Herzklopfen statt Maximalpuls

31. Mai 2021

Unser Noah hat sich aus seiner Komfortzone gewagt: In 14 Tagen ist er mit zwei Freunden von Chamonix nach Zermatt gewandert – und hat dabei seinen ersten Outdoorfilm gedreht.

Fotos: Noah Raaflaub

Kommunikation, Office Zürich
War im Herzen mit dabei
Ein informativer Tourenbericht würde an dieser Stelle zu kurz greifen. Denn beim Abenteuer von Noah, Nik und Fabio ging es nicht primär um die anspruchsvollen 14 Tage mit schwerem Rucksack. Noah ist kein gewöhnlicher Flachland-Indianer, auch ihn reizen landschaftliche Abwechslun­­g, introvertierte Einsamkeit, jedoch an erster Stelle: die Gefühl­­e hinter dem Abenteuer.

Die Route

Aber von vorne: Noah hat für die Tour mit zwei engen Freunden die Wallise­­r Haute Route ausgewählt. Von dieser legendären Fernwanderung gibt es bekanntlich Varianten wie Sand am Meer. Noahs Wahl fiel auf eine ganz eigene Route. Die Bilder des Buches «Wanderlust. Unterwegs auf legendären Wegen» haben es ihm als visuellem Menschen an­getan und die Basis für alles gelegt. Die begangene Route führt durch Schutzzonen, karge Bergkulissen und isolierte Regionen. Aber auch durch liebliche Landschaften, die dem Auge und der Seele Kontraste biete­­n.  

Los gehts: Die Beine machen den Start, denn der Flow des Fernwanderns setzt erst nach einigen Tagen ein. Man findet den Rhythmus, kommt allmählich in einen angenehmen Trott, kann in sich kehren und geniesse­­n. Den Start beschreibt Noah wegen der Touristenmassen als eher erschreckend. Chamonix und Umgebung sind atemberaubend, die Szenerie berauschend. Objektiv ist die Situation voll von Schönheit, subjektiv aber berühren andere Aspekte. Wir nehmen es vorweg: Auch das Matterhorn war nicht das Highlight. Nein, es waren «die Wiese ohne Namen» oder «das Stehenbleiben». Diese Aspekte machten den wirklichen, emotionalen Wert dieses Abenteuers aus. Die Höhepunkte im Wanderführer wurden mit der Zeit zu einer Nebensächlichkeit.

Noahs Variante

Anreise: Bern-Vallorcine (F)
Tag 1: Zug von Vallorcine nach Chamonix – Gondelbahn Station Planpraz – Lac Blanc – Lac des Chéserys. 
Tag 2: Abstieg nach Col des Monets – Aufstieg zu Refuge Col de balme (CH)
Tag 3: Abstieg nach Chalet du Glacier – Aufstieg zu Fenêtre d’Arpette – Abstieg Richtung Champex, Nachtlager in der Nähe von Relais d’Arpette. 
Tag 4: Relais d’Arpette nach Champex. Mit dem Bus vom Champex-Liddes. Übernachten in Schutzhütte zwischen Cabane Col de Mille und Cabane Brunet.
Tag 5: Über Cabane de brunet Abstieg nach Fionnay – Aufstieg zu Cabane de Louvie, Übernachten in Schutzhütte 10min neben Cabane de Louvie. 
Tag 6:  Weiter zum Col de louvie – Cabane de Prafleuri – Übernachten bei der Cabane des Ecoulaies
Tag 7: Weiter nach Lac des Dix – Cabane des Dix- Pas de chêvres – Arolla. 
Tag 8: Postauto Arolla – Les Haudères (wandern 2h). Von Les Haudères Aufstieg zu Villa – Col de Torrent. 
Tag 9: Abstieg zu gîte du Lac de Moiry – Aufstieg Col de Sorebois – Abstieg Richtung Zinal, Nachlager ca. 1,5h vor Zinal. 
Tag 10: Restliche Strecke bis Zinal – Aufstieg zu Forcletta
Tag 11: Forcletta – Turtmannstausee – Turtmannhütte – weiter bis aufs Schöllijoch (3343m.ü.m.)
Tag 12: Für Sonnenaufgang aufs Barrhorn, danach zurück zum Camp. Schöllijoch – Topalihütte - Abstieg über Weisshorn Höhenweg Richtung Randa, Nachtlager bei Längenflueberg, ca. 2h vor Randa. 
Tag 13: Längenflueberg – Randa – Täsch – Aufstieg zu Europaweghütte. Nachtlager ca. 40min. nach Europaweghütte. 
Tag 14: Aufstieg Pfulwe. Über Stellisee, Sunnegga und Ze Gassen bis nach Zermatt Dorf.

