Schneeschuhtour im Oberwallis

6. Januar 2023

Zahlreiche Viertausender umrahmen das Saastal im Oberwallis. Während sich in Saas-Fee die Massen tummeln, lockt das Furggtälli mit Einsamkeit und Stille.

Fotos: Torge Fahl

Gastautor, 4-Seasons
fühlt sich wohl zwischen Gipfeln

Wir steigen in Zermeiggern im Oberwallis aus dem Postauto, das gleich darauf über eine Brücke verschwindet und uns in der Stille des Saastals zurücklässt. Vor uns eröffnet sich das Furggtälli mit seinen bewaldeten Hängen, an dessen Ende das Cresta-Biwak liegt – unser heutiges Ziel.

Die gelben Nadeln der Lärchen fallen wie Schnee und dämpfen unsere Schritte. Immer wieder scheint die Sonne durch die Äste und unterstreicht dadurch die Farbenpracht – ein letztes Feuerwerk der Natur, bevor die Bäume kahl und unter einer dicken Schneedecke begraben werden. Wieder und wieder halten wir staunend inne und bewundern das Farbspiel. Die Furggalp, einge­bettet in eine Lichtung und umgeben von dichtstehenden Bäumen, ist dennoch schnell erreicht. Die Kühe wurden längst zurück ins Tal getrieben. Nur ein Schild mit der Aufschrift «Alpkäse» verrät, was Wandernde hier im Sommer vorfinden.

Alte Schmugglerpfade

Heute, im Spätherbst, ist das Tal verwaist, doch das war nicht immer so: Der Weg über den Antronapass wurde schon seit jeher zum Verkehr zwischen Italien und dem Saastal genutzt. Münzfunde zeugen vom Handel zu Zeiten der Römer. Der 2’837 Meter hohe Pass glich einer Lebensader für den Tausch von Schmuck und Salz. Durch den Handel wuchsen das Saas- und das Antronatal immer enger aneinander, was erst mit dem erstarkenden Handel über den Simplonpass ab dem Jahr 1805 ein jähes Ende fand. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der in Vergessenheit ge­ratenen Pass zum Schmuggel genutzt, bevor britische Bergsteiger die Region touristisch erschlossen.

Menschen treffen wir heute keine, während wir die letzten Bäume hinter uns lassen und den Weg fortsetzen. Der schneebedeckte Pass kommt erstmals in Sicht und ist nach zwei weiteren Stunden erreicht. Es eröffnet sich ein beeindruckendes Panorama über das Piemont. Kaum 200 Höhenmeter trennen uns nun noch von unserem Ziel: dem Cresta-Biwak am Fusse des Latelhorns.

Der Weg zur Hütte führt über eine weite Geröllfläche und erfordert einiges an Trittsicherheit. Wie zwei Gämsen klettern und balancieren wir von Stein zu Stein und suchen uns einen Weg durch das Felsgewirr. Während die tief stehende Sonne bereits den Gipfel des Stellihorns streift, erreichen wir schliesslich die Biwakschachtel.

tten-Romantik

Erwartungsvoll öffnen wir die Tür und erhaschen einen Blick auf unsere Bleibe für die Nacht. Es ist eine zweckmässige Reduktion auf das Wesent­liche – Bettenlager, Tisch, Kochnische – und fühlt sich doch wie ein Zuhause an. Da es kein fliessendes Wasser gibt, sammeln wir eilig Schnee und schmelzen ihn über dem Feuer. Die kleinen Fenster lassen kaum Licht ins Innere, aber im warmen Schein einer Kerze machen wir es uns gemütlich. Alte Fotografien an der Wand zeugen von den winterlichen und sommerlichen Abenteuern vorheriger Gäste. Mit einer Tasse Tee in der Hand blättern wir durch das Hüttenbuch und verlieren uns in der Geschichte des Biwaks.

Erst 1997 wurde die Hütte dank des Engagements des SAC Saas zwischen Antronapass und Latelhorn errichtet. Zuvor stand die kleine Biwakschachtel als Mischabeljochbiwak zwischen Alphubel und Täschhorn. Als das Biwak einem Neubau weichen musste, war man sich schnell einig, dass die Hütte an anderer Stelle noch gute Dienste leisten könnte. In liebevoller Kleinarbeit wurde das Biwak seither instand gehalten und leicht modernisiert, unter anderem mit dem Geschirr der Schwiegermutter des Hüttenwarts. Heute bietet sich das Cresta-Biwak als Ausgangspunkt für tolle Touren, zum Beispiel auf das Stellihorn (3’436 m. ü. M.) oder für eine Hochtour entlang des Grenzgrats «Cresta di Saas» an.

Eine einsame Perle

Nach einer – dank unserer dicken Schlafsäcke – warmen Nacht blinzeln wir verschlafen durch das kleine Fenster und erhaschen einen Blick auf Täschhorn (4’491 m. ü. M.) und Dom (4’545 m. ü. M.), die sich, in rosafarbenes Licht getaucht, vor dem dunklen Himmel erheben. Schnell schälen wir uns aus den Schlafsäcken, um zeitnah zum Grenzgrat aufzusteigen. Während wir an Höhe gewinnen, wird der Schnee dichter – unsere Schneeschuhe sind ab hier Gold wert. So stehen wir nach kurzer Zeit am Grat und blinzeln in die aufgehende Sonne. Vor uns erstreckt sich ein Wolkenmeer bis zum Horizont, durchbrochen von vereinzelten Berggipfeln, gleich kleinen Inseln in der aufgewühlten See. Andächtig bewundern wir die Wolkeninversion und lassen uns von den ersten Sonnenstrahlen des Tages aufwärmen.

Zurück am Biwak packen wir unsere Sachen und nehmen schweren Herzens Abschied. Besonders die Einsamkeit und Gemütlichkeit des kleinen Cresta-Biwaks haben es uns angetan. Voll Dankbarkeit für die Zeit in den Bergen wandern wir leichtfüssig entlang des Alpinen Höhenwanderwegs zurück. Unser Gleichschritt wird nur von gelegentlichen Pausen unterbrochen, um das Panorama noch etwas länger zu geniessen. Nach kaum drei Stunden stehen wir am verwaisten Skilift Heidbodme und blicken zurück in das Tal. Mit etwas Fantasie kann man in der Entfernung das Cresta-Biwak am Fusse des Latelhorns ausmachen – gleich einer einsamen Perle im entlegenen Saastal.

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