Vollzeit-Abenteurerin Tamar Valkenier

7. September 2021

Tamar Valkenier hat alles aufgegeben: ihr Haus, ihren Job als Polizeipsychologin, die Nähe zu Familie und Freunden. Seit sechs Jahren ist die Holländerin unterwegs – am liebsten in völliger Wildnis.

Fotos: zVg Tamar Valkenier

Autorin, 4-Seasons Magazin
Wenn nicht am Text, dann in der Natur
Tamar, du nennst dich Vollzeitabenteurerin. Wie viel Abenteuer erlaubt die Pandemie?
Genug. Im ersten Lockdown-Sommer war ich mit dem Velo an der Atlantikküste von den Niederlanden bis Frankreich unterwegs, im Winter mit Ski und Pulka in Schwedisch-Lappland. Immer allein und draussen, also Selbstquarantäne im Freien.
 
Du bist tatsächlich seit sechs Jahren unterwegs?
Ja. Es gibt keinen Wohnsitz mehr. Wenn ich für ein, zwei Wochen im Jahr Familie und Freunde besuche, wohne ich bei meinem Vater. Die anderen 50 Wochen gehören den Reisen.
Das tönt sehr radikal. Warum dieser Schritt?
Zunächst habe ich alles gemacht, was die Gesellschaft so erwartet: als Köchin bis in die Sterne-Gastronomie vorgestossen, an der Uni Psychologie und Kriminologie mit cum laude abgeschlossen – und noch ein Studium drangehängt. Mein Leben war perfekt: Traumjob bei der Niederländischen Nationalpolizei, schönes Haus, cooles Motorrad, tolle Hobbys. Dann brach ich mir beim Fallschirmspringen den Fuss, sass auf dem Sofa fest – und kam ins Grübeln. 
 
Dein perfektes Leben war nicht mehr perfekt? 
Immer war ich beschäftigt, Ziele zu erreichen. Aber wollte ich nun immer das Gleiche machen bis zur Rente? Oder war da draussen noch mehr? Ich wollte ein Jahr Auszeit. Mein Chef bot sechs Monate an. Nach vielen schlaflosen Nächten habe ich gekündigt. Ich wollte wirklich frei sein. 
 
«Wirklich frei», was hiess das konkret für dich? 
Ohne Job, ohne Haus, mit nur ganz wenig Besitz. Ohne Wecker, Kalender und Deadlines. Ich wollte Fragen zulassen: Was würde ich vermissen? Karriere, Freunde, die Heimat? Jemand zu sein? Ziele zu haben? Und: Was ist da draussen? Wie leben die Menschen? Ich radelte erst zwei Jahre um die Welt. Dann kamen immer neue Ideen, Pläne und Reisen. Wie ein Experiment, das etwas ausser Kontrolle geraten ist.
 
Ein Experiment, das dich in sehr wilde Ecken wie die Mongolei führte …
Ja, ein gewaltiges, dünn besiedeltes Land. Mit Nomaden, deren Leben sich seit 1000 Jahren wenig verändert hat. Als ich dort die Reiter mit ihren Adlern zur Fuchsjagd in die    Berge aufbrechen sah, wollte ich das auch erleben. Dafür musste ich erst reiten lernen und auch etwas Kasachisch.
 
Wie wird man von der Touristin zur Nomadin?
Über einen Internetkontakt kam ich an eine Nomadenfamilie, die mir vieles beibrachte: Reiten auf Kamelen und Pferden, den Umgang mit den Adlern. Danach bin ich ein paar Monate losgezogen, alleine mit Kamel, Pferd und Hund.
 
Alleine in der Mongolei – und keine Angst? 
Und ob. (lacht) Im Altaigebirge bist du 1800 Kilometer weg vom nächsten Krankenhaus. Ich konnte kaum reiten. Was, wenn ich vom Pferd falle? Habe ich genug Essen? Was, wenn das Kamel mit den Vorräten abhaut? Fünf Monate ohne Supermarkt und Dusche. Ich musste Gletscher und tiefe Flüsse queren. Selbst mit Pferd ist das schwierig. Ich wusste wenig über die fremde Kultur. Ein Mann checkte nachts Zelt und Tiere aus. Es ist nichts passiert, aber das Unbekannte ist oft furchteinflössend. Gleichzeitig hat diese Reise meinen Geist und meinen Horizont geöffnet wie keine andere.
 
