Couchsurfing-Erlebnissen?
Bei allen kulturellen, religiösen, politischen oder wirtschaftlichen Unterschieden: Am Ende suchen die Leute überall auf der Welt nach ihrem persönlichen Glück, sie schlagen sich dabei mit den gleichen Problemen rum, lachen über ähnliche Dinge und sind von Natur aus neugierig. Nur weil ein Land einen schlechten Ruf hat oder von einem autoritären Regime regiert wird, heisst das nicht, dass die Einwohner schlecht oder böse sind. Uns Menschen verbindet viel mehr als uns trennt.

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