... und Action, bitte!

12. Juli 2021

Renan Ozturk ist nicht nur Profikletterer, sondern auch einer der besten Fotografen und Kameramänner der Szene. Inzwischen nutzt er sportliche Abenteuer oft, um auch wissenschaftliche und kulturelle Themen an ein breites Publikum zu bringen.

Fotos: Archiv Renan Ozturk

Autor 4-Seasons
Ist selber Kamera & Drohnen-Nerd

Du bist gerade von einer Expedition aus Venezuela zurück. Was hast du dort gemacht?
Renan _ Wir waren für «National Geographic» an den Tepuis-­Tafel­bergen im Dreieck von Venezuela, Guyan­­a und Brasilien unterwegs. Wie so oft bei «Nat Geo» haben wir Forschung und Klettern verbunden. Wir haben den 80-jährigen Wissenschaftler Bruce Means begleitet. Er hat sein Leben damit verbracht, dort die Flor­a und Fauna zu studieren. Aber auf den Klippen existiert ein eigenes Ökosystem, das noch nicht wirklich erforscht wurde.

Ihr habt einem 80-Jährigen geholfen, einen Tafelberg zu besteigen?
R _ Hoch in die Felswand konnte Bruce leider nicht, aber er hat uns mehr als 30 Meilen durch den Dschungel begleitet und dann von unten per Funk gesagt, was wir tun sollten. Wir haben Proben gesammelt und nach unbekannten Amphibien und Reptilien gesucht. Zum Kletterteam gehörte unter anderem auch Alex Honnold. Aus dem Projekt werden ein Artikel und ein Film entstehen, die hoffentlich bei den Bemühungen um mehr Naturschutz für die Region helfen werden.

Du selbst bist Kletterer, Maler, Filmer und Fotograf – wie bist du dahin gekommen, dass dich irgendwann «National Geographic» auf Expeditionen geschickt hat?
R _ Ich war schon immer von Orten wie dem Yosemite Valley oder Joshua Tree und der frühen Kletterszene in den USA inspiriert. Es ging mir nie allein um sportliche Leistungen, ich wollte auch neue Orte entdecken und kulturelle Erfahrungen machen. Nach der Uni habe ich mehrere Jahre in der Wüste gelebt, bin nur geklettert und habe Landschaften gemalt. Lebensmittel haben wir uns oft aus Müllcontainern gesucht – ein echtes Dirtbag-Leben.

Wann ist dann das Filmen und Fotografieren in dein Leben getreten?
R _ Das fing an, als ich mehr internationale Klettertrips machte und andere Kulturen kennenlernte. Zum Beispiel in der Mustang-Region in Nepal, dort half ich bei der Erforschung von vorbuddhistischen Wohnhöhlen. Ich hatte damals nur eine kleine Point-and-Shoot-Kamera, aber die Bildqualität war revolutionär. Ich konnte plötzlich überall eine Kamera mitnehmen, wo ich sonst aus Gewichtsgründen darauf verzichtet hätte. In diese Zeit fiel auch unser erster Versuch am Meru Peak in Indien mit Jimmy Chin und Conrad Anker. Darüber ist später eine lange Doku entstanden, die auf vielen Filmfestivals lief.

Du warst also schon gesponserter Kletterer, als du mit dem Filmen und Fotografieren angefangen hast?
R _ Das Klettern ist meine erste Liebe. Die Malerei und das Filmen kamen dazu und die Fotografie folgte als Letztes. Anfangs habe ich auch mit der Kamera vor allem künstlerisch gearbeitet. Ich habe Zeitraffer-Aufnahmen von Landschaften gemacht oder meine Malereien mit Stop-Motion-Tricks animiert. Das war cool, hatte aber noch nicht so eine Kraft wie eine ganze Doku, die man vor Publikum zeigen konnte. Ein Film kann eine Geschichte besser erzählen und hat eine grössere Wirkung. 

