Vanlife: Alltag auf Achse

20. September 2019

Martina Zürcher und Dylan Wickrama leben seit über drei Jahren in ihrem Bus. Hier erklären sie ihre Faszination für ein reduziertes Leben und verraten Details aus ihrem Alltag auf vier Rädern.

Fotos: Dylan Wickrama

Autor, 4-Seasons Magazin
Reisender Reporter
Wie seid ihr auf die Idee gekommen, in einem Bus zu leben?
Martina: Das war eine ziemlich spontane Entscheidung: 2015 haben wir uns mit unserem ersten Buch und Dylans Vor­trägen selbstständig gemacht – und waren dementsprechend ziemlich viel unterwegs. Wir träumten damals von einem «tiny house», also einem kleinen Häuschen irgendwo in der Natur. Das war aber nicht so einfach realisierbar. Eines Tages kam dann die Ein­gebung: Mit unserem VW-Bus haben wir ja eigentlich schon ein «tiny house», sogar ein mobiles, was noch viel besser zu uns passt. Wir haben noch am gleichen Tag unsere Wohnung gekündigt …
Wie habt ihr euch kennengelernt?
Dylan: Das war 2011 in Indien. Ich war dreieinhalb Jahre mit meinem Motorrad auf Weltreise und wir sind uns in Hampi vor einem Tempel über den Weg gelaufen.
Martina: Ich wollte erst gar nicht mit ihm reden, weil man als alleinreisende Frau in Indien jeden Tag zig Mal von Männern angequatscht wird. Wir sind trotzdem ins Gespräch gekommen und ich habe mich noch am gleichen Tag in ihn verliebt. Mir war direkt klar: Mit diesem Mann will ich den Rest meines Lebens verbringen. Aber Dylan wollte damals gar keine Beziehung, weil er auf der Reise zuerst sich selbst finden musste. 

Wie ging es weiter?
Dylan: Ich habe meine Reise fortgesetzt. Martina ist zurück in die Schweiz. Ich bin dann über Südostasien und Australien nach Nordamerika gereist. Mein Ziel war Argentinien. Wir haben in dieser Zeit Kontakt gehalten und Martina hat mich während meiner Reise in Kambodscha, Australien, den USA und nochmals in Costa Rica besucht.
Dann wurde der Kontakt zeitweise schwieriger. Warum?
Martina: Zwischen Panama und Kolumbien ist die Panamericana durch ein riesiges Dschungelgebiet unterbrochen. Mittel- und Südamerika sind weder per Strasse noch per Fähre miteinander verbunden. Also baute Dylan sich in Panama ein Floss, mit seinem Motorrad und einem Segel als Antrieb. Damit ist er dann sechs Wochen lang über den Pazifik bis nach Kolumbien gefahren. In dieser Zeit hatten wir kaum Kontakt – und ich habe mir natürlich Sorgen gemacht. Dylan war zuvor noch nie gesegelt, erst recht nicht auf dem Meer. Zum Glück habe ich erst nachher erfahren, dass er zwischenzeitlich wegen der Strömungen komplett vom Kurs ab­gekommen war und fast auf den Galapagosinseln gelandet wäre.
Dylan: Ich fand meine Idee super. (lacht) Und trotz aller Probleme war das eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens. Aber ja, man hätte sich eventuell besser vor­bereiten können – ich wollte aber un­bedingt vor der Regenzeit aufbrechen. Von dieser Flossreise handelt übrigens der Film, an dem wir gerade arbeiten …
Was kam danach?
Dylan: 2013 kam ich zurück in die Schweiz. Wir sind dann direkt zusammengezogen und haben 2016 geheiratet.

Wovon lebt ihr heute?
Martina: Dylan hält Vorträge über seine Weltreise und fotografiert viel, ich arbeite als Journalistin. Ausserdem haben wir zusammen ein Buch über Dylans Reise geschrieben. Aktuell arbeiten wir an einem zweiten Buch und an besagtem Film.

Wie sieht euer Alltag aus?
Martina: Wir sind viel unterwegs, verbringen selten mehr als eine Nacht am gleichen Ort. Tagsüber suchen wir uns meistens einen Platz, an dem wir in Ruhe arbeiten können. Mal ist das ein total abgelegener Fleck in der Natur, selten aber auch ein öffentlicher Parkplatz. Wir gehen unserer Arbeit nach, sitzen viel am Laptop – so wie alle anderen auch, nur halt nicht in einem stickigen Büro. 
Wie hoch sind eure Fixkosten?
Dylan: Wir haben kein Budget und machen uns selten Sorgen um unsere Finanzen. Deswegen kann ich das nicht genau sagen. Aber die Tatsache, dass wir keine Miete zahlen, beschert uns eine gewisse finanzielle Freiheit. Wir zahlen monatlich zum Beispiel unsere Versicherungen, einen mobilen Internetanschluss und Sprit – sprich: Ganz ohne Fixkosten kommen wir auch nicht aus.

