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Hochgefühle im Wallis

Fast noch ein Geheimtipp – in einem Nebental zwischen Zermatt und Verbier versteckt sich das Val d'Anniviers. Vier Tage auf Skitour- und Freerideabenteuer mit der Begschule Höhenfieber.

Chris
Verkaufsberaterin Transa Basel
"Perfekte Bedingungen, perfekte Leute, perfekte Landschaft – die Reise ins Wallis hat sich in allen Belangen gelohnt!"

Umgeben von 4000ern

Aletschhorn, Dom, Matterhorn, Grand Combin – mit jeder weiteren Spitzkehre erkennen wir einen neuen Gipfel. Während der Hang vor unseren Skispitzen immer kürzer wird, dehnt sich das Panorama darüber immer weiter aus. Vom linken bis zum rechten Band des Blickfelds reiht sich ein schneebedeckter Gipfel an den anderen. Spätestens als wir auf den Grat steigen, sind wir umzingelt von 4000ern. Im Wallis allein stehen 41 Stück. Die sieht man von hier aus zwar nicht alle, dafür können wir aber auch noch ins Berner Oberland und sogar bis nach Italien und Frankreich schauen. Besonders eindrücklich ist der Blick auf Bishorn und Weisshorn direkt vor uns – so nah, als müsste man nur die Hand ausstrecken.

Wir sind auf den letzten Metern zum Südgipfel der Turtmannspitze auf 3070 Metern, hoch über dem Val d'Anniviers, das wir in diesen Tagen mit einer Mischung aus liftunterstütztem Freeriden und Skitourengehen im freien Gelände erkunden. Es ist Tag drei und langsam macht uns die Höhe kaum noch etwas aus – bewegen wir uns doch jeden Tag an der 3000-Meter-Grenze und die Anstiege sin ohnehin nie länger als 900 Höhenmeter. Auch heute haben wir die ersten Meter per Seilbahn von Saint-Luc abgekürzt. Weil die Verhältnisse sehr gut waren, haben wir spontan das Programm geändert und nach ein paar Tiefschneevarianten im Skigebiet noch die Turtmannspitze als Tagesziel gewählt. Jeder Schritt führte weiter weg vom Trubel des Skigebiets. Hier oben sind wir völlig allein.

Skifahrer und Snowboarder, vertragen sie sich in einer Gruppe?

Unsere Gruppe ist gemischt. Skitourengeher, die zur Abwechslung auf ein paar Abfahrtsmeter mehr pro Tag kommen wollen, und Freerider, die gerne für unberührte Tiefschneehänge ein paar Meter aufsteigen. Dazu kommen noch zwei Snowboarder, denen besonders das spielerische Gelände taugt. "Ca mer innegumpe?", ist die Standardfrage von Alvaro. Mit seinem Splitboard wählt er oft Linien über kleine Wechten oder Felsen.

Vertragen sich Skifahrer und Snowboarder in einer Gruppe? Ja, sogar sehr gut. Während die Jungs auf den Boards für eine auflockernde Komponente in den Abfahrten sorgen, legt unser Bergführer Dave (der elegant auf Telemarkski unterwegs ist) die Spur bei Traversen und in Flachstücken so, dass auch die Boarder sie mit wenig Aufwand überwinden können – auch für Skifahrer angenehm. Und wenn es sich doch mal ein paar Meter nicht ausgeht, werden den Boardern von den Skifahrern schnell ein Paar Stöcke gereicht, mit denen sie sich über das Flachstück schieben. Teamwork eben.

Schönstes Dorf der Schweiz

Von Saint-Luc, das sich auf einem Sonnenbalkon hoch über dem Val d'Anniviers befindet, werden wir nachher mit dem Gratis-Talbus wieder zurück nach Grimentz fahren. Dort sind wir untergebracht. Das kleine Dorf mit seinen knapp 500 Einwohnern liegt auf 1600 Metern und wurde vom Verein "Die schönsten Dörfer der Schweiz" mehrfach ausgezeichnet. Viele Häuser im autofreien Ortskern sind im typisch Walliser Stil aus Holz und Stein gebaut. Seit es eine Verbindungsgondel hinüber ins Gebiet von Zinal gibt, bietet der Ort einen direkten Einstieg zu zwei Skiressorts. Mitten aus dem Ortszentrum schwebt man in wenigen Minuten auf den Berg. Und je nach Verhältnissen kann man wählen.

Unser Bergführer Dave hat lange Zeit hier im Tal gewohnt und als Skilehrer gearbeitet. Bereits am ersten unserer gemeinsamen Tage wusste er, wenn morgens in Grimentz noch die Schneewolken hängen, dann könnte es drüben im Gebiet von Zinal auf 2800 Metern aufreissen. Denn die kalte Luft der nahen 4000er drückt die Feuchtigkeit hinunter und lässt es unten noch schneien, während weiter oben schon die Sonne scheint. Er hatte recht: Am Corne de Sorebois oberhalb von Zinal fanden wir unberührte Tiefschneehängen und nutzten die Sonnenlücken, um uns für diese Woche warmzufahren.

