Gravelbike: Tausendundein Höhenmeter

28. Februar 2020

Bikepacking im Atlasgebirge in Marokko – die perfekte Winterflucht? Der Fotograf Sebastian Stiphout hat es mit seinem Sohn Luca ausprobiert. Eine Gravelbike-Reise mit vielen Höhen und Tiefen.

Fotos: Sebastian Stiphout

Fotograf
Macht mit und ohne Höschen eine gute Figur
Leicht ratlos und fast nackt stehen wir zwei so da. Zusammengepfercht in einem dunklen, stickig-heissen Raum. Der Dampf so dicht, dass man seine Hand kaum vor den Augen sehen kann. Eine kleine rundliche marokkanische Frau kommt rein und macht mit Handzeichen klar: Bademantel aus! Luca hatte darauf bestanden, seine Boxershorts anzulassen. Ich, ahnungslos, hatte mir gedacht: «Die wird sicher nass, ich ziehe sie direkt aus.» Leicht geniert drehe ich mich also um und streife den Bademantel ab. Hinter mir plötzlich ein Aufschrei: «No, no, no!» Luca schaut mich schockiert und blamiert an. Der Anblick meines blanken, bleichen Hinterteils hat die arme Frau dazu gebracht, aus der Dampfhöhle zu fliehen. Dann öffnet sich die Tür einen Spalt und eine Hand drückt uns zwei kleine Keuschheits-Höschen in die Hand. Nachdem wir sie angezogen haben, kann die Hammam-Behandlung endlich beginnen: Mit einem schmirgelpapierartigen Handschuh werden wir mit einer braunen, klebrigen Seifenpaste eingeschmiert und abgerieben, dann heiss abgespült. Das war Teil eins. Zum Glück folgt danach noch die wohlverdiente Massage, auf die wir uns so sehr gefreut haben: Fast 500 Kilometer und 7000 Höhenmeter über sechs wundervolle Tage verteilt haben uns über staubige Pisten, hohe Passstrassen und durch gewaltige Landschaften hierhin zurückgeführt. Zurück zur Medina (Altstadt) mitten in Marrakesch, von wo wir lospedaliert sind.

Ein Vater-Sohn-Abenteuer

Sonnenschein, karge Landschaften, leere Strassen, Abenteuer – das waren die Zutaten, nach denen mein 15-jähriger Sohn Luca und ich für unsere gemeinsame Winterreise gesucht hatten. Wir wollten weg, dem Winter entfliehen und auf zwei Rädern ein Abenteuer erleben. Ich habe grosses Glück: Meinem Sohn macht das Velofahren genauso viel Spass wie mir. Letztes Jahr haben wir zusammen zehn Tage die wilde Westküste Schottlands bereist, auch auf zwei Rädern, sehr minimalistisch unterwegs. Als Luca elf Jahre alt war, habe ich ihn ein halbes Jahr aus der Schule genommen und wir haben eine Weltreise unternommen. Zwei Rucksäcke, Kameraausrüstung und Schulbücher im Gepäck. Vor zwei Jahren haben wir angefangen, Rennvelo zu fahren und ziemlich schnell das Bikepacking für uns entdeckt. Allerdings meistens auf sogenannten Gravelbikes: Im Prinzip sind das Velos mit Rennvelolenkern, dicken Reifen und grosser Übersetzung. Das Motto dabei: möglichst minimalistisch ausgestattet – je leichter, desto schneller ist man unterwegs.
Alles, was wir für unsere Biketour in Marokko brauchten – Zelt, Schlafsäcke, Kochequipment, Kleidung –, hatten wir in mehreren Taschen verpackt an unseren Rädern. Einen schweren Fotorucksack trug ich auf dem Rücken. Unsere Räder, inklusive Gepäck und eines Liters Wasser an Bord, wogen gerade mal 16 Kilogramm. Leichter war unser Equipment noch nie. Allerdings: So leicht unterwegs zu sein bedeutet auch, Kompromisse machen zu müssen: So hatten wir nur unsere Bikeschuhe dabei, für ein weiteres Paar war kein Platz. Bei den Klamotten sind wir nach dem Zwiebelprinzip vorgegangen: jeweils zwei Velohosen, kurz­ärmelige Trikots, langärmelige dünne Jacken, eine gefütterte Velojacke. Für die kältesten Tage noch wasser- und winddichte Gore-Tex-Jacken. Ein paar Beinlinge und auch da eine lange Gore-Tex-Hose gegen den Fahrtwind.
Bikepacking ist die perfekte Art, ein Land zu bereisen: Man sieht sehr viel, kann gut Strecke machen und kommt sportlich auch noch voll auf seine Kosten. Und mit einem minimalistischen Setup ist man völlig autark unterwegs.

