Weitestgehend

19. November 2021

1300 Kilometer zu Fuss in wegloser Wildnis und 600 Kilometer flussab auf dem Noatak – schon die Eckdaten dieser Tour zweier Schweizer durch Alaskas Brooks Range lassen aufhorchen. Ihre Schuhwahl wirft allerdings Fragen auf.

Fotos: Manuel Meier, Lukas Mathis

Autor, 4-Seasons
Läuft beim Schreiben zur Höchstform auf.
Was würdet ihr sagen, wenn jemand Alaska mit Laufschuhen durchqueren möchte?
Manuel: Gute Idee, das haben wir auch so gemacht …

Welche Route hattet ihr dafür gewählt?
Lukas: Rund 200 Kilometer nördlich des Polarkreises liegt die Brooks Range, eines der abgelegensten Gebirge der Welt. Das haben wir von Osten nach Westen traversiert. In 59 Tagen sind wir 1300 Kilometer gelaufen und haben 600 Kilometer mit dem Boot zurückgelegt. Dabei haben wir Alaska von der kanadischen Grenze bis zur Beringstrasse komplett durchquert.
Laufschuhe klingen – sagen wir – unkonventionell. Aber das hattet ihr euch sicher gut überlegt?
M: Das haben wir uns sogar sehr gut überlegt. Das ganze Projekt war verrückt, aber daher auch so spannend. Eine der grössten Herausforderungen war sicher, dass wir immer wieder Sumpflandschaften und sehr, sehr viele kalte Bäche durchqueren mussten. Die Schuhe auszuziehen war keine Option, allein wegen der Verletzungsgefahr. Also haben wir leichte, offene Laufschuhe genommen, aus denen das Wasser möglichst schnell wieder herausläuft. Mit ihnen sind wir einfach durch alles durchgelaufen und hatten praktisch immer nasse Füsse. Wet Hiking haben wir das genannt. Wir wollten kompromisslos leicht unterwegs sein und haben das letztlich ziemlich auf die Spitze getrieben …

Wie leicht waren denn eure Rucksäcke?
L: Ohne Essen wogen sie jeweils etwa neun Kilo, samt Zelt und aller Ausrüstung, mit Essen waren es über 20 Kilo.
Also habt ihr es wirklich auf die Spitze getrieben?!
L: Weniger ging wirklich nicht mehr. Wir hatten nur ein einziges Paar Schuhe und einen Satz Wechselkleidung dabei. Auf Gore-Tex haben wir ganz verzichtet und stattdessen Ultraleicht-Jacken mitgenommen, die wiegen die Hälfte. GPS, Seil und Ähnliches ist zu Hause geblieben, genau wie der Kocher.

Kein Kocher?
M: War uns zu schwer … Stattdessen hatten wir Esbit-Würfel dabei, um Wasser für Expeditionsnahrung zu erhitzen. Aber 85 Prozent des Essens war kalt. Praktisch jeden Tag gab es so Sachen wie Blévita-Cracker, die wir mit Tartar-Mayonnaise überdeckt haben. Dazu viel Nüsse und Schokoriegel…

Lecker ...
M: Geht so. Das Ziel war einfach eine möglichst hohe Energiedichte. Wir hatten Tabellen mit Produkten und ihrem Nährwert erstellt. Das war unser Einkaufszettel, um in Fairbanks eine halbe Million Kalorien einkaufen zu können. So viel brauchten wir für die 60 Tage in etwa. Und dann haben wir im Walmart ganze Regale geleert … Schlussendlich hatten wir eine Energiedichte von 4500 Kalorien pro Kilogramm Nahrung im Rucksack. In etwa so viel wie Speck …

Das war sicher ein spannender Einkauf …
L: Das war schon absurd. Insgesamt waren wir fünf Tage lang einkaufen. An einem Tag haben wir für 1000 Dollar eingekauft und die Kassiererin sagte, sie hätte noch nie einen so langen Kassenzettel ausgestellt. Der war wirklich etwa eineinhalb Meter lang. Und dann wird ja in den USA am Ausgang kontrolliert, ob alles auf dem Zettel steht, was im Wagen liegt. Die Frau war sichtlich überfordert und fragte, ob wir das Essen an hilfsbedürftige Kinder verteilen. Wir hatten ja säckeweise M&Ms und andere Süssigkeiten im Wagen …
M: Lukas hat geantwortet, dass wir das alles allein essen …