Zurück nach Grimentz ging es über eine Offpiste-Variante an der 148 Meter hohen Staumauer des Lac de Moiry vorbei. Auf dem Weg durch das Hochtal hinter dem Stausee beobachteten wir zwei Steinböcke, die ungerührt von uns Skifahrern oberhalb auf den Felsen balancierten. Ein offensichtlicher Hinweis, dass es hier in der Gegend irgendwie ruhiger zugeht. Im Laufe der Woche werden wir noch Schneehühner, Hermeline und Gämsen beobachten.

Mit den Fellen flexibel

Warum wir Skitouren und Freeriden miteinander verbinden, erklärt Dave so: "Wenn man vier Tage lang nur Freeriden geht, passieren schneller mal Unfälle. Man will sich bei jeder Abfahrt steigern, hat aber vielleicht nicht mehr ganz die Kraft. Durch die Aufstiege nehmen wir einfach etwas das Tempo raus."

Je nach Verhältnissen entscheidet Dave jeden Tag neu, was wir machen. Mit den Fellen im Rucksack sind wir flexibel. Am zweiten Tag beispielsweise hatte es in der Nacht viel Wind gegeben. Am Morgen war nicht ganz klar, was der Wind oben mit der Schneedecke gemacht haben würde. Also checkte Dave erst mal bei ein paar Abfahrten im Gebiet die Verhältnisse, um später grünes Licht für die Traverse hinüber zum Col de Becs de Bosson zu geben. Seine Antwort auf die Frage, was wir heute fahren werden, kennen wir längst: "Ich weiss es noch nicht, wir schauen erst mal..."

Es ist echter Luxus, so einen ortskundigen Experten dabeizuhaben, findet Chris. Sie ist Bereichsleiterin Alpin bei Transa in Basel und geht sonst auch viele Skitouren ohne Bergführer. Bei anspruchsvolleren Unternehmungen vertraut sie aber gerne auf einen Guide und eine professionelle Lawinenbeurteilung. "Vor allem bringt dich ein Bergführer wie Dave an Spots, die man alleine nicht finden würde", sagt sie. Hier im Tal ist sie auch zum ersten Mal: "Wir sind mitten im Herzen des Wallis und es ist überhaupt nicht überlaufen. Auf den Gipfeln sind wir immer allein. Es gibt keinen Powderstress, wie man ihn zum Beispiel aus Verbier kennt." Ihr gefällt auch die Unterbringung: "das gemeinsame Appartement und das gemeinsame Kochen ist sehr cool." Am Abend kann man nämlich durchaus auch von den anderen Teilnehmern noch was lernen, etwa wenn Alvaro, der Splitboarder, uns sein sensationelles Tomatenrisotto zeigt. "Eigentlich ganz einfach", erklärt er. "Zwiebeln und Tomatenmark andünsten und mit etwas Weisswein aufkochen. Dann noch mehr Wein, den Reis dazu und irgendwann mit Wasser auffüllen. Zum Schluss mit frischen Tomaten und Mascarpone ergänzen." Unter seiner Anleitung kochen wir in der offenen Küche unseres Appartements, während wir im Geiste noch mal den Tiefschneeabfahrten des Tages nachhängen.

Vorne lockt eine kleine Wechte

Eigentlich ist das Tal mit den idealen Hängen kein Geheimtipp mehr. Schliesslich fanden hier einige der ersten Freeridewettbewerbe der Schweiz statt. Das Skigebiet von Zinal hatte auch früh schon eine der ersten speziell ausgewiesenen Off-Piste-Zonen, die nicht präpariert werden. Spätestens seit 2013 die Verbindungsgondel zwischen Zinal und Grimentz gebaut wurde, ist das Tal perfekt aufgestellt. Im Gegensatz zu Verbier braucht man aber immer Felle, um zu den spannenden Abfahrten zu kommen. Das führt zwangsläufig dazu, dass weniger Leute im Gelände unterwegs sind. Ein glück für uns.

Zurück zum Gipfel der Turtmannspitze. Auf den ersten Metern im Aufstieg war es warm, der Schweiss tropfte, aber in der Höhe hatte ein leichter Wind den Schnee in der immer kräftiger werdenden Märzsonne noch konserviert. Der weite Gipfelhang ist bis auf unsere Aufstiegsspur nahezu unangetastet. Alle haben abgefellt, das Panorama genossen und sind bereit für die kommenden 800 Höhenmeter hinunter zum Hotel Weisshorn. Vorne am Grat lockt eine kleine Wechte. Alvaro fragt: "Cha mer innegumpe?" Dave grinst und nickt.

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Raus. Aber richtig.