Genussvolle Herbstwanderung aufs Ochsenhorn

3. September 2019

Das tiefste Tal der Schweiz und der höchste Weinberg Europas – der Tärbinerberg im Wallis geizt nicht mit Superlativen. Umso überraschender ist die Ruhe, die Wanderer dort vorfinden.

Fotos: Iris Kürschner

Fotografin und Autorin
Berge und die Fotografie sind ihre Passion.
Ein Lichtbad in Gold – das hatten wir nicht erwartet. Der graue Wolkenschleier des Nachmittags hatte eine fade Abendstimmung vermuten lassen. Doch im Westen blieb ein Spalt frei für die untergehende Sonne, die ihr Feuer nun über die Landschaft wirft, als würde sie unter Strom stehen.

Der ganze Körper, jede Zelle, saugt das goldene Licht ein und beginnt selbst mehr und mehr zu leuchten. Genauso unwirklich erscheint, dass wir völlig alleine hier oben sind. Und das gerade mal sechs Kilometer Luftlinie vom verkehrsmalträtierten Visp entfernt. Das verlassene Tipi, das wir hier oben überraschend vorgefunden haben, befreien wir von Mäuseköteln. Schlafsack und Matte finden auf einem Holzpodest Platz.

Rückblick: frühmorgens in Visp. Es tut gut, direkt vom Bahnhof starten zu können, nicht nur für das Gewissen und einen reduzierten CO2-Fussabdruck. Stressfrei und gelassen fädeln wir uns durch die Gassen. Als Autofahrer liesse sich der Charme von Visp niemals erfassen. Über die schäumende Vispa klettern stotzige Flanken in den Himmel, glitzern hoch droben die Gletscher des Balfrin und geben einen ersten Eindruck vom tiefsten Tal der Schweiz. Während jeder, dem Rang und Namen wichtig sind, nach Zermatt und Saas-Fee im Talschluss eilt, wollen Dieter und ich einem Berg mit dem unprätentiösen Namen Ochsenhorn (2912 m) aufs Haupt steigen. Ganz alleine und doch mit mächtiger Gipfelprominenz als Begleitung.

Zum Himmelreich und weiter

Kurzweil in der mittelalterlichen Kulisse des Altstadthügels. An den Fassaden angebrachte Schilder verraten, welcher Adel in den prächtigen Häusern logierte, welche Geschichte der im Weg liegende Blaue Stein trägt, wie auch die Suste aus dem Jahr 1352, der bedeutungsvolle Warenumschlagplatz. Fast hätten wir das Fresko am Schuhmacherhaus, einer ehemaligen Weinstube, nicht bemerkt: zwei Traubenträger, schwerbeladen mit Gwäss. Ein erster Hinweis auf das flüssige Gold von Visperterminen. Denn durch den höchsten Weinberg Europas soll es gehen, der sich der Altstadt anschliesst. Der Gwäss trägt den ältesten bekannten Namen einer Rebsorte und war im 16. Jahrhundert der am weitesten verbreitete weisse Landwein. Auch von anderen Rebsorten wie Lafetschna, Himbertscha, Cornalin, Resi, Eyholzer oder Humagne haben viele «Üsserschwiizer» noch nie gehört. Einige dieser autochthonen, andernorts kaum vorkommenden Traubengewächse werden im Weinberg von Visperterminen sorgsam gehegt und gepflegt.

Von den Ufern der Vispa auf 650 Meter erstreckt er sich bis auf 1125 Meter Höhe hinauf. Ein Reblehrpfad leitet uns durch die steil angelegten Weinterrassen, deren höchste Parzelle «Himmelreich» heisst. Es duftet nach Süden. Wilde Kräuter zwischen Weinstöcken. Auch Feigen und Kiwis, Eidechsen und Gottesanbeterinnen lieben die Hitze im Sonnenhang. Die grösste Anbaufläche beansprucht die Heida-Rebe – ein Zauberwort für jeden Weinliebhaber, Rarität einer uralten Rebsorte, gefeiert als die «Perle der Alpenweine». Genauer handelt es sich um die weisse Savagnin-Traube (nicht zu verwechseln mit Sauvignon), die in Südtirol als Traminer bekannt ist. Nichts jedoch kommt an den Heida heran, sagen die Kenner. Die pralle Sonne, die sich tagsüber in den Trockenmauern speichert und nachts ihre Wärme abgibt, lässt den Zuckergehalt in den Trauben auf Traumwerte steigen.

Von den Ufern der Vispa auf 650 Meter erstreckt er sich bis auf 1125 Meter Höhe hinauf. Ein Reblehrpfad leitet uns durch die steil angelegten Weinterrassen, deren höchste Parzelle «Himmelreich» heisst. Es duftet nach Süden. Wilde Kräuter zwischen Weinstöcken. Auch Feigen und Kiwis, Eidechsen und Gottesanbeterinnen lieben die Hitze im Sonnenhang. Die grösste Anbaufläche beansprucht die Heida-Rebe – ein Zauberwort für jeden Weinliebhaber, Rarität einer uralten Rebsorte, gefeiert als die «Perle der Alpenweine». Genauer handelt es sich um die weisse Savagnin-Traube (nicht zu verwechseln mit Sauvignon), die in Südtirol als Traminer bekannt ist. Nichts jedoch kommt an den Heida heran, sagen die Kenner. Die pralle Sonne, die sich tagsüber in den Trockenmauern speichert und nachts ihre Wärme abgibt, lässt den Zuckergehalt in den Trauben auf Traumwerte steigen.

