Dreimal losziehen, dreimal anders

7. Juni 2020

Achtsamkeit, Spontaneität und Neugierde sind die Gegenpole der Gewohnheit. Was passiert mit uns, wenn wir nach ungewohnten Parametern unsere gewohnte Umgebung auskundschaften? Cédi, David und Noah haben es getestet.

Fotos: David Gasser, Noah Raaflaub

Kommunikation, Office Zürich
Hört gerne dem Wind zu, und noch fast lieber den Arbeitskollegen
Beim ersten Aufeinandertreffen – mit Sicherheitsabstand wohlgemerkt – verband diese drei augenscheinlich nur, dass sie alle bei Transa arbeiten und durch die Kurzarbeit schon länger keine Arbeitsräume mehr von innen gesehen hatten. Aber schnell ­wurde klar, dass es weit mehr gab, worüber die drei quatschen konnten. Das Konzept «Einfach mal vor der eigenen Haustüre losziehen» begeisterte sie. Nahes neu entdecken reizte sie mit jeweils ­individuellem Fokus. Anfang und Ende wurden gemeinsam angegangen, dazwischen traten die Jungs einen eigenen Weg an.

Für Cédi, der Meetings nach dem aktuellen Wetterbericht plant, stand der Zufall im Zentrum. Was passiert mit mir, wenn ich nicht kontrolliere, wohin und wie ich loslaufe? David, der bei jedem Satz das Gute voranstellt, wollte gerade jetzt den Kontakt mit Menschen ins Zentrum stellen. Kann man legal in den Gärten anderer zelten? Und Noah, der oft im besten Licht hoch oben auf Gipfeln steht, wollte sich im nahegelegenen Wald erden. Wie begegne ich der Natur, wenn kein Ziel gesetzt ist? Die Drei erzählen euch vom Erlebten.

«Äxgüsi, darf ich bei Ihnen im Garten übernachten?»

Text & Bilder: David

Ich nehme meinen Kompass in die Hand, auf dem Rücken habe ich meinen Rucksack voller Trekkingmaterial, im Kopf meine wichtigste Frage für die kommenden Tage: Dürfte ich bei Ihnen im Garten mein Zelt aufbauen und übernachten? Ich starte in Oberwinterthur. Los gehts…

Nach den ersten Gehminuten beginne ich mich auf den grossen Moment am Abend einzustellen und richte meine Frage an einen spazierenden Herrn im Rentenalter. Er meint, er hätte keinen Garten, er wünsche sich einen Schrebergarten. Ich solle mich melden, wenn ich ihm einen solchen finden würde. Ich begegne einem Pärchen. Er sagt, sie würden mich jederzeit auf dem Balkon aufnehmen. Sie bleibt bei dem Gespräch verdächtig still. Beim zweiten Pärchen sagt sie, sie würden jemanden in der Nähe kennen, der einen Garten habe. Es sei gleich um die Ecke. Die Gespräche machen Mut.

Über Weizenfeldwege gelange ich nach Elgg. Ich schlendere durch das Dorf. Nahe einem Wäldchen sehe ich ein paar schöne Einfamilienhäuser. Ich wähle einen Garten, der ideal zum Zelten wäre. Die Frau des Hauses rauscht ­gerade mit dem Fahrrad davon. Hätte ich doch auf meine Intuition gehört und sie direkt beim Vorbeigehen gefragt! Ich gehe weiter, esse zu Abend und kehre nach acht Uhr zum Haus ­zurück, ­klingle an der Türe und hoffe, dass die nette Dame wieder zurückgekehrt ist und mir Asyl ­anbietet. Niemand zuhause. Mist, der Sonnenuntergang kündigt sich bereits an und ich habe
noch kein Plätzchen!

