Göttern aufs Dach steigen

14. September 2020

Die polnische Kletterin und Dokumentarfilmerin Eliza Kubarska hat den Film «Wall of Shadows» über das Leben der Sherpas mit den Expeditionen gedreht. Ein Gespräch darüber, wie unterschiedlich Sherpas und Bergsteiger die Berge sehen und wie man auf 5000 Metern einen Film dreht.

Fotos: Wall of Shadows

Redaktor, 4-Seasons Magazin
fasziniert von Wasser, Bergen, und der Kombination der beiden.
Eliza, ohne zu viel zu verraten, worum geht es in deinem Film «The Wall of Shadows»?
Eliza: Es geht um eine Sherpa-Familie ganz im Osten Nepals. Der Vater Ngada arbeitet als Climbing-Sherpa für Expeditionen. Sein Sohn Dawa ist 16 Jahre alt und möcht­e gerne Arzt werden. Die Mutter Jomdoe arbeitet ebenfalls als Trägerin. Und dann kommt eine Expedition, die einen Berg in ihrer Nähe besteigen möchte, der aber für die Sherpas­­ heilig ist. Ngada möchte Geld verdienen, um seinem Sohn irgendwann die Ausbildung zu ermöglichen. Gleichzeitig missachtet er so seine Religion. Das ist der Konflikt.

Wie entstand die Idee?
Als ich einen Film über den K2 gedreht habe, war ich von den Baltiträgern in Pakistan beeindruckt und wollte einen Film über die Menschen hinter den Bergexpeditionen machen. An den Sherpas in Nepal interessierte mich zusätzlich, dass viele Berge dort für die Einheimischen heilig sind und nicht bestiegen werden sollen. Aber aus wirtschaftlichen Gründen mussten sie die Regeln und ihren Glauben ändern. Ich wollte diesen Prozess zeigen, wenn ein heiliger Berg sein­e Heiligkeit verliert. Gleichzeitig wollte ich eine Expedition aus der Perspektive der Sherpas begleiten.
Wie hast du den passenden Berg und deine Protagonisten gefunden?
Ich bin 2016 zum Kangchendzönga im Himalaja gereist, weil ich dachte, dass der trotz zahlreicher Besteigungen noch heilig ist. Ich war zwei Wochen zu Fuss unterwegs und als ich ankam, sagte­­n die Leute: «Tut uns leid, der Kangchendzönga ist nicht mehr heilig. Aber der Kumbhakarna ist heilig.» Diese­­­r Berg war nicht weit entfernt. Im Dorf direkt am Bergfuss lernte ich Ngada Sherpa und seine Familie kennen. Ngad­­a stand neun Mal auf dem Everest und zwei Mal auf dem Kangchendzönga. In Polen wäre er damit finanziell gut aufgestellt. In Nepal hatte sich für ihn nicht viel geändert.

Was für ein Berg ist der Kumbhakarna?
Bergsteiger kennen ihn unter dem Namen Jannu. Er ist 7711 Meter hoch. Eine Expedition um den französischen Bergsteiger Lionel Terray hat den Gipfel 1962 über den Südostgrat erstbestiegen. Die Nordwand wurde vor 16 Jahren von einem grossen russischen Team aus über zehn Bergsteigern gemacht. An der ähnlich schwierigen Ostwand gab es Versuche, aber bislang hat sie keiner komplett durchstiegen.
Wie hat sich dann dein Film entwickelt?
Ein Jahr später kam ich mit meinem Kameramann, meiner Tontechnikerin und der Produzentin zurück. Wir lebten einen Monat mit den Sherpas im Dorf und lernten ihren Alltag kennen. Sie leben wirklich unter harten Bedingungen, sie haben nur im Sommer Strom, nur Feuer, es ist oft sehr kalt. Wir haben viel Zeit mit ihnen verbracht, um eine Beziehung aufzubauen und ihnen zu zeigen, wie wir mit der Kamera arbeiten. Ich blieb danach die ganze Zeit mit ihnen in Kontakt.

Du hattest also die Sherpas als Protagonisten gefunden und brauchtest du noch eine Expeditio­­n, die klettern würde?
Ich dachte, der Jannu ist zu schwer. Aber dann las ich von zwei Russen, Dmitry Golovchenko und Sergey Nilov. Sie hatten gerade einen Piolet d’Or [Anm. gilt als Bergsteiger-Oscar] gewonnen. Im Interview erzählte Dmitry, dass ihre preisgekrönte Tour nur ein Ersatzziel gewesen sei. Eigentlich hatten sie zum Jannu gewollt, aber nicht genug Geld auftreiben können. Ich schrieb ihnen und sie sagten: «Natürlich wollen wir noch den Jannu besteigen.» Weil die Russen dafür noch einen dritten Bergsteiger suchten, schlug ich meinen Kletterfreund Marcin Tomaszewski vor, einen der besten polnischen Alpinisten.
Die Sherpas haben die Besteigung unterstützt?
Im Film sieht man, wie der Vater Ngada und die Mutter Jomdo­­e diskutieren. Ngada will die Expedition begleiten und Jomdoe sagt, dass man einen heiligen Berg nicht besteigen soll. Sie entscheiden sich dann, für die Expedition zu arbeiten.

Warum wollten die Bergsteiger zur Ostwand?
Mir wäre die Nordwand lieber gewesen, die liegt direkt hinter dem Dorf meiner Sherpa-Protagonisten. Aber die Russen ware­n nicht interessiert, weil die bereits durchstiegen war. Zur Ostwan­­d mussten wir erst langwierig hinmarschieren. Das Basis­lager liegt auf einem Gletscher in 5000 Metern Höhe. Dort mit einem ganzen Filmteam zu bleiben, war kompliziert.

