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Jungfrautour: Hier gehts rund

In fünf Tagen führt eine Gletschertrekking-Tour von Hütte zu Hütte rund um das Jungfraumassiv. Dieses unvergessliche Erlebnis im UNESCO-Welterbe bietet die Bergschule Höhenfieber nun als Leserreise an – eine Gruppe von Transa Mitarbeitenden hat den Weg schon mal erkundet: Patrizia, Ivonne und Martin aus dem Zentraleinkauf, Remo und Ruedi vom Marketing und CEO Daniel, geführt von Höhenfieber-Bergführer Bruno Bösch.

„Isch guat?“, schallt es von der Spitze unserer Seilschaft. Wir bleiben eine Antwort schuldig, sind beschäftigt: staunen, schnaufen und die Geschwindigkeit des Vordermanns halten. Bruno blickt sich um und sieht in sieben sonnengebräunte und freudestrahlende Gesichter. „Guat“ ist gar kein Ausdruck: Die Königsetappe der Jungfrau-Umrundung ist fast geschafft. Hinter uns liegen 1400 Höhenmeter. Die Jungfrau steht nun zum Greifen nah vor uns und ab jetzt gehts nur noch bergab.

Insgesamt sind wir fünf Tage unterwegs: Vom Jungfraujoch geht es über den Aletschgletscher auf die Konkordiahütte, weiter zur Hollandiahütte. Von dort erfolgt der Abstieg ins Lötschental und der Wiederaufstieg zum Petersgrat, die Rückkehr über die Mutthornhütte ins Lauterbrunnental. 23 Stunden reine Gehzeit und über 7500 Höhenmeter sollen es insgesamt werden, so jedenfalls die Ausschreibung der Bergschule Höhenfieber.

Lautes Schnaufen der Jungfraubahn markierte Anfang Juni 2014 den Start unseres Gletschertrekkings. Acht Transa Mitarbeitende haben sich an diesem Morgen mit grossen Rucksäcken ins Abteil gezwängt. Die Jungfraubahn ermöglicht einen komfortablen Zustieg zur Gletscherwelt des Berner Oberlands und ersparen 3000 Höhenmeter Aufstieg. Am „Top of Europe“ angekommen, können wir im Whiteout die Hand vor Augen nicht sehen – und machen genauso lange Gesichter wie unsere asiatischen Mitfahrer.


Ein Seil, das verbindet
Die Wettervorhersage scheint sich zu bestätigen: Eher durchwachsen, Niederschlag und Temperaturen um den Gefrierpunkt hatten fast zu einer Absage der Tour geführt. Doch Bruno blieb stoisch zuversichtlich: „Die Wolken stauen sich am Alpenhauptkamm. Wir trekken im Regenschatten der Jungfrau – ihr werdet sehen, auf unserer Tour lacht die Sonne.“ Zwischen Bar und Souvenirshop ziehen wir uns um, legen Hardshell und Klettergurt an, wappnen uns mit Mütze, Handschuhen und Daunenjacke. Dank mangelnder Fernsicht sind nun wir die allgemeine Attraktion für die umstehenden Touristen. Selbst die Australier in ihren Shorts, die gerade noch Selfies im Schnee schossen, blicken uns gebannt nach, wie wir uns – frisch angeseilt – unter dem Absperrband hindurch ins offene Gelände schieben.

Alle zusammen an einem Seil – das verbindet und es verpflichtet! Ab jetzt gibt es nur noch eine Geschwindigkeit und die gibt Bruno vor. Da heisst es, sich und den persönlichen Rhythmus anzupassen, das gilt auch für unsere zusammengewürfelte Gruppe. Durch hüfttiefen Schnee waten wir auf dem Jungfraufirn dem Konkordiaplatz entgegen. „Isch guat?“, schallt es von vorne – sieben Köpfe nicken im Gleichtakt. Immer häufiger blitzt blauer Himmel durch das Einheitsweiss. Zur ersten Pause geben die Wolken den Blick auf Jungfrau, Aletschhorn und Konkordiaplatz frei. Unser Bergführer ist halt der Beste.

Das erste Nachtlager thront hoch über unseren Köpfen: Rund 150 Höhenmeter müssen die Eisenleitern zwischen dem schwindenden Aletschgletscher und der Konkordiahütte bereits überbrücken, und jedes Jahr werden sie wieder um einige Stufen ergänzt. Wir meistern den letzten Aufstieg des Tages gemächlich Stufe für Stufe. In der Nachmittagssonne trocknen wir auf der Terrasse das verschwitzte Gewand, geniessen die Wärme und die frische Apfelwähe.


