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Die perfekte Hochtour für Einsteiger: Fünf Tage durchs wilde Wallis

Das erste Mal am Seil, im Eis, auf einem 4000er – was für ein Gefühl! Die Bergführer von Höhenfieber kennen die perfekte Hochtour während fünf Tagen durchs wilde Wallis. Ein Transa Team hat es probiert.

Der Zug nach Zermatt ist gut gefüllt - mit strahlenden Gesichtern und grossen Erwartungen. Viele der internationalen Touristen werden in Zermatt direkt in die weltberühmte Gornergratbahn umsteigen, die 2400 Personen pro Stunde zu den Aussichtspunkten ums Matterhorn schafft. Das Transa Teams teigt schon eine halbe Stunde vor Zermatt aus und begibt sich in St. Niklaus zur kleinen Genossenschaftsseilbahn.

Dieser Auftakt wird sich als typisch für unser Wallis-Abenteuer erweisen: mittendrin im spektakulären Hochgebirge, aber dank cleveren Routenführung abseits des grossen Gedränges. Konzipiert haben die fünftägige tour die Bergführer vom Transa Partner Höhenfieber. Unter dem Motto "Meine erste Hochtour" richtet sie sich speziell an Hochgebirgsnovizen; und in bewährter Manier dienen Transa Mitarbeitende bei dieser Pilotreise als Testkaninchen.

Wir Testkaninchen sind derweil bester Dinge, am ersten Tag bleiben Pickel, Helm, Gurt und Steigeisen noch im Rucksack. Dennoch gleicht der Aufstieg zur Topalihütte einem langsamen Abschied von den klassischen Wanderwelten. Erst bleibt die Baumgrenze zurück, dann wird das Gelände schroffer und der Weg steiler. An der Wasulücke, einem 3114 m hohen Pass, ist etwas Kraxelei erforderlich. Der Wind pfeift kühl und kräftig. Wir entdecken Steinböcke, die elegant durch die Felsen turnen. In der Hütte ein leckeres Nachtessen vor gewaltigem Panorama: Eine 4000er-Parade mit Dürrenhorn, Dom und Täschhorn grüsst von der anderen Seite des Mattertals. Wir sind angekommen in der oberen Etage des Wallis.

Pakistan? Nein, Turtmanntal

"Helm aufsetzen, Steigeisen anlegen" – Bergführer Tom inspiziert Gurte und Knoten. Tag zwei beginnt früh und mit neuen Aufgaben: Eine kurze, flache Gletscherpassage dient als Übungsparcours fürs Eisgehen am Seil. Das klappt. Abenteuerlicher wird es am Schöllijoch, einer mit Leitern gesicherten Kletterpassage. Am Zustieg besteht Steinschlaggefahr. Tom und sein Kollege Jürg, die die Pilottour begleiten, weisen uns ein und sichern geduldig. Das Klettern am 150 m hohen Steig macht grossen Spass, aber beim ungewohnten Hantieren mit Seil und Ausrüstung offenbart sich die mangelnde Routine.

Als wir oben auf dem Schöllijoch (3343 m) schliesslich die Helme abnehmen dürfen, empfängt uns eine fantastische Welt: Gipfel, Gletscher, Schnee- und Geröllfelder, so weit das Auge reicht. Keine Strassen, Hütten oder Stromleitungen stören den Blick in dieser Urlandschaft, die wir mitten in Europa kaum vermutet hätten. So würde mach sich vielleicht den Karakorum in Pakistan vorstellen, aber sicher nicht das obere Turtmanntal im Wallis.

Und Tag zwei ist noch lange nicht zu Ende. Kurz und knackig geht es aufs Barrhorn, mit 3610 m der höchste Schweizer Wandergipfel (also ohne Kletter- oder Eisausrüstung erreichbar), dann fast 1100 Höhenmeter hinunter zur Turtmannhütte, dem heutigen Domizil. Der Abstieg entlang des Brunnegggletschers ist ein Panorama-Hike vom Feinsten – und wir realisieren nur langsam, dass wir in den kommenden Tagen durch genau dieses Panorama wandern, klettern und keuchen werden. 

1100 Höhenmeter Klettersteig und Gletscher

Man weiss gar nicht, ob man sich freuen oder fürchten soll: Von der Sonnenterrasse der Turtmannhütte hat man fast die gesamte Route von Tag drei im Blick – und die ist beeindruckend: erst hinunter an den Fuss der Adlerflüe, einer Felswand, die wie eine düstere Insel zwischen den Gletschern thront, dort über einen Klettersteig nach oben und dann weiter über die tiefen Spalten des Turtmanngletschers hinauf Richtung Tracuithütte. 1100 Höhenmeter, die es in sich haben. 

