Schritt für Schritt zum Gipfelglück

21. Mai 2019

Einige haben ein ganzes Repertoire an Tourenideen im Kopf, andere sind froh um jeden Tipp. Wir zeigen dir die mittelschwere Skitour auf den Piz Dolf direkt beim UNESCO-Weltnaturerbes Tektonikarena Sardona.

Fotos: Jonas Jäggy

Verkaufsberater Filiale Bern
Regelmässiger Skitourengänger

Wir treffen uns um 8 Uhr früh in Flims. Gemeinsam mit zwei Freunden von Transa und Bergführer Flo wollen wir eine zweitägige Skitour unternehmen. Der Himmel ist wolkenlos, die Nacht war kalt, doch die Temperaturen steigen mit den ersten Sonnenstrahlen rasch an - nicht die besten Voraussetzungen bezüglich Lawinensituation. Ob unser Zeitplan wohl aufgeht?

Wir entschliessen uns, die ersten Höhenmeter mit der Bergbahn zu bewältigen. Rasch bringt uns diese via Naraus zur Bergstation Grauberg, gleich oberhalb des Segnesbodens - unserem Ausgangspunkt. So sparen wir wertvolle Zeit und können die exponierten Hänge zeitnah passieren. Nach einer kurzen Abfahrt von der Station auf den Segnesboden montieren wir Felle, Harscheisen und entledigen uns der ersten Kleiderschicht. Die Sonne leistet hier oben auf über 2200 m ü. M. schon ganze Arbeit, ein anstrengender Aufstieg liegt vor uns.

Ein schweisstreibender Aufstieg

Vor dem Start machen wir den obligatorischen LVS-Check. Gemächlich und mit gleichmässigem Rhythmus ziehen über die schöne Hochebene in Richtung Tschingelhörner davon. Sieben Kilometer und 600 Höhenmeter haben wir zu bewältigen. Auf dem Papier eine wenig anspruchsvolle Tour, jedoch sind wir alle schwer bepackt: Essensvorräte, genügend Wasser, eine Flasche Wein – schliesslich sind wir Geniesser –, Harscheisen, Kocher, Daunenjacke – wir sind auf alles vorbereitet. Die Hütte, in der wir übernachten wollen, ist im Winter nicht bewirtet. Eine Portion Ungewissheit, was einem erwarten wird, schwingt darum immer mit.

Langsam aber sicher geht die Ebene in einen sanften, leicht coupierten Anstieg über. Dank einer geschickten Routenwahl und sorgfältiger Beurteilung des Geländes finden wir eine Linie, welche die 30 Grad knapp nicht übersteigt. Spezielle Skitourenkarten mit eingezeichneter Hangneigung sind für die Planung essentiell. Wie in Trance entfernen wir Meter um Meter vom unter uns liegenden Segnesboden dem gleichnamigen Pass entgegen. Der Schnee ist schon etwas aufgeweicht, sollte aber für das letzte, steile Stück vor der Hütte noch kompakt genug sein. Die Lawinensituation ist zur Zeit noch stabil, ob wir schnell genug voran kommen?

Die letzten 100 Meter werden richtig steil. Aufgrund der glatten Firnauflage und der Steilheit des Hangs entscheiden wir uns, die Skier aufzubinden. Dadurch werden unsere Rucksäcke gleich nochmals um einiges schwerer. Mit dem richtigen Tragesystem lassen sich diese Zusatzkilos aber problemlos auf dem Rücken transportieren. Der richtigen Rucksackwahl sei Dank!

Welch eine Aussicht!

Nur noch wenige Metern trennen uns nun vom Segnespass, dem Übergang vom Bündner- ins Glarnerland. Als wir auf der Passhöhe ankommen, ist das Panorama überwältigend! Weit unten im Tal entdecken wir Elm - die Aussicht auf die umliegenden Gipfel und Täler ist phänomenal. Für einen Moment ist es ganz still - jeder geniesst den Moment für sich und wir saugen die Aussicht richtiggehend auf.

Ich bin oft in den Bergen und erlebe immer wieder solche Wow-Momente. Oder ist es etwa umgekehrt? Bin ich genau wegen diesen Momenten immer wieder in den Bergen?

Nach einer kurzen Pause entdecken wir rechts ums Eck die Segnespasshütte. Wie ein Adlerhorst klebt sie gleich unterhalb der Passhöhe am Fels. Dadurch ist sie bestens geschützt, aber auch ordentlich eingeschneit! Kein einfacher Zugang also - es scheint als müssten wir uns das Nachtlager zuerst verdienen.

Selbstverständlich hat jeder von uns eine Lawinenschaufel dabei, diese eignet sich auch ausserhalb eines Notfalls bestens für schnelles Graben. Als Ergänzung kommt der Eispickel zum Einsatz, die Tritte unter der Schneeschicht sind tückisch mit Eis überzogen.

Schaufeln für den Znacht

Und dann entdecken wir die erste Überraschung: ein grünes, tiefgefrorenes Toi Toi, 2620 m ü. M. trotzt es Wind und Wetter. Wir glauben unseren Augen kaum. Nach einer Runde «Schaufeln wie die Wilden» zeigt sich allmählich der Wächter der Hütte, eine massive Eisentüre. Durch sie gelangen wir ins Innere der Hütte. Leider wurde vor einiger Zeit die Panoramascheibe eingeschlagen, dieses Fenster muss leider verriegelt bleiben. Die Segnespasshütte ist in privatem Besitz und während den Wintermonaten unbewirtet. Eine Übernachtung ist in Kombination mit einer geführten Tour aber möglich. Schade, dass dies nicht alle zu respektieren scheinen.