Kopf an Kopf durch die Nacht
„Im Lager wird nicht geschlafen, sondern nur geruht.“ Mit dieser Weisheit aus Martins Munde legen wir uns nieder. Kopf an Kopf im Matratzenlager verbringen wir die Nacht. Beim zMorge dann die Erleichterung: Kein Schnarcher hat die Nachtruhe gestört. Ausgeschlafen bringen wir den Abstieg zum Gletscher über einen gesicherten Steig hinter uns. Der Neuschnee ist in der Sonne zusammengesackt, an vielen Stellen steht Blankeis an. Wir springen über kleine Spalten, umgehen Gletschermühlen und erreichen die beiden für den Aletschgletscher typischen Moränenbänder, doch von hier unten betrachtet, sind sie kaum auszumachen, die grossen und kleinen Felsen verlieren sich zwischen Eis und Schnee. Nach dem Abendessen auf der Hollandiahütte starren wir mit dem nepalesischen Hüttenwart Mugathan Puri gebannt auf einen kleinen Flachbildschirm. Daumen drücken auf 3178 Metern für die Schweizer Nati beim Achtelfinalspiel gegen Argentinien – an uns lags nicht!

Das schlechte Wetter des dritten Tags hat uns Bruno in seiner Wettervorhersage nicht verheimlicht. Gut, dass an diesem Abend das Berghotel Fafleralp im Lötschental mit warmer Dusche und Doppelzimmer lockt. Doch noch liegen knapp 1600 Höhenmeter zwischen uns und dem Talboden. Wir starten im Pulverschnee. Mit jedem Schritt kommen wir der Schneefallgrenze und damit dem aperen Gletscher näher. Blankeis und Schutt zwingen uns, unsere Steigeisen auszupacken. Wenn uns jetzt unsere Mitfahrer aus der Jungfraubahn sähen, sie hätten ihr Fotomotiv: Die Steigeisen geben zwar Halt, zwingen uns aber auch zu einem wahren Entengang.


Dann das „GO!“ für die Königsetappe
Der Langgletscher wird seinem Namen nicht mehr gerecht. Schon nach einer knappen Stunde queren wir zur Seitenmoräne und stehen nach zweieinhalb Tagen mit Schnee und Eis erstmals wieder auf einer grünen Wiese. Nass vom Nieselregen und müde erreichen wir das mondäne Berghotel in einem kleinen Waldstück. Bruno ist stiller als sonst – für den nächsten Tag steht die Königsetappe unserer Tour mit der Überschreitung des Petersgrats auf dem Programm. Der Neuschnee macht Bruno Sorgen. Im Hotel verschwindet er aufs Zimmer, holt Wettervorhersagen ein, spricht mit der Hüttenwirtin der Mutthornhütte. Bei der Tourenbesprechung am Abend dann das „Go!“. Trotz des steilen und langen Aufstiegs freuen wir uns, denn natürlich wollen wir alle die Runde schliessen und nicht auf Bahn und Postauto umsteigen.

Wir starten früh und schlagen einen wunderschönen, stetig ansteigenden Wanderweg durch das Äussere Faflertal ein. Wieder strahlen Gletscher, Sonne und Berge um die Wette. Keine Spur mehr vom miesen Wetter des Vortags. Mit jedem Höhenmeter nimmt die Vegetation ab und die gletschergeschliffenen Platten werden immer zahlreicher. Unseren Ausflug in den Sommer krönen wir mit einem Fussbad im Blauseeli, ehe wir einige Höhenmeter später wieder in die Eiswelt des Berner Oberlands eintauchen. Erst steil, dann flach auslaufend stellt sich uns der Äussere Talgletscher entgegen. Auch hier bedeckt eine Neuschneedecke das Eis, sodass wir ohne Steigeisen aufsteigen können.

Schritt für Schritt in meditativem Tempo ziehen wir den Hang hinauf, warten auf die stündliche Verschnaufpause, doch Bruno scheint die Zeit vergessen zu haben – läuft einfach weiter. Der Magen knurrt, unser Tagesziel, die Mutthornhütte, zieht rechts an uns vorbei. Wir gehen weiter auf dem Grat entlang. Brunos Ziel ist der höchste Punkt des Petersgrats. Ein Abstecher, doch die beste Aussichtsposition.

Nach fast zweistündigem Trotten stehen wir oben und geniessen ein wunderbares 360-Grad-Panorama. Vom Aletsch über das Matterhorn, Monte Rosa, Mont Blanc bis zur Blümlisalp und schliesslich zur Jungfrau reicht der Blick.


Der Abschied von der Jungfrau
Nach ausführlicher Gipfelkunde bewegen wir uns in Richtung Mutthornhütte. Schon von Weitem grüsst die Hüttenwirtin. Sie freut sich sichtlich über ihre einzige Übernachtungsgruppe und serviert als Willkommenstrunk Tee mit Guetzli. Wir geniessen den letzten Abend und lassen nach dem Essen bei einer Flasche Génépi die Tage Revue passieren.

2000 Höhenmeter Abstieg stehen uns am letzten Tag noch bevor. Im Morgengrauen erwacht die Sonne hinter dem mächtigen Jungfraumassiv. Wolken umspielen die Gipfel, eine märchenhafte Kulisse. Die Jungfrau macht uns den Abschied nicht leicht. Für manch einen war diese Tour das erste Mal an der Jungfrau – aber gewiss nicht das letzte Rendez-vous mit dieser kühlen Schönheit.