Trekking mit Geissen

5. Oktober 2022

Durch Eveline Hausers Adern fliesst Nomadenblut. Mit ihren Packgeissen wanderte sie vom Entlebuch quer durch die Schweiz. Nach acht Wochen erreichte sie das Val Medel und erlag dessen Schönheit. - Sie schlug ihre Jurte auf – und lässt seitdem Gäste an der Schönheit der Geissentrekkings teilhaben.

Fotos: Stephan Bösch

Gastautorin, 4-Seasons
wandert gern mit Zwei- und Vierbeinern
Eveline, du brennst für Geissen – und für die Berge. Wie kam es dazu?
Mit meiner ersten Geiss, Cora, die ich im Wallis geschenkt bekam, ging ich auf die Alp Puzzetta. Dort stiess Flurin, ein Ziegenbock von einer anderen Alp, zu uns. Er hatte einen Abszess am Kinn, ich musste ihn pflegen. Dadurch ist er mega zahm geworden. Er wurde zu meinem ersten Packbock, kam überall hin mit, etwa, wenn ich meinen damaligen Freund bei der Seilbahnstation in Goppisberg abholte. Der Geissbock lief mir einfach immer hinterher. So nahm die Packgeissen-Geschichte ihren Lauf.

Mit deinem damaligen Partner bist du vom Entlebuch aus acht Wochen mit fünf Packböcken durch die halbe Schweiz gewandert. In Curaglia habt ihr eure Jurte aufgeschlagen ...
Dominik und ich hatten in Curaglia einen Stall für unsere Tiere gefunden. Da wir uns kein Haus leisten konnten, schlugen wir neben unseren Ställen erst unser Tipi und später die Jurte auf, mit der wir je nach Jahreszeit rauf- und runterpendelten: Im Winter wohnten wir in Soliva, einem kleinen Weiler auf 1’500 Meter Höhe, und im Frühling in Acla bei Curaglia, zweihundert Meter weiter unten.


Sieben Winter habt ihr in der Jurte gelebt?
Ja, und ich vermisse die Zeit ein wenig – es war superschön! Später haben wir uns in Soliva noch ein altes Holzhaus, einen Strickbau, gekauft, wo ich nun wohne, wenn ich nicht gerade mit den Ziegen auf der Alp bin.


Eine Zeit lang konntest du nicht z’Alp?
Nein. Dominik und ich hatten später den Hof Pali in Curaglia übernommen. Aus dem guten Dutzend Packgeissen waren einfach immer mehr geworden, und bald hatten wir fast siebzig Tiere; fünfzig Muttergeissen, vier Deckböcke und ein Dutzend Packböcke, mit denen wir auch Gästen Trekkings anboten. Als sich dann die Chance ergab, einen Mutterkuh-Betrieb zu übernehmen, packten wir die Gelegenheit beim Schopf, so dass wir bald nicht mehr nur Gitzifleisch, Ziegenkäse und Milch produzierten, sondern auch Natura-Beef.

Dann kam ein herber Schicksalsschlag ...
Ja, frühmorgens schaute ich aus dem Fenster. Unsere Stallungen brannten! Ich dachte, ich hätte schlecht geträumt, machte die Augen nochmals zu, schlug sie wieder auf. Tatsächlich: Hinterm Stall züngelten Flammen hoch und grässlich schwarzer Rauch stieg auf. Unser Freilaufstall und die Liegehalle waren bis auf die Grundmauern abgebrannt.


Ein Blitzeinschlag?
Es lag an einem Kabelbrand einer Landwirtschaftsmaschine. Wie durch ein Wunder – und dank des beherzten Einsatzes der Feuerwehrleute – blieb aber der Hauptstall nur fünf Meter nebenan verschont. Dabei hatten wir voll Glück: Alle Tiere waren schon auf der Weide, so dass alle ungeschoren davongekommen sind.

Später haben sich auch noch Dominiks und deine Wege getrennt. Dann musstest du dich neu erfinden?
Eine Zeit lang stemmte ich die Arbeit auf dem Hof alleine weiter. Dominik kam über den Sommer zurück aus der Stadt und wir arbeiteten brüderlich und schwesterlich weiter. Gegen Herbst musste ich mich entscheiden: Soll ich den Hof übernehmen oder breche ich zu neuen Ufern auf? Ich wollte den Karren nicht mehr weiterziehen ... schnell war ein Nachfolger für den Hof gefunden.

