Hersteller AKU und seine CO2-Bilanz

6. Oktober 2022

Wie gross ist unser CO2-Fussabdruck? Seit Jahren investiert der italienische Schuhhersteller AKU sehr viel Zeit, Geld und Arbeitskraft, um eine fundierte Antwort auf diese Frage zu bekommen.

Fotos: Moritz Schäfer

Redaktor, 4-Seasons Magazin
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Anfang 2022 verkündete AKU stolz: «Wir sind als erster Hersteller von Outdoor-Schuhen in der Lage, für jedes unserer Modelle die CO2-Bilanz zu berechnen.» Eine Meldung, die erst bei genauerem Hinsehen aus der Masse von Nachhaltigkeits-PR-Mitteilungen heraussticht. Man fragt sich: Was hat es damit auf sich? Warum ist das eine Pressemeldung wert?

Bei einem Besuch Ende Juli wollen wir mehr über die Hintergründe erfahren. AKU hat seinen Sitz in Montebelluna. Der Ort liegt circa eine Stunde nordwestlich von Venedig an den südlichen Ausläufern der Dolomiten. CSR-Manager Giulio Piccin führt uns herum und beantwortet unsere Fragen. Schnell wird klar: Die Berechnung der CO2-Bilanz eines Schuhs ist wahnsinnig komplex. Sie verschlingt Ressourcen, ist langwierig und verlangt die Betrachtung der gesamten Lieferkette. «Seit Jahren arbeiten wir in allen Unternehmens­bereichen – vom Produktdesign bis hin zur Fertigung – daran, unseren Fussabdruck zu reduzieren. Wir wollen langfristig klimaneutral werden. Dieses Ziel ist nur zu erreichen, wenn wir wissen, wo genau wir aktuell stehen und wo Verbesserungspotenzial besteht. Wissen ist Grundvoraussetzung, um verantwortungsvoll zu handeln», sagt Giulio.

Ungeahnte Stärken

Alles begann 2013 mit einem Produkttest der deutschen Stiftung Warentest. Die Verbraucherschützer nahmen 15 Trekking­stiefel genau unter die Lupe. AKU gewann die Gesamtwertung in den Bereichen Tragekomfort, Funktion und Haltbarkeit – zum eigenen Erstaunen hatten die Italiene­­r aber auch in Sachen Schadstoffbelastung die Konkurrenz hinter sich gelassen. «Vorher wollten wir einfach bequem­­e und haltbare Schuhe in italienischer Tradition herstellen», