Tipps fürs Wandern mit Kindern

20. Februar 2020

Mit Kindern in die Berge? Unbedingt! – meint Michi Seger, Verkaufs­berater, Papa und Alpinspezialist bei Transa Zürich. Im Interview erklärt er, worauf es bei Tourenplanung und Ausrüstung ankommt und wieso auch die Kleinen ihr Päckchen ruhig schon selber tragen können.

Fotos: Wiebke Mörig

Verkaufsberater, Filiale Zürich Europaallee
geniesst die Bergwelt am liebsten mit Frau und Kindern
Michi, mein Sohn ist anderthalb. Kann ich mit ihm schon in die Berge gehen?
Unbedingt. Sobald die Kleinen alleine sitzen können, kannst du sie in eine Kindertrage stecken. Das ist zwar anstrengend, weil du viel Gewicht auf dem Rücken trägst, dafür bist du bei der Tourenwahl im «Tragenalter» noch freier als später, wenn die Kids selbst laufen wollen.

Macht das denn jedes Kind mit?
Entscheidend ist, dass sich Lastesel – also Papa oder Mama – und Passagier wohlfühlen. Daher ersetzt nichts eine gute Anprobe samt Beratung. Bei uns in der Europaallee haben wir acht verschiedene Modelle, auch speziell für Frauen ist eins dabei. Grundsätzlich lassen sich aber fast alle Tragen auf verschiedene Träger einstellen, sodass sich die Eltern auf Tour gut abwechseln können. Die allermeisten Kinder lieben es, auf Augenhöhe mit den Grossen zu sein und von dort oben die Landschaft zu bestaunen. Und wenn sie die Müdigkeit übermannt, schlafen sie dank weicher Polsterung auch überraschend gut in ihrer «Sänfte».

Worauf kommt es beim Kauf noch an?
Achte nicht zu sehr auf das Gewicht. Selbst wenn ein Modell 500 Gramm leichter ist als das andere – viel wichtiger ist ein gutes Tragesystem, das die Last auf die Hüfte überträgt. Nur so kannst du auch längere Etappen komfortabel laufen. Auch ist bei schwereren Tragen oft ein Sonnen­ und Regenschutz integriert und sie bieten mehr Stauraum für Windeln, Wechselwäsche, Kuscheltier & Co.
Bis zu welchem Alter kann ich mein Kind denn in der Trage transportieren?
Die meisten Modelle sind bis zu einem Gewicht von etwa 22 Kilo ausgelegt, das entspricht einem Alter von sechs bis sieben Jahren. Aber die meisten Kids wollen schon viel früher selbst laufen – das entlastet einerseits die Bandscheiben der Eltern, bringt aber auch ganz andere Herausforderungen mit sich. Gerade in den Bergen hat die Sicherheit natürlich oberste Priorität, bei frei herumlaufenden Kindern müssen die Eltern jede Sekunde auf der Hut sein.

Umso wichtiger wird die Tourenplanung?
Genau. Bergausflüge mit Kindern können unglaublich schön sein, bei falscher Planung aber auch für Frust sorgen oder im schlimmsten Fall wirklich gefährlich werden. Wie bei jeder anderen alpinen Unternehmung auch muss die Tour zur Gruppe passen und hier sind eben die Kinder in der Regel das schwächste Glied. Umso wichtiger ist es, dass die Eltern in Sachen Gelände und eigener Kondition immer ausreichend Sicherheitsreserven haben.

Hast du konkrete Tipps für die Vorbereitung?
Versuche, die Welt mit den Augen deiner Kinder zu sehen. Wir Erwachsene wollen immer einen Gipfel besteigen oder freuen uns, wenn wir die auf dem Wegweiser angegebene Gehzeit unterbieten. All das ist Kindern egal. Vielleicht wollen sie lieber eine Stunde am Bergbach spielen, Blumen pflücken oder Schmetterlinge beobachten. Sie lassen den Blick viel weniger in die Ferne schweifen, haben aber ein tolles Gespür für die kleinen Dinge am Wegesrand, die wir Erwachsene meist gar nicht mehr wahrnehmen.

Also beziehe ich meine Kids schon bei der Planung mit ein und frage, worauf sie Lust haben. Wenn wir dann ein Ziel ins Auge gefasst haben, gehe ich folgende Checkliste durch: Wie lang sind die einzelnen Abschnitte? Können wir notfalls umkehren oder rasch eine Hütte erreichen, falls das Wetter umschlägt oder eines der Kinder nicht mehr kann? Gibt es schwierige Schlüsselstellen und wenn ja, sind wir dafür gewappnet?