Habt ihr die ganze Tour so minutiös geplant wie das Essen?
L: Ja, absolut. Wir haben selber Witze darüber gemacht, dass das wohl nur mit «Swiss-Bünzli-Power» möglich ist. Wir hatten Listen mit Gewichtsangaben für jeden Ausrüstungsgegenstand. Wir hatten seitenweise Notfallkonzepte bis hin zu einer Übersicht, welche Waldläuferzeichen wir auslegen, wenn zum Beispiel das Satellitentelefon seinen Geist aufgibt. Mit unseren Eltern war ausgemacht, dass sie einen Überflug durch einen Buschpiloten organisieren, wenn 72 Stunden kein Lebens-zeichen von uns kommt.
Ihr wart 24, als ihr die Tour gemacht habt. Die jüngsten von nur 10–20 Menschen, die diese Traverse geschafft haben. Woher hattet ihr das Selbstvertrauen und die Erfahrung?
M: Wir kennen uns seit 2012 aus der Jugendorganisation des SAC und sind sehr viel zusammen in den Bergen unterwegs gewesen. Vor allem im klassischen Alpinismus haben wir viel Erfahrung gesammelt. Und die hat uns in Alaska wirklich geholfen.
L: Vor allem in den ersten zwei Wochen der Tour, als es oft geschneit hat und noch viel Altschnee lag. Aus den Alpen wussten wir einfach, wie wir uns in solchen Verhältnissen bewegen müssen. 
M: In der Brooks Range war ich vor der Tour schon. Mit 20 Jahren zum ersten Mal und das würde ich heute als die «Sünde meiner Jugend» bezeichnen. Ich bin ohne irgendeine brauchbare Ausrüstung alleine dort hinausgelaufen und habe wahrscheinlich mein Leben riskiert.
L: Ein wenig Wildniserfahrung hatte ich von drei Wochen Mongolei. Aber so ein ganz grosses Projekt hatten wir beide noch nicht gemacht und in dem Sinn auch kaum Erfahrung.
M: Ein Jahr vor dem Projekt bin ich dann extra noch einmal mit meinem Bruder in die Brooks Range. Um zu recherchieren und Konzepte auszuprobieren, die Lukas und ich uns schon für das Projekt überlegt hatten. Ganz wichtig war es, ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Tagesdistanzen bei der Traverse realistisch waren. Die Info brauchten wir dringend, um die Abstände zwischen den Nahrungsdepots zu planen.

Wie weit waren eure Depots voneinander entfernt und wie habt ihr sie organisiert?
L: Immer so etwa zwölf Tage. Beim Start an der kanadischen Grenze war Essen für zwölf Tage im Rucksack – etwa zwölf Kilo pro Person. Das musste bis zum ersten Versorgungsposten auf halbem Weg zum Dalton Highway reichen. Dort hatte uns ein Buschpilot ein Metallfass deponiert. Am Dalton Highway wartete die nächste Ration bei einem befreundeten Einsiedler. Die dritte Ration wurde per Luftfracht zum Anaktuvuk-Pass gebracht, dem einzigen Ort auf der Traverse – ein winziges Inuit-Dorf mit 300 Einwohnern. Und der letzte Versorgungsposten war am Startpunkt unserer Bootstour. Dorthin haben wir das Schlauchboot und Essen für drei Wochen von einem Wasserflugzeug einfliegen lassen. 

Dann habt ihr eure gesamte Planung auf diese Versorgungsposten ausgerichtet?
M: Das ging kaum anders. Die Versorgungsflüge waren mit das Teuerste an der Expedition. Darum haben wir sie auf ein Minimum reduziert. So war das Essen der limitierende Faktor. Wir wussten, wenn wir heute länger als geplant brauchen, müssen wir morgen entsprechend weniger Kalorien essen oder noch schneller laufen.

Seid ihr nach Plan vorangekommen?
M: Anfangs leider nicht. Im Nachhinein hat sich nämlich herausgestellt, dass ich mit meinem Bruder den technisch einfachsten Abschnitt gelaufen war. Dadurch war die ganze Planung etwas zu optimistisch ausgefallen.
L: Gerade am Anfang hätten wir besser zwei Depots eingerichtet. Auch, weil die Bedingungen zu Beginn wirklich hart gewesen sind. Der Buschpilot hatte uns mit der Aussicht auf trockenes Wetter in der Brooks Range abgesetzt. Das Gegenteil war der Fall. Wir hatten in den ersten zwei Wochen so gut wie jeden Tag Neuschnee und haben uns stellenweise durch hüfttiefen Schnee kämpfen müssen. Im Osten wurde es der niederschlagsreichste Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen.

