Corsica ai Tropici

14. April 2022

Willkommen im Dschungel – die Vulkaninsel La Réunion im Indischen Ozean ist ein Trekkingparadies für konditionsstarke wie schwindelfreie Weltenbummler.

Fotos: Michael Neumann

Redaktor, 4-Seasons Magazin
Zwischen Sandalen und Trekkingschuhen

Mit der ersten grossen Reise ist es ein bisschen wie mit der ersten Liebe: Man vergisst sie nie. Ich habe mein Herz schon früh an eine Tropeninsel im Indischen Ozean verloren, die ab Paris per Inlandsflug erreichbar ist. La Réunion heisst die Hübsch­­e und ist ein französisches Übersee-Départment bei Madagas­kar. Ich war dort erstmals Mitte der 90er Jahre als 20-Jähriger mit einer Gruppe Kajakfahrer. Wir hatten gehört, dass die Regenzeit im Januar/Februar die teils nur 20 Kilo­meter langen Flüsse auf dem gerade mal 50 x 70 Kilometer grossen Oval in reissende Sturzbäche verwandeln soll. Viele Infos hatten wir nicht, allein ein Video einer italienischen Paddel­gruppe, die wohl die ersten Wildwasserpaddler auf der Insel waren, brachte etwas Licht ins Dunkel. Darin formulierte einer der Teilnehmer die Reize des Eilands treffend: «Come la corsica ai tropici» – wie ein Korsika in den Tropen.  Die Mittelmeerinsel war seinerzeit der Hotspot für europäische Kajaker, nur eben an Ostern, wenn die Bäche während der Schneeschmelze genügend Wasser führten, oft noch lausig kalt. Was konnte es also Schöneres geben als perfektes Wildwasser bei 30 Grad und Sonnenschein? Nun, Sonne, so viel sei verraten, gab es bei meinem ersten Trip nur sporadisch. Dafür schüttete es – wie ja von uns gewollt – wie aus Kübeln.

Wenn es mal nicht regnete, nutzten wir die trockenen Tage für Wanderungen im Inselinneren. Und waren genauso begeistert wie von den Flüssen. Die drei zerklüfteten Talkessel, gruppiert um den über 3000 Meter hohen Piton des Neiges in Inselmitte, sind ein Trekkingparadies der Extraklasse. Hier einmal mit dem Rucksack mehrere Tage durch den Dschungel wandern, so der Tenor, wäre die Anreise auch ohne Kajak wert.

In den Folgejahren kam ich nur schwer von meiner ersten Lieb­­e los. Zwei weitere Male hatte ich ein Rendezvous zur Regen­zeit, mein Kajak hatte ich vorsorglich gleich dagelassen, doch zum Wandern blieb wieder zu wenig Zeit.

Fliegenschiss im Indischen Ozean

25 Jahre später. Des Vergnügens vierter Streich. Mitte November lande ich auf dem Flughafen nahe der Hauptstadt Saint-Denis. Je nach Sitzplatz kann man schon beim Anflug einen kompletten Blick auf die Vulkaninsel werfen. Unweigerlich kommt dabei die Frage auf, was man die nächsten zwei Wochen denn auf diesem kleinen Fliegenschiss anstellen soll. Doch bitte nicht von der Grundfläche täuschen lassen, die zerklüftete Oberfläche ist um ein Vielfaches grösser.

Entstanden ist das Eiland vor rund drei Millionen Jahren, als sich der Vulkan Piton des Neiges aus dem Ozean erhob. Während der dafür verantwortliche «heisse Fleck» stationär blieb, wanderte die Insel langsam über selbigen und vergrösserte sich dadurch stetig. Heute ist der Schneeberg erloschen, dafür verdient sich der Piton de la Fournaise ganz im Süden alle paar Monate den Titel als einer der aktivsten Vulkane der Erde.

Wie Réunion nach zehn Millionen Jahren aussehen wird, kann man übrigens auf der älteren Nachbarinsel Mauritus sehen. Dort ist der Vulkan erlosche­­n, Wind und Wasser habe­n die einst ähnlich hohen Berge auf 800 Meter abgetragen und die Konturen  geglättet.

Losgeflogen im tristen Novembergrau bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, könnte der Kontrast nicht grösser sein, als meine zwei Mitreisenden und ich das klimatisierte Flug­hafengebäude verlassen. Die hohe Luftfeuchte und muckelige 28 Grad rufen förmlich nach einer Akklimatisierung, bevor wir die Wanderschuhe schnüren. Erst mal die Füsse in den Indischen Ozean strecken und einen ersten Sonnenuntergang bestaunen. Im Anschluss kurven wir jedoch mit unserem kleinen Mietwagen die kurvenreiche Bergstrasse zum Piton Maido hoch. Von null auf 2190 Meter – und von 28 Grad auf 8 Grad – in ungefähr 45 Minuten. Hier breiten wir in einer Picknickhütte unsere Schlafsäcke aus, linsen in einen spektakulären Sternenhimmel und frösteln ein wenig vor dem Einschlafen.

