Mit dem Fernglas auf Spurensuche

21. Mai 2019

Familie Schüder begab sich mit Schneeschuhen unter den Sohlen ins Bargistal bei Flims. Dort wollen sie mit der Hilfe von Jäger Gion Steinböcke erspähen und beobachten. Ob sie dabei auch Erfolg hatten?

Fotos: Ruedi Thomi

Marketing Office Zürich
Fan von Schneeschuhwanderungen mit der ganzen Familie
Die Augen meiner beiden Jungs, Ivo und Till, sind noch etwas klein und müde an diesem Samstagmorgen. Während wir gemütlich frühstücken, ist es draussen noch stockdunkel. Doch mit jedem Bissen vom Konfibrot werden meine Jungs wacher und die Vorfreude auf unser verlängertes Wochenende im Bündnerland steigt. Zum Glück habe ich für alle erdenklichen Arten von Ferien oder längeren Aufenthalten eine Packliste auf meinem Computer abgespeichert. So verlief das gestrige Packen geschmeidig und ich kann mit meinen Jungs und meinem Mann Christian beruhigt Richtung Flims aufbrechen, wo wir heute einen Ausflug ins Bargistal unternehmen wollen.

Entspannte Anreise

Die Anreise erfolgt entspannt mit dem Postauto von Flims Post nach Fidaz Bargis. Am Eingang des wunderbar gelegenen Hochtals werden wir von Fabiola und Daniel, den beiden Besitzern des Berghaus Bargis in Empfang genommen. Die Begrüssung fällt sehr herzlich aus und die beiden zeigen uns die gemütlich eingerichteten Familienzimmer. Schon bald knurren unsere Bäuche, der Zmorge ist schon eine Weile her und für unser heutiges Abenteuer wollen wir uns noch einmal stärken. Ein Geheimtipp im Berghaus Bargis sind die hausgemachten Capuns. Zusammen mit einer währschaften Suppe ergibt sich ein köstliches Menu, welches ich jedem Gast unbedingt weiterempfehle. Während wir Erwachsenen noch einen Kafi geniessen, sind die Jungs mit ihren Gedanken längst bei den Steinböcken, die wir heute beobachten wollen.

Gestärkt und gut gelaunt treffen wir wenig später Jäger Gion mit Hund Corado. Gemeinsam wollen wir heute Nachmittag auf die Pirsch, Spuren lesen und Wildtiere sichten. Corado kümmert den Ausflug noch grad herzlich wenig, er macht erst mal Jagd auf einfach zugängliches Essen und schnüffelt an unserem Nüssli-Mix.

Im Gegensatz zu Corado gilt unsere Aufmerksamkeit nun nicht mehr dem Essen sondern den Wildruhezonen. Gleich zu Beginn der Schneeschuhroute sind diese auf einer Infotafel ausgewiesen – für uns aus zwei Gründen interessant, wie Jäger Gion erklärt: Einerseits können wir so sicherstellen, dass wir mit unseren Schneeschuhen keine Schutzzone betreten, andererseits diskutieren wir anhand der Karte, wo und wann wir welche Tiere beobachten könnten.

Auf zur Wildtierbeobachtung

Und dann gehts endlich los, Ivo und Till können es kaum erwarten. Mit den Schneeschuhen zu Beginn noch auf dem Rücken wandern wir über Stock und Stein das Tal hoch. Schon bald finden wir erste Tierspuren: Knapp 1 cm grosse, hellbraune, trockene «Kügeli». Was wie Breckkies aussieht ist in Wahrheit Hasendung. Jäger Gion erzählt, dass die Hasen die Kügeli in harten Wintern sogar wieder selber fressen. Wenig später stossen Till und Ivo auch auf Fuchsdung, welcher Haarbüschel enthält. Was der Fuchs wohl gefressen hat? Antworten finden die beiden Dank der Recherche im mitgebrachten Tierbuch.

Wir folgen weiter dem Bachlauf, welcher sich elegant durchs Tal schlängelt. Mittlerweile ist es später Nachmittag und der Schnee von der Sonne aufgeweicht. Ab hier geht es nur noch mit Schneeschuhen weiter. Tapfer stapfen wir weiter talaufwärts, im schweren Schnee verlieren wir immer wieder das Gleichgewicht. Zum Glück sind unsere Winterschuhe wasserdicht. Währenddessen sucht Gion mit den von uns mitgebrachten Zeiss Feldstechern die Hänge nach Gämsen und Steinböcken ab – bisher ohne Erfolg. Die Tiere sind scheu und geschickt getarnt. Ob sich der Wunsch von Ivo und Till heute noch erfüllen wird?

Wo verstecken sich die Steinböcke?