Konntest du einfach alles loslassen?
Es war ein neuer Anfang und gleichzeitig auch eine neue Chance. Ich kann sehr gut los-lassen. Ich lebe sehr stark im Jetzt. Das ist sehr wertvoll, es macht alles viel einfacher. Ich habe auch keine Angst, etwas zu verlieren. Ich hab einfach ein grosses Urvertrauen, dass alles gut kommt. Und es kommt auch immer alles gut.

Nun bist du ganz für deine Geissen da?
Ja, auf der Alp in Madris kann ich endlich wieder bei meinen geliebten Geissen sein. Mit meinen drei Hirtenhunden hüten wir zu zweit 330 Capra-Grigia-Ziegen von mehreren Besitzerinnen und Besitzern. Ich liebe es, den ganzen Tag draussen zu sein, auf einem Stein zu sitzen und die Geissen zu beobachten. Das ist Freiheit pur!

Du lässt dich durch den Tag treiben?
Es gibt schon klare Aufgaben: Die Geissen am Morgen aus dem Gehege rauslassen, sie auf die Weide führen, hüten, schauen, dass es allen Tieren gut geht, sie verarzten, wenn sie krank sind, und sie am Abend wieder einhegen.

Bist du eine Rebellin?
Ich hab gerne Action! Und ich liebe alles, was ein bisschen anders ist. Als Kind zettelte ich oft Dinge an: «So, hey los, komm, wir gehen in den Wald und übernachten dort!» Aber die Schule war eine Tortur für mich. Also Mathe ... ganz schlimm, wirklich! Die zweite Klasse musste ich sogar nachsitzen. Aber kaum aus der Schule zurück, zog ich daheim jeweils mein Dreckligewand an, ging raus und das Leben ging wieder los! (lacht) Das Einzige, was mich in der Schule bei der Stange hielt, waren das Turnen, Zeichnen und die Handarbeit. Das stärkte mich sehr …

Wolltest du schon als kleines Mädchen Bäuerin werden?
Ja, in der Tat. Doch erst schlug ich einen anderen Weg ein, besuchte die Gestaltungsschule Farbmühle Luzern und absolvierte eine Schneiderinnenlehre. Danach besuchte ich die Bäuerinnenschule im Kloster Fahr bei Unterengstringen. Und mit Schwester Béatrice ging ich oft und gerne zu den Schafen. Das war super!
Dann folgten die Gesellinnenjahre?
Nach der Ausbildung machte ich allercheibs: Als Hilfsschreinerin und als Malerin hab ich gearbeitet. Im Walliser Goppisberg half ich bei einer Bauernfamilie mit. Sie hatten viele Tiere, so an die 180 Mutterschafe, dazu sechs Ziegen, zwei Pferde, einen Esel und zwei Ponys. Das war sehr lehrreich für mich. Diese Familie war es auch, die mir meine erste Geiss, die Cora, geschenkt hat.

Auch in die Berge hat es dich gezogen?
Im Sommer ging ich als Gehilfin auf SAC-Hütten, auf die Weissmies und die Rugghubel. Im Winter kam ich zurück in den Betrieb.

Das tönt nach einem bewegten Leben!
Ich lebe sehr fest das, was für mich gerade stimmt. Ich habe nichts verpasst und immer möglichst das gemacht, was mir gefällt!

Allem voran die Geissentrekkings?
Ja, zusammen mit meiner Kollegin Livia Werder habe ich nach der Hofaufgabe die zehn Packböcke übernommen. Die Geissentrekkings bieten wir nun gemeinsam an.

Die Herde ist immer noch die gleiche?
Einen Bock musste ich leider metzgen. Er landete bei mir auf dem Teller. Das Fleisch der Ziegen zu essen, ist für mich eine Form der Wertschätzung den Tieren gegenüber. Die Felle lasse ich gerben. Dafür sind jetzt drei junge Packböcklein neu dazugestossen.

