Vaasa, Lauf! Ein Hundeschlitten-Abenteuer

6. Dezember 2021

Schwedisch-Lappland ist Europas ­Hundeschlitten-Paradies. Die weissen ­Weiten des Fjälls, tanzende Nord­lichter und Huskys zum Verlieben. ­Die Schweizer Fotografin Nicole Schafer ­ist auf den Schlittenhund gekommen.

Fotos: Nicole Schafer

Gastautorin, 4-Seasons Magazin
Verliebt in die Vierbeiner
Es wird schlagartig laut. Die Tiere spüren den Aufbruch. Wer nicht aus seinem Zwinger geholt wird, macht bellend auf sich aufmerksam. Wer zum Bus geführt wird, zerrt hechelnd an der Leine: «Mensch, geht das nicht schneller?» Ich stemme mich in den vereisten Schnee. Bis zum Neunfachen seines Körpergewichts kann ein gut trainierter Husky wegziehen. Der Schlittenhund wiegt dabei so um die 20 Kilo, ich nicht mal das Dreifache.

Mein Favorit ist Vaasa, ein schneeweisser Sibirier mit tiefblauen Augen – ich habe mich spontan verliebt. Mit seinen 18 Monaten ist er für unsere Vier-Tage-Tour nicht eingeplant. Ich bettle ein wenig bei Andreas, Guide und Besitzer der Schlittenhunde. Können wir Vaasa nicht doch mitnehmen?
«Hmm, es sollten nicht zu viele Junghunde dabei sein», sagt der erfahrene Musher. «Die Kleinen sollen erst einmal lernen. Aber was meinst du denn – bekommt Vaasa die grosse Tour hin?» Bei den Vorbereitungsfahrten vom Camp aus hatte ich Vaasa schon zweimal im Gespann. Ja, ich vertraue ihm. Schliesslich nickt Andreas: Vaasa wird meine Nummer acht sein! Die Hunde kuscheln sich ins frische Heu des Hängers. Vaasa kratzt an der Tür. «Alles gut, ich bin genauso gespannt wie du», flüstere ich ihm zu.

16 Tiere dürfen mit auf grosse Fahrt, 15 Sibirier aus dem Rennteam des Camps – und Kasker, ein grosser schwarzer Hound. Kasker ist ein Quatschkopf, er liebt die Couch am Kamin ebenso wie das Rennen im Schlitten.

Glasklare Luft, klirrend kalte Nächte

Das Gasa-Huskycamp liegt knapp südlich des Polarkreises in den Wäldern Schwedisch-Lapplands. Die grosse Fjälltour, Herzstück des einwöchigen Programms, startet 150 Kilometer nördlich – mitten in der arktischen Wildnis, wo es nahe der norwegischen Grenze immer bergiger wird. 

Gefrorene Seen und verschneite Hügel ziehen an unserem Auto vorbei, die Vegetation wird spärlicher. Als die Strasse bei 650 Metern Höhe die Baumgrenze erreicht, gibt es nur noch Weiss. Das Thermometer rutscht auf minus zwölf Grad. Unter einem makellos blauen Himmel glitzert der Schnee. Unter minus zehn Grad reflektieren die Kristalle die Sonne, wärmer erscheint der Schnee stumpf. «Wolkenloser Himmel ist schön, aber die Nächte sind kalt. Das wird frisch im Zelt», lacht Andreas.
Der Musher bietet die mehrtägige Fahrt ins Fjäll für Leute mit gewisser Erfahrung an. Maximal drei Gäste nimmt er mit, jeder fährt ein eigenes Gespann. Für diesen Trip war noch eine Frau aus Deutschland angemeldet, die aber kurz vor der Anreise erkrankte – und schweren Herzens absagen musste. So sind wir nur zu zweit. 

Wir bauen die beiden langen Schlitten mit den extragrossen Packsäcken auf und spielen Gepäck-Tetris: Hundefutter, Futterschüsseln, Kocher, Zelte, Schlafsäcke, Essen, Wechselkleidung, Erste-Hilfe-Paket – erstaunlich, dass dieser Berg am Schluss in die Säcke passt. Ich bekomme meinen Schlitten kaum noch geschoben, 100 Kilo schätze ich.

