Im Tal der Tausend Grüntöne

14. Juni 2021

«Granitparadies», das ist ein treffendes Wort für das liebliche Val di Mello im südlichen Bergell. Eine himmlische Entdeckungsfahrt mit vielen Friends, guten Freunden und einer satten Portion Moral.

Fotos: Simon Schöpf

Autor, 4-Seasons Magazin
Klettert gerne an Wortgebilden rum
Irgendwann kommt nach jedem langen Winter der Moment, an dem man als leidenschaftlicher Freikletterer anfängt, mysteriöse Stimmen im Kopf zu hören. Es sind Stimmen, die einem vorsäuseln von riesigen Wänden, sonnigen Tagen, geselligen Abenden mit guten Kameraden. Schelmisch kitzeln sie den Felshunger aus seiner Winterstarre, mit jedem warmen Tag hört man sie lauter.

Einige dieser Stimmen flüsterten von einer Art «Yosemite Europas», das es zu entdecken gäbe. Es läge gleich südlich der Schweizer Grenze, in der norditalienischen Provinz Sondrio. Die Wagemutigsten behaupteten sogar, es wäre gar nicht so abwegig, das Val Masino mit seinen Seitentälern Val di Mello und Val di Bagni zu den schönsten Ecken der gesamten Alpen zu zählen. Der Grund dafür liegt wohl irgendwo zwischen der Abgelegenheit und der Interpretation des überladenen Wortes «Ursprünglichkeit». Die einzige Attraktion ist hier die Natur selbst – zu bieten hat sie für alle genug. Den Boulderern werden riesige Granitblöcke in einer lieblichen Almlandschaft serviert, den Alpinfüchsen endlose Wandfluchten voller Bilderbuch-Risse, den Hochtourengehern vereiste Gletscher und Gipfel. Der grösste gemeinsame Nenne­­r ist dabei der Granit. Granit der allerfeinsten Sorte, und davon schier unendlich viel. Wir erhörten die Stimmen, gaben der Versuchung nach, stopften den Kombi voll mit allem, was unser Materiallager so hergab. Ab in den Süden, ab ins Bergell!

Internationale Bekanntheit erlangte das Val di Mello durch das jährliche Boulderfestival Melloblocco. Wem der soziale Aspekt des Klettersports wichtig ist, dem sei empfohlen, zum Festival-Wochenende anzureisen – das Mello wird dann ziemlich voll sein. Allen anderen sei empfohlen, nicht zum Festival-Wochenende im Mai anzureisen – das Mello wird dann ziemlich leer sein. Auch wenn es kein Geheimtipp mehr ist – abgesehen von der Hauptsaison im August, geht es im Val di Mello angenehm beschaulich zu. Einmal den Malojapass runtergerollt, vor dem Lago di Como links rauf, die Serpen­tinenstrasse hoch nach San Martino – und kurz darauf eingecheckt im Campeggio Ground Jack, unserem Basislager für die kommenden Tage. Cappuccino schlürfen, Brioche futtern, Kletterführer wälzen – angekommen im Paradies.


Weg zum aufgehenden Mond

Eines wird schon nach wenigen Buchseiten klar: Im Val di Mello sind die Namen der Routen ebenso pathetisch wie die Kletterei selbst. Der wahrscheinlich grösste Klassiker im Tal ist die «Luna Nascente» (6b+). Klar, dass der aufgehende Mond auch im Kletterführer in astronomische Höhen gelobt wird. Genauso klar, dass wir da natürlich auch reinmüssen. Am nächsten Tag wird früh gestartet, der Zustieg zum farbenfrohen Märchen. Blau, der Himmel über uns. Grau, die kleinen Steinhäuschen am Taleingang, durch deren enge Gassen man sich eingangs schlängelt. Kristallklar, das Wasser des Torrente Mello, aus unzähligen kleinen Seitenarmen gespeist. Weiss, die schneebedeckten Gipfel am Talschluss, der Grenze zur Schweiz. Und grün das Tal selbst – ein unendlich sattes, saftiges Grün.

Es wäre eine befriedigende Tagesaufgabe, sich einfach nur an den Fluss zu setzen, dem Plätschern zuzuhören und sich an all diesen Farben sattzusehen. Keine Ablenkung, pure Intensität. Schlussendlich sticht der Kletterer in uns aber den Romantiker und es dauert nicht lange, bis einer der Kollegen ruft: «Weiter gehts!» Unser Ziel die die Dimore degli Dei, der erste Wandaufschwung unter dem Scoglio delle Metamorfosi. Schon wieder so ein toller Name. Kleine Brücke über den Bach, links rauf, eintauchen in das satte Grün. Am lang ersehnten Einstieg der Luna fallen unsere schweren Rucksäcke endlich zu Boden. Doppelseil raus, Gurt an, Material umhängen – und dann ein kleines Glücksspiel. Wissen wir doch aus Überlieferungen, dass die fieseste Stelle der gesamten Route gleich ganz am Anfang wartet, ein moralischer Einstiegsboulder als Kaltstart. Da muss man schon Fortuna entscheiden lassen, wer die Seilschaft anführt, so will es die Ethik.

