Lesertour: Monte Rosa Gletschertrekking

6. Juni 2020

Auf alten Walserpfaden, über Gletscher und 4000 Meter hohe Gipfel von Saas Fee bis nach Zermatt – vier Transianer und ein Bergführer umrunden das höchste Bergmassiv der Schweiz.

Fotos: Michael Neumann

Redaktor 4-Seasons
Wünscht sich unseren Backyard
Jedes Jahr geht eine Handvoll Transa Mitarbeitende mit der Bergschule Höhenfieber auf eine sogenannte Pilottour. So kann die Bergschule testen, wie praxistauglich ein neu entwickeltes Routenkonzept ist, und die Transianer bekommen die Möglichkeit, Ausrüstung auszuprobieren, neue Erfahrungen zu sammeln und gemeinsam an den Unwägbarkeiten zu wachsen, die solch eine Pilottour mit sich bringt.

Im Juli 2019 stand der Monte Rosa auf dem Programm, das grösste Bergmassiv der Schweiz. Diesmal an Bord: die Transa Verkaufsberater Christine, Nicole, Eva, Julio und ich, Redaktor aus Augsburg. Während die vier Transianer nicht das erste Mal jenseits der 4000er-Marke unterwegs sind, ist für mich das Thema Hochtour in den Alpen komplett neu. Im Programm von Höhenfieber ist die Tour zwar «nur» als Gletschertrekking tituliert, da man nicht jeden Tag in eisigen Höhen unterwegs ist, doch für mich Flachlandindianer, der noch nie Steigeisen an den Füssen und einen Eispickel in der Hand hatte, ist es in jedem Fall hoch genug.

A wie Akklimatisierung

Das Anforderungsprofil der Tour scheint jedenfalls wie für mich gemacht: Technik 0 von 4, Kondition 2 von 4. Letzteres liegt vor allem daran, dass sich die Tour der vorhandenen Auf- und Abstiegshilfen in Form von Seilbahnen und Bussen bedient. So halten sich die Höhenmeter halbwegs in Grenzen und es bleibt noch etwas Reserve, wenn man im technischen Gelände mit der ungewohnten Ausrüstung hantiert und auf Gletscher­brücken über Abgründe wandelt.

Das A und O beim Bergsteigen nahe der persönlichen Todes­zone ist immer die Akklimatisierung. Daran scheitern sogar die Besten immer wieder. Aber auch in diesem Punkt trifft die Monte-Rosa-Runde genau den Ton. Geschlafen wird auf 3027 Metern, 2738 Metern, 1575 Metern, 3498 Metern und 2883 Metern. Also rauf, runter und richtig rauf. Die Unterkünfte heissen Britanniahütte, Hotel Zumstein, Rifugio Pastore, Rifugio Mantova und Monte-Rosa-Hütte. Letztere steht schon lange auf der Liste der Orte, die ich unbedingt mal in echt erleben möchte. Entworfen von der ETH Zürich, thront der oktogonale Würfel seit September 2009 hoch über dem Gornergletscher bei Zermatt. Den Umkreis der Hütte bilden die Viertausender Castor, Pollux, Liskamm und das Monte-Rosa-Massiv mit der Dufourspitze, Richtung Westen fällt der Blick direkt auf das Matterhorn. Wirklich sehr schön.

Das Gegenteil davon ist die Capanna Gnifetti. Gelegen auf 3647 Metern, markiert sie den Höhepunkt unserer Tour. Sie ist der Protoyp an Zweckmässigkeit und bietet mit 176 Schlafplätzen auf kleinstem Raum Schutz vor den Elementen – und nicht viel mehr. Daher wurde sie nach der Pilottour auch aus dem Programm gestrichen und durch das Rifugio Mantova ersetzt. Dieses liegt in Sichtweite von der Capanna 150 Meter tiefer und ist deutlich familiärer. Für die Extrahöhenmeter am »Gipfeltag« muss man dann zwar noch eine Stunde eher aufstehen, doch wer behauptet, dass er in dieser Höhe erholsam schläft, der flunkert eh.

Dieser Gipfeltag steht am fünften Tag an und toppt alles, was die ohnehin sehr beeindruckende Tour zu bieten hatte. Nachdem wir uns noch am Vorabend in der Gruppe mit dem Gehen am Seil vertraut gemacht haben, klingelt um halb fünf der Wecker. Bei uns im Fünfbettzimmer – und in nahezu allen anderen Zimmern auch. Zum Ausschlafen scheint die Capanna – wie so viele im Hochgebirge – nicht gemacht. Schnell noch ein italienisches Frühstück (gut, wer noch einen Müsliriegel hat), die Thermosflasche gefüllt und raus aus dem Trubel, rein in die Kälte des Morgen­s. Im Osten kündet ein feiner Schimmer davon, dass die Sonne sich noch im Bad frisch macht, während die letzten Sterne am wolkenlosen Himmel langsam verschwinden.

Die Stirnlampen-Karawane

Ober- und unterhalb der Hütte sieht man bereits ein Dutzend Seilschaften, die im Schein der Stirnlampen über den Gletscher bergwärts streben. Dieser Teil des Monta-Rosa-Gebiet­­s zählt zur berühmt-berüch­tigten Spaghetti-Route. Diese startet in Zermatt und reiht zehn leichte Viertausender aneinander. Übernachtet wird meist jenseits der Grenze in Italien, daher der Name.