Viertausender-Schau und ein blaues Auge

Ab Visperterminen kürzen wir ein waldiges Wegstück mit der Sesselbahn ab, steigen von der Bergstation Giw durch letzte Lärchenhaine in ein umwerfendes Panorama. Fletschhorn (3985 m), Mischabelgruppe und Weisshorn (4506 m) sind ganz nah. Im Norden der Berner Alpenkamm mit dem Bietschhorn als Blickfang. Sogar den Aletschgletscher sieht man.

Die unscheinbare Wegspur verdeutlicht, wie wenige über den Grat wandern. Zunächst als breiter Bergrücken verengt er sich zum Felsengerippe, an dem immer mal wieder auch die Hände zum Einsatz kommen. Unter den Südostflanken des Ochsenhorns blitzt ein blaues Auge herauf. Der Blausee liegt schon im Schatten, als wir vorbeikommen und ins Nanztal absteigen. Wie mit einem Lineal gezogen, zeichnet die Heido-Suone ein Band durch die Talseiten. Aus der Zeit der Heiden, also noch vor der Evangelisation, brachte dieser Wasserkanal damals schon das kostbare Nass vom Gamsagletscher am Fusse des Fletschhorns zu den durstigen Reben. Das Wallis kannte schon immer wenig Niederschlag, da die hohen Berge die Regenwolken abhalten. So mussten sich die Altvorderen ein kreatives Wassermanagement einfallen lassen. Ausgeklügelt, mit nur leichtem Gefälle, um die Wucht des Wassers niedrig und in den Kanälen zu halten. Und das häufig durch wildes Gelände. Mancher Abschnitt der Heido musste in den Fels geschlagen werden.

Bequem dahinmarschierend zum einlullenden Geplätscher des Baches kommt der Rückmarsch an der Suone Richtung Gibidumpass und Giw einer Meditation gleich. Am Gibidumsee stossen wir auf das verwaiste Tipi.

Wächter des Wassers

Als wachse das Weisshorn direkt aus dem See, so der erste Gedanke, als wir morgens aus dem Zelt blinzeln und von einer weissen Wand geblendet werden. Die klare Luft des Herbstes gaukelt Nähe vor. Auch Heinz Stoffel ist hier gerne unterwegs. Der Tärbiner (wie sich die Visperterminer nennen) schafft bei der Lonza, aber auch als Wanderleiter. Ohne ihn wäre uns der Schleichpfad über das Chrizerhorlini nicht aufgefallen. Und wir wären auch nicht über die Wyssi Flue ins Äntschi abgestiegen.

Von der verträumten Lichtung sieht man ins Nanztal und lernt zwei fast vergessene Suonen kennen: die obere und die untere Niwa. «Mühsam und lebensgefährlich war deren Unterhalt in den Steilflanken», erzählt Heinz. Unwetter, Lawinen und Murenabgänge zerstörten nicht selten ganze Abschnitte. Ein Tunnel brachte die Wende. Sein Bau Ende des 19. Jahrhunderts war ein monströses Unterfangen. Weitgehend händisch wurde er in den Fels gebohrt – 2647 Meter lang, zwei Meter hoch und 1,3 Meter breit –, was die geplante vierjährige Bauzeit verfünffachte. Mit seiner Eröffnung 1916 kam Kontinuität in die Bewässerung der wertvollen Äcker und Wiesen am Tärbinerberg. Harte Dürreperioden hatten zuvor ganze Sippschaften zur Auswanderung gezwungen, viele nach Argentinien oder in die USA. Mit dem Tunnel kam auch das elektrische Licht, kaufte sich die Lonza das Recht ab, im Winter und nachts das Wasser zur Stromerzeugung nutzen zu dürfen.

Wir wandern entlang der Niwa zum Hüoterhüsi. Mitunter balanciert der Weg als Holzsteg in lotrechten Felswänden. Man bekommt einen Eindruck, welchen Gefahren der Wasserwärter ausgesetzt war. «Als Sander nahm man am liebsten Ledige», sagt Heinz, «denn es kamen immer wieder welche um.» Als wichtigen Zeitzeugen liess die Gemeinde das Hüoterhüsi von anno 1764 wieder instand setzen, in dem schon lange kein Wasserhüter mehr lebt. Heute obliegt diese Aufgabe dem Werkhofchef Eligius Stoffel und seinem Team. Zu dritt wandern sie alle drei Wochen die 13 Suonen des Dorfes ab. Im Herbst beispielsweise können die Nadeln der Lärchen die Wasserleiten verstopfen. Heinz kramt Holztäfelchen aus seinem Rucksack, sogenannte Wassertesseln. Nicht schriftlich, sondern mit Einritzungen hielt man früher die komplizierten Wasserrechte und -pflichten fest. «Wegen der Analphabeten und weil es noch kein Papier gab», erwähnt Heinz. Wer wann das Wässerwasser auf seine Parzelle bekommt, funktioniert längst computergesteuert.

Es wird heisser und heisser

Bald nach dem Kulturdenkmal treffen wir auf die Bodmeri. Die jüngste Suone am Tärbinerberg befördert das Tunnelwasser. Noch fliesst es reichlich, weil die Gletscher schmelzen. Doch das Land dürstet. Früher waren 32 Grad Hitze eine Notiz im Walliser Boten wert, so Heinz. Heute sei das ganz normal, fängt die Hitze schon im April an und dauert bis in den Herbst. Munter gurgelt die Bodmeri und leitet uns durch verwunschenen Wald ins freie Gelände. In der Sonne glitzert das Wasser wie flüssiges Gold.