Am nächsten Morgen lotse ich Marianna und Jobst im Halbdunkel ein paar Meter weiter zu einer Felskante, von der der Blick in den Cirque de Mafate fällt. Sprachlosigkeit macht sich breit. Der strassenlose Talkessel, in dem ein paar kleine Dörfchen auf winzigen Sonnenbalkonen thronen, ist durchzogen von Hunderte Meter tiefen Schluchten. Er ist das Wander­paradies schlechthin auf La Réunion und steht auch auf unserer To-do-Liste ganz oben. Schnell wird jedoch klar: Im Mafate gibt es nur runter oder rauf und auch wenn das Ziel schon zum Greifen nahe scheint, können zwei kleine Schluchten dazwische­­n noch mal 1000 Höhenmeter und drei Stunden Gehzeit bedeuten.

Regen ist flüssiger Sonnenschein

Da das Wetter jedoch aktuell feuchter als normal zu dieser Jahreszeit ausfällt, müssen wir zunächst kleinere Brötchen backen. Bis zur Mittagszeit ist es meist sonnig und oft sogar wolkenlos, doch dann bilden sich im Nullkommanix Quell­wolken, aus denen es wenig später schüttet wie aus Eimern. Kaum verliert die Sonne am späten Nachmittag an Kraft, ist der Spuk vorbei. Zurück bleiben matschige Wanderwege und ein dampfender Dschungel. Diese Schauer lassen erahnen, zu welchen Superlativen La Réunion in der Regenzeit fähig ist. An keinem Ort der Erde fällt so schnell so viel Regen. An der Ostküste wurden am 16. März 1952 insgesamt 1870 Millimeter Niederschlag in 24 Stunden gemessen. 2007 wurden innerhalb von drei Tagen 3929 Millimeter Regen gemessen. Zum Vergleich: Die Schweiz hat einen durchschnittlichen Jahresniederschlag von rund 1000 Millimetern.

Eine erste Tagestour führt uns vom Ende der Strasse in die Schlucht von Takamaka. Aus allen Himmelsrichtungen stürzen sich hier Wasserfälle in eine tiefe Schlucht, deren Ausgang wir nur erahnen können. Die Wanderwege hier sind selten begangen und so erfordert das Dickicht schnell seinen Tribut in Form kleiner Schnitte und Schürfwunden. Dafür treffen wir auf der gesamten Tour keine Menschenseele und haben auch den badewarmen Pool am Ende unseres Pfades, in den ein weiterer Wasserfall donnert, ganz für uns allein.

Es folgen drei weitere Tageswanderungen, die man keinesfalls verpassen sollte: «Trou de Fer», der Vulkan Piton de la Four­naise und «La Chapelle». Diese Kapelle wurde vom kleinen Rinnsal Bras de Cilaos Hunderte Meter tief ins Basaltgestein gefräst, und wenn gegen 11 Uhr die Sonnenstrahlen von oben in den Spalt fallen, wird die Kapelle sogar zur Kathedrale.

Frieren in den Tropen

Da das Wetter weiterhin nicht kooperiert, streichen wir den Mafate notgedrungen als grosses Reisefinale von der Liste. Den mit 3069 Meter wortwörtlichen Inselhöhepunkt Piton des Neiges wollen wir uns aber keinesfalls entgehen lassen. So steigen wir mit vollbepackten Ruck­säcken aus dem Cirque de Cilaos zur Gîte du Piton des Neiges auf. Der Weg führt nahezu schnurstracks nach oben durch einen mystischen Regenwald. An der Hütte angekommen, schlägt die nachmittägliche Regen­zeit zu und für zwei Stunden regnet es Hunde, Katzen und Ponys. Doch im Gegensatz zu den zwei Dutzend anderen Wanderern auf der Hütte wissen wir aus der Erfahrung der letzten Tage: Auf Regen folgt Sonnenschein. So stapfen wir eineinhalb Stunden vor Sonnen­untergang einfach im Nassen durch die Wolken­schwaden gen Gipfel. 1700 Höhenmeter sind es aus dem Tal bis auf das Dach des Indischen Ozeans.

Auf dem Weg kommen uns regelrechte Sturzbäche entgegen, doch als wir gegen 17 Uhr den Gipfel erreichen, beginnt es tatsächlich aufzuklaren. Und wie. Die Wolken in den Tal­kesseln brodeln, als würde der Teufel ein Süppchen darin kochen. Immer wieder lösen sich Fetzen daraus, steigen empor und verschwinden in Sekunden­schnelle als Wasserdampf in die Atmosphäre. Regen für morgen? Auch die Sonne kommt noch für einen Moment raus und taucht die surreale Szenerie in ein goldenes Licht. Jetzt schlägt die Stunde unserer vollen Rucksäcke. Statt mit einsetzender Dunkelheit wieder zur Hütte abzusteigen, bauen wir die Zelte auf und keine Stunde später liegen wir in den Daunen. Der Himmel ist klar und so sinken die Temperaturen gen Gefrierpunkt. Wir überlegen, alle drei Paar Socken, die wir noch im Rucksack haben, anzuziehen. Corsica ai tropici, so viel ist sicher, ist das hier oben definitiv nicht ... wir sind trotzdem verliebt in dieses Eiland.

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