Du bist in deinen Filmen hinter und auch vor der Kamera, war das eine bewusste Entscheidung?
R _ Das ging Hand in Hand. Vom ersten Tag an war ich auf beiden Seiten des Objektivs. Das ist vor allem für das Publikum jenseits der Kletter-Community spannend. So merken die Leute, dass uns keine grosse Filmcrew begleitet, die diese Dinge filmt. Seit ich auch Geschichte­­n er­zähl­­­­e, in denen es gar nicht ums Klettern geht, bin ich mehr hinter der Kamera. Im Film «The Last Honey Hunte­­r» über einen der letzten Wildhonigsammler in Nepa­­l ist zum Beispiel überhaupt kein Westler zu sehen.

Du hast eine enge Verbindung zu Nepal. Deine Filme drehen sich oft auch um das Leben der Einheimischen. Wie entstand diese Beziehung?
R _ Für mich hatte Nepal schon immer die eindrucks- voll­sten Landschaften der Erde, vom Dschungel mit Tigern und Elefanten bis hin zum höchsten Punkt der Erde. Ich bin das erste Mal noch im Studium nach Nepal gereist. Währen­­d meine Freunde für ein Party-Auslandssemester nach Neuseeland flogen, habe ich mich für einen Nepalesisch-Kurs in Kathmandu angemeldet. Dort lebte ich in einer Familie, die kein Wort Englisch sprach, und bin jede­n Tag durch den Smog zur Schule gelaufen. Das war nicht gerad­e romantisch. Aber ich wollt­e die Sprache und Kultu­r kennenlernen, weil ich glaubte, dass mir das eines Tages tiefere Erlebnisse im Land eröffnen würde. Seitdem komm­­e ich mindestens einmal im Jahr zurück.

Hast du einen Tipp für Nepal-Reisende?
R _ Achtsamkeit ist ein guter Anfang. Man sollte Fragen stelle­n wie: Was ist respektvoll, was ist es nicht? Denn es gibt in Nepal so viele verschiedene Kulturen und jede hat ihr eigenes Wertesystem. Dann sollte man auch Orte besuche­­n, die jenseits der normalen Wanderwege liegen. Die Everest-Region ist grossartig und auch einige der anderen populären Orte – aber oft gibt es nur ein Tal weite­­r ein Gebiet, das noch fast niemand gesehen hat. Wer als Reisend­­er nach ursprünglichen Erfahrungen sucht, kann in Nepal wirklich Unver­gessliches erleben.

Du kommst mehr wie der Künstler und nicht wie der super trainierte Sportler rüber. Trotzdem musst du ja oft mit Top-Athleten mithalten. Wie trainierst du dafür?
R _ Das ist ein harter Kampf, ein gewisses Training durchzuziehen. Gerade in der heisse­­n Phase vor einer Expedition klappt das oft nicht mehr gut, weil ich zu viel organisieren muss. Aber ich habe über viele Jahre gelernt, mich möglichst effizient in den Bergen zu bewegen und mich irgendwie durchzuschummeln. Gerade beim Klettern kann ich mich erstaunlich gut über meinem eigenen Nivea­­u bewegen, wenn starke andere Kletterer dabei sind.

Es gibt Aufnahmen, die dich selbst unmittelbar nach einem lebensbedrohlichen Skiunfall zeigen. Denkst du immer erst an gute Bilder und dann an alles Weitere? 
R _ Solche Momente sind später in einem Film oft die stärksten Szenen. Ich denke auch, dass so etwas gezeigt werden darf – besonders wenn es gut ausgeht. Es ist einfach ein Reflex geworden, die Kamera laufen zu lassen und zu dokumentieren, was passiert.

