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Spitzentanz auf Granit

Gar nicht so schwer: Das Bergell bietet perfekten Fels für erste Mehrseillängen-Klettertouren. Ein Transa Team war unterwegs mit der Bergschule Höhenfieber.

Beni
Junior Verkaufskoordinator
"Griffiger Granit, wunderbares Wetter und viel Neues gelernt: Das Mehrseillängen-Klettern mit der Berg- und Kletterschule Höhenfieber im Bergell war eine tolle Erfahrung."

Vittoria schreit. Der Ton kommt von tief drinnen. Sogar 20 Meter tiefer spürt man, wie sich bei ihr in diesem Moment die Anspannung in Freude wandelt. Den ganzen Tag kämpft sie schon mit ihrer Höhenangst, doch vor wenigen Augenblicken hat sich die Verkaufsberaterin aus der Transa Filiale in Zürich selbst überwunden und ist die letzte Seillänge bis ganz auf die Spitze der "Fiamma" geklettert. Die berühmte Felsnadel im Bergell ragt wie eine steinerne Flamme aus dem Nordostgrat der Spazzacaldeira und ist so schmal, dass nur eine Person auf der Spitze Platz hat. Während wir anderen etwa 20 Meter darunter in einer Scharte auf unsere Versuche warten, hockt Vittoria rittlings auf dem schmalen Felsgipfel und versucht die Aussicht zu geniessen. Diese letzte Seillänge im Schwierigkeitsgrad 5c+ fühlt sich auch für Kletterer ganz ohne Höhenangst ausgesetzt an. Am Gipfel baumelt Vittorias rechtes Bein gerade 1000 Meter über dem Val Bregaglia. Ihr linker Fuss zeigt in Richtung Albignastausee, zeigt in Richtung Albignastausee, der "nur" ein paar Hundert Meter unter ihr liegt.

Grundlagen auffrischen

Es ist der zweite Tag unseres Mehrseillängen-Kletterkurses mit der Bergschule Höhenfieber. Fünf Transa Mitarbeiter, ein Redaktor und Andy, unser Bergführer, sind gestern konditionsschonend mit der kleinen Luftseilbahn von Pranzaira im Val Bregaglia hinauf zum Stausee geschwebt und danach noch gemütliche 45 Minuten zur Capanna da l’Albigna gewandert. Im Klettergarten gleich hinter der Hütte wurden anschliessend, unter aufmerksamer Beobachtung zahlreicher Murmeltiere, die Grundlagen des Felskletterns noch mal aufgefrischt. Jeder hat sich eingebracht. Unter anderem zeigt Tamar, wie man sich richtig ins Seil einbindet. Beni erklärt, worauf man beim Standplatzbau achten sollte, und Frank bringt uns in Sachen Seilschaftskommandos auf den gleichen Stand. Nebenbei frischen wir die Wetterkunde auf und Saskia erklärt, wie man ein Topo liest. Nach Suppe, Salat und Lasagne am Abend auf der Hütte festigt Bergführer Andy unser Wissen mit einem kleinen Quiz weiter. Was für Seiltypen gibt es noch mal und wann verwendet man sie? Wie baut man einen Standplatz mit mobilen Sicherungen und was ist ein Sturzfaktor? Wichtige Vorbereitungen für die nächsten Tage, denn für die meisten von uns ist der Kurs der erste Schritt raus aus dem gut abgesicherten Klettergarten.

Der Stützpunkt auf der Capanna da l’Albigna ist ideal. Die Hütte steht oberhalb des Albignasees am Ostufer auf 2336 Metern und bietet eine gute Mischung aus Berghüttenromantik und Komfort für einen mehrtägigen Aufenthalt. In den Wiesen rundum findet man neben dem Klettergarten mit mehreren Übungsrouten auch grosse Felsblöcke zum Bouldern und einige kleine Seen, in denen man sich nach einer schweisstreibenden Tour erfrischen kann – es gibt aber auch Duschen in der Hütte. Die über hundertjährige, aber mehrfach erweiterte und modernisierte Capanna wird von den Hüttenwirten Annamaria und Martin bewirtschaftet. Wir schlafen in einem modern gestalteten Lager mit Duvets, geniessen am Abend eine Flasche aus dem gut sortierten Weinkeller sowie das mehrgängige Nachtessen mit Lebensmitteln von lokalen Produzenten unten aus dem Val Bregaglia. Anschliessend schauen wir von der Terrasse vor der Hütte zu, wie die Sonne hinter dem Horizont verschwindet.

Routen selber finden

Nachdem wir uns beim Aufstieg zur Fiamma in unseren jeweiligen Seilschaften eingewöhnt haben und die Abläufe langsam rund werden, steht am dritten Tag der Piz Balzet auf dem Tourenplan. Fast direkt hinter der Hütte zieht sich der Südgrat empor. Trotzdem ist es nicht ganz offensichtlich, wo die Route genau beginnt. Saskia und Tamar lotsen uns mithilfe der Topo-Zeichnung zum richtigen Einstieg. Beim frühen Aufbruch an der Hütte war es noch kühl. Doch kurz bevor wir die Hände an den Fels legen, kommt die Sonne über den Grat und der Granit wird warm. 

