Über den Schnee schweben

4. Dezember 2020

Schneeschuhlaufen ist die perfekte Eintrittskarte ins Reich von König Winter und noch dazu leicht zu erlernen. Damit man es sich mit ihm nicht verscherzt, gilt es jedoch, einige Regeln zu beachten und auch bei der Ausrüstung die richtige Wahl zu treffen.

Fotos: Michael Neumann & Ruedi Thomi

Redaktor, 4-Seasons Magazin
schwebt und saust über Schnee

Ist Schneeschuhlaufen Skifahren für Arme?
Nein, Schneeschuhlaufen ist eine eigene Sportart. Die Ruhe und die Abgeschiedenheit in den Bergen lässt sich mit dem Rummel auf der Skipiste nicht vergleichen. Zwar kann ich mit Schneeschuhen nicht abfahren, dafür sind sie aber leichter und wendiger als Ski. Und statt steifer, unbequemer Skischuhe trägt man weiche, warme Trekkingschuhe. Auch ist Schneeschuhlaufen ungleich leichter als Skifahren, die Einstiegshürde ist also bei Weitem nicht so hoch. In einem Punkt stimmt die Aussage aber doch: Eine Schneeschuhausrüstung ist günstiger als eine Skiausrüstung, und die Lifttickets spart man sich auch noch.

1x1 der Schneeschuhe

Wie funktioniert ein Schneeschuh?
Er verteilt das Gewicht des Läufers auf eine grössere Fläche und vermindert somit das Einsinken im Schnee. Ein integriertes Harsch­eisen und das Profil rundum geben zudem auch in steilem Gelände Halt.

Ich habe noch nie auf Schneeschuhen gestanden. Wie und wo fange ich an?
Erste Schritte kann man beispielsweise auf einem speziell für Schneeschuhläufer ausgeschilderten Winterwanderweg machen, wie es sie überall in der bergigen Schweiz gibt. Wähle deine Tour für den Anfang nicht zu steil, damit du Reserven hast und dich auf die etwas ungewohnte Art des Gehens konzentrieren kannst.

Ist das Gehen schwierig?
Man gewöhnt sich sehr schnell an die Schneeschuhe, auch wenn sich nach der ersten Tour ein Muskelkater einschleichen kann. Der Laufstil ist etwas breitbeiniger, man geht wie ein alter Cowboy, und das kann eigentlich jeder.

Und wenn der Weg endet und der Tiefschnee beginnt?
Im unberührten Tiefschnee muss der Erste spuren, also stapfend den Schnee runterdrücken, bis er trägt. Für den Zweiten ist es dann schon einfacher. So lassen sich auch Konditionsunterschiede ausgleichen – wer fitter ist, darf spuren. Beim Anlegen der Route gilt es zudem, das richtige Mass zwischen Steilheit und Strecke zu finden. Wer schnurstracks den Berg hochspurtet, braucht unheimlich viel Kraft. Und wer das Gefälle scheut, unheimlich viel Zeit. Bevor man sich jedoch vom befestigten Weg in den ungesicherten Tiefschnee wagt, sollte man sich zunächst intensiv mit den dort lauernden Gefahren beschäftigen. Das ­können Lawinen sein, aber auch Treeholes: Hohlräume rund um Baumstämme, von Äste­n verborgen. Wer da aus Versehen kopfüber reinfällt, hat ein Problem.

Früher sahen Schneeschuhe aus wie übergrosse Tennisschläger, heute wie verkleinerte Pistenraupen – warum?
Moderne Schneeschuhe verhindern nicht nur das Einsinken im Schnee in der Ebene, sie performen auch in steilem Gelände – und dazu braucht es Frontzacken unter der Bindung und Längsprofile, um beim Traversiere­n von Hängen ein seitliches Abrutschen zu vermeiden.

Alu oder Kunstoff?

Welche Schneeschuhtypen hat Transa im Programm?
Wir unterscheiden grob zwischen solchen mit Alurahmen plus Bespannung und jene­n komplett aus Kunststoff in unterschiedlichen Breiten und Längen. Auch für Kinder und Jugendliche haben wir spe­zielle Schneeschuhe. Nur diese Jack-London-Modelle aus Birkenholz mit Tierhautbespannung führen wir nicht mehr (lacht).

Wo liegen die Unterschiede?
Alurahmen eignen sich gut für flaches bis leicht geneigtes Gelände mit viel Pulverschnee. Kunststoffschneeschuhe sind noch eine Spur robuster und bieten sehr sicheren Halt. Sie eignen sich besonders für harten Schnee und Harsch, weil sie steif sind und der Druck sich flächig verteilt. Daher ­werden sie bevorzugt bei alpinen Touren eingesetzt. Man kann das in etwa mit einem steigeisenfesten Alpinschuh vergleichen: extrem stabil, aber beim normalen Wandern fast schon zu viel des Guten.