Ich gehe zwei, drei Häuser weiter und sehe Licht brennen. Mein Herz pocht. Mein Vorhaben braucht Mut. Ich klingle an der Haustüre. Eine Frau öffnet und ruft ihren Mann. Ein netter Herr erscheint in der Türe. Er führt mich ums Haus, wo wir ein schönes Plätzchen finden. Nachdem ich mein Zelt aufgeschlagen habe, erscheint der Sohn mit Feuerschale und zwei Bier. Wir schwatzen beinahe drei Stunden übers Reisen, die Zeit der Distanzierung, Motorräder und vieles mehr.
Melvin bietet mir an, das Badezimmer im Haus zu benutzen. Ich lehne dankend ab und krieche in mein Zelt. Ich bin ausgerüstet mit einem Zweifränkler für öffentliche Klos, Klappschaufel, Toiletten­papier und Hundekotbeuteln. Ich fühle mich, auf meine körperlichen Bedürfnisse bezogen, autark. Am nächsten Morgen bietet mir die Mutter von Melvin einen Kaffee an. Sie muss zur Arbeit. Die beiden Männer sind in Kurzarbeit und dürfen ausschlafen. Ich packe meine sieben Sachen, lege eine Dankeskarte vor die Türe und mache mich auf den Weg.
In Aadorf entdecke ich ein Bachbett. «Wow, da würde ich gerne drin baden», denke ich und mache mich auf die Suche nach einem geeigneten Einstiegsort. Da treffe ich auf Tom, der mit seinem Hund unterwegs ist. Ich stelle ihm die Frage. Er meint, das würde schon passen. Toms Hund verrichtet auf den Waldboden. «Mist», sagt er und bemerkt, dass er keinen Robidog-Sack zur Hand hat. «Kein Problem», sage ich, «ich habe dir einen!» Wir sprechen über Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Stress, traumatisierte Kind­heiten und über das Tösstal. Und wir gehen unserer Wege. Ich lande nach dem Mittagessen an der Dorfgrenze von Matzingen. Dem «Murgweg» entlang geht es Richtung Frauenfeld. Auf dem frisch gekiesten Weg konfrontiere ich wiederholt freundlich mit meiner Frage.

Im Stadtkern von Frauenfeld treffe ich tatsächlich per Zufall den einzigen Menschen welchen ich in Frauenfeld kenne: Rohan. Von ihm erhalte ich einen Tipp wo sich in Frauenfeld ein Einfamilienviertel befindet. Ich esse ein süsses Eis und mache mich auf in Richtung Zuckerfabrik. Auf der Wiese eines Kinderspielplatze­­s spielen zwei junge Leute Boccia. Ich stelle ihnen die Frage. Sie sehen sich gegen­seitig an – kurze Pause – dann lächeln sie und sage­n: «Wir wohnen direkt da drüben, du darfst bei uns übernachten.» Ich stelle mein Zelt auf Moos gebettet auf und koche mein Abendessen. Es gibt Räuchertofu in Kokosflocken. Während des ­Kochens finden sich einige Nachbarn mit Kindern und interessierten Fragen ein. Wir verbringen einen Abend mit berührenden, ­spannenden Gesprächen im Garten. Ich staune über die gemeinschaftliche Nachbarschaft. Die Krönung erhält der Abend mit dem selbstgebackenen Kuchen, den meine Gast­geberin mit Rhabarbern aus dem Gemeinschaftsgarten Frauenfeld gebacken hat. Es fühlt sich an wie ein Abend unter Freunden. Ich schlüpfe glücklich und dankbar in meinen warme­­n Schlafsack.
Am nächsten Morgen wache ich kurz vor dem Weckerklingeln auf, weil Regentropfen auf das Zeltdach klopfen. Dann öffnet die passierende Wolke über mir die Schotten und das Wasser stürzt in Bächen herunter. Ich räume meine Sachen zusammen und erhalte von meinem Gastgeber einen frischgebrauten Kaffee. Wir tauschen die letzten neugierigen Fragen aus, bevor ich mich mit Herzumarmung in Distanz von beiden verabschiede. Ich ziehe im Niesel­regen davon, hüpfe von Pfütze zu Pfütze. Ich frage eine Frau nach dem Weg. Es entsteht ein kurzes Gespräch über Gesundheit, Selbstverantwortung und die Sonne im Herzen, die immer scheint, egal was kommt. Danach entscheide ich mich für den direktesten Weg nach Winti. Ich gehe mit meinem roten Regenschirm, auf den unaufhörlich der Rege­­n prasselt. In Wiesendangen klinke ich mich in den Team-Chat mit dem Transa Schulungsteam ein. Ich wundere mich, dass ich gleichzeitig mehrere Aspekte des Jetzt erleben darf: Die Umgebung wahrnehmen, wo ich bin, meine Gedanken, die Gespräche am Telefon und mein inneres Ich. Mensch sein ist schon sehr aufwendig!
Ich wandere gemütlich nach Hause. Vorbei an Tankstellen, Ampelstaus, Einkaufsvierteln und Menschen mit Scheu zum Grüssen. Will­kommen zurück in der Grossstadt. Auf dem letzten Kilometer möchte ich meine Frage nochmals an jemanden richten. Es gelingt mir nicht, in Kontakt zu kommen. Liegt es am Regen? Am Ort? Am Zufall? Vielleicht liegt es an mir...