Als nächstes steht das Schneeschmelzen an, bei einer Winterübernachtung sowohl für Essen und Trinken elementar und vom zeitlichen Aufwand nicht zu unterschätzen. Mit jedem Brocken geschmolzenem Schnee steigt dafür die Vorfreude auf unser Znacht und eine Tasse heissen Tee.

Drinnen in der Hütte ist es noch kalt und ungemütlich. Flo schlägt deshalb vor, umgehend den Holzofen in Betrieb zu nehmen. Doch darauf folgt die zweite Überraschung des Tages: Anstatt wohlig warm ist es kurze Zeit später stickig und verraucht. Das Stochern mit der Lawinensonde bringt Klarheit: Der Kamin ist eingefroren und lässt sich nicht durchstechen. Wir entscheiden uns deshalb für die Kälte, und gegen den Rauch.

Leckeres Steinpilzrisotto spart Gewicht

Doch so schnell vergeht uns der Appetit nicht. Dank dem Gasherd bereitet uns das Kochteam kurz darauf eine warme und kräftige Suppe zu. Zum Hauptgang geniessen wir ein wunderbares Steinpilz-Risotto mit Rotwein. Nicht nur geschmacklich passt es perfekt zu diesem kalten, aber gemütlichen Hüttenabend. Dank der geringen Menge Reis und den leichten, weil getrockneten Steinpilzen entpuppt es sich als wahres Ultralight-Menu.

Es dampft und riecht unglaublich gut. Eingemummt in alle Bekleidungsschichten, die wir haben, geniessen wir das köstliche Essen. Zum Dessert besprechen wir kurz die Route für den morgigen Tag. Geplant ist eine Skitour auf den Piz Dolf. Geschickte Routenwahl und zeitiges Aufstehen sind das Credo für den nächsten Tag. Satt und auch etwas müde liegen wir deshalb wenig später bereits in Wolldecken eingehüllt in unserem Seidenschlafsack. Die meisten entscheiden sich dazu, die Daunenjacke auch gleich anzubehalten.

Nach einer kurzen, kalten Nacht klingelt um 6 Uhr der Wecker. Eine Stunde später wollen wir loslaufen. Davor geniessen wir eine Tasse heissen Tee, ebenfalls gewichtsparendes Trek n' Eat Müesli und das leckere Früchtebrot, welches Franziska aus den Tiefen ihres Rucksacks hervorholt.

Kurz darauf geht’s los: ein weiterer wolkenloser Tag steht uns bevor. Im Gegensatz zu gestern ist es hier oben jedoch eisig kalt. Der Schnee ist hartgefroren, der erhoffte aufgeweichte Firnschnee lässt auf sich warten.

Steiler Aufstieg

Zu Beginn unserer Tour fahren wir den steilen Teil des gestrigen Aufstiegs ab und halten uns dann ganz links, damit wir in Richtung oberen Segnesboden gelangen. Dann heisst es wieder: Felle und Harscheisen montieren. Der Aufstieg ist ziemlich anspruchsvoll, rutschig und steil. Wir müssen uns richtig konzentrieren, ein Fehltritt reicht und man rutscht den ganzen Hang wieder runter. Zum Glück haben wir unsere Felle gestern Abend nochmals gewachst. Bei Skitouren im Frühling doppelt nützlich: Gegen Stollen an den Fellen und für besseren Halt auf gefrorenem Firn.

Nach der Durchquerung des oberen Segnesbodens erblicken wir unser heutiges Gipfelziel: den Piz Dolf. Von hier aus lässt sich auch die Abfahrtsroute gut studieren. Ein toller Hang knapp über 40 Grad Neigung verspricht eine rassige Abfahrt. Im Hochwinter wäre der Hang aufgrund der Steilheit und des lockeren Neu- oder Triebschnee zu gefährlich. Im Frühling, wenn der Hang noch gefroren und nur die oberste Schicht aufgeweicht ist purer Genuss! Doch ohne Aufstieg keine Abfahrt - wir machen uns an den Endspurt. Schritt für Schritt erklimmen wir die steile Firnflanke und erreichen über den Nord-West-Grat den Piz Dolf! Stolz auf das Geleistete geniessen wir abermals die unglaubliche Fernsicht. Gipfelglück pur! Zudem überrascht uns Bergführer Flo mit einem kleinen Fläschchen lokalem Enzian, eine willkommene Stärkung.

Und dann endlich: die Abfahrt, auf die wir uns schon seit Stunden freuen, steht endlich bevor. Nach unserer Gipfelrast ist die Firnauflage schön aufgeweicht, darunter ist der Hang hart aber griffig. Perfekte Verhältnisse für eine rassige Abfahrt. Franziska trifft es mit ihrer Aussage auf den Punkt: „Der Hang fährt sich wie auf einem Sahnehäubchen.“

Schwung für Schwung geniessen wir die Abfahrt in vollen Zügen und strahlen mit der Sonne um die Wette. Was für eine grandiose Skitour!

Übersichtskarte