Gab es noch öfter lebensgefährliche Momente, bei denen du die Kamera hast laufen lassen?
R _ Ich hatte damals sehr schwere Schädel- und Wirbelverletzungen, so knapp war es nie wieder. In der Wüste im Tschad wurden wir mal mit Messern bedroht oder jetzt  gerade auf der letzten Expedition habe ich an einem Fluss gefilmt, wurde von einem Baumstamm ins Gesicht getroffen und war bewusstlos. Das sind Szenen und Einblick­­e, die der Zuschauer sonst nicht oft sieht. Diese kleine­­n Moment­­e, in denen man Angst und Adrenalin spürt, die sind echt und das merkt der Zuschauer auch.

Du bist bereit, deine Gesundheit für gute Aufnahmen zu opfern. Aber du filmst ja oft auch Athleten in gefährlichen Situationen. Inwiefern machen sie das extra für deine Kamera?
R _ Es ist immer die Entscheidung der Athleten, wie viel sie riskieren. Sie haben bei allem das letzte Wort. Oft ist es ihr Projekt und ich bin nur da, um es zu dokumentieren. Alex Honnold ist ein gutes Beispiel. Der lässt beim Klettern für die Kamera gerne mal das Seil weg. Er weiss aber, wobei er sich wohlfühlt, und hat das Soloklettern ja schon ausgiebig gefilmt. Ich vertraue seinem Können und seiner Erfahrung. Er wiederum vertraut mir, dass ich alle technischen Aspekte des Klettern­­s verstehe, ihn nicht gefährde und ihn am Ende auch nicht als Adrenalinjunkie darstelle.

Lass uns über deinen letzten Film am Mount Everest reden. Warum habt ihr ausgerechnet an diesem durchkommerzialisierten Gipfel gedreht?
R _ Das war auch eine Expedition von «National Geographic» mit einem Forschungsauftrag. Ich war immer eher ein Anti-Everest-Typ. Aber mein Freund und Teamkollege Mark Synnott hatte einen Tipp zum möglichen Fundort der Leiche von Andrew Irvine bekommen.

Warum ist die Leiche von Andrew Irvine spannend?
R _ Es ist noch immer nicht ganz klar, wer den Mount Everest zuerst bestiegen hat. Offiziell belegt ist der Erfolg von Tenzin­­g Norgay und Edmund Hillary im Jahr 1953. Aber vielleicht haben George Mallory und Andrew Irvine bereits 1924 den Gipfe­­l erreicht. Leider sind die beiden Bergsteiger am Berg verschollen. Mallory wurde inzwischen gefunden – ohne grosse Erkenntnisse. Die Hoffnung ist, dass sich bei Irvine noch die Kamera befindet, mit der die beiden Bergsteiger ihren eventuellen Gipfelerfolg dokumentiert haben.

Ihr habt Irvine unter anderem nicht gefunden, weil ihr am Gipfeltag nur kurz von der Route abbiegen durftet, um ins potenzielle Suchgebiet zu kommen. Kannst du das erklären?
R _ Viele unserer Guides und Hochträger waren Nepalesen. Wir waren aber auf der Nordseite des Everest in China unterwegs. Wenn uns etwas passiert wäre, wären sie eventuell auf eine schwarze Liste gesetzt worden und hätten nicht mehr in China arbeite­­n dürfen. Darüber hinau­­s hatten wir ein junges Team und viele hatten den Everest noch nie bestiegen. Der Gipfel war ihnen wichtiger, weil ein Erfolg am Everes­t für ihre weitere Karriere wie ein Empfehlungsschreiben ist. Letztendlich lag aber der Körper auch einfach nicht an der vermuteten Stelle.

Bist du jetzt immer noch ein Anti-Everest-Typ?
R _ Ich bin mit einer neuen Perspektive zurückgekommen. Auch wenn die kommerziellen Expeditionen eine grosse Industrie und die Machtverhältnisse nicht immer fair sind, ist die Kameradschaft zwischen all den verschiedenen Menschen am Berg wirklich ermutigend. Und die Sherpas und die anderen Höhenträger erarbeiten sich langsam den Einfluss und den Geldwert zurück, den alle anderen seit Anbeginn der Zeit bekommen.