Anders als im Klettergarten, wo man einfach den Bohrhaken hinterhersteigt, muss man auf alpinen Touren die Route meist selbst finden und absichern. Hier am Piz Balzet sind die Stände mit Bohrhaken ausgestattet, aber dazwischen legen wir die Zwischensicherung immer wieder selbst. Das braucht Kraft, Erfahrung und ein geschultes Auges: Lege ich über diese Schuppe eine Schlinge oder nehme ich lieber einen Friend für den Riss? Auch deshalb klettern wir heute deutlich unter unserem Niveau, das wir sonst aus der Halle oder dem Klettergarten gewöhnt sind. Neun Seillängen mit Schwierigkeiten von maximal 4a geht es nach oben. Der Granit hat eine gute Reibung und das Wetter ist perfekt.

Narben am Piz Cengalo

Die Kletterei ist luftig, aber lange nicht so ausgesetzt wie die letzten Meter auf die Fiamma. Langsam werden wir routinierter. Tamar und Frank klettern alle Längen allein als autarke Zweierseilschaft und wechseln sich mit dem Vorstieg ab. Vittoria steigt heute am Seil von Beni hinterher. Der arbeitet bei Transa in Zürich in der Bergsportabteilung und hatte mal mit dem Gedanken gespielt, Bergführer zu werden. Entsprechend souverän bewegt er sich im Fels und gibt gerne Unterstützung. Saskia bezeichnet Beni aufgrund seiner deutlich grösseren Erfahrung auch liebevoll als "wandelndes Lehrbuch".

Nach einigen letzten Aufschwüngen und Vorgipfeln erreichen wir den 2869 Meter hohen Gipfel. Das Wetter ist immer noch stabil, wir sind früh dran und müssen keine Angst vor Nachmittagsgewittern haben. Bis nach Frankreich können wir heute nicht ganz sehen, obwohl die italienische Bezeichnung für das Bergell ja "Bregaglia" heisst und übersetzt "vor Gallien" bedeutet. Dafür reicht der Blick nach Italien und bis ins Wallis – die Dufourspitze im Monte-Rosa-Massiv ist gut zu erkennen. Vom Piz Balzet erkennen wir auch die riesige Ausbruchnarbe am Piz Cengalo, direkt neben der berühmten Nordwand des Piz Badile. Nur ein Tal westlich von uns fielen dort beim Bergsturz im August 2017 mehrere Millionen Kubikmeter Fels ins Val Bondasca.

Wir überschreiten den Gipfel des Piz Balzets, freuen uns, dass auf dieser Seite des Bergells der Fels noch wunderbar fest ist, und seilen zwei Mal ab, ehe wir durch eine steile Rinne und über ein Geröllfeld weiter absteigen. Es ist noch recht früh am Nachmittag und somit genug Zeit für eine ausgiebige Sonnen- und Badepause an einem kleinen See in den Wiesen oberhalb der Hütte.

Am scharfen Ende klettern

Als letzte grosse Tour stehen am nächsten Morgen die elf Seillängen der Route "Moderne Zeiten" auf die Punta da l’Albigna an, die sich aus dem Nordwestgrat der Cima dal Cantun erhebt. Uns erwartet eine schöne Plattenkletterei mit Schwierigkeiten bis 5a. Die Haken sind meist gebohrt, aber so weit auseinander, dass ab und an eine selber gelegte Zwischensicherung die Nerven beruhigt. Während der letzten Tage hat auch Saskia genug Routine und Selbstvertrauen gesammelt, dass sie zum ersten Mal ein paar Längen am scharfen Ende des Seils vorsteigt.

Und dann ist der letzte Tag da. Den Abstieg von der Hütte unterbrechen wir noch mit einen Abstecher zu den Seenplatten. Ausnahmweise beginnen wir verkehrt herum und seilen uns zunächst über die Wand bis ganz unten ans Ufer des Albignasees ab, ehe wir von dort die fünf Seillängen wieder hinaufklettern. Auch Vittoria wagt jetzt den Vorstieg.

Klettergarten ist jetzt langweilig

Als Abschluss folgt ein kleines Sturztraining, bei dem wir gut gesichert ausprobieren, was unsere selbst gelegten Keile und Friends als Sicherungen wirklich halten – viel mehr, als wir ihnen zugetraut haben.

Dann ist es Zeit, die Seilbahn zu erwischen. Beim Weg über die Staumauer fällt der Blick noch mal auf den Zacken der Fiamma. Die steinerne Flamme sieht aus dieser Perspektive irgendwie klein aus. Oder sind wir nach der Woche jetzt so routiniert, dass uns ein paar ausgesetzte Klettermeter nichts mehr ausmachen? Am besten kommen wir noch mal wieder, um das zu überprüfen, denn nur noch Klettergarten ist uns jetzt zu langweilig.

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