Familiäres Wandern

20. Mai 2019

Auf dem historischen Camí de Cavalls lässt sich die kleine Baleareninsel in rund zehn Tagen umrunden. Familie Schraner beging einen Teil davon und traf dabei auf die unterschiedlichsten Vegetationen und Landschaften.

Fotos: Ruedi Thomi & Rainer Eder

Stv. Verkaufsleiter, Office Zürich
Sportskanone und Familienvater

Cavalleria - Cala Tirant

6:30 Uhr: Der Wind bläst rau, trotz angesagten sommerlichen Temperaturen ist es für unsere zwei jungen Nachwuchs-Abenteurer - Luis und Max - nicht ganz einfach sich vom Schutz unserer Herberge zu lösen. Aber der älteste und nördlichste Leuchtturm der Insel ruft: Far de Cavalleria (1857 eingeweiht). Wir fahren im Dunkeln hin. Welche Landschaft zieht da im Schwarz der Nacht an uns vorbei? Die Stirnlampen montieren wir noch vor den ersten Schritten auf steinigem Untergrund. Es herrscht Windkanal-Stimmung.
Die Sonne zeigt sich am Horizont. Sprint Richtung Turm. 90 Meter über dem Meer, der Blick schweift in die Weite. Damià, Sohn des letzten Leuchtturm-Wärters, erzählt von seiner Kindheit an diesem unwirklichen Ort, auf dieser traumhaften Landzunge. Er zeigt uns die Spiegel und Linsen, die eine Bündelung des Lichtes auslösen. Auf dem kleinen Balkon: Die Haare tanzen wild im Rhythmus der Witterung. Nun müssen wir aber los. Danke, Damià, für den seltenen Einblick. Ein Teilstück des Camí de Cavalls wartet auf uns, er will begangen werden.
Via Ziegen-Wiese (nein, trotz Annäherungsversuch haben die kein Interesse an uns) und landestypischem Törchen aus Olivenholz geht es zurück auf den gut ausgeschilderten Wanderweg. 
In einer kleinen Bucht erlauben wir uns eine erste Rast, essen Jamón-Brötchen und studieren die Karte. Vera hat die Navigation im Griff. Während bei uns Erwachsenen das Geniessen der Sonne im Vordergrund steht, haben die Jungs nur Flausen im Kopf. Wellen jagen ist angesagt. Plötzlich ein lautes Lachen! Luis hat es zu arg ausgereizt und nun hat es ihn erwischt. Ab jetzt wird mit nassem Schuh gewandert, die Blasenpflaster sind griffbereit.
Auf den nächsten Kilometern kommen wir in einen beruhigenden Wandertrott, die Landschaft verzaubert mit wechselnden Weitblicken über das Meer. Von einer Bucht zur nächsten legen wir Kilometer um Kilometer zurück, das Fischerdörfchen Cala Tirant rückt stetig näher. Gut so, die Kinder-Beine mögen nicht mehr allzu lange.

Die wilden Gewürzsträucher (Rosmarin, Heidekraut und die berühmte Kamille) duften zart, über uns kreist ein Milan und unter uns stürzen sich Wellenreiter in die tosenden Wassermassen. Immer mal wieder holt uns die Ruhe der Natur ein und wir beobachten. Wir erleben hautnah, weshalb Menorca seit 1993 ein Unesco Biosphärenreservat ist.

Nach rund drei Stunden haben wir unser Ziel erreicht. Luis – der die Etappe mit nassem Schuh bewältigt hat, ist unser Held des Tages. Wer wird es morgen sein?

Platges d'Algaiarens - Cala Morell


Die nächste Wanderung hat Vorgaben: Bewältigbar, familienfreundlich und kontrastreich soll sie sein. Die Wahl fällt auf die Etappe 8. Und was das für eine Wahl ist. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass wir bereits zu Beginn entdeckerisch unterwegs sein werden. Der Start ist in Platges d’Algaiarens, beziehungsweise in einem dichten Wald davor namens la Vall.
Bergan geht es durch Bäume, Büsche und Sträucher – ich wünsche mir insgeheim eine Machete herbei. Unzählige Pinien und Steineichen ragen in den Himmel, Büsche mit Blüten in zarten Farben säumen unseren Weg. Eine sonderbare Beere sticht uns ins Auge: Grell orange mit körniger Oberfläche, in der Grösse einer Kirsche. Später erfahren wir, dass sie madroño genannt wird. Sie ist geniessbar, stammt vom westlichen Erdbeerbaum ab und ist im Wappen von Madrid abgebildet.
Leicht verkratzt geht es in Richtung des sogenannten trockenen Menorcas. Der Weg steht im Zeichen endemischer Pflanzenarten, wir sind aber etwas erleichtert, als sich der Weg nach dem Abstecher im Wald ein wenig lichtet und wir auch ohne Hilfe der Hände und Arme weiterkommen. Zudem stellt sich die Route als kurz und einfach heraus, sodass wir gegen Ende die atemberaubende Landzunge bei Cala Morell (Punta de Llevant) ausgiebig geniessen können.
Auf dem Weg nach Hause wartet noch ein kulturelles Highlight, welches ebenfalls entdeckerischen Charakter birgt: Die Necropolis de Cala Morell. Ein faszinierendes Geflecht aus vierzehn künstlichen Höhlen, die in die Felswand geschlagen wurden. Diese wurden bis zum 11. Jahrhundert als Grabstätten genutzt. Gebannt gehen wir von Höhle zu Höhle, erklimmen und erspringen die Eingänge und geniessen die Kühle des Innern.

Übersichtskarte

Footnotes: Herzlichen Dank Familie Schraner, Rainer, Ruedi, Isabel und Fundació Foment del Turisme de Menorca.