Zur Freude der Gäste!
Vor allem die Kinder sind ganz vernarrt in die kleinen Böcklein. Ilias ist der Liebling aller Gäste. Er liebt es, gestreichelt und liebkost zu werden. Jede Geiss hat ihren ganz eigenen Charakter. Klee zum Beispiel ist der Anführer der Herde. Herr Nilson, mit den langen weissen Haaren, ist der Elegante. Gino, der grosse Graue, ist für die Kleinen zuständig. Und Kan schmust sehr gern.
Geissen sind schon cool …
Ja, aber sie können einem auch den letzten Nerv ausreissen. Als Hirtin auf der Alp musst du sie einfach lieben, sonst kommst du irgendwann an deine Grenze. Es gibt doch dieses Sprichwort: Wenn du keine Sorgen hast, kauf dir eine Geiss! (lacht) Da ist schon was dran …

Wie verhalten sich die Geissen unterwegs?
Meine Packböcke sind handzahm und dressiert. Da steckt eine riesige Arbeit dahinter. Von ganz klein auf müssen sie lernen, den Sattel für das Gepäck zu tragen. Als erwachsene Böcke tragen sie dann sämtliches Gepäck der Gäste: Essen, Kochutensilien, Tarp, Schlafsäcke. Dann dürfen sie den Gästen auch nicht das Picknick wegknabbern in den Pausen oder eben nicht davonspringen, während wir rasten.

Wie viel kann ein Packbock tragen?
Trainierte Tiere können bis zu 30 Prozent des Eigengewichtes tragen. Und ein grosser Bock wiegt bis zu 100 Kilogramm. Meist belade ich sie jedoch mit maximal 15 Kilogramm.

Was macht für die Gäste den Reiz eines Geissentrekkings aus?
Ein Trekking mit den Packböcken ist sehr abwechslungsreich. Die Geissen treiben viel Schabernack, was immer wieder für ein Schmunzeln sorgt. Sie sind sehr verschmust und geniessen Streicheleinheiten über alles. Und für die Kinder ist es ein riesiges Abenteuer, mit den Geissen unterwegs zu sein. Da geht das Wandern fast wie von selbst!

Wo übernachten die Geissen? 
Wir schlafen jeweils unter dem Tarp oder unter freiem Himmel mit Blick aufs Sternenmeer. Die Geissen übernachten direkt neben uns. Da ich die «Leitziege» bin und sozusagen das Herz der Herde, laufen sie auch über Nacht nicht davon. Sie drehen vielleicht mal eine Runde, um etwas zu fressen, kehren aber immer zurück. Seit Kurzem zäune ich sie über Nacht allerdings ein, wegen des Wolfes, und lasse sie am Morgen wieder frei, sobald es tagt.

Welche Rolle spiele ich als Gast beim Hüten der Geissen? Muss oder darf ich mit anpacken?
Wenn die Gäste Lust haben, können sie beim Satteln der Tiere helfen. Ansonsten dürfen sie einfach nur Gast sein und das Unterwegssein mit den Packböcken geniessen.

Welche Distanzen legt ihr pro Tag zurück?
Das hängt sehr vom Wetter ab, ob es heiss ist, regnet oder gewittert. Wir passen uns den Gästen und den Wetterverhältnissen an. Meist sind wir einfach den ganzen Tag unterwegs.

Kannst du die Geissen beim Einkaufen auch vor dem Laden «parkieren»?
Nein, das geht leider nicht. Ich kaufe immer vor den Trekkings ein, denn die Geissen würden mir einfach hinterherlaufen und in den Laden mitkommen. Ich fände das zwar cool, aber ich weiss nicht, was die Ladenbesitzer dazu sagen würden. Auch Zugfahren würde ich wahnsinnig gerne mal mit den Geissen. Die würden sofort einsteigen und fänden das aufregend! (lacht)

Was gefällt dir selbst an den Trekkings?
Es ist einfach schön, mit den Geissen in dieser wunderbaren Landschaft unterwegs zu sein, dabei entsteht so eine Ruhe und Zufriedenheit. Und es erfüllt mich, danach die strahlenden Kinder- und Erwachsenenaugen zu sehen!

Lust auf weitere spannende Inhalte?
In unserem Blog findest du Inspiration, Tipps und Aktuelles aus der Welt von Transa.