Hattest du ein Drehbuch oder arbeitest du bei deinen Projekten eher intuitiv?
R _ Der Grossteil meiner Arbeit findet ohne Drehbuch statt. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht eine Idee für die Story haben. In der Praxis muss man dann seiner Intuition folgen. Aber wenn man von vorn­herein einen Plan hat, kann man reagieren und den roten Faden bei­be­halten, auch wenn etwas Unerwartetes passiert.

Hast du deine Ausrüstung selbst getragen?
R _ Grundsätzlich half uns ein Team von Höhenträgern mit der Ausrüstung zum Schlafen, Kochen und Klettern. Auch für den Gipfeltag war geplant, dass jeder Kameramann einen Höhenträger zur Seite hat, um die Last zu teilen. Aber am Ende war unser Gipfelteam zu klein, also trugen wir unsere Kameras selbst. Allein die Kamera heraus­zuholen und um den Hals zu hängen, kostete so viel Kraft, dass ich dafür meinen Rucksack absetzen musste. Am Gipfeltag ging mein Regler am Sauerstoff­system kaputt, weil ich an einen Felsen gestossen bin. Dadurch wurde es der härteste Aufstieg meines Lebens.

Jetzt noch für die Kamera-Nerds: Wie hast du deine Akkus oben am Berg warm gehalten?
R _ Ich habe mir kleine Taschen unter die Achseln meine­­r Funktionsunterwäsche genäht. Dort bleiben die Akku­­s schön warm, bis sie zum Einsatz kommen.

Und wie fliegt man eine Drohne auf 8000 Meter?
R _ Das Geheimnis ist eine spezielle Freischaltung vom Hersteller, damit man über die normale Höhenbegrenzung hinausfliegen kann. Viel schwieriger ist es aber, aus dem Zelt zu kommen und überhaupt dorthin zu gelangen. Selbst das Anziehen der Stiefel ist dort oben eine epische Aufgabe. Eine Drohne zu fliegen ist das Letzte, was man eigentlich tun möchte.

Wie viele Drohnen sind dir schon abgestürzt?
R _ Bei Drohnen gehört Abstürzen zum Lernprozess, das ist wie das Fallen beim Sportklettern. Ich zähle nicht, aber in letzter Zeit war ich relativ sparsam. Aber mir ist auch schon mal eine Drohne mit Kamera und Objektiven im Wert von 150’000 Dollar abgestürzt.

Was war deine schwierigste Aufnahme bislang?
R _ Den Sonnenaufgang in der Nähe des Everest-Gipfels zu filmen, nachdem mein Sauerstoffsystem kaputt­­gegangen war, war eine der grössten körperlichen Herausforde­rungen. Und eine Aufnahme, wie eine Fliegen­fischerin einen Fisch unter Wasser freilässt und die Kamera dann an eine­m Kabel aus dem Wasser in Richtung einer Felswand hochfliegt, war sicherlich eine der technisch schwersten Aufnahmen meines Lebens.

Hast du noch immer Angst, die eine ultimative Aufnahme zu verpassen?
R _ Ich mache oft Witze über mein­e Angst, eine Aufnahme zu verpassen (FOMAS = Fear of missing a shot. Anm. d. Red.). Aber letztendlich ist das genau der Antrieb für meine Arbeit. Nur so lange ich FOMA­­S habe, kann ich weiter nach Perfektio­­n streben.

Bei deinen Projekten ist oft viel Leidenschaft im Spiel, filmst du manchmal auch nur zum Geldverdienen?
R _ Natürlich, manchmal muss erst das Esse­n auf dem Tisch bezahlt werden, um dann Zeit für Leidenschaftsprojekte zu haben. Ich war schon ein paar Mal pleite, weil ich meinen letzten Cent ausgegeben habe, um ein leidenschaftlich motiviertes Projekt auf die Beine zu stellen.

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