Was hast du am Ende dieser Reise empfunden?
Seelenfrieden. Ich gab die Tiere bei den Nomaden ab, stieg in die Transsib und dachte: Wow, das ist perfekt. Wenn ich jetzt sterbe, ist es okay. Was noch kommt, ist eine Extraportion Glück. Seither verbringe ich jedes Jahr ein paar Monate in der Mongolei, zu der Nomadenfamilie besteht eine starke Verbindung.
Du tourst mal mit einem Esel 650 Kilometer durch Jordanien, mal mit Kamelen durch Holland. Du sammelst Survival-Wissen bei Wildnis-Guides in Kanada und bei den Massai in Kenia – wo kommen all die Ideen her? 
Oft vom Lesen oder Gesprächen. Ich höre von Rentierhirten in Sibirien, beginne zu recherchieren. Dann packt es mich und ich muss dort hin – und eine Weile bleiben. 
 
Täuscht der Eindruck oder wurden deine Touren mit der Zeit immer länger und extremer? 
Erst habe ich auf Campingplätzen übernachtet, dann bei Bauern geklingelt, später wild gezeltet. Zunächst in un­gefährlichen Gegenden, dann in Revieren von Wölfen und Bären – weil ich es liebe, sie zu beobachten. Es dauerte Jahre, bis ich keine Angst mehr hatte, mich so frei zu bewegen. Dennoch gehe ich heute weniger Risiken ein als früher, weil ich mich besser auskenne: Feuermachen, Navigieren, Erste Hilfe, Ernährung aus der Natur. Gerade trainiere ich für eine Baikalsee-Überquerung im Winter. Da geht es wochenlang mit Schlittschuhen und Pulka übers Eis. Nicht ungefährlich, aber ich bringe sechs Monate Arktiserfahrung mit und bin gut vorbereitet.
 
Du machst viel solo. Was unterscheidet Alleinsein von Einsamkeit? 
Wenn die Sonne scheint und ich eine Hochphase habe, fehlt mir alleine gar nichts. Also fast nichts: An einem schönen Ort denke ich oft an meinen Vater, dem ich das dann gerne zeigen würde. Aber grundsätzlich kann ich Alleinsein sehr geniessen. Die Einsamkeit kommt mit schlechten Erfahrungen: In Australien wurde ich operiert, im Krankenhaus war es schrecklich. Ungewissheit, niemand Vertrautes, ich konnte nicht einmal zuhause anrufen. Das ist die dunkle Seite des Unterwegsseins. Ich reise aber nicht immer allein, einen meiner intensivsten Trips habe ich mit einer anderen Abenteurerin geplant und gemacht: drei Monate durch Neuseelands Gebirge – ohne Proviant. Wir wollten sehen, ob wir von dem leben können, was wir in der Natur finden.
Ihr wart unterwegs mit Angel und Jagdgewehr? 
Sonst esse ich vegetarisch, doch in diesen Bergen gibt es schlicht nicht genug Beeren und Pflanzen zum Überleben. Nach einer Woche erlegten wir ein Reh, konnten aber das Fleisch nicht konservieren. So hingen wir Tage fest, bis alles zubereitet und gegessen war. Danach jagten wir nur noch Kleintiere wie Kaninchen oder Beutelratten. Ich frittierte Hirn und kochte Zunge. Meine Begleiterin Miriam ass am liebsten Hasen-Hoden. Es gab aber auch Zeiten, da haben wir gehungert und konnten die 25-Kilo-Rucksäcke kaum tragen. 
 
Wie oft darfst du dir anhören, dass deine Touren ja viel zu gefährlich seien? 
Am meisten warnen mich Menschen vor anderen Menschen. Ich habe lange nicht über schlechte Erfahrungen gesprochen, weil ich diesen Warnern keine Bestätigung verschaffen wollte. Aber natürlich passieren in sechs Jahren auch unschöne Dinge, Verletzungen, mentale Belastungen, auch übergriffige Männer. Manchmal war es nicht einfach, aus diesen Situationen herauszukommen.
 
Kann man für solch schwierige Situationen Strategien entwickeln?
Klar. Zum Beispiel habe ich immer mein eigenes Transportmittel, Velo, Pferd und so weiter, um nicht auf andere angewiesen zu sein. Mein eigenes Zelt, Essen, Wasser. Ich bin unabhängig und kann auf meine Intuition hören, ob ich jemande­­m vertraue oder lieber nicht. In der Mongolei hatte ich eine Platzwunde und fand ein Dorf mit Krankenstation. Man wollte mich dort nähen, aber mir erschien das alles wenig hygienisch und vertrauenerweckend. Eine Entzündung wollt­­e ich keinesfall­­s riskieren. Also habe ich nur Verbands­material gekauft und mich anderweitig versorgt. 
 