Tamar, Isabelle und Chris vom Transa Team haben bereits etwas Hochtourenerfahrung im Gepäck, die anderen beiden sind Anfänger in Sachen Seilschaft. Der Klettersteig verlangt Trittsicherheit, ist aber technisch kein Problem für Normalbegabte. Bergführer Tom macht glasklare Ansagen, das Sichern funktioniert in der Gruppe reibungslos. Alles klappt noch etwas besser als am Vortrag am Schöllijoch, eine Lernkurve ist offensichtlich vorhanden.

Oben auf der Flüe wartet der schönste Pausenplatz der Welt: Umrahmt von Eisfeldern und 4000ern sitzen wir im Gras und geniessen Picknick und heissen Tee. Die Sonne lacht, alles ist gut. Bis auf diese Gletscherwand in unserem Rücken...

Eine heisse Dusche auf 3256 Metern

Die Profis Tom und Jürg sind begeistert vom Turtmanngletscher: "Perfekte Bedingungen, da können wir ein paar Varianten trainieren." Heisst für uns: mal links herum um eine grosse Spalte, mal in der Direttissima einen Eisbuckel hinauf – "immer schön auf den Frontzacken stehen!". Alles im Gänsemarsch am Seil und manchmal nur auf eine Eisschraube vertrauend, die uns im Falle eines Sturzes halten soll. Aber wir stürzen nicht, und aus dem mulmigen Gefühl wird zunehmend echte Freude über diese – für uns – völlig neue Art, sich in den Bergen zu bewegen. Steigeisen setzen, Pickel platzieren, Seilabstand zum Vordermann checken. Passt. 

"Hochtour fängt da an, wo der Wanderweg aufhört", hat mal ein Bergsteiger erklärt - jetzt verstehen wir, was er gemeint hat. 

"Ein grusig stickiges Lager mit 50 Plätzen und einem Fenster. Das Fester haben wir nachts ausgehängt und versteckt. Ein paar mussten frieren, aber wir anderen bekamen wenigstens Luft..." So beschreibt Jürg die alte Tracuithütte, die aber - gut für uns - 2013 neu gebaut wurde und heute als Vorzeigeprojekt mehr Komfort bietet, als man es auf 3256 Metern für möglich hält. Sogar heisse Solarduschen gibt es (zwei Minuten für CHF 10.—, aber "sooo guet", schwärmt Isabelle). In der offenen Küche kochen Hüttenchefin Anne-Lise und ihr Team formidable Menues – und schiebenzwischendurch die Arbeitsplatten zusammen für eine Runde Tischtennis. Vor dem epischen Panorama um Zinalrothorn und Dent Blanche planen wir den Tag vier: Es geht auf 4153 Meter.

"Hillary Step" am Bishorn

Das Bishorn gilt als einer oder "Damen"-4000er. Wahrscheinlich deshalb, weil die Damen im Transa Team munter über den moderat steilen Gletscher nach oben streben, während andere in der dünnen Luft pfeifen wie ein Murmeltier. Aber die Seilschaft passt das Tempo an, und Schritt für Schritt kommen wir dem Ziel näher. Ganz kurz vor dem Gipfel lauert noch ein Bishorn-eigener "Hillary Step", eine kurze Kletterpassage. Der Pickel kommt zum Einsatz. Und dann stehen wir oben, fallen uns in die Arme und sind auch etwas stolz. Und so mancher Blick wandert bereits hinüber zum benachbarten Weisshorn – deutlich anspruchsvoller, aber vielleicht eines Tages ein Ziel für jene, die auf den Hochtouren-Geschmack gekommen sind. Als Tom beim Abstieg noch ein kleines Gletscherspalten-Training offeriert, melden sich Tamar und Chris jedenfalls gleich freiwillig zum Abseilen.

Der letzte Abend auf der Tracuithütte ist wieder typisch für die Höhenfieber-Planung: Statt – die die meisten Bergsteiger – noch am gleichen Tag ins Tal und heimwärts zu rasen, geniessen wir das Siegerbier zum Sonnenuntergang und werden erst am Tag fünf gemütlich nach Zinal absteigen. Natürlich nicht, ohne noch einen langen Abschiedsblick aufs Bishorn zu werden. Das erste Mal war wirklich schön.