Tipps für mehr Sicherheit bei Hochtouren

25. Mai 2022

Von Engelberg auf das Gross Spannort (3198 m): Im letzten Herbst führte Transianerin und Bergführerin Angelina zwei Kolleginnen auf dieser Hochtour.

Fotos: Ruedi Thomi

Verkaufsberaterin, Filiale Luzern
packt ihr Wissen aus (und mit ein)

Es ist stockfinster, als wir die Spannorthütte verlassen. Mit Stirnlampen suchen wir uns einen Weg über eine Geröllhalde hinauf zum Grat. Genau als wir dort oben ankommen, spitzelt die Sonne über die Gipfel der Urner Alpen und taucht die markanten Felsen des Grossen und Kleinen Spannorts in ein wunderschönes Licht. Mich erinnern die beiden immer an Berge in Südamerika, zum Beispiel den Cerro Torre. Im goldenen Morgenlicht ziehen wir uns die Steigeisen und Klettergurte an und gehen über den Spannortgletscher bis zum Fuss des 3198 Meter hohen Grossen Spannorts. Hier wird es ernst. Die letzten Höhenmeter gehen steil im Kalkfels hinauf.


Am Nachmittag zuvor beginnt unsere Tour am Bahnhof in Engelberg. Dort treffe ich Selina und Swinde, ausserdem unseren Fotografen Ruedi. Ich bin Bergführerin und habe 2013 mein Hobby zum Beruf gemacht. Meine Leidenschaft für Bewegung und das Draussensein, für Berg und Wasser, gebe ich gerne an andere weiter. 
Nach einer herzlichen Begrüssung am Bahnhof kontrollieren wir gemeinsam die Ausrüstung. Manchmal lasse ich mir auch den kompletten Rucksack zeigen. Dabei geht es nicht nur darum, alles Notwendige dabeizuhaben, sondern auch darum, keinen unwichtigen Ballast mit auf den Berg zu tragen. Vor all meinen Touren stelle ich daher eine Materialliste zusammen, die zum Gelände, zur Länge der Strecke und zur Jahreszeit passt. Im Falle dieser Hochtour ist die Kontrolle schnell erledigt. Ich prüfe vor allem, ob jeder einen Klettergurt und passende Steigeisen dabeihat, dann geht es auch schon los. Die beiden Transa Mitarbeiterinnen Selina und Swinde kannte ich vorab nicht, wusste aber, dass sie keine routi­nierten Hochtourengeherinnen sind. Dass sie dafür die besten Voraussetzungen mitbringen, ist mir schon nach wenigen Minuten des 900-Höhenmeter-Aufstiegs klar. Denn die beiden können laufen – über Stock und Stein, ohne ständig etwas loszutreten, und mit einem guten Gespür für den Weg. Die perfekte Basis für den kommenden Tag und die Herausforderungen, die uns bevorstehen.

Znacht bei Sonnenuntergang

Am Bach entlang, durch den Wald, über offene Alpwiesen mit Boulderblöcken führt uns der zunächst recht flache und einfache Weg. So können wir uns voneinander erzählen und ein bisschen näher kennenlernen. Das letzte Stück zur Spannorthütte ist etwas steiler und verlangt uns mehr ab. Gut, dass wir uns zuvor bei einer Pause gestärkt haben. Zumal Ruedi, der Fotograf, hier mit dem Bildermachen beginnt. Er will das Abendlicht einfangen und unsere Ankunft bei der Hütte festhalten. Nach rund drei Stunden an dem kleinen Hüttchen angekommen, empfängt uns Hüttenwart Andy und zeigt uns die Zimmer. Dann folgt das erste Highlight unserer Tour: ein Znacht auf der Terrasse, auf knapp 2000 Meter Höhe, mit Blick auf den wunderschönen Sonnenuntergang.

Nach der Stärkung mit Most und leckerem Essen gehen wir gemeinsam den nächsten Tag durch. Die Planung selbst habe ich natürlich schon im Vorfeld gemacht und Länge, Höhendifferenz, Schwierigkeit, aktuelle Verhältnisse und das Wetter genau geprüft. Mir ist bei solchen Touren aber immer wichtig, dass auch die Gäste wissen, was auf sie zukommt. Dabei schauen wir auf der Terrasse der Spannorthütte zuerst auf das zurück, was wir schon geschafft haben. Auf einer Karte zeige ich Selina, Swinde und Ruedi, von wo aus wir gestartet sind, an welchem Punkt wir Pause gemacht haben und wo die steileren Stellen bis zur Hütte hinauf liegen. Danac­­h erkläre ich den Weg bis zum Gipfel. Ich zeige, wo wir Pause machen werden, so dass sich alle ihre Kräfte gut ein­teilen können.