Zu welcher Zeit wart ihr am Berg?
Wir waren Ende Februar unterwegs, weil die Wand dann bestmöglich gefroren ist. Das bedeutet für die Kletterer mehr Sicherheit, für meine Filmcrew aber härtere Bedingungen. Das waren ja keine Bergsteiger, sondern nur sehr gute Filmemacher. Es hat dann für die Jahreszeit zu viel geschneit, plötzlich lagen ein bis zwei Meter Schnee. Wir konnten das Basislager lange Zeit nicht erreichen und mussten um den ganzen Berg herumgehen, weil wir nicht über die hohen Pässe kamen.
Schliesslich stieg der Bergsteiger aus, den du empfohlen hattest ...
Vor Ort entpuppte sich die Wand als schwieriger und gefährlicher als angenommen. Weil so viel Schnee lag und weil seine Akklimatisation noch nicht ausreichend war, entschied Marcin, dass es ihm für einen Versuch zu gefährlich ist. Mir war das lieber, als wenn ihm etwas passieren würde. Gleichzeitig war das schlecht für die Russen. Die beste Taktik ist ein Team aus drei Leuten: Einer steigt vor, einer sichert und einer zieht die Ausrüstung hinterher oder ruht aus. Bei nur zwei Leuten muss der Vorsteiger auch noch die Ausrüstung nachziehen.

Trotzdem sind die Russen losgeklettert. Hast du dich mitverantwortlich gefühlt?
Ich kenne viele Bergsteiger aus Polen und westlichen Ländern, aber noch nie habe ich so eine Motivation und Konzen­tration erlebt. Dmitry und Sergey sind die besten Bergsteiger, die ich je gesehen habe. Im Kaukasus gehen sie extra bei schlechtem Wetter klettern, um für extreme und gefährliche Bedingunge­­n zu trainieren. Es war ihr ausdrücklicher Wunsch, den Jannu zu besteigen, aber natürlich war ich gestresst.

Dmitry sagt irgendwann den Satz: «In diesem Film geht es nicht ums Bergsteigen, sondern um Menschen.» Hattest du ihnen nicht gesagt, was für einen Film du planst?
Sie wussten, dass sich die Story um die Sherpas dreht und die Expedition nur ein Nebenprodukt ist. Es ist für Berg­steiger natürlich schwer, wenn ihre extreme Erstbegehung nur Kulisse für eine andere Geschichte ist. Ich habe die Aussage erst im Schneide­raum gefunden und fand sie sehr schön. Dmitry sagt genau das, worum es in diesem Film geht.
Wie habt ihr alles gefilmt?
Mein Hauptkameramann war Piotr Rosołowski. Er ist Pole, lebt aber in Berlin und war für seinen Film «Rabbit à la Berlin» für den Oscar nominiert. Er ist aber kein Bergsteiger. Deswegen war unter anderem Keith Partridge aus Grossbritannien dabei. Er hat den Film «Sturz ins Leere» über die Geschichte mit Joe Simpson gedreht – einen der besten Bergfilme überhaupt. Die Szenen oben am Berg haben Dmitry und Sergey selbst gefilmt. Ein Problem war die Stromversorgung im Basislager. Zu Beginn brach der Generator zusammen und wir konnten keine Batterien laden. Wir waren so weit von der Zivilisation entfernt, dass es fast eine Woche dauerte, bis wir einen neuen Generator bekamen. So lange haben wir wirklich Speicher­karten und Drehminuten gezählt.

Wie war es für die Sherpas, ständig von Kameras umgeben zu sein?
Dadurch, dass wir früh viel Zeit mit ihnen verbracht haben, waren sie daran gewöhnt. Es war wie eine Art Spiel, dass wir einen Film machen. Das hat ihnen Spass gemacht, manchmal war es anstrengend und sicher waren sie auch mal genervt.

Sprichst du Nepalesisch oder wie habt ihr verstanden, was ihr gerade dreht?
Nein, wir wussten oft nicht, was bei den Sherpas vor sich ging. Aber so erkennt man einen guten Kameramann. Er muss seinem Instinkt folgen und Szenen filmen, die er zumindest von der Sprache her nicht versteht.
Wie habt ihr die Dialoge später übersetzt?
Die Sherpas in unserem Film sprechen einen tibetischen Dialekt, den vielleicht zweihundert Menschen verstehen. Wir hatte­­­n Glück, dass wir einen Jungen namens Chungdak aus dem Dorf fanden, der einen Computer benutzen konnte. Wir brachten ihm bei, wie man das Programm benutzt, schickten ihm Szenen und er schrieb uns Untertitel. Er war einfach unglaublich.

Kann Dawa Sherpa denn jetzt Medizin ­studieren?
Mit der Expedition hat sein Vater Ngada nicht genug verdient – auch weil er aufgrund der hohen Schwierigkeiten nicht selbst am Berg geklettert ist. Dawa ist aber sehr gut in der Schule und ich glaube wirklich, dass er Arzt werden kann. Ich wollte Dawa mit zur Filmpremiere auf ein Festival in Kanada nehmen und dort Geld für ihn sammeln, leider kam Corona dazwischen. Mein Plan ist jetzt, bei den Filmvorführungen und mit einer Onlinepetition für Dawa zu sammeln.

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