Und dann plötzlich, weit oben und versteckt zwischen den Bäumen, entdeckt Gion einige Gämsen. «Wie hast du die gefunden?» will Ivo sofort wissen. Mit einem Lächeln antwortet Gion, er kenne das Gebiet in- und auswendig und wisse daher immer in etwa, wo sich die Tiere gerne aufhalten. Doch es brauche auch immer Geduld und eine Portion Glück. Dieses bleibt uns – zumindest was die Steinböcke betrifft – für heute leider verwehrt.

Zuhinterst im Tal bei der grossen Holzbrücke ist es Zeit, umzukehren. Bei Ivo und Till macht sich etwas Enttäuschung breit, so sehr haben sie sich gewünscht, einen Blick auf einen Steinbock zu erhaschen. Doch Jäger Gion lässt die Gemüter der beiden bei einer ausgedehnten Pause schnell wieder erhellen. Neugierig löchern sie ihn mit Fragen: «Haben die Gämsen Angst vor Corado?», wollen sie wissen. «Wann stehst du normalerweise auf, um auf die Jagd zu gehen?“ „Weshalb leben die Steinböcke so weit oben?“. Geduldig beantwortet Gion die Fragen der beiden Tierbegeisterten.

Für einen Moment geniesse ich die Stille und Abgeschiedenheit dieses Tals. Doch das Gejauchze der beiden Jungs durchbricht die Ruhe umgehend, als sie eine grosse Schneewechte sehen, von wo die beiden runterspringen wollen. Sie springen runter und krabbeln hoch und wieder runter und hoch, bis sie schliesslich mit roten Wangen und ausser Atem aber mit einem Strahlen im Gesicht mit uns den Rückweg antreten.

Vor dem Znacht gewähren uns Fabiola und Daniel einen Blick in die Küche. Till widmet sich der Röschti- und Ivo der Fleischschneidemaschine. Als ihnen Daniel erklärt, dass die Röschtimaschine mehr kostet als ein Kleinwagen, sind die beiden Hobbyköche beeindruckt. Ich backe derweil kleinere Brötchen – und widme mich dem Schnittlauch.

Nach unserem spontanen Abstecher in die Restaurantküche freuen wir uns umso mehr aufs Znacht. Zur Überraschung aller beinhaltet dieser nicht etwa eine selber geraffelte Röschti, sondern einen frischen Salat mit herzhaften Pizokel – ein Gaumenschmaus! Abgerundet wird dieses traditionelle Menu von einem hervorragenden Tropfen Rotwein für meinen Mann Christian und mich.

Nächtliches Abenteuer

Für unsere Jungs haben wir nach dem Znacht noch eine kleine Überraschung bereit: Wir wollen die Milchstrasse sehen! Dazu gehen wir nach dem Eindunkeln nochmals kurz raus in die kalte aber klare Nacht. Und tatsächlich: Wir sind erfolgreich! Hier oben ist die Lichtverschmutzung so klein, dass wir unendlich viele Sterne sehen.

Müde aber glücklich fallen die beiden Jungs nach dem nächtlichen Abstecher ins Bett. Beide wünschen sie sich für morgen, endlich den langersehnten Steinbock zu sehen. Ob ihr Wunsch in Erfüllung geht?

Was für ein Erwachen!

Am nächsten Tag ist bereits um 5 Uhr Tagwacht. Dieses Mal wollen wir zu einem Aussichtspunkt aufsteigen der etwas höher gelegen ist und eine fantastische Aussicht ins Tal bieten soll. In der Dämmerung erreichen wir diesen traumhaft gelegenen Ort - sogar mit Feuerstelle! Diese Chance lassen sich Ivo und Till nicht entgehen und versuchen, mit trockenem Gras und dem mitgebrachten Feuerstein ein Feuer zu entfachen. Nach ein paar Anläufen klappt es und die Freude ist riesig! Was für ein schönes Gefühl, hoch oben in den Bergen mit Blick ins Tal, der sanft rot schimmernden Morgendämmerung, der Mond als Sichel und einem kleinen Feuer in den Tag zu starten. Momente, die man ewig festhalten möchte.

Als es heller wird, ist unten im Tal ein See erkennbar. Ist es der Crestasee? Ich studiere anhand der Karte die umliegenden Berge und Seen. Wir sind als Familie viel in den Schweizer Bergen unterwegs, doch zu meinem eigenen Erstaunen stelle ich fest, dass wir diesen Teil der Schweiz kaum kennen.

Zurück im Berghaus gönnen wir uns als erstes ein reichhaltiges Zmorge. Es gibt heissen Milchkaffee, frisch gepressten Saft, knusprige Gipfeli, Fleisch und Käse aus der Region. Till, ganz der Entdecker, stellt fest, dass sein Brot mit Nutella und Butter noch besser schmeckt als nur mit Nutella. Jemand aus der Crew ist Vorbild dieser Aktion. Wie soll ich da als Mami entgegenhalten?