Marokkos anstrengende Seite

Nach der ersten Nacht in Marrakesch ging es endlich los: Ich hatte zwar eine grobe Route definiert, aber wir wollten flexibel bleiben, jederzeit den Plan anpassen und verändern können. Marrakesch, am Fusse des Atlasgebirges gelegen, schien mir bei der Vorbereitung der beste Ausgangspunkt für die Tour zu sein. Die Idee: von dort aus das Gebirge in südlicher Richtung zu überqueren. Über wenig befahrene Wege wollten wir einige kulturelle Highlights besuchen, Orte wie Telouet und Ait Benhaddou, früher mal wichtige Handelszentren zu Zeiten der Karawanen zwischen dem sagenumwobenen Timbuktu in Mali und der Sahara. Von dort aus wollten wir weiter Richtung Wüste, um dann auf der anderen Seite des Atlas am Rande des Gebirges nach Nordosten zu fahren und den Kreis zurück nach Marrakesch zu schliessen. Die Route würde uns über die entlegene Passstrasse, den Col du Ouano, mit 2910 Metern die höchste befahrbare Strasse über den Atlas, und durch eine mehr als beeindruckende Schlucht, den Gorge du Dades, führen.

Nachdem wir am ersten Tag relativ entspannt von der Medina aus die ersten leichten Steigungen ins Visier genommen hatten, zeigte sich Marokko am zweiten Tag direkt von seiner anstrengenden Seite. Und zwar mit einem zermürbenden Anstieg mit konstanter 13-prozentiger Steigung! Luca und ich fluchten, während wir im kleinsten Gang versuchten, voranzukommen. So anstrengend dieser Tag war, so beeindruckend war die Landschaft: die schneebedeckten Atlas-Gipfel rings um uns herum, völlig verlassene, einsame Strassen, hier und da kleine verschlafene Örtchen. Egal wie klein sie sind, immer sind sie mit einem kleinen Minarett versehen. Auf die Plackerei folgte eine rasante kurvenreiche Abfahrt. Zum Mittagessen dann eine herrliche Lamm-Tajine (traditionelles marrokanisches Gericht), die uns genug stärkte, um die erste grosse Passstrasse in Angriff zu nehmen: den Tizi n’Tichka, rauf auf 2260 Meter. 30 Kilometer bergauf – auf der Hauptverkehrsader über den Atlas. Unser Ziel für diesen Tag war das Örtchen Telouet mit seinem architektonischen Wahrzeichen, der magischen Kasbah. Die Festung thront mitten auf einer wunderschönen Hochebene.
Telouet war früher eines der wichtigsten Handelszentren auf der Karawanenroute und Sitz einer der einflussreichsten und wohlhabendsten Berberfamilien des Landes. Leider ist das Gebäude fast vollständig verfallen und verwahrlost, aber eine lokale Organisation konnte den Speisesaal und den Harem vor dem Verfall retten. Ich musste meinen mürrischen Teen­ager-Sohn erst überzeugen, bevor er mit mir die Ruine besichtigte. Er wollte eigentlich sofort weiterfahren, war dann aber doch froh über die kulturelle Einlage: Das Gebäude, obwohl verfallen, ist extrem beeindruckend. Vor allem der Harem, in dem jeder Quadratzentimeter der Wände und Decken mit aufwendigen Mosaikverzierungen bedeckt ist.

Ein angenehmes Reiseland

Unsere Route an dem Tag war das zweite Highlight: knapp 80 Kilometer Abfahrt über kurvige verlassene Pisten. So gut wie kein Autoverkehr und dafür spektakuläre Landschaften. Nichts als rote Erde, blauer Himmel und ab und zu mittel­alterlich anmutende Siedlungen, rot und beige, passend zur Landschaft.
Abseits der Hauptverkehrswege sind die Strassen einsam – mal geteert, mal sandig. Zum Velofahren perfekt. Unsere Tages­etappen, meistens zwischen 70 und 130 Kilometer lang, waren genau richtig gewählt. An manchen Tagen waren die Höhenmeter eine echte Herausforderung, aber die wurden entschädigt durch andere Tage, die flacher und einfacher ausfielen. Generell ist das Reisen in Marokko sehr entspannt, mit ein paar Französisch-Kenntnissen kann man sich fast überall verständigen. Die Menschen sind sehr nett und gastfreundlich. Überraschend: Die Locals waren – obwohl wir keine anderen Velofahrer getroffen haben – nicht besonders interessiert an uns zwei Typen in engen Velo­klamotten auf schräg aussehenden Drahteseln.

Das jähe Ende der Tour

Am sechsten Tag, nach knapp 500 Kilometern, erwischte es uns dann leider eiskalt: Luca hatte vermutlich etwas Schlechtes gegessen und wurde von schlimmen Magenkrämpfen geplagt. Die extreme Kälte machte uns, vor allem in den kalten Morgenstunden, zu schaffen. Die langen, harten Tage im Sattel taten ihr Übriges. Eigentlich stand an diesem Tag die zweite Überquerung des Atlasgebirges auf dem Programm. Reich an neuen Erfahrungen und glücklich über das Geleistete entschieden wir uns schweren Herzens, die Tour abzu­brechen und mit einem klapperigen Taxi zurück nach zu fahren. Dort solle es hervorragende Hammams geben, hatte uns jemand vor der Tour berichtet …

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