Trad steht für traditionell

Das Gute daran: Hat man die Stelle erst geschafft, kann man gewiss sein, dass es nur noch leichter wird. Und so ist es dann auch: Was folgt, sind 325 Meter Kletter-Delikatessen. Risse, Platten, Verschneidungen, Quergänge. Die Mondfahrt wird auf keinem Meter fad, die Landung ein Spektakel. Die Route steht Pate für die meisten Touren hier im Mello: Die Standplätze solide, dazwischen muss man seine Sicherungen schon selbst legen. Das ist auch der Grund, warum unsere Rucksäcke beim Zustieg so schwer gewogen haben. Pro Seilschaft ist ein Satz Friends und Klemmkeile notwendig, das geht ins Gewicht. Es verschiebt aber auch das Klettern in eine völlig neue Sphäre: Umsichtig und kontrolliert muss gestiegen werden, der mentale Aspekt spielt beim sogenannten Trad-Klettern eine viel grössere Rolle als beim bohrhakengesicherten Sportklettern. Welcher meiner farbigen Friends passt in diesen Handriss, welcher meiner Keile verklemmt sich in dieser engen Ritze? Würde meine selbstgelegte Sicherung einen Sturz halten? Oder mit einem lauten Peng aus der Wand krachen?

Will man wohl manchmal gar nicht so genau wissen. Fest steht: Risse lassen sich gut absichern, Platten nicht. Und das ist wohl genau das, was wir seit unserem Trip ehrfürchtig als die «Mello-Psycho-Platten» charakterisieren: kompakteste Felsabschnitte, in denen nichts anderes hilft, als blindlings auf den Reibungskoeffizienten der Gummisohle zu vertrauen. Die sogenannten «Runouts», also die Kletterstellen ohne mögliche Sicherung, erreichen in den oberen Seillängen der Luna respektable Grösse – weniger denken, mehr klettern. Bis die Mondlandung gelingt. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser Schritt für den Trad-Kletterer.

Nomen est omen

Die Luna Nascente war eine würdige Einführung in die kleine Welt des Mello-Kletterns – in der Trattoria Gatto Rosso nahe dem Campingplatz wird aber gleich wieder der Führer gewälzt, morgen solls wieder schön werden. Und wir finden tatsächlich eine Route, die einen noch epischeren Namen trägt: die «Oceano Irrationale» am – wieder einer dieser klangvollen Namen – Felsen des Precipizio degli Asteroidi. Und irrational, das ist Trad-Klettern mit Sicherheit. Warum schwindeligen Sicherungen trauen, wenn ich doch anderswo sichere Bohrhakenrouten klettern könnte? Warum haarsträubende Runouts auslaufen, wenn ich doch in der Halle genormte 1,5-Meter-Abstände finde? Doch genau das macht den Reiz des Trad-Kletterns aus: Man folgt den natürlichen Strukturen der Wand, man klettert in voller Kontrolle und in maximaler Eigenverantwortung.

Genug philosophiert, am nächsten Morgen tauchen wir ein in den Ozean der Irrationalitäten: Weit, weit oben befindet sich schon der Einstieg, der Zustieg anstrengend, steil und ausgesetzt. Gleich zum Start gibts wieder eine klassische Mello-Psycho-Platte, unabsicherbar und gefinkelt. Dann tolle Riss-Längen, die schon ganz nett pumpen, also Unterarmkraft kosten. Immer steiler wird es, dazu maximal ausgesetzt: In dieser endlosen Wand fühlt man sich noch viel mehr wie auf dem Mond als in der Luna selbst. Der berüchtigte Hangel-Quergang fordert schon Moral, und plötzlich ist er in Sichtweite: der Eremit. Eine einzelne Pinie, die es irgendwie geschafft hat, inmitten dieser abweisenden Granitfluchten Halt für ihre Wurzeln zu finden. Von anderen Kletterern wussten wir: Wenn wir es bis zum Eremiten schaffen, dann schaffen wir auch den Rest. Darüber kommen nur noch leichtere, geneigte Platten. Doch bis dahin schwitzen, fluchen, zittern – der Eremit fordert noch mal alles.

Vom Gipfel des Asteoridi schweift der Blick über das ganze Tal: weisse Gipfel, grüne Wälder, blauer Himmel. «Schönstes Plätzchen der Alpen», habt ihr geflüstert? Wir werfen unsere Seile zum Abseilen in die Tiefe und denken unisono: Die Stimmen haben nicht gelogen.

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