Neuer Tag, neues Glück?

Gion, der Jäger, stösst ebenfalls hinzu und wird gleich von den Jungs in Beschlag genommen. Till möchte heute unbedingt einen Steinbock sehen, Ivo einen Hasen. Gion hat eine Idee, wie es heute klappen könnte, und wir brechen auf. Den Spuren entlang wandern wir das Tal hinauf. Der Schnee ist dank der klaren und kalten Nacht noch gefroren und trägt wunderbar. Hinter dem Piz Bargis blinzeln bereits erste Sonnenstrahlen hervor. Zügig kommen wir voran und treffen bei einer wundervollen, selbstgebauten Blockhütte auf Gions Jägerkollegen Curdin. Dieser erzählt uns, dass früher an den steilen Hängen nicht nur Gämse und Steinböcke gesichtet wurden, sondern auch Schafe zum Weiden hochgebracht wurden. Heute sei dies aber nicht mehr möglich, die neuen Schafrassen hätten zu kurze Beine.

Endlich Steinböcke

Doch genug Theorie, jetzt ist Praxis angesagt: Gion und die Jungs legen sich auf die Lauer. Die entsprechende Tarnung darf natürlich nicht fehlen, und die drei schmieren sich fleissig Dreck ins Gesicht. Und tatsächlich: Dieses Mal klappt es, und mit unseren Ferngläser entdecken sie mehrere Steinböcke und Gämsen. Was für ein prachtvoller Anblick! Für die beiden geht ein Traum in Erfüllung!

Zurück bei der Blockhütte lädt uns Curdin auf einen spritzigen Rotwein ein. Wir revanchieren uns für die Gastfreundschaft und teilen unser Mittagessen mit den beiden Jägern. Die aufgetischten Leckereien sind den beiden natürlich bestens bekannt: Bündner Spezialitäten wie Nusstörtli, Birnenbrot, Bündnerfleisch, Käse aus der Region, zusammen mit Brot, Rüebli und Äpfel stehen auch bei uns nicht erst seit diesem Wochenende zuoberst auf dem Speiseplan.

Die gesellige Runde wird durch einen gewaltigen Donner jäh unterbrochen! Gion und Curdin haben uns gewarnt: der gesamte Schneehang hinter uns werde sich in den nächsten paar Tagen wegen der aufkommenden Wärme entladen. Dass es so schnell gehen würde, damit haben wir nicht gerechnet. Trotz der sicheren Distanz zum Haus breitet sich ein mulmiges Gefühl aus, während wir die Schneemassen beobachten, wie sie sich langsam dem Talboden entgegen wälzen. Aus gutem Grund sei der hinterste Teil des Tals Sperrgebiet, erklären uns Gion und Curdin.

Geteilter Lebensraum

Während wir Erwachsenen unsere gemütliche Runde fortsetzten, dürfen die Jungs Curdins Fernrohr benutzen. Und plötzlich grosse Aufregung: Wir glauben, einen Wolf gesehen zu haben. Gebannt starren mit unseren Feldstechern in dieselbe Richtung. Uns interessiert, wie Curdin denn zum Wolf steht. Es entwickelt sich eine rege und kontroverse Diskussion. Der Wolf habe sehr wohl eine Daseinsberechtigung in unseren Gefilden, finden Curdin und Gion, aber wahrscheinlich keinen Platz mehr. Der Tierschutz verlangt, dass Schaf- und Kuhherden draussen sein dürfen. Solche Herden brauchen jedoch einen Herdenschutzhund, was zum Konflikt mit dem Wolf führen könne. Ausserdem dringen die Wölfe immer weiter in das Gebiet der Menschen vor, da sie weniger scheu sind als früher, führen die beiden weiter aus.

Oder sind es nicht wir Menschen, die in das Gebiet des Wolfes vordringen? Eine spannende Frage. Wir könnten ewig weiterdiskutieren, doch es ist Zeit, wieder in Richtung Berghaus aufzubrechen.

Als wir später auf der Terrasse des Berghauses in der Sonne sitzen, bringt Curdin den Jungs je ein Horn derselben Gämse als Geschenk vorbei. «Als Symbol dafür, dass ihr euch stets erinnert, dass ihr als Brüder zusammengehört». Till und Ivo freuen sich riesig und auch mir als Mami geht diese Geste sehr zu Herzen.

Was für ein Wochenende mit so vielen Highlights in so kurzer Zeit! Die schönen zwei Tage werden mir und sicher auch Till, Ivo und Christian noch lange in Erinnerung bleiben.

Übersichtskarte

Footnotes: Herzlichen Dank an Judith, Christian, Ivo, Till, Nicole, Ruedi, Gion, Curdin und die Tourismusregion Flims Laax Falera.