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Drüber und drunter

Die nächste Transa Lesertour führt in fünf Tagen über den Gotthard und in nur 17 Minuten wieder zurück – ein bahnbrechendes Erlebnis zu Fuss und im Zug, organisiert von der Bergschule Höhenfieber.

Im Juni soll der 57 Kilometer lange Gotthard-Basistunnel eröffnet werden. Mit Tempo 200 werden die Züge künftig die Strecke zwischen dem Nordportal in Erstfeld (UR) und dem Tessiner Tunnelausgang in Biasca zurücklegen – innert 17 Minuten Fahrzeit. Ein Gefühl für die Dimensionen dieses Jahrhundertprojekts bekommt man wohl erst, wenn man dieselbe Strecke zu Fuss zurücklegt. Die nächste Lesertour von Transa und Höhenfieber macht genau das: Sie überschreitet das Gotthardmassiv über der Tunnelröhre.

So faszinierend das Jahrhundertbauwerk Basistunnel auch ist: Wer den Gotthard nur mit der Bahn unterquert, lässt sich vieles entgehen. Eine Gruppe von Transa Mitarbeitenden hat die Lesertour bereits erkundet: Zu Fuss über das Gotthard-Massiv und mit Tempo 200 wieder zurück.

Bergführer Benno malt mit seinem Finger den Weg in die Karte. Vom nördlichen Tunnelportal in Erstfeld streift er über das Gotthard-Massiv und orakelt: "In fünf Tagen stehen wir am Südportal in Biasca." Freudiges Nicken in der sechsköpfigen Runde. Für alle ist der Weg das Ziel, andernfalls hätte die Gruppe auch einfach im Zug sitzen bleiben können und wäre innert 17 Minuten in Biasca gewesen.

Nach den ersten eineinhalb Stunden bleibt die Gruppe an einem Lüftungsstollen für den Basistunnel stehen. "Bis da anne brucht de Zug öppe zwöi Minute", verdeutlicht Benno. Eine weitere Minute bräuchte er bis unter den Zmittasg-Platz. Uns verkürzt das Alpentaxi den Weg dorthin – wie noch mehrmals bei diesem Gotthard-Trekking vermeiden sie dadurch weite Gehstrecken über Fahrstrassen. Der Aufstieg zur Etzlihütte ist unterhaltsam. Allgemeiner Small Talk wandelt sich in Gespräche über Touren, Ausrüstung und Alltag. Aus sieben Individuen beginnt sich eine Gruppe zu formen. Hüttenwirt René empfängt sie mit dem Badethermometer in der Hand. Hinter ihm dampft der Hot Pot mit 39° C warmem Wasser. In Nullkommanix sitzen sieben Gotthard-Überquerer im hölzernen Rund.

Der nächste Tag beginnt mit stahlblauem Himmel. Das reichhaltige Frühstück stellt die nötige Energie für den Aufstieg auf den Mittelplatten. Mit dem Kamm zwischen Piz Nair und Chrüzlistock erreicht die Gruppe die Grenze vom Kanton Uri zu Graubünden. Hier weitet sich der Blick auf das Val Milà und den zerklüfteten Aufbau des Chrüzlistocks.

Auch an seinem Gipfel geht es drunter und drüber: Während das Team auf 2709 Meter Seehöhe den fantastischen Ausblick auf die Surselva geniesst, finden zwei Kilometer unter ihren Sohlen die letzten Arbeiten am Basistunnel statt. Benno erklärt auf einer geologischen Karte, durch welche Gesteinsschichten der Tunnel gebohrt wurde. Regelmässig eingestreute Infos zu einem der weltweit längsten Eisenbahntunnel machen diese Alpenhauptkamm-Überquerung zu etwas ganz Besonderem.

Jetzt im Frühsommer (das Transa Team war anfangs Juni auf Erkundungstour) ist der Abstieg ins Val Milà noch mit Altschneefeldern gesprenkelt. Jubelnd und jauchzend rutschen sie darauf hinab. Im Tal angekommen, bringt sie die Rhätische Bahn nach Sedrun, wo die unvorstellbaren Bauarbeiten tief im Boden greifbarer werden. Im Besucherzentrum Galleria Alpina erklären Bilder, Ausstellungsstücke und Animationen das Jahrhundertbauwerk anschaulich.