Die Distanzen sind das eine, aber woher weiss ich, wie viel Zeit ich einplanen muss?
Pauschal lässt sich das schwer sagen. Das Alter der Kinder und ihre Lust am Wandern spielen eine grosse Rolle. Meiner Erfahrung nach ist man mit Kindern mindestens doppelt so lang unterwegs wie in der Tourenbeschreibung angegeben. Wie gesagt: Der Wegesrand kann viel spannender sein als das von Papa und Mama ausgewiesene Tagesziel. Obendrein sind deine Kinder wahre Wundertüten: Einmal laufen sie so stramm daher, dass du kaum nachkommst, und beim nächsten Mal geht das Quengeln schon auf den ersten Metern los. Du tust also gut daran, immer einen Plan B zu haben und dich nicht von bestimmten Gehzeiten abhängig zu machen.
Gibt es Tricks, die Kleinen über «Durststrecken» hinwegzumotivieren?
Gib ihnen das Gefühl, vollwertige Tourenpartner zu sein. Schon ein eigener kleiner Rucksack, in dem die Kids ihre Regenjacke, die Wasserflasche, ein Schnitzmesser oder eine Lupe und das Pausenbrot tragen, kann Wunder wirken. Achte aber darauf, dass er nicht schwerer ist als zehn Prozent des
Körpergewichts, sonst geht die Sache nach hinten los. Wenn es das Gelände zulässt, kannst du deine Kinder auch vorausschicken und sie die Familienherde anführen lassen. Was immer zieht, ist die Aussicht auf ein grosses Eis oder den tollen Spielplatz an der nächsten Hütte.

Stichwort Bekleidung: Braucht es auch für die Kleinsten schon Gore-Tex und Co.?
Nein. Wer will denn schon 400 Stutz für eine Jacke ausgeben, aus der die Kinder schon nach ein paar Monaten rausgewachsen sind? Ich empfehle Kleider, die universell einsetzbar sind. Die Regenhose etwa brauche ich nicht nur als Wetterschutz in den Bergen – mit ihr lässt sich auch prima in der Kita im Matsch spielen. Ansonsten hat sich auch bei Kindern das Zwiebelprinzip bewährt, so kannst du schnell mal eine Lage an­ oder ausziehen. Wichtig ist noch, dass du immer etwas zum Wechseln dabeihast – so schnell, wie die Kleinen bäuchlings in der nächsten Pfütze liegen, kannst du gar nicht gucken!

Haben Kinder denn das gleiche Temperaturempfinden wie Erwachsene?
Sie schwitzen viel weniger als wir und merken oft nicht, wenn sie auskühlen. Das müssen also die Eltern im Blick haben. Gerade wenn der Nachwuchs noch in der Trage transportiert wird, darf man sich nicht von der eigenen Wahrnehmung leiten lassen: Während du schwitzend die Berge erklimmst, sitzt dein Kind passiv in der Trage und ist auch noch dem Wind ausgesetzt. Ein kurzer Griff an die Hand oder in den Nacken verrät, ob alles im grünen Bereich ist.

Manche Hersteller werben mit «mitwachsenden Hosen». Macht das Sinn?
Das sind Modelle, bei denen man einen zusätzlichen Saum im Bein auftrennen kann, wodurch die Hose länger wird. Ich finde aber entscheidender, dass die Hose am Bund gut passt und dort einen guten Verstellbereich hat. Sind die Hosenbeine anfangs zu lang, kremple ich sie einfach um, und wenn sie irgendwann nach Hochwasser aussehen, geht die Welt auch nicht unter.

Schuhe kann ich aber nicht zum «Reinwachsen» kaufen, oder?
Sobald die Kinder längere Strecken in den Bergen selber laufen, sind gut passende Wanderschuhe Pflicht. Aber auch hier gilt das Prinzip der Vielseitigkeit: Du brauchst keinen hoch spezialisierten Alpinstiefel kaufen – ein stabiler Schuh mit griffiger Sohle leistet auch im Alltag treue Dienste und kann in der Regel an jüngere Geschwister weitergegeben werden.
Wasserdicht: ja oder nein?
Klar ist es schön, wenn die Füsse nicht gleich nass sind, wenn die Kids mal durchs feuchte Gras laufen. Trotzdem muss es nicht die teuerste Variante sein. Denn wenn das Wasser von oben in den Schuh läuft, weil die Kleinen bis zu den Knien im Bach stehen, nützt auch die beste Membran nichts. Mein Tipp: Ein paar Blasenpflaster im Erste­Hilfe­Pack können helfen, wenn die kleinen Füsse Gefahr laufen, in nassen Schuhen wund zu werden.

