Hoch hinaus ins Ungewisse

21. Mai 2019

René, Franziska und der lokale Bergführer Flo begaben sich im verwunschenen Bargistal bei Flims Laax auf Eiskletter-Tour. Erfahre mit ihnen, warum es sich lohnt, gewisse Risiken lieber nicht einzugehen. Die Belohnung folgt am Ende so oder so!

Fotos: Jonas Jäggy

Verkaufsberater Filiale Winterthur
Eiskletterer und Strahlemann

Als ich an diesem Montagmorgen kurz nach dem Aufstehen aus dem Fester schaue bin ich mir sicher: Heute wird ein Prachtstag! Der Himmel ist wolkenlos, die Nacht war klar und kalt. Perfekte Bedingungen für unser heutiges Unterfangen: Eisklettern in der Kathedrale, ganz zu hinterst im Bargistal.

Die Vorfreude ist gross!

Um 6.30 Uhr treffen wir uns mit unserem Bergführer Flo. Noch ein letzter Materialcheck, dann sind wir ready und starten den Zustieg. Dieser führt uns dem Fluss entlang ans hintere Ende dieses wunderbaren Hochtals. Wir geniessen die Ruhe und Abgeschiedenheit in dieser kleinen Begsport-Oase. Nach dem ersten Kilometer geht der präparierte Weg in einen Wanderweg über, der im Winter nicht geräumt wird. Ab hier montieren wir unsere Schneeschuhe. Die Schneedecke ist pickelhart gefroren, das stimmt uns zuversichtlich. Die letzten Tage war es überdurchschnittlich warm, keine optimalen Voraussetzungen fürs Eisklettern. Ob der Eisfall auf unserer geplanten Route über Nacht wohl genug gefrieren konnte?

Der Weg führt uns immer weiter entlang des Flusses ins Tal hinein. Nach etwa drei Kilometern beginnt ein sanfter Anstieg auf der rechten Talseite. Links und rechts von uns liegen unzählige Lawinenkegel, eindrücklich, wie uns auf diese Art die Kraft der Natur immer wieder vor Augen geführt wird. Noch vor wenigen Tagen hat es bis hier geregnet, was wir an den zahlreichen Rillen im Schnee erkennen können. Nasschneelawinen, ob durch den Regen oder aufgewärmt von der Sonne, wälzen sich wie Beton über die Hänge hinunter zum Talboden. Heute Morgen sind sie glücklicherweise hart gefroren - anstrengend ist der Zustieg über die zahlreichen Kegel aber allemal! Trotzdem huschen Franziska und mir immer wieder ein Grinsen über das Gesicht. Wir sind einfach glücklich, draussen zu sein!

Es wird wärmer - zu warm zum Eisklettern?

Weiter hinten wird der Schnee immer nasser und schwerer. Aber auch das gehört zum Abenteuer und so konzentrieren wir uns weniger auf die erschwerten Bedingungen als vielmehr auf die vielen Gämsen, die sich weiter oben auf den Felsbändern tummeln.

Schon bald weist uns Flo auf eine Felsform hin - den Adler. Dort oben beginne die Hochebene, der Ausgangspunkt zur Schlucht. Als wir diese erreichen, scheint die Sonne schon kräftig, der Schnee ist aufgeweicht und es wird richtig warm. Höchste Zeit, eine Schicht abzulegen. Von hier aus sehen wir knapp die umliegenden Bergspitzen, allen voran den Piz Dolf . Direkt vor uns befindet sich der Eingang zur Schlucht. In dieser versteckt sich auch der angepeilte Eisfall, die Kathedrale. Ob das Eisklettern möglich ist bei dieser Wärme? Erste Zweifel machen sich breit, doch wir bleiben zuversichtlich.

Mittlerweile sind wir in der Schlucht angekommen. Inmitten von steilen Felswänden folgen wir dem mit Schnee überdeckten Flussverlauf. Spätestens hier setzten wir uns die Helme auf! Zu gefährlich wäre ein Steinschlag von den steilen Felswänden links und rechts. Und so langsam bekommen wir auch ein Gefühl, warum der Eisfall Kathedrale genannt wird: Links und rechts steile Wände, kalt und schattig, oben zum Himmel offen, die spezielle Akustik - ein eindrückliches Ambiente!

Die grosse Ernüchterung - und eine noch bessere Alternative?