Hast du eine medizinische Ausbildung?
In Tasmanien erlitt ein Mitreisender einen allergischen Schock, in der Mongolei kam ich zu einem Unfall, eine Familie hatte sich mit dem Auto überschlagen. Und ich selbst habe mir auch mal was gebrochen. Um anderen und mir selbst besser helfen zu können, habe ich dann verschiedene Erste-Hilfe-Kurse für die Wildnis absolviert und meine Ausrüstun­­g verbessert. Einen Massai-Krieger mit Verbrennungen konnte ich so schon versorgen oder auch ein paar Mal mit meinem Satellitentelefon Einheimischen helfen. Mittlerweile bin ich auch Survival-Instruktor und bringe Menschen bei, in der Natur zu überleben.
Hilft dir eigentlich dein Background als Polizei­psychologin unterwegs? 
Meine Beschäftigung mit Mördern und Sexualstraf­tätern kann sicher helfen, gefährliche Situationen recht­zeitig zu erkennen und da rauszukommen. Aber die Erkenntnisse der westlichen Forschung dazu lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Kulturen übertragen. Die wichtigste Technik, sage ich immer, ist zu wissen, wie man Freundschaften schliesst: Geh sicher, dass die Menschen vor Ort dich mögen. Wenn du ein Camp aufbaust in der Nähe von Nomaden, dann gehe hin. Stelle dich vor, mit Keksen und Luftballons für die Kinder. Frage, ob es okay ist. Wenn die Menschen auf deiner Seite sind, werden sie dir nichts tun, sondern dich beschützen. Das ist meine Strategie. 
 
Was nimmst du an Ausrüstung mit? 
Am liebsten nur einen kleinen Rucksack. An Technik nur das Satellitentelefon. Ansonsten: Karte und Kompass, Feuerstahl, Schlafsack, ein Tarp. Manchmal auch ein Zelt oder sogar eine Gitarre. Über die Jahre ist es immer weniger geworden. Ich versuche, die Dinge um mich herum zu nutzen: einen Unterschlupf bauen; Feuer machen; Beeren, Pilze oder Pflanzen zum Essen finden. Aber das ist alles relativ: Die Massai gehen sieben Jahre in den Busch, um zu lernen, wie man von der Natur lebt und sich gegen Tiere verteidigt. Als ich dort letztes Jahr mein Minimal-Equipment auspackte, lachten sich die Massai kaputt: Wozu all das Zeug? Denen reichen eine Decke, ein Speer und eine Machete.
 
Wie finanzierst du dich?
Ich habe kaum Ausgaben, keine Miete, keinen Natel­vertrag. Nur Kranken- und Reiseversicherung, das sind etwa 1500 Euro im Jahr. Ich verdiene etwas mit Vorträgen und Artikeln, manchmal nehme ich Leute mit und bringe ihnen unterwegs etwas bei: Solotrekking in der Mongolei, eine Wüstentour, auch mal mit Bankern durch den Himalaya. Und mein Buch wird hoffentlich auch etwas einbringen. 
 
Erzählst du in deinem Buch von deinen Reisen? 
Nicht nur. Ich schreibe auch offen über mich. Und wie dieses Stadtmädchen mit Panikattacken, das jetzt durch die Welt zieht, seine Ängste überwunden hat. Ich schreibe, wie es ist, arbeits- und wohnungslos zu sein. Wie es ist, als Frau allein unterwegs zu sein. Hunger zu haben, ein Tier zu töten. Nomadin zu sein, eine Verbindung zu Tieren aufzubauen. Das alles möchte ich gerne teilen.
 
Freust du dich, wenn du andere Menschen inspirieren kannst? 
Sicher. Eine Journalistin erzählte mir kürzlich, ihr Auto gebe ihr so viel Freiheit: jederzeit überall hinfahren zu können! Ich fragte sie, wie lange sie genau arbeiten müsse, um das Auto zu finanzieren. Sie kam auf zwei Stunden Arbeit – um sich 20 Minuten in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu sparen. «Mist», sagte sie, «jetzt muss ich mein Auto ver­kaufen.» Ich liebe es, Dinge auf den Kopf zu stellen.
 
Du bist jetzt 34. Wo wirst du in zehn Jahren sein?
Vielleicht bilde ich Not-OP-Teams in Tansania aus oder ich bin Kameltrainerin in der Mongolei. Aber vielleicht habe ich auch Kinder bekommen und lebe wieder in Holland in einem Haus. Ich weiss es nicht und genau das mag ich am Leben. Ich will die Zukunft gar nicht kennen.

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