Das beste Zelt der Welt

1. Juni 2021

… kommt von Hilleberg, sagen viele Outdoorer. Kein Wunder, bauen die Schweden doch seit 50 Jahren Zelte. Und das ausschliesslich.

Fotos: Hilleberg

Autor, 4-Seasons Magazin
Hat die Zeltmacher ausgequetscht
«Oh Lord, won’t you buy me …», bettelt Janis Joplin 1970 in ihrem Song «Mercedes Benz» den Allmächtigen an, ihr ein unerschwingliches Spielzeug von höchster Begehrlichkeit zu spendieren. Ob göttliche Eingebung, irdischer Erfindergeist oder höllischer Zorn auf die mangelhaften Zelte der damaligen Zeit – ein Jahr nach Janis’ Hit legt ein nordschwedischer Forst­arbeiter den Grundstein für eine Marke, deren Produkte auch heute noch heftigste Haben-wollen-Gelüste bei abenteuerlustigen Outdoorern auslösen. Der Name dieses Mannes ist Bo Hilleberg, den Freunde «Boss­­e» und viele den «Zelt-Papst» nennen.
Nicht wenige etablierte Outdoorfirmen sind aus Unzufriedenheit über bestehende Produkt­lösungen entstanden, so auch Hilleberg. Hätte Bo sich damals, Ende der 1960er-Jahre, auf seinen wochenlangen Solotouren in der Wildnis des Sarek-Nationalparks nicht so über sein Zelt geärgert, dann gäbe es die grünen, roten und sandfarbenen Tunnel-, Kuppel- und Geodät-Modelle aus dem jämtländischen Frösön heute vermutlich nicht.
Hillebergs Idee ist ebenso simpel wie revolutionär: «Ich wollte nicht nur ein starkes Zelt, das dem Wetter dieser rauen Region standhalten würde, sondern auch eines, dessen Innenzelt beim Aufbau im Regen nicht nass wird.» Nach einiger Entwicklungsarbeit steht ein Firstzelt, in dem das Innenzelt bereits eingeknüpft ist. «Keb» tauft Bo sein erstes Zelt, als Abkürzung für den höchsten Berg Schwedens, den Kebnekaise.
Die Hilleberg AB – Bos frisch gegründete Firma – ist eigentlich auf Forstmaschinen spezialisiert. Doch Herz und Überzeugung sagen ihm, er solle alles auf die Zelt-Karte setzen. Seine Frau Renate, die er 1971 im Skiurlaub in Südtirol kennengelernt und bereits ein Jahr später mit Ehering am Finger nach Schweden «importiert» hat, näht die Zelte, Bo entwickelt und verkauft.

Gnadenlos kompromisslos

Zum 50. Firmengeburtstag ist der 1971 gegrün­dete Betrieb entgegen jeder Marktentwicklung immer noch fest in Familienhand. Aus dem ersten «Keb» sind inzwischen 40 Zeltmodelle in verschiedenen Farbvarianten und viele weitere nützliche Produkte wie zum Beispiel Tarps entstanden.
Was hat sich noch verändert in einem halben Jahrhundert Firmengeschichte? Anfang 2016 hat Tochter Petra die Position des CEO der Hilleberg Group von ihrem Vater übernommen. Sie trägt damit die operative Verantwortung für die Zen­trale in Frösön, die Produktionsstätte in Estland und das Tochterunternehmen Hilleberg Inc. in Seattle, wo Petra mit ihrer Familie lebt. «Irgendwann wollte mein Vater weniger arbeiten. Es war eine natürliche Entwicklung, dass ich seine Position übernehme – obwohl meine Eltern niemals Druck auf mich und meinen Bruder ausgeübt haben, in der Firma mitzuarbeiten.»
Von seiner grössten Leidenschaft konnte sich Papa Bo aber auch mit 80 Jahren noch nicht trennen: Er ist nicht nur Verwaltungsratspräsident, sondern auch immer noch Chef der Produktentwicklung, und das ist auch gut so. Denn neben dem Know-how in puncto Zeltkonstruktionen ist es vor allem die Kompromiss­losigkeit bei Qualität und Funktion, die dank Bos Handschrift Hilleberg-Pro­dukten einen legendären Ruf beschert hat. «Von Beginn an haben wir uns darauf fokussiert, die bestmöglichen Zelte zu bauen – und zwar nur Zelte. Nichts und niemand lenkt uns davon ab», sagt Petra Hilleberg stolz.
Dabei, und das ist den Hillebergs enorm wichtig, machen sie keineswegs nur Produkte für Expeditionen und Outdoorprofis. Marketingchef Stuart Craig beschreibt die Philosophie des Unternehmens so: «Egal ob 8000er-Besteigung oder die Nacht im Garten mit den Kids – du allein entscheidest über dein Abenteuer und keins ist besser oder schlechter als das andere.»

