Dem Wasser auf der Spur

18. März 2021

In meiner dreiteiligen Reise durch den mittelalterlichen Backyard zeige ich auf, was wir an Wissen wieder auf­frischen können. Das zweite Thema: ­Wasser als Lebenselixier.

Fotos: Ruedi Thomi / Illustrationen: Susanne Mader

Verkaufsberaterin, Filiale Zürich Europaallee
Ihr Ding: Zurückschauen um zu lernen

Wasser ist nicht einfach ein abstraktes Gut, das aus unseren Hähnen fliesst, sondern ist seit Jahrhunderten ein greifbarer Bestandteil unserer Gesellschaft. Ich selber bin ein Kind der Aare. Wasser ermöglicht uns, die Natur aktiv zu erleben. Sie ist ein Teil meiner nahen Umgebung und ich möchte sie verstehen und schützen. Dass ich dabei gerne durch eine mittelalterliche Brille schaue, ist für mich durch mein Studium naheliegend: Die Mediävistik ist ein Fachgebiet, das mich an der Universität stetig begleitet, und ich glaube, dass der Blick zurück unser Verständnis für das Heute fördert.

Im Herbst erzählte ich dir bereits von verschiedenen Heilkräutern vor meiner Haustüre, jetzt möchte ich dir im zweiten Teil die Beziehung von Gesellschaft und Fluss im Mittelalter näherbringen. Dazu habe ich drei Themen angeschaut: die Fischerei, die Industrie und die Wasserversorgung in den Städten.

Essen aus dem Fluss

Der Fluss war im Mittelalter eine Nahrungsquelle und Fisch gehörte als wichtiger Eiweisslieferant auf den Speiseplan. Vermutlich wurde aber längst nicht jeden Tag Fisch gegessen, denn überlieferte Rechnungsbücher zeigen, dass Fisch relativ teuer war. So kostete in Konstanz während des Konzils (1414–1418) ein Pfund Rindfleisch drei Pfennige, während ein Pfund Hecht 17 Pfennige kostete. Der Preis war stark abhängig von der Fischart, so galten Lachse, Forellen und Hechte als Herrenspeise und kosteten doppelt so viel wie Äschen oder Schleien.

Aus alten germanischen Gesetzbüchern (Schwabenspiegel oder Sachsenspiegel) wissen wir, dass die Nutzung von Wiesen und Wäldern (Allmend) zunächst jedem Bürger freistand, genauso wie die Fischerei in den artenreichen Flüssen. Im Verlaufe des Mittelalters nahm jedoch der König das Recht auf die Fischerei immer mehr für sich in Anspruch und es wurden sogenannte Fischenzen verkauft oder verpachtet. Eine Fischenz war das Recht zur Fischerei in einem bestimmten Bereich des Gewässers. Natürlich versuchte jeder aus seinem Flussbezirk so viel als möglich herauszuholen, denn zunächst war der Fischfang uneingeschränkt. Das führte durch den erhöhten Bedarf durch das Bevölkerungswachstum dazu, dass im 14. Jahrhundert die Fischbestände deutlich rückläufig waren. So trafen sich die Fischer erstmals an grossen Versammlungen, die Fischermeyen genannt wurden. Der erste Meyenbrief der Schweiz stammt von 1397. In Baden trafen sich Fischer von Aare, Reuss und Limmat und legten verschiedene Verordnungen fest, um die Flüsse zu schonen und die Fischerei zu regeln. So wurde zum Beispiel die Mindestfanglänge der Barben auf 10 Zentimeter festgelegt und eine Schonzeit für Äschen eingeführt.

Betrachten wir die Fischbestände heute, ist vieles anders: Die Flusslandschaften haben sich stark verändert, es wurden Kanäle und Wehre angelegt und Uferzonen verbaut. Der Lachs ist verschwunden, Fisch aus der Region ist ein Exklusivprodukt