Die erfahrenen Geschwister Klara und Pluto sind meine beiden Leithunde, meine Lebensversicherung im Nirgendwo. Während wir noch zwischen Auto und Schlitten pendeln, um die Team- und Wheeldogs einzuspannen, halten sie meine Zugleine straff. Wir hantieren schwitzend mit Gurten und Leinen, die Hunde sind vor Vorfreunde ganz ausser sich. Dann der ersehnte Moment: Andreas zieht die beiden Anker aus dem Schnee und löst die Fussbremse, die Kralle. Sofort ziehen seine acht Renner an und verstummen dabei schlagartig. Alle Kraft ist jetzt aufs Ziehen fokussiert. Meine Hunde zerreissen derweil fast ihre Leinen vor Aufregung: schnell hinterher! Ich muss Ruhe bewahren. Die Kralle treten, den ersten Anker am Schlitten einhängen, jetzt volles Körpergewicht auf die Kralle, den zweiten Anker lösen. Dann der Ruck im Team: «Auf gehts!»

Der Trail ist anfangs komfortabel: Schneemobile haben eine glatte Bahn gezogen, der wir folgen. «Snömobil»-Touren sind in Lappland Volkssport. Besonders zu Ostern und Pfingsten sollten Ruheliebende das Fjäll eher meiden. Schlittenhundesport besitzt dagegen kaum Tradition in Nordschweden – als malerisch am Horizont vorbeiziehende Fotomotive sind wir bei den Schneetöfflern allerdings beliebt.

Vaasa macht sich super

Im Schatten der 1500-Meter-Massive biegen sich kleine Fjällbirken unter ihrer Schneelast neben dem Trail. Manche der roten Wegkreuze gucken knapp aus dem Weiss – mindestens zwei Meter gepresster Schnee liegen also unter uns. Wir bremsen die Schlitten auf etwa 16 km/h herunter. Das Gespann soll schnell und gleichmässig traben, nicht galoppieren. Es geht ums Durchhalten, nicht ums Gewinnen.

Der kleine Vaasa macht sich super. Er läuft auf vorletzter Position neben dem sechsjährigen ruhigen Kuschelmonster Mavas, benannt nach dem grossen See, den wir gerade überqueren. Eisangler grüssen herüber. Wir queren eine graue, nasse Fläche: Overflow, Wasser auf dem Eis – ein ungutes Gefühl, aber die Hunde stört es nicht. Der Trail wird wieder fest.
Der Schnee schimmert hellblau in der untergehenden Sonne – Zeit für einen geschützten Zeltplatz: «Steeeeeeh!» Acht Köpfe drehen sich zu mir: Was? Schon!? Wo nehmen die Hunde nur diese Kraft her? Wir verankern die Schlitten und spannen ein Stake-out, ein Metallseil zwischen robusten Birkenstämmen. Daran angeleint werden die Huskys die Nacht verbringen. Schneeloch buddeln, einrollen, Schwanz über die Nase – so sind auch zweistellige Minusgrade kein Problem. Nur Kasker und meine zarte Leithündin Klara bekommen zusätzlich ein Mäntelchen umgelegt.

Auf dem Spirituskocher schmelzen wir Schnee: zehn Eimer Schnee für einen Eimer Wasser! Das Trockenfutter der Hunde ist das energiereichste auf dem Markt. Ein Husky verbraucht bis zu 12’000 Kilokalorien am Tag. Dazu gibts warmes Wasser, denn die arktische Luft ist trocken. Auch wir müssen viel trinken. Ich hocke mit meiner Teetasse zwischen Vaasa und Mavas, atme eiskalte, klare Luft und staune über die absolute Stille. Nie habe ich mich den Sternen so nahe gefühlt. Sind es Millionen? Milliarden?

Jack London lesen reicht nicht

Nach dem Füttern der Hunde am Morgen – es gibt Fleischstücke in viel warmem Wasser – nutzen wir ihre Verdauungsstunde zum Kaffeetrinken und Zusammenpacken. Ich finde mich gut in die Routine ein, kenne inzwischen jeden Husky und spanne sie alleine an. Bei Anfängertouren im Camp sind immer Helfer da, die zufassen, wenn nötig. Hier in den Bergen stünde man als Anfänger allein auf verlorenem Posten, denn Andreas muss vorwegfahren, um im Notfall mein Team aufhalten zu können.

Letztes Jahr habe ein junger Mann bei ihm angefragt, erzählt Andreas. Der wollte keinen Guide buchen, sondern nur Hunde und Ausrüstung leihen. Nein, Huskyschlitten sei er noch nie alleine gefahren – aber er hätte ja Jack London gelesen!