Letzte Tipps für die Gipfeltour

Bevor wir uns in den modernen, frisch renovierten Zimmern der Spannorthütte zum Schlafen hinlegen, machen wir aus, wann wir morgens starten. Da wir auf dieser Tour foto­grafieren, werden wir früher losgehen als normaler­weise notwendig, um die besten Sonnenstrahlen einzufangen. Ich gebe noch letzte Tipps, was für die Gipfelbesteigung mit rund 1250 Höhenmetern in den Rucksack muss – Kletter­zeug, Tee, eine warme Jacke und die Stirn­lampe –, dann gehe­­n wir ins Bett. Morgen erwartet uns ein Aufstieg von knapp fünf Stunden.

Als der Wecker klingt, ist es noch dunkel. Drei Uhr. Der Hüttenwart steht mit uns auf und richtet uns ein tolles Zmorge, kocht sogar Spätzle. Gestärkt laufen wir los, in der Finsternis, bis uns die ersten Sonnenstrahlen über den Berggipfeln erreichen. Am Fusse des Grossen Spannorts beginnt der letzte Strecken­abschnitt unserer Hochtour. Und gleich am Anfang wartet die schwierigste Seillänge auf uns. Doch Swinde und Selina bleiben ganz ruhig, wir arbeiten uns gemeinsam Meter für Meter nach oben. Die Kletterpassage hat ungefähr eine Schwierigkeit im Bereich 4+, die Wand ist steil, aber griffig.

Nach der ersten schwierigen Stelle haben wir hin und wieder auch ein paar Felsstufen, auf denen wir stabil stehen und unsere Arme etwas entspannen können. Das Klettern mit Rucksack und Bergschuhen ist schliesslich etwas ganz anderes. Die letzten Meter zum Gipfel meistern wir problemlos. Oben erwartet uns das Brockengespenst. Das ist ein Schatten­gebilde auf der Nordseite, das aussieht, als hätte man einen Heiligenschein. Wir haben es geschafft, vor allem Selina und Swinde können stolz sein. Das i-Tüpfelchen: Der Mix aus Sonne und Quellwolken liefert uns die perfekte Fotokulisse.

Versteinerte Fische als Andenken

Ich mag diese Tour sehr gerne, obwohl – oder gerade weil – sie nicht auf einen Viertausender führt. Für viele Menschen ist die Zahl Vier beim Besteigen der Berge eine besondere. Aber ich finde, ein Dreitausender steht einem Viertausender meist in gar nichts nach. Im Gegenteil. Die Touren dort sind oft technisch spannender, landschaftlich mindestens genauso schön und viel weniger besucht. Das fällt mir auch wieder auf, als wir nach einer kurzen Rast vom Gross Spannort absteigen. Gerade einmal zwei Seilschaften sind an diesem Tag dort unterwegs.

Beim Abstieg zurück zur Spannorthütte schmerzen ein wenig die Knie, immerhin sind es einige Höhenmeter und steile Passagen. Doch zuvor haben wir am Gletscher, als wir die Steigeisen wieder am Rucksack befestigt haben, noch einen tollen Fund gemacht: versteinerte Tintenfische. Der Gedanke daran, dass wir uns dort auf knapp 3000 Metern über dem Meeresspiegel auf dem Boden eines Jahrtausende alten Ozeans befinden, ist Wahnsinn und entschädigt uns für die kleinen Schmerzen beim Abstieg.

Auf der Spannorthütte packen wir ein, was wir für unsere Gipfeltour am Morgen dort gelassen hatten, und stärken uns noch mit einer Brotzeit. Die letzten 900 Höhenmeter zurück ins Tal sind keine Herausforderung mehr. Nach ein paar Stunden kommen wir am Bahnhof in Engelberg an und verabschieden uns. Ich bin glücklich. Wieder zwei Menschen mehr, denen ich meine Leidenschaft für die Berge und speziell für Hochtouren weitergeben konnte.

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