Und plötzlich stehen wir vor dem Eisfall - und Ernüchterung macht sich breit. Ganz oben scheint schon die Sonne drauf, was sehr ungünstig ist. Das Eis wird dadurch von Wasser unterspült, morsch und instabil. Um ehrlich zu sein: Ich bin ziemlich enttäuscht. War der eineinhalbstündige Anstieg über die vielen Lawinenkegel umsonst? Flo, Franziska und ich diskutieren hin und her bis wir entscheiden, dass das Klettern des Eisfalls unter diesen Umständen zu fahrlässig wäre. Ein weiteres Mal wird uns bewusst, dass die Natur einfach stärker ist. Doch was ist die Alternative? Gleich links von uns führt ein steiles Couloir ebenfalls auf die Ebene oberhalb des Wasserfalls - ist das die Lösung?

Die erste Enttäuschung ist überwunden und unsere Neugier geweckt. Wir steigen in unsere Klettergurten, montieren die Steigeisen und binden uns ein ans kurze Seil. Im Alpinstil - also ohne zusätzliche Bohrhaken oder vergleichbares fixes Material, welches ohnehin nicht vorhanden ist - steigen wir die schmale Rinne dem blauen Himmel entgegen. Im Couloir ist es noch schattig. Das hat den Vorteil, dass der Altschnee grundsätzlich kompakt ist, teils jedoch etwas körnig. Anders als beim reinen Eisklettern können wir nicht einfach Steigeisen und Eisgeräte im Eis platzieren, sondern müssen uns durch eine Kombination von Altschnee und eisigem Untergrund die Rinne emporarbeiten. Eine gern gesehene Herausforderung. Steigeisen wie Eisgeräte sind griffig und halten wunderbar - der Aufstieg ist ein Genuss!

Flo sichert uns von oben mittels einer T-Verankerung. Das heisst, er verankert sein Eisgerät horizontal im kompakten Firn, und montiert an diesem die Nachsicherung.

Ich bin schon etwas enttäuscht, dass wir auf diesen Cammino ausweichen mussten. Ich wäre sehr gerne den Eisfall geklettert, aber so läuft es halt manchmal. Und etwas riskieren, das unverantwortlich wäre, will ich auch nicht. Franziska hingegen ist begeistert von der neuen Route - und von ihrem Outfit. Sie schwärmt richtiggehend davon. Im Mix aus Altschnee, Eis und losem Untergrund hat sie mit ihrer Bekleidung beste Karten!

Ich freue mich ebenfalls über die Begehung des Couloirs, wäre aber doch lieber den Eisfall geklettert. Aber so läuft es halt manchmal. Etwas riskieren ohne Not wäre unverantwortlich und auch nicht in meinem Sinn.

Eine Erstbegehung?

Oben angekommen sind wir überzeugt: Da ist von uns noch keiner vorher hochgeklettert. Uns ist quasi eine Erstbegehung gelungen! Wir nennen die Rinne passenderweise «Il Cammino di Transa». Doch zur gegenseitigen Beglückwünschung bleibt nicht viel Zeit: Die Sonne steht mittlerweile schon hoch, nach einer ganz kurzen Mittagspause müssen wir uns beeilen. Der Abstieg führt durch einen nach Osten ausgerichteten Hang, hat also schon ordentlich Sonne abbekommen und ist entsprechend aufgeweicht. Die Lawinensituation verschärft sich um diese Tageszeit von Minute zu Minute. Auch das muss beim Eisklettern stets im Auge behalten werden. Besonders im Frühling erreichen Nassschneelawinen schnell immenses Ausmass, und können bis auf den Grund abreissen.

Dann, kurz bevor wir auf dem Rückweg den Talausgang erreichen, passiert es! Eine riesige Lawine löst sich und donnert zu Tal. Zum Glück können wir dieses Spektakel aus sicherer Distanz und von der gegenüberliegenden Talseite verfolgen. Wie ein letzter Abschiedsgruss erinnert uns die Natur noch einmal an ihre gewaltigen Kräfte.

Kurze Zeit später ist es geschafft! Nach einem langen und ereignisreichen Tag gönnen wir uns auf der Sonnenteraasse des Berghaus Bargis eine ausgedehnte Pause. Die Früchtewähe ist ein Traum, und das kühlende Getränk gefühlt doppelt so erfrischend wie sonst. In einer lustigen Runde lassen wir das Erlebte Revue passieren, fachsimpeln über vergangene Touren und schmieden schon die nächsten Pläne. Ein grandioser Tag in toller Gesellschaft und einem engagierten und umsichtigen Bergführer geht zu Ende.

Eisklettern Bargistal