Dem Zufall eine Chance lassen

Text: Cédi

Mein Fokus ist es, den Zufall spielen zu lassen. Ein Video-Call mit David, Noah und Sasa bildet den Startschuss für die Experimente: Ich ziehe vor deren Augen die Himmelsrichtung, die Anzahl Gegenstände, die Marschzeit zum Schlafplatz, das Fortbewegungsmittel und das Sinnesorgan im Losprinzip. Meine Liebe zur Spontaneität ist gepaart mit dem Reiz der Einschränkung.

Das Material (neben Kleidung, Essen und Rucksack) ist rasch bestimmt: Feuerzeug, Schlafsack und Hängematte. Startpunkt: Hirschmattquartier Luzern. Das erste Dilemma: Nach Osten heisst über den Vierwaldstättersee schwimmen. Nun ja, anstatt die Uhr konstant anzustarren und dogmatisch nach Osten zu gehen, vertraue ich auf mein Bauchgefühl und lege die Himmelsrichtung grosszügig aus. Zumal kein Fischer auffindbar ist, den man um eine Überfahrt bitten könnte. Also erstmal den Strassen entlang. Den Flieder am Strassenrand, schon fast verblüht, nehme ich intensiv wahr – er weckt in mir Erinnerungen an den Urlaub in Italien. Ich liebe diesen Geruch. Ein kleines Stückchen Ausland im Inland. Via Wald gelange ich zu einem kleinen Wasserfall. Den kenne ich gar nicht, wobei er nur eine halbe Stunde von meiner Haustüre entfernt ist! Nun gehts abwärts Richtung See – und wieder stehe ich am Wasser und komme nicht weiter. Mir bleibt keine Wahl, ich folge erneut den vorbeirauschenden Autos. Obschon mich der Verkehr nervös macht, beobachte ich das Aufeinandertreffen von Natur und Zivilisation: Eidechsen huschen an mir vorbei, Pflänzlein kämpfen sich stellenweise durch den Asphalt. Die Strasse zieht sich hin, die vorgegebene Marschzeit vergeht schnell, der Fuss der Rigi kommt näher und es regnet leicht. Nun setzt auch noch die Steigung ein und die Uhr gibt mir noch rund eine Stunde bis zum Schlafplatz. Eigenartig, aufgrund des Wetters und des steilen Geländes aber ich trage ein Vertrauen in mir, dass ich einen guten Schlafplatz finden werde. Es macht mich «kribbelig» und trotzdem ist es schön, mal kein Ziel anzusteuern.
Plötzlich werde ich aus den Gedanken gerissen: eine Alp. Es scheint niemand zuhause zu sein. Ich freunde mich mit dem Gedanken an, dass ich allenfalls auf der Bank vor der Hütte übernachten werde. Etwas Schutz muss sein. Aus dem Nichts geht die Türe auf und eine Mitarbeiterin der Alp steht vor mir. Ich frage sie, ob ich draussen schlafen darf. Anzubieten habe ich nichts: Handy sowie Portemonnaie sind bewuss­­t zuhause geblieben. Und trotzdem, sie überlässt mir einen Platz im leeren Massenschlag. Ein Glücks­moment! Draussen prasselt der Regen auf das Dach und ich habe mehr als nur Schutz gefunde­­n: gute Gespräche, einen atemberaubenden Sonnenuntergang über dem Vierwaldstättersee und einen tiefen Schlaf auf einer bequemen Matratze.

Der Morgen begrüsst mich mit einem Frühstück und, nach einem Marsch runter an den See, eine­­r Begegnung mit Christian und Barbara. Die wasser­n ihr Boot gerade ein. Da ich gestern die Bootsfahrer im richtigen Moment nicht erwisch­t habe, ist das jetzt meine Chance. Ich wage es zu fragen, und kurz danach sitze ich vorne im Boot Richtung Meggenhornsteg. Diese­­r Herr Zufall meint es gut mit mir und der See bietet mir eine komplett andere Perspektive auf die vorbeiziehende Landschaft. Nach der Überfahrt lasse ich die lieben Bootsfreunde hinter mir (sie müssen noch Bootsmanöver üben) und erreiche eine einladende Badestelle. Bevor ich den Sprung in den See wage, spanne ich meine mitgebrachte Hängematte auf. Aus Trotz, immerhin begleitet diese mich auf dem Abenteuer. Ich höre den Umgebungsgeräuschen zu und schaukle friedlich vor mich her. Und dann gehts heimwärts. Ich fühle mich, als hätte ich mehrere Tage Urlaub hinter mir.