Darf man in der Schweiz überall campieren?
Dylan: Das ist eine Grauzone. Das Gesetz sagt, dass man übernachten darf, um «die Fähigkeit zum Fahren wiederherzu­stellen». Sprich: Man darf im Auto schlafen, man darf aber nicht ein riesiges Camp samt Grill und Vorzelt aufbauen. Wir bemühen uns immer sehr, niemanden zu stören, uns eher abseits aufzuhalten und natürlich keinen Müll zurückzulassen. Ein gutes Beispiel: Erst gestern standen wir an einer Wiese, auf der Kühe standen. Als unsere Autobatterien und die Akkus unserer Laptops leer waren, hätten wir eigentlich unseren kleinen Generator anschmeissen müssen – das haben wir aber gelassen, weil wir die Tiere nicht stören wollten.
Martina: Seitdem wir im Bus leben, also seit mehr als drei Jahren, hatten wir erst ein einziges Mal mit der Polizei zu tun. Das war in Deutschland und die Sache war nach einem kurzen freundlichen Gespräch direkt aus der Welt. Ich glaube, es ist einfach sehr wichtig, dass wir uns rücksichtsvoll und bedacht verhalten. Wenn wir irgendwo ankommen und Müll vorfinden, sammle ich den häufig einfach schnell auf – solche Kleinigkeiten erhöhen die Akzeptanz für unsere Lebensweise enorm.
Wie wählt ihr eure Übernachtungsplätze?
Dylan: Manchmal finden wir zufällig schöne Plätze, manchmal fahren wir gezielt Orte an, die auf dem Satellitenbild gut aus­sehen. Durch meine Weltreise habe ich ein ganz gutes Gespür entwickelt.
Martina: Meine Trefferquote ist da schon etwas niedriger … (beide lachen)
Dylan: Ja, in fast 90 Prozent der Fälle liegt sie daneben. 
Martina: Quatsch, so schlimm ist es nicht!

Was macht ihr, wenn es mal dicke Luft gibt?
Martina: Das kommt ehrlich gesagt gar nicht mehr so oft vor. Aber seitdem wir im Bus leben, klären wir solche Sachen schneller als vorher und versöhnen uns rascher. Man kann sich ja nicht so leicht aus dem Weg gehen …
Dylan: Wir ergänzen uns nicht nur beruflich ziemlich gut. Martina kocht gerne, ich bin gelernter Kfz-Mechaniker. Dadurch ergibt sich eine klare Aufgabenteilung und jeder macht das, was er am liebsten macht oder am besten kann: Wenn wir eine Panne haben oder Arbeiten am Bus anstehen, ist das mein Job. Martina kümmert sich dafür um das Essen.

Der Platz im Bus ist begrenzt. Was ist für euch jeweils der wichtigste Gegenstand?
Martina: Ich denke, das sind unsere Laptops – die brauchen wir ja zum Arbeiten. Und mein Milchaufschäumer ist mir sehr wichtig. Damit kann ich super Latte macchiato machen … (lacht)
Dylan: Früher haben wir das mit dem Akkuschrauber gemacht. Aber der drehte einfach nicht schnell genug.

Habt ihr denn irgendwo noch ein Lager? Und wohin geht eure Post?
Martina: Wir haben noch ein paar Sachen bei meinen Eltern liegen, aber wir wissen inzwischen gar nicht mehr, was das alles ist. Unsere Post geht ebenfalls dorthin. Wenn wir bei meinen Eltern zu Besuch sind, schlafen wir übrigens trotzdem vor der Haustür im Bus. Das fanden sie am Anfang natürlich etwas komisch – aber inzwischen haben sie sich daran gewöhnt …
Dylan: Mein Gleitschirm liegt zum Beispiel ebenfalls bei Martinas Eltern. Klar, manchmal sehe ich andere Flieger am Himmel und wünsche mir, meinen Schirm dabeizuhaben. Solche Sachen müssen wir natürlich langfristiger planen als andere.
Wie oft bekommt ihr Besuch?
Dylan: Das kommt öfter vor: Wir suchen uns einen schönen Ort, schicken unseren Freunden die GPS-Daten und kochen für sie. Dann sitzen wir mit ihnen irgendwo am Wald oder an einem See und können sagen: Schaut euch nur an, wie schön unser Garten ist. (lacht)
Martina: Wir haben viele Freunde überall in Europa. Die sehen wir durch unseren Lebensstil eher öfter als zuvor, weil wir ja eh immer unterwegs sind. Unsere Schweizer Freunde sehen wir im Schnitt vermutlich etwas seltener als früher.