Das waren ja sicher nicht die einzigen Herausforderungen?
M: Wir haben beide mehrfach Entzündungen bekommen, meist an den Sehnen. Das war vor allem psychisch extrem belastend. Wir wussten ja, dass wir eigentlich Ruhe brauchten, mussten aber weiterlaufen, weil sonst das Projekt gescheitert wäre. Wegen des hohen logistischen Aufwands und der Kosten hätten wir kaum zusätzlich Nahrung einfliegen lassen können. 
L: Die Nahrung, die wir hatten, mussten wir natürlich von Bären fernhalten. Ich glaube, insgesamt hatten wir an die 26 Begegnungen mit Bären.
M: Die grössten Herausforderungen waren aber die Flussquerungen. Selbst zwei Jahre nach dem Projekt hatte ich eine Art posttraumatische Belastungsstörung. Ich habe panische Angst bekommen, wenn ich an einen Bergbach kam. Weil ich dachte, ich muss ihn durchqueren.
Wie gross die Herausforderungen in dem Gebiet waren, musste auch Explora-Geschäftsführer und Abenteurer Andi Hutter erfahren.
L: Er war per Zufall praktisch gleichzeitig mit uns in der Brooks Range unterwegs. Wir haben sogar ein paar Synergien nutzen und zum Beispiel Versorgungsflüge kombinieren können. Leider musste er sein Projekt abbrechen, weil ihm während eines Schneesturms ein Bär seine Ausrüstung zerstört und grosse Teile der Nahrung weggefressen hatte. 

Wie sah denn so ein typischer Tagesablauf aus?
M: Wir hatten den Ablauf nach relativ kurzer Zeit extrem durchoptimiert. Eine Stunde nach dem Aufstehen sind wir aufgebrochen. Dann sind wir drei Blöcke à drei Stunden gelaufen und haben in den zwei Pausen jeweils etwas gegessen. Nach etwa 30 bis 40 Kilometer Distanz haben wir das Nachtlager aufgeschlagen. Immer in derselben Rollenverteilung. Wie ein seit sechzig Jahren verheiratetes Ehepaar. Das war nicht geplant, ist aber nach ein paar Tagen absolut nicht mehr zur Diskussion gestanden. Lukas hat immer das Zelt auf- und abgebaut und ich habe Essen gemacht. Dann haben wir eine Stunde geschlafen, Tagebuch geschrieben, Lebenszeichen und Position per Satellitentelefon abgesetzt und erst dann richtig geschlafen. Es war wirklich jeden Tag genau der gleiche Ablauf. Ohne jede Freizeit.
Genau genommen war ja das ganze Projekt Freizeit, oder?
L: Klar. Aber wir haben ganz am Anfang für uns beschlossen, dass wir das Projekt als unseren Job ansehen. Als einen externen Auftrag, zu dem wir verpflichtet sind und den wir nicht hinterfragen. Psychisch hat es das für uns ein Stück weit einfacher gemacht.

War die Traverse letztendlich ein Traumjob?
M: Ja klar war es die Erfüllung eines Traumes. Seit meiner ersten Tour hatte dieser Teil Alaskas einen speziellen Platz im Herzen. Ich hatte noch nie so etwas Unberührtes gesehen. Teilweise haben wir uns wie Astronauten im Weltall gefühlt. Wenn ein Flugzeug durchgeflogen ist, war das für uns völlig absurd. Nur neun Kilometer über uns waren das die nächsten Menschen. Und doch waren sie in einer völlig anderen Welt unterwegs. Zum Spass haben wir uns vorgestellt, wie sie in der Businessklasse Champagner trinken und wir waren in völliger Isolation von jeglichen Medien und äusseren Einflüssen.
L: Die Einsamkeit hat mich auch fasziniert, in so einer Gegend auf sich allein gestellt unterwegs zu sein – einfach kilometerweise nichts, keine Zivilisation, kein Mensch. Wir sind Anfang Juni gestartet und hatten in den zwei Monaten praktisch vier Jahreszeiten: Nachdem der viele Schnee geschmolzen war, ist die Landschaft erst braun und grau gewesen. Dann wurde nach und nach alles grün und mit den Blumen ist der Frühling gekommen. 
M: In den Tagen mit dem Boot auf dem Noatak hatten wir richtige Sommertage mit 18 Grad und Sonne rund um die Uhr. Das Zelt hat sich teils so aufgeheizt, dass wir nachts in den Fluss gestiegen sind, um uns abzukühlen … 
L: Gegen Ende der Tour sind die dunklen Nächte dann schon wieder länger geworden und das Laub hat sich rötlich verfärbt. Ein Sprichwort sagt, dass es in Alaska vier Jahreszeiten gibt: Juni, Juli, August und Winter.

Bei all den schönen Erfahrungen war es ja eine verdammt harte Tour. Warum sucht man sich freiwillig so einen «Job» aus?
M: Schlussendlich ist das die grosse Frage: Warum macht man sowas? Ich habe es öfter mit einem Marathon verglichen. Wenn ein Amateur antritt, sucht er die Challenge und das Erlebnis. Vor ihm liegen vier Stunden Leiden, die er nicht geniesst. Aber dann kommt er ins Ziel und das Gefühl ist unbeschreiblich. Der einzige Unterschied war bei uns, dass der Marathon eben 60 Tage lang war und uns durch unbeschreiblich schöne Wildnis führte.

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