Qualität hat ihren Preis

Beim Material ist für Bo & Co. das Beste gerade gut genug. Kerlon etwa, das hauseigene Aussenzelt­gewebe, ist das robusteste der gesamten Branch­e. Es ist dreifach mit reinem Silikon beschichtet, seine Weiterreissfestigkeit ist legendär. Hillebergs Exportmanager machte sich einmal den Scherz und verteilte auf einer Schulung für Fachhändler Stoffstücke – handels­übliches Zeltgewebe und Kerlon 1800. Seine Aufforderung: «Wer das Kerlon zerreisst, bekommt ein Zelt seiner Wahl von mir geschenkt.» Siegessicher legten die Verkäufer los. Den normalen Zeltstoff zerfetzten sie in Sekunden, nur das verdammte Kerlon 1800 machte einfach keine Anstalten zu reissen. Schlussendlich gingen sie ohne Gratiszelt, aber mit einer sehr beeindruckenden Erfahrung im Gepäck nach Hause.

Beste Materialien, extrem lange Testphasen, Fokus auf Detaillösungen – das alles schlägt sich im Preis nieder. Kunden legen durchschnittlich zwischen 1000 und 1500 Franken für ein Hilleberg auf den Kassentisch. Doch ein Grossteil davon ist nicht die Marge, sondern schlicht der Waren- und Entwicklungseinsatz für überragende Qualität.

Hillebergs heilige Hallen

Auch die Fertigung erfolgt nicht irgendwo am anderen Ende der Welt. Bis in die 1990er-Jahre wurde in der Nähe des Stammsitzes, in Hackås produziert. Doch die hohen Lohnkosten in Schweden zwangen zum Handeln, sonst wären die Zelte tatsächlich unerschwinglich geworden – oder die Firma pleit­egegangen. So eröffnete Hilleberg 1997 seinen eigenen Produktionsbetrieb im nahen Estland, mit Arbeitsbedingungen, die den Werten der Familie verpflichtet sind. Die Spezialität der Näherinnen: die sogenannte doppelte Kappnaht. Dabei werden vier Gewebelagen mit­einander vernäht, da silikonbeschichtete Stoffe nicht per Tape wasserdicht versiegelt werden können. Spezielle Näh­maschinen arbeiten mit Kühldüsen an den Nadeln, damit die Einstichlöcher maximal klein sind.

«Mit unserer eigenen Fabrik in Estland, nur wenige Stunden von unserer Zeltentwicklung entfernt, und der wilden Natur direkt vor der Haustür können wir das ganze Jahr über unter realistischen Bedingungen testen und bei Bedarf Anpassungen vornehmen», erklärt Petra.
Und Papa Bo? Von Ruhestand will der noch nichts wissen: «Ich liebe meinen Job und es macht mir Freude, mit jungen, motivierten Leuten zu arbeiten.» Die Alten, so sagt er, «tendieren dazu, in Erinnerungen zu schwelgen und nur über die Vergangenheit zu sprechen.» Er wolle lieber nach vorne schauen, in die Zukunft, das sei spannender.

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