Was begeistert euch am Leben im Bus?
Martina: Die Freiheit, die Spontanität und die Reduktion auf das Wesentliche. Als wir in den Van gezogen sind, haben wir einen Grossteil unseres Besitzes verkauft oder verschenkt. Das fühlte sich sofort sehr befreiend an. Mittlerweile wissen wir auch weshalb: Es braucht nicht das Materielle, um glücklich zu sein. 
Dylan: Natürlich haben wir weniger Hab und Gut als andere. Aber das fühlt sich für uns nicht nach Verzicht an: Wir haben ein gemütliches Bett, einen Herd, einen Ofen, wir haben Strom, warmes Wasser und sogar eine Outdoordusche – was braucht man denn mehr?

Stichwort Dusche: Wie haltet ihr es mit der Privatsphäre?
Dylan: Das ist kein Problem. Wenn wir uns irgendwo «niederlassen», begegnen wir eher selten anderen Menschen und haben unsere Ruhe.
Martina: Witzig ist, dass wir doch tatsächlich in der Mongolei, dem am dünnsten besiedelten Land der Welt, manchmal Probleme mit der Privatsphäre hatten. Da hältst du irgendwo an und bist dir sicher: Das ist ein einsames Plätzchen. Dann fängst du an zu kochen – und nach zehn Minuten steht einer mit seinem Pferd da und schaut, was wir machen. 

Was habt ihr in der Mongolei gemacht?
Martina: Wir sind mit unserem Bus sechs Monate gen Osten gereist, die Mongolei war unser Ziel. 2003 war ich das erste Mal dort und habe die Armut vor Ort hautnah erlebt, war aber total fasziniert vom Land und von den Leuten. Deswegen habe ich nach der Reise zusammen mit drei Freundinnen in der Hauptstadt Ulaanbaatar eine Tagesstätte gegründet, die Platz für 175 Kinder zwischen zwei und 18 Jahren aus armen Verhaltnissen bietet.
Wo verbringt ihr die meiste Zeit?
Dylan: Letztes Jahr haben wir etwa drei Monate in der Schweiz verbracht. Den Rest der Zeit waren wir auf Reisen oder für die Vorträge unterwegs in Europa. Dieses Jahr ist es anders: Diese ersten sechs Monate waren wir komplett in der Schweiz, weil wir an unserem Filmprojekt gearbeitet haben. Grundsätzlich wollen wir aber gerne immer unterwegs sein und möglichst viel Abwechslung in unserem Leben haben.

2017 hattet ihr einen schweren Autounfall. Was ist passiert?
Dylan: Wir waren in Deutschland auf der Autobahn auf dem Weg zu einem Vor­­trag. Ein Falschfahrer, der sich das Leben nehmen wollte, ist mit Vollgas in den Gegenverkehr gefahren und hat unter anderem unseren Bus getroffen. Zwei Menschen sind bei dem Unfall ums Leben gekommen, während der Selbstmörder ironischerweise noch lebt. Das war schlimm.
Martina: Unser Bus, also unser Zuhause, war nach dem Unfall Schrott. Innerhalb kürzester Zeit mussten wir einen neuen Bus organisieren, den Dylan dann im Winter vor der Haustür meiner Eltern ausgebaut hat. Unser Fazit: Wir hatten wahnsinniges Glück. Und: Wir machen genau das Richtige, indem wir unsere Träume jetzt leben. Das Leben ist zu kurz, um unglücklich zu sein.

Das Thema Vanlife ist voll im Trend. Wie steht ihr dazu?
Martina: Einerseits ist es schön, wenn sich viele Leute für dieses Thema begeistern und Spass an und in der Natur haben. Andererseits können mehr Leute, die einer bestimmten Sache nachgehen, auch zu mehr Problemen führen. Unsere Message ist jedenfalls nicht: Du musst in einem Bus leben, um glücklich zu sein. Sondern allgemeiner: Mach, was dich glücklich macht!

Wann zieht ihr zurück in eine feste Bleibe?
Martina: Keine Ahnung, vielleicht nie! Für uns ist es kein Reiseprojekt, sondern eine Lebensweise. Aber falls es uns irgendwann zu blöd wird, dann ändern wir es einfach.
Dylan: Falls wir uns irgendwann mal nicht mehr riechen können, dann kaufe ich ihr einen Anhänger. (beide lachen)
Martina: Wenn mir deine Sprüche irgendwann mal zu viel werden, ist das echt eine gute Idee. Davon sind wir aber zum Glück weit entfernt ...
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