Querwaldein

Text: Noah

Mit dem Fahrrad fahre ich zum Seiebergwald, den ich trotz der geografischen Nähe überhaupt nicht kenne. Ab jetzt heisst es: den Wald geniessen. Die Wegweiser lassen mich kalt – ich entscheide nach Instinkt. Ich gehe langsam und bedächtig, versuche ab Schritt eins alles in mir aufzusaugen. Ich atme die klare Waldluft, rieche den rauen Duft der Bäume und höre die diversen Geräusche um mich herum. Es dauert keine 15 Minuten und ich befinde mich vollends in dieser magischen grünen Welt. Vogel­konzerte begleiten mich. Mein Weg ist das Ziel. Die Atmosphär­­e verändert sich sofort, das Verweilen rückt in den Fokus. Ein Gefühl von Freiheit, Autonomie und Zufriedenheit breitet sich in mir aus. Ich bleibe stehen, sehe mich um. Direk­­t vor mir: ein unscheinbarer kleiner Baum. Unzählige Harzspuren bahnen sich ihren Weg an seinen Seiten herunter. Sowas habe ich noch nie gesehen. Oder habe ich es bisher noch nie bemerkt? Der Fokus lag wahrscheinlich stets auf dem Ziel eines Abenteuers. Ich kratze ein kleines Stückchen Baumharz ab, zerreibe es zwischen den Fingern und rieche daran. Wow, wie gut es in der Natur duftet, wenn man sich darauf konzentriert. Nun gehe ich tatsächlich von Baum zu Baum: rieche und ertaste. Mit klebrig verharzten Fingern und glückselig gehe ich weiter.
Dann endet der Weg im Dickicht, ich gehe trotzdem weiter. Ab hier wird es sehr dunkel und sehr ruhig. Aus dem Nichts eine Bewegung: die weghuschende Silhouette eines Rehs. Bevor ich mir gross Gedanken zur nahen Begegnung machen kann, sehe ich vor mir einen Ameisenhaufen. Ich setze mich hin und schaue den tüchtigen Insekten bei der Arbeit zu. Wie lange bin ich schon im Wald? Ich habe keine Ahnung und ich merke, dass es keine Rolle spielt. So verbringe ich nochmals eine nicht bestimmbare Zeitdauer: weitergehen, hinhören, hinsetzen, beobachten, weitergehe­­n. Plötzlich bin ich an einer ein­ladenden Stelle.

Kleine, filigrane Bäume stehen um mich herum und der Boden ist moosbedeckt. Hier geniesse ich die letzten Sonnenstrahlen und esse zu Abend. Beim Eindunkeln lege ich mich in meinen Biwaksack. Schlagartig wird es noch stiller – geht das überhaupt? Es geht. Ich schlafe ein. Nachts erwache ich einige Male, höre Tiere und unbekannte Geräusche.
Das Erwachen im Dickicht ist geprägt von Vogelgezwitscher und wärmenden Sonnenstrahlen. Dicke Tautropfen hängen an den Gräsern und das Moos ist noch nass. Ich ziehe meine Socken aus und erkunde die Umgebung barfuss. Wie weich es sich anfühlt, wie auf Wolken. Der Moment erdet mich. Ich packe mein Nachtlager zusammen und gehe weiter. Unzählige kleine Eindrücke reihen sich aneinander, aber die Überraschung am Ende: Ich lande völlig unerwartet beim Startpunkt des Vortages. Ich bin im Kreis gelaufen, keine drei Kilometer habe ich zurückgelegt! Ich ging wohl noch langsamer als gedacht, ohne Ziehen eines Ziels, ohne Distanzgefühl, ohne Wegpunkte: Ich fühle mich wie nach einer Woche Urlaub.
Die beschriebenen Erlebnisse fanden während des Corona-Lockdowns statt. Die drei Protagonisten haben die bundesrätlichen Empfehlungen stets berücksichtigt. Auch wurde bei den Übernachtungen ­Rücksicht auf ­Privatgrund und Schutzgebiete genommen.

Und Noah lässt ausrichten: «Immer schön am Abend den obligaten ­Zeckencheck durchführen.»

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