Wie sieht es mit Sonnenschutz aus?
In der Höhe sind UV­-Strahlen noch aggressiver, eine Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 sollte es schon sein. Oft ist aber das Eincremen ein echter Kampf, besser sind da lange, luftige Kleidung und ein Sonnenhut. Bei kleinen Kindern macht ein Modell mit Kinnband Sinn, denn sonst bleibt die Mütze nicht länger als ein paar Minuten auf dem Kopf. Überhaupt wird vieles einfacher, wenn die Kinder älter werden: Wenn Papa eine coole Käppi aufhat, wollen die Kids das irgendwann auch.

Was muss ich beachten, wenn ich ein ganzes Wochenende in den Bergen verbringen will?
Ab etwa sechs Jahren können Kinder schon bis zu fünf Stunden pro Tag laufen, das vergrössert deinen Aktionsradius natürlich und macht auch abgelegenere Ziele erreichbar. Eine Nacht in den Bergen ist für jedes Kind ein grosses Abenteuer, für den Anfang würde ich aber immer eine Hütten übernachtung empfehlen, denn das Wetter in den Bergen bleibt immer unberechenbar. Erst wenn die Kids älter und erfahrener sind, würde ich sie mit ins Zelt oder gar zu einem Biwak nehmen. Für die Hütte dagegen braucht es nicht viel: Fleece­ oder Seidenschlafsäcke gibt es auch für Kinder, das nimmt den manchmal etwas muffigen Wolldecken den Schrecken.

Für manche beginnt eine echte Bergtour erst, wenn es wirklich steil wird. Wann kann ich meine Kinder mit in die Vertikale nehmen?
Das geht erstaunlich früh, hängt aber natürlich stark von deinen eigenen Fähigkeiten ab. Am besten gelingt der Einstieg ins Thema Klettern an einem freien Boulder auf einer Almwiese. Dort können die Kleinen ohne Risiko rumkraxeln und wenn Mama und Papa auch ein paar Züge machen können – umso besser.

Fürs Toprope-­Klettern haben wir zum Beispiel den Ouistiti von Petzl im Programm. Das ist ein Komplettgurt für Kinder bis 30 Kilo; damit können sie gut gesichert schon mit drei, vier Jahren erste Versuche am Fels machen. Durch den integrierten Brustgurt und den hohen Einbindepunkt können die Kleinen beim Sturz oder Ablassen nicht hintüberkippen.
Kann ich solch einen Gurt auch für den Klettersteig benutzen?
Da rate ich zu absoluter Vorsicht! Ein Klettersteig suggeriert mit den vielen Tritten, Stufen und dem durchlaufenden Stahlseil ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Fakt ist aber, dass die Bandfalldämpfer, die den Bremsweg im Falle eines Sturzes verlängern, bei fast allen Klettersteigsets erst ab 40 Kilo Körpergewicht auslösen. Ein zu leichtes Kind würde also mehrere Meter ungebremst ins Seil fallen.

Ohnehin gilt auch hier: Was wir Erwachsene an Nervenkitzel stimulierend finden, ist für Kids oft viel zu viel. Eine tolle Wanderung, die an einem Wasserfall oder einer Höhle vorbeiführt, ist aufregend genug.

Kapiert. Aber wie finde ich denn jetzt die passende Tour für den Familienausflug?
Da habe ich zwei Literaturtipps für dich: Im «Bergfloh» findest du eine Auswahl der schönsten Berg­ und Hüttenwanderungen mit Kindern in der Schweiz. Besonders cool finde ich, dass es zu jeder Tour eine kleine Hintergrundgeschichte und ein passendes Spiel gibt. So kannst du bei den Kids die Vorfreude schon daheim oder bei der Anreise mit dem Zug wecken. Vom Schweizer AlpinClub gibt es das Buch «Familienausflüge zu SAC­Hütten». Darin werden 41 besonders kinderfreundliche Hütten vorgestellt.

Haben wir noch was vergessen?
Kleine Dosen, um hinein zutun, was so am Wegesrand aufgelesen wird: Steine, kleine Blätter oder auch mal einen Regenwurm. Und selbst bei einer Tagestour machen Matte und Schlafsack Sinn: Wenn die Kleinen müde sind, machst du mit ihnen ein gemütliches Nickerchen. Das fühlt sich fast wie richtiges Camping an und die Kids sind glücklich. Denn darum geht es ja!
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