Früh lockt der Berg

20. Mai 2019

Rassige Abfahrten, ein messerscharfer Grad, mehrfaches Abseilen und ein umwerfendes Panorama. Die Titlis-Rundtour bietet alles, was eine Skihochtour ausmacht.

Fotos: Ruedi Thomi

Verkaufsberaterin Filiale Bern
Liebt die Vertikale. Im Sommer wie im Winter.
Engelberg ist noch tief verschlafen, als wir früh morgens zur Talstation der Titlisbahn aufbrechen. Es ist bereits April, die Saison endet bald. Uns ist es recht: Keine schneehungrigen Menschenmassen. Wir dürfen mit der ersten Mitarbeiter-Bahn um 7 Uhr mit, wir geniessen den Vorsprung. Eine vorfreudige Anspannung herrscht trotzdem in der Gondel Richtung Klein Titlis: Wie sind die Schneeverhältnisse? Wie unser Zeitplan?

Erste Schwünge

Kurz nach Sonnenaufgang erreichen wir die Bergstation (3030 m. ü. M.) mit magischem, wolkenlosen Panorama – die Treppen bis zum Ausgang und die dünne Luft treiben den Puls ein erstes Mal in die Höhe. Vor der ersten Abfahrt des Tages: Bergführer Bruno macht mit uns den LVS-Check, Klettergurt und Helm werden montiert. Es kann losgehen! Mit zügigen Schwüngen fahren wird den schattigen und pickelharten Titlis-Gletscher hinunter – es «chrosed». Rasch gelangen wir via steiler Flanke links zum Anfang des Grats, es geht in Richtung vorderes Titlisjoch. Hier ist volle Konzentration gefragt, ein Abrutschen hätte fatale Folgen. 

Ausgesetzt am Grat

Am Grat empfängt uns ein bissiger Wind. Gut für uns, so bleibt der Schnee trotz viel Sonne angenehm kompakt. Wir seilen uns, binden die Ski auf und setzten sorgfältig einen Skischuh vor den anderen. Der Grat ist mittlerweile so schmal – unter uns beidseitig der Abgrund. Würde jetzt jemand stürzen, der andere müsste ihn durch das Gewicht auf der gegenüberliegenden Seite auffangen. Aber wir meistern die Schlüsselstelle souverän, nun erwartet uns die Abseilstelle. Wie sind wir in der Zeit? 

Meter um Meter hinunter

Dank schneereichem Winter ist die Stelle und das Couloir darunter Richtung Wendengletscher gut eingeschneit und die Wechten kompakt. Gute Verhältnisse also! Bergführer Bruno und Aspirant Sebi bleiben auf Zack, schliesslich wartet 600 Höhenmeter weiter unten die eigentliche Herausforderung: steile Moränen in einem südlich ausgerichteten und windgeschützten Kessel auf dem Weg zum Biwak. Die Gefahr von Nassschneelawinen steigt bei diesen Temperaturen von Minute zu Minute an.

Linksseitig Felswände, oben mächtige Wechten, rechtsseitig in der Sonne funkelnde Eiszapfen – ein Rezept für unvergessliche Augenblicke! Es folgen zwei Stände, den ersten müssen wir freibuddeln. Mit jedem Meter Abseilen wird es wärmer und wärmer, der Schnee feuchter. Die Abfahrt und das Traversieren der massiven Lawinenkegel findet bereits in frühlingshaftem Sulz statt.

Richtung Biwak – Richtung Gemütlichkeit

Den Aufstieg nehmen wir ohne wärmenden Bekleidungsschichten in Angriff. Denn die Sonne brennt hinunter. Trotz vorsichtiger Eile, um bei solchen Temperaturen nicht in eine Nassschnee-Situation zu geraten – kurze Trinkpausen und ein geniesserischer Blick zurück nicht vergessen!

Nach einigen schweisstreibenden Höhenmetern und Spitzkehren erreichen wir schliesslich die offene Ebene des Wendengletschers. Wie in Trance schreiten wir über das ewige Eis, die Weite scheint endlos – das Panorama ebenso!
Das heutige Tagesziel, das Grassenbiwak, wird sichtbar. Bald steigen wir die letzten Meter Richtung Biwak auf dem Tierberg empor… die Rast lockt. Aussicht, Schnee, Raum und Gemütlichkeit hat die Unterkunft reichlich – sogar ein kleiner Weinkeller gibts. Nach einem wohlverdienten Mittagsplättli und einem darauffolgenden Nachmittagsschlaf wird gemeinsam ein deftiges Abendessen gekocht, wir lassen den Abend mit den letzten Sonnenstrahlen am Horizont und geselligen Momenten ausklingen.

Der Grassen ruft

Viertelvor Vier – der Wecker klingelt. Die Rucksäcke sind rasch gepackt, ein Tee mit Riegel als erster Happen und schon gehts im Lichtkegel der Stirnlampen, mit den Harscheisen montiert, in Richtung Gipfel.

Nach kurzweiligen Aufstieg: die Gipfelwechte. Bruno gibt die Spur vor, denn links ist der Grat und rechts fällt der Gletscher steil ab. Wir reduzieren das Licht der Stirnlampen auf ein Minimum, und erreichen exakt mit der aufgehenden Sonne den Gipfel: Die Zeit steht still.

Welch ein Moment! Die aufgehende Sonne taucht die gesamte Bergkette in ein magisches Licht. Genau von solchen Augenblicken werden wir noch wochenlang zehren. Doch nun knurrt der Bauch, Zeit für die Abfahrt.

Abfahrten bei Sonne und Sulz

Die erste rassige Abfahrt bringt uns ins Biwak. Wir gönnen uns ein ausgiebiges Frühstück.

Dann geht es hinunter ins Engelbergertal: oben hart und frisch, unten weich und warm, auf 2000 m.ü.M um halb 9 Uhr morgens wird die Schneedecke bereits weich und feucht – anstrengende Schwünge mit rassigem Charakter.

Welch ein Moment! Die aufgehende Sonne taucht die gesamte Bergkette in ein magisches Licht. Genau von solchen Augenblicken werden wir noch wochenlang zehren. Doch nun knurrt der Bauch, Zeit für die Abfahrt.
Für die letzten Meter müssen wir die Skier aufbinden und zu Fuss ins Tal laufen. Links erinnert ein Lawinenkegel an den schneereichen Winter, rechts eine saftig grüne Alpwiese: Winter und Frühling treffen aufeinander. Was für eine Tour!

Übersichtskarte