Schneeschuhe mit bespanntem Rahmen sind demnach bequemer?
Ein bespannter Rahmen bietet dem Fuss mehr Spielraum, weil das Deck – also die Bespannung – flexibler ist. Das ist beim Laufen weicher und auf Dauer komfortabler. Bespannte Modelle sind eher Allrounder. Früher hiess es oft, dass sie für schwere Bergtouren weniger geeignet sind, doch die Konstruktionen sind inzwischen so ausgereift, dass auch viele Bergführer sie einsetzen. Da muss dann aber auch die Gehtechnik stimmen, der Schuh also richtig belastet werden. Beim Abstieg ist mit dem Rahmen ausserdem ein gewisses Gleiten möglich – das klappt beim Kunststoffmodell nicht so gut.

Kann ich mit Schneeschuhen abfahren?
Nein, der Schneeschuh bietet Halt in jeder Situation, eben auch bergab. In lockerem Schnee und mit dem richtigen Gefälle kann man jedoch so bergab springen, dass es sich ein bisschen wie Fliegen anfühlt. Derzeit wird jedoch hinter den Kulissen viel getüfelt, so dass in zwei, drei Jahren auch Modelle denkbar sind, mit denen man gut abfahren kann.

Gehen denn Schneeschuhe nicht auch irgendwann mal kaputt?
Alles, was in der Praxis kaputtgehen kann, kann man auch wieder reparieren oder ersetze­n. Aber im Verhältnis zu manch ­anderem Sportgerät halten Schneeschuhe ohnehin lange durch. Daher sind meist neue Technologien der Grund für einen Neukauf, nicht der Verschleiss.

Wie funktionieren die Bindungen?
Bei MSR und Tubbs bewegt sich der Fuss vertikal in einem Scharnier. Beim Atlas-Modell ist die Bindung aufs Deck gespannt, was auch eine gewisse seitliche Flexibilität ermöglicht. Zum Anschnallen setzt MSR auf ein System aus Bändern, die man bei Nichtgebrauch flachdrücken kann – so lassen sich die Schneeschuhe gut am Rucksack befestigen. Tubbs setzt diese Saison verstärkt auf das komfortable Boa-System. Mittels eines zentralen Drehrads wird ein mehrfach umgelenkter Draht gespannt, in dessen Mitte eine Art Dach den Schuh in Position hält. Die Atlas-Konstruktion wiederum mit ihren Ratschen erinnert an eine Snowboard-Bindung. Das ist letztendlich Geschmackssache. Wichtig ist, dass die Bindung zuverlässig und auch mit dicken Handschuhen zu bedienen ist.

Wir werden oft gefragt, ob es bei Schneeschuhen links und rechts gibt. Gibt es: Die Verstellriemen der Bindung liegen immer aussen. Idealerweise hat die Bindung auch eine Steig­hilfe. Diesen Bügel klappt man aus, um bei Anstiegen mehr Druck auf den Schneeschuh bringen zu können. Auch die Ergonomie profitiert, wenn der Schuh trotz Schräge waagerecht aufsetzt.

Von Sohle bis Scheitel

Auf was muss ich noch achten?
Da wäre zum einen die richtige Grössenwahl. Schwere Personen, die eventuell noch viel Gepäck schultern, brauchen viel Fläche, dami­t sie nicht einsinken. Pfiffig sind Modell­e, die per Verlängerung an unterschiedliche Bedingungen anpassbar sind. Damen wiederum, deren Laufstil oft schmale­r ist, freuen sich über schmale Damen­schneeschuhe, die einen nicht unnötig in den breitbeinigen Gang zwingen.

Reichen meine normalen Wanderschuhe?
Empfehlenswert sind eine feste Sohle, robuste­s Aussenmaterial, eine wasserdichte wie atmungsaktive Membrane und genügend Platz für dickere Socken. Wenn diese Kriterie­n erfüllt sind, eignet sich jede­r Wander­schuh. Wir bieten auch spezielle Winterwanderschuhe an, die sich optimal zum Schneeschuhlaufen eignen. Sie sind wärmer und haben eine griffigere Sohl­e, falls man die Schneeschuhe mal auszieht, sowie einen höheren Schaft gegen ein­dringenden Schnee. Vorhandene Schuhe kann man in diesem Punkt übrigens gut mit Gamasche­n upgraden.

Was brauche ich sonst noch?
Essenziell sind gute Trekkingstöcke mit bequeme­r Handschlaufe und Tiefschnee­tellern. Dazu ein Rucksack der 25-Liter-Klasse, eine Sonnenbrille gegen Schneeblindheit, bei sehr unwirtlichen Bedingungen auch eine Skibrille mit hellen Gläsern, dazu Handschuhe, Mütze, Hose und Jacke aus Softshell, Thermosflasche und je nach Tour die komplette Lawinenaus­rüstung. Auch eine Stirnlampe hat noch keine­m geschadet, sollte man sich mal in der Tourlänge verschätzen.