«Kein verantwortungsvoller Musher gibt seine Hunde aus der Hand», sagt Andreas kopfschüttelnd. Der frühere Marathonläufer und Triathlon-Trainer ist seit fast 20 Jahren im Schlittenhundesport unterwegs und hat einiges erlebt. «Aber bei solchen Anfragen staune ich doch», lacht er.

Wir gleiten durch die sonnige Winterwelt. Die letzten Bäume verschwinden. Jetzt ist Fahrtechnik gefragt. Wir erklimmen Berge, bei denen ich mit voller Kraft mitschieben muss – um kurz darauf einen 200 Meter langen Steilhang hinabzujagen. Ich trete voll auf die Kralle, der Schnee stiebt. Die Hunde haben Spass! Ihr Galopp gleicht einer grossen Welle. Diese Harmonie nehme ich ganz pur wahr – als ich mich wieder traue, durchzuatmen.


Huskys lieben das Laufen, aber nur bei Kälte

Andreas nimmt mit seinem Rennteam auch an Wettbewerben teil, dafür absolvieren er und seine besten Hunde jede Saison über 3000 Trainingskilometer. Diese Übungsfahrten beginnen erst im Spätsommer und unterhalb von zehn Grad, denn Hunde schwitzen nicht. Ihre überschüssige Wärme können die Huskys nur über Hecheln und die Pfoten abgeben, daher lieben sie zwar das Laufen, brauchen dafür aber die Kälte.

Eigentlich wollte Andreas wieder beim Bergebyløpet antreten, das 650 Kilometer lange nördlichste Schlittenhunderennen der Welt. Die Vorbereitung darauf ist ein riesiges Puzzle und sehr zeitintensiv. Am Ende wurden jedoch alle Rennen der Saison wegen Corona abgesagt. Das längste Rennen in Europa ist mit 1200 Kilometern übrigens das Finnmark in Norwegen, die längsten der Welt sind der Yukon Quest mit 1600 Kilometern und das Iditarod in Alaska mit 1850 Kilometern. Gerade mal acht Tage lang sind die schnellsten Gespanne dafür im eisigen Norden unterwegs …

Eisig bleibt es auch bei uns. Meine dicke Kapuze ist Gold wert. Beim letzten Licht erreichen wir nach fast 50 Kilometern eine bewirtschaftete Hütte. Nach dem Fressen rollen sich die Huskys zufrieden ein. Andreas legt sich im Schlafsack dazu. Kasker und ich bevorzugen die warme Hütte, in der noch weitere Hundeschlitten- und Schneemobilfahrer übernachten.

Aufstehen! Nordlicht!!

Kaum schlafe ich, gibt Andreas von draussen Nordlicht-Alarm. Sämtliche Gäste springen in die Stiefel. Fantastische Polarlichter tanzen lautlos am Himmel. Wir schweigen und staunen. Ein Geschenk …

Am nächsten Tag erreichen wir die blauen Abbruchkanten von Schwedens mächtigstem Gletscher, dem, Sulitjelmabreen, der im Frühjahr den reissenden Piteälven mit neuem Wasser speisen wird. Ein toller Ort – und leider auch unser Umkehrpunkt. Beim Anspannen am Morgen sehe ich Andreas’ sorgenvollen Blick: Vaasa läuft nicht rund. Keine Verletzung, aber vielleicht ist er mit dem Hinterbein am Stake-out hängen geblieben. Vaasa will rennen, doch er muss auf den Schlitten. Vaasas Mimik ist eindeutig: Ich bin stinksauer! Um die Stärke der Gespanne auszugleichen, bekomme ich Kasker als Wheeldog. Wahnsinn, was dieser vierbeinige Athlet für Arbeit leistet! Er besteht scheinbar nur aus Muskeln. Der Ritt zurück ist lang, das Licht wird diffus, es beginnt zu schneien. Die Hunde traben unbeirrt durch den Flockenwirbel. Dann stoppt Andreas. Angekommen! Weitere Gäste des Huskycamps sind extra hergefahren, um uns zu begrüssen – mit duftendem Kuchen.

«Vaasa, du kannst aussteigen.» Der Husky starrt mich aus blauen Augen an – immer noch so empört, dass wir loslachen müssen. «Beruhig dich, Vaasa. Du wirst noch so viel laufen in deinem glücklichen Huskyleben.»

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