Wasser für die Industrie

Der Fluss war für die Wirtschaft aus mehreren Gründen wichtig: Zum einen betrieb das Fliesswasser die Mühlen, zum anderen waren die Flüsse Verkehrswege für verschiedenste Handelsgüter. Die ältesten bekannten Wassermühlen in der Schweiz wurden in Avenches und Cham gefunden und stammen aus der römischen Zeit. Im Mittelalter waren sie schliesslich in der ganzen Schweiz verbreitet. Der Einsatz von Wassermühlen war vielfältig, neben Getreidemühlen gab es zum Beispiel auch Schleif-, Hammer- oder Papiermühlen. Der Fluss trieb somit viele Wirtschaftszweige des Mittelalters an. Er war jedoch nicht nur für die Produktion der Güter wichtig, sondern auch für die Distribution. Rohmaterialien wie Holz und Salz waren gängige Transportgüter auf den Wasserstrassen. Da Landstrassen oft in schlechtem Zustan­d waren, kam dem Wassertransport eine wichtige Rolle zu. Die Schiffer organisierten sich zum Teil gemeinsam mit den Fischern in Zünften und regelten gemeinsam den Schiffsverkehr. Nicht selten kollidierten so die Interessen von den Fischern, die Fanganlagen in die Flüsse bauten, den Handwerkern, die Wehre für ihre Mühlen anlegten, und den Schiffern, die freie Durchfahrt für ihre Schiffe brauchten.

Der Eingriff des Menschen in die Flusslandschaften nahm in den folgenden Jahrhunderten immer mehr zu. Zum einen für den Hochwasserschutz, aber auch für das Ableiten von Trink- und Brauchwasser, für die Fischerei und nicht zuletzt für die Industrie. Die starke Korrektur der Gewässer ist sicher ein Faktor, der heute massive Folgen zeigt und nachdenklich stimmt. Der andere Faktor ist die Verschmutzun­g der Flüsse, die bereits im Mittelalter begann, denn oft wurden Abfälle aller Art einfach in die Flüsse geleitet. Heute sehen wir in unseren Flüssen vor allem Abfälle von Privathaushalten: Wir finden PET-Flaschen, Dosen, alte Flip-Flops, kaputte Sonnenschirme, Plastik­tüten und vieles mehr.

Wasserversorgung in der Stadt

Auch wenn der Fluss einige Gefahren durch Überschwemmungen mitbrachte, bot er eine stetige Zufuhr von Frischwasser und schuf einen Grundwasserspiegel, den man anzapfen konnte. Während heute einfach selbstverständlich sauberes Trinkwasser aus jedem Hahn fliesst, durften im Mittelalter nur wenige Privilegierte öffentliche Leitungen für den privaten Haushalt anzapfen, ansonsten mussten die Frauen und Dienstboten das Wasser vom Brunnen zum Haus tragen.

Damit die Brunnen der Städte ausreichend mit Wasser versorgt waren, wurden verschiedenste Techniken angewandt. Das Brunnenwasser wurde als trinkbares Grundwasser aus dem Boden geschöpft, oder es wurde direkt aus nahegelegenen Flüssen und Bächen abgezweigt. Ein schönes Beispiel für einen Grundwasser-Zisternenbrunnen von circa 1250 können wir in Bern bestaunen: Der heute eher unbekannte Lenbrunnen konnte 15’000 Liter fassen und versorgte die 3000 Bewohner der Stadt Bern mit Trinkwasser. Wie zum Beispiel in Aarau waren viele Brunnen­ auch an das Netz eines Stadtbaches angeschlossen, der von umliegenden Flüssen abgezweigt wurde, oder wie in Zürich wurde Wasser auf der Rathausbrücke mithilfe von Schöpfrädern aus der Limmat gewonnen. Dabei war die Sauberkeit der Brunnen ein grosses Problem, denn die nahen Flüsse und Stadtbäche wurden für alles Mögliche gebraucht, vom Wäschewaschen bis zur Entsorgung von Färberbrühen und Gerberei­abfällen.

Im Spätmittelalter wurde die Wasserversorgung in den Städten Sache der Regierung und unterstand der Aufsicht des Brunnenmeisters. Er war für Unterhalt, Betrieb und Wasserqualität verantwortlich. Schliesslich wurde sauberes Wasser auch mittels Leitungen von umliegenden Quellen genutzt und es wurden verschiedene Vorschriften eingeführt, die eine bessere Wasserqualität zur Folge hatten. Doch die Anforderungen haben sich geändert: Zum Beispiel lebten in Bern im Mittelalter nur rund 3000 Menschen und der Trinkwasser­verbrauch pro Person lag etwa bei drei bis fünf Litern. Heute zählt Bern über 130’000 Einwohner und jede einzelne Person braucht circa 175 Liter Trinkwasser pro Tag. Das Grundwasser wird dabei nicht nur von der Aare bezogen, sondern sogar aus Fassungen im Emmental und dem Schwarzenburgerland


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