Gibt es spezielle Bekleidung für Schneeschuhlä
ufer?
Nicht wirklich. Wer auf Winterwanderwegen unterwegs ist, kleidet sich wie für einen sportlichen Spaziergang bei Minusgraden, wer in die Höhe strebt oder sich veraus­gaben will, wählt die Bekleidung eines Tourenskiläufers. Hier halten Ortovox, Mammut & Co. die komplette Kollektion fürs Zwiebelprinzip bereit. Als erste Lage auf die Haut kommt lange Unterwäsche aus Kunstfaser oder Merino. Diese nimmt den Schweiss auf und leitet ihn grossflächig nach aussen weiter. Dort verrichtet die mehr oder weniger dicke zweite Lage ihren Dienst. Sie ist für die Isolation und den Schweissweitertransport verantwortlich und kann bei Bedarf auch weggelassen oder doppel­t genommen werden. Aussen werkelt in der Regel eine Lage aus Softshell als Barriere gegenübe­r den Elementen. Softshell ist hoch atmungsaktiv, winddicht und wasser­­­ab­weisend bis wasserdicht. Kommt der Schnee dagegen als Regen und waagerecht von vorn­e, braucht es eine Hardshell, die etwas weniger atmungsaktiv, dafür aber zu 100 Prozent wasserdicht ist.

Brauche ich auch Lawinen-Equipment?
Wer die befestigten und kontrollierten Wege verlässt, sollte sich theoretisch wie praktisch mit dem Thema Lawine aus­einandersetzen. Und in den Bergen braucht es zwingend eine LVS-Ausrüstung, egal ob man auf Schneeschuhen, mit Ski oder Splitboard unterwegs ist. LVS meint die Lawinen-Verschütteten-Suche – und hoffentlich auch Rettung. Dazu brauchen alle einen Lawinenpiepser, der sendet und im Ernstfall auch empfängt. Ist der Verschüttete damit lokalisiert, wird seine Lage mithilfe einer Sonde exakt bestimmt und er so schnell wie möglich ausgegraben.

Aber der Besitz allein nützt nichts, oder?
Nein. Der Besitz allein, ohne das Wissen und die Routine der Benutzung, vermittelt sogar eine trügerische Sicherheit, die den Benutzer vielleicht dazu verführt, riskantere Entscheidungen zu treffen. Mit dem Erstkauf einher sollte daher immer auch die Buchung eines Lawinenkurses gehen. Frag doch einfach beim Kauf nach der nächstgelegenen kompetenten Bergschule. Damit ist es aber nicht getan. Wichtig ist auch, dass die Grupp­e wenigsten­s einmal im Jahr unter möglichst realistischen Bedingungen übt. Warum also nicht mal den eigenen Piepser mitten im Schneesturm «zufällig» verlieren … die Freud­e der Kameraden wird gross sein ;-)

Die Ausrüstung passt, das Know-how ist angeeignet. Kann ich jetzt einfach laufen, wo ich will?
Ja, los geht’s. In der Schweiz kann man grundsätzlich überall Schneeschuhlaufen gehen. Es gibt jedoch einige Regeln, die beachtet werden müssen. Detaillierte Infos dazu gibt es hier:

Ab vom Schuss im Iglu

Kann ich mit Schneeschuhen auch mehrtägige Touren machen – so wie die Skitourengeher?
Selbstverständlich. Es ist bei der Tourlänge und Schwierigkeit nur zu beachten, dass Auf- und Abstieg im Vergleich zur Skitour anstregender und damit langwieriger sind.

Und die Übernachtung?
Am stilechtesten wohnt man natürlich im Iglu. Das hat den Vorteil, dass man statt eines schweren Zelts nur eine leichte Schneesäge einpacken muss und selbst der Schlafsack dank der guten Isolierleistung des Iglus eine Nummer dünner ausfallen kann. Die Kehrseite der Medaille ist die lange Bauzeit. Während ein Zelt in drei Minuten steht, braucht ein Iglu sehr viel Zeit. Eine gute Alternativ­e ist die Schneehöhle, die man seitlich in eine Wechte gräbt. Aber auch auf Berghütten und in Wellness-­Hotels sind Schneeschuhgeher natürlich gern gesehene Gäste.

Reicht mein Schlafsack für eine Iglu-Nacht?
Wenn das Iglu gut gebaut ist, herrscht innen eine Temperatur um die null Grad. Ein in den meisten Outdoor-Haushalten vor­rätiger Schlafsack mit einer Komforttemperatur von minus fünf Grad sollte also reichen.

Fischer grüssen sich mit Petri heil, was sagt der Schneeschuhgeher?
Das Schöne am Schneeschuhgehen ist ja, dass man ohne grosse Mühe abseits aus­getretener Pfade unterwegs ist. Das auf die Dauer mühsame Grüssen, so wie es etwa die Motorradfahrer machen, entfällt also eh. Wenn man dann überhaupt mal eine­n Gleichgesinnten trifft, fehlt selten die Zeit für einen gemütlichen Schwatz.

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