Unser erstes Ziel ist die Vincent-Pyramide, stolze 4215 Meter hoch. Da der letzte Neuschnee schon eine Weile her ist, können wir uns die Spurarbeit sparen. Kann auch mal ganz angenehm sein, ausgetretenen Pfaden zu folgen. Das Gehen am Seil erfordert ein bisschen Übung, will man vermeiden, dass selbiges und die Steigeisen eine unheilvolle Bekanntschaft machen. Auch Trödeleien werden schnell aufgedeckt – durch einen vehementen Zupfer des Vordermanns am Seil. Aber Bergführer Tom hat ein gutes Gespür für die Leistungsfähigkeit der Gruppe und dosiert das Tempo so, dass niemand seine Komfortzone länger als nötig verlassen muss. Angekommen auf der Vincent-Pyramide, fällt der Blick auf den gewaltigen Talkessel an der Südseite des Monte-Rosa-Massivs. Da unten, in Macugnaga, im Tal der Anza, sind wir vorgestern noch gewesen. Es scheint einen Steinwurf entfernt, und doch trennen uns hier oben Welten von diese­­m beschaulichen Piemonter Bergdorf.

Kein Name für die Geschichtsbücher

Als nächstes Etappenziel folgt das Lisjoch, 4152 Meter. Es markiert den Übergang in die Schweiz, doch ein Schild geschweig­­e denn einen Schlagbaum sucht man hier oben natürlich vergeblich.

Da die Moral der Truppe sehr gut ist und besonders Christine und Julio auf weitere Höhenmeter drängen, hängen wir vor dem Abstieg noch die Ludwigshöhe dran. Hier müssten aller­dings nochmal die Namensgeber in die Pflicht genommen werden, denn für einen 4341 Meter hohen Berg klingt Ludwigs­höhe definitiv nicht heroisch genug. Muss wohl die selbe Agentur sein, die für die österreichischen Skigebiets­namen Steinplatte und Nassfeld verantwortlich zeichnet. Im Anschluss machen wir uns an den Abstieg zu meiner Sehnsuchtshütte. Vorbei an der Eisflanke des Liskamms geht es über den Grenzgletscher Richtung Monte-Rosa-Hütte.

Hier zeigt uns das Hochgebirge in Form eines ordentlichen Spaltenlabyrinths noch mal richtig die Zähne. Immer wieder enden wir vor einem unüberwindbaren Abgrund und müssen umdrehen, einen anderen Weg suchen. Ab und zu gibt es keinen, nur eine Brücke aus Altschnee, übrig geblieben vom letzten Winter. Mal ist diese eindeutig zu erkennen, mal gibt sie sich auch erst zu erkennen, wenn man links oder rechts von der Spur mit dem Trekkingstock ins Bodenlose pickt. Alles in allem ist das der aufregendste Teil der Tour und mir Gletschernovizen schiesst doch ab und an das Adrenalin ins Blut. Damit ich gute Fotos machen kann, hat mich Bergführer Tom ganz hinten ins Seil gebunden. Ich vertraue darauf, dass eher der Erste als der Letzte einbricht, muss mir aber eingestehen, dass der Letzte in Sachen Gewicht wohl der Erste ist.

Wie auf rohen Eiern

So bin ich doch ziemlich erleichtert, als ich wieder Fels statt Schnee unter den Füssen habe. Die Steigeisen können bis morgen in den Rucksack, der letzte Kilometer bis zur Monte-Rosa-Hütte verläuft über schräge Felsplatten und über die eine oder andere Endmoräne.

Als wir am frühen Nachmittag dort einchecken, scheint die Sonne aus allen Knopflöchern und es bleibt viel Zeit, die einmalige Lage der Hütte und die Hütte selbst zu geniessen. Da es bis zum Abendessen noch lang ist, bestellen wir erst mal eine Portion Nudeln des Hauses und stossen mit einem kühlen Calanda auf die erfolgreiche Königsetappe an – nicht ahnend, dass die Tour noch ein Ass im Ärmel hat.

Denn der Marsch von der Hütte bis nach Zermatt führt grösstenteils über den Gornergletscher, der im Sommer allein aus Blankeis besteht. Und wer je das Vergnügen hatte, mehrere Kilometer darauf zu laufen, der weiss, was für einen fabelhaften Muskelkater das verursachen kann. Jeder Tritt ist schief und immer gilt es, die Körperspannung zu halten, falls das Steigeisen doch keinen Halt auf dem harten Eis findet. Dafür belohnt uns der Gletscher mit fantastischen Einblicken in sein bewegtes Innen­leben und grandiosen Ausblicken auf die wie gemalt wirkende Bergwelt drumherum.

Als wir am Nachmittag des sechsten Tages in Zermatt einlaufen, ahne ich noch nicht, dass in der Folgewoche schon das Aufstehen vom Schreibtischstuhl Überwindung kostet und nicht ohne mühsam herausgepresste Flüche vonstattengeht. Aber schön war’s trotzdem.

Loblied auf die Bilderbuchtour

Wie schön, das wird mir in der Rückschau immer klarer. Denn während ich im Corona-Lockdown diese Zeilen schreibe, lasse ich auch das gesamte Reisereportagejahr 2019 Revue passieren. Das führte mich unter anderem nach Spitzbergen, Island, Jordanien, La Réunion und sogar Bora Bora, doch die besten Erinnerungen habe ich an die Monte-Rosa-Runde. Einfach unglaub­lich, wie schön die Berge der Schweiz sind. Euren Backyard möchte ich haben...

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