Es mänscheled

Kaum sind die ersten Kilometer zurückgelegt, drückt auch schon das Menschsein durch. Das junge Knie schmerzt. Wie praktisch, der Kumpel ist angehender Physio. Kaum ist Noahs Schmerz kontrolliert, schliesst Nik auf und flucht wie ein Berserker. Es ist spürbar, der Tiefpunkt lässt nicht lange auf sich warten. Die Mittagspause am zweiten Tag offenbart ein kleines Drama: Der Kocheraufsatz ist nicht auffindbar. Nach der Tortur der ersten Tage suchen die Jungs alle Ruckis durch, immer und immer wieder, erste Verzweiflung wird spürbar. Zeitgleich wird klar, dass Nüssli und Mangoschnitze beim besten Willen für das Bevorstehende nicht ausreichen. Und da knickt die Gruppendynamik ein: Nik zeigt ehrliche Emotionen, Fabio besticht mit seiner Ruhe und Noah verlier­­t seine Mitte. Aber diese Unterschiede machen einen starken Teamgeist aus. Gemeinsam fangen sich die drei und schaffen es zur nächsten Hütte. Der nette Wirt hilft mit kochendem Wasser aus und später in Champex können die drei einen neuen Kocher kaufen (nein, leider gibt es da keinen Transa).

Die Erfahrungen aus vorherigen Touren und Fernwanderungen sind nicht eins zu eins übertragbar, die Tagesleistungen nicht zu unterschätzen. Täglic­­h rund 1000 Höhenmeter rauf und runter ist nicht ohne und so steigt der Druck auf den Ungeübten in der Gruppe: Nik fällt schliesslich nach vier Tagen einen positiven Entscheid und gibt, bepackt mit wertvollen Erinnerungen, Forfait. Aber auch Noah und Fabio geben im Nachhinein offen zu: «Es hätte auch für uns gerne einmal einen Tag lang geradeaus gehen dürfen.»

Wann fängt das Ankommen an?

Nach rund zehn Tagen wirkt das Barrhorn als Orientierungs- und Sehnsuchtspunkt. Kaum ist der anspruchsvolle Abstieg vom Barrhorn geschafft, setzt kurioserweise der Stalldrang ein. Was das ist? Man beginn­­t den Geruch der eigenen Stube wieder zu riechen und eine Leichtigkeit des Nachhausewegs wird spürbar. Nicht die Lust lässt nach, sondern die Stimmung und die innere Haltung verändern sich. Und spätestens auf der Pfulwe, mit Sicht aufs Matterhorn, ist man schon fast wieder daheim. Die beiden Jungs sind um neun Uhr in der Früh an dieser Stelle und entschliessen sich kurzerhand für Entschleunigung statt Eilmarsch nach Zermatt. Mit einer bewussten Fondue-Pause auf einem Stein wird der Abschied vom Abenteuer achtsam eingeläutet.

Die beschriebenen Erlebnisse fanden teils während des Corona-Lockdowns statt. Die Protagonisten haben die bundesrätlichen Empfehlungen stets berücksichtigt. Auch wurde bei den Übernachtungen ­Rücksicht auf ­Privatgrund und Schutzgebiete genommen.

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Neukalibrierung

Und wie ist das Ankommen in Zermatt? Wie das Erreichen eines Zieles oft ist. Man plant, man fiebert, man macht, man geniesst, man zweifelt zwischendurch und dann kommt man einfach an. Kein Tamtam, keine Fanfaren und nichts. Aber das Zeit- und das Distanzgefühl sind aus dem Lot – oder eben genau wieder im Lot? Es folgt die Realisation, dass das Berne­­r Zuhause von Zermatt aus doch nur einen Katzensprung entfernt ist. Fernwanderungen ziehen das Nahe in die Länge. Die Kalibrierung auf Stadt und Alltag der beiden Freunde wird sicherlich einen Moment dauern. Aber zuerst ein Bier.

En Route - Zu Fuss von Chamonix nach Zermatt

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