Den nächsten Tag beginnt Petrus trüb und regnerisch. Vom Lukmanierpass schlängelt sich der Steig zwischen dichten Nestern aus Alpenrosen durch die wolkenverhangene Landschaft. Am Reno Medel – dem längsten Quellfluss des Rheins – bewegen sich sieben bunte Punkte im Val Cadlimo durch die mit 20 Seen gespickte Landschaft. Inzwischen haben alle die komplette Regenkleidung an. Im Bewusstsein, dass das Wetter zwar schlecht, aber die Ausrüstung optimal ist, kehrt sich die Aufmerksamkeit wieder nach innen. Bis Benno grinsend auf den Klein-Rhein zeigt: "Do müe mer dure." Also, Schuhe aus und rüber.

Über den Köpfen kämpft sich die Sonne mit schwer beladenen Wolken. Als das Team die Miniera-Seen passiert und sich sogar Schneeflocken unter den Regen mischen, tauchen Angelruten auf. Die dazugehörigen Angler Federico und Lukas sind waschechte Tessiner. Sie haben am Lago di Cadagno gezeltet und frisch gefangene Forellen zum Znüni gehabt. Im Lago die Dentro hätten die Fische nicht gebissen, sagt Lukas. Rechtzeitig zum grandiosen Anblick des Sees hat Petrus ein Einsehen und räumt den Himmel auf. Martina von der Transa Filiale Zürich Europaallee bringt es mit Blick in die Sonne auf den Punkt: "So richtiges 4-Seasons-Wetter – vier Jahreszeiten an einem Tag." Dabei haben sie gerade die Grenze zur Schweizer Sonnenstube überquert. Das sieht man auch an der Vegetation, die schon viel weiter ist als im Uri. Am komplett neu gestalteten Rifugio Cadagno offenbart sich noch ein Vorteil des Südkantons: Der Kaffee ist sehr fein und im Kupferkessel wird schon der Maisgries für das Nachtessen gerührt. Doch bevor es die feine Polenta e brasato gibt, spendiert Benno einen Apéro mit Tessiner Wein.

Der Sonnenaufgang am vierten Tag markiert das nächste Zwischenziel. Ganz nah am Passo del Sole überwindet die Sonne den Horizont und startet das Kaiserwetter für die Königsetappe – und die verdient sich ihren Namen durch zwei Passübergänge mit grosser Aussicht. Am Predèlp-Pass liegt das Leventinatal wie ein aufgeschlagenes Buch unter der Gruppe. "Lueg, wie Spielzügautos", staunt Christina, Mitarbeitern Transa Zürich Europaallee. Wenn überhaupt, kann man hier oben durch den Tief- und Rückblick nachvollziehen, wie die Fahrzeit von Erstfeld nach Biasca durch den Basistunnel geschrumpft ist. Am fünften und letzten Tag führt die Strada Alta das Team durch charmante Ortschaften mit engen Gassen und Dächern aus Steinplatten. Den Abschluss der Gotthard-Überquerung bildet ein Säumerweg durch die wilde Valloneschlucht mit regelmässigen Tiefblicken ins Haupttal des Nordtessins.

Doch erst die Unterquerung zurück nach Erstfeld setzt den krönenden Schlusspunkt. Für die Teilnehmenden der Gotthard-Tour wird der SBB-Sonderzug Gottardino mitten im Tunnel stoppen. Sie werden also 800 m tief im Fels in der Multifunktionsstelle Sedrun eine Erlebniswelt zum Gotthard bestaunen können – ein Erlebnis, das in dieser Form nur von August bis November 2016 angeboten wird.

Das Transa Team hingegen fährt zum Abschluss ihrer Erkundungstour in einem Rutsch durch die Tunnelröhre in Richtung Norden. Sie sehen nach dieser Tour nun auch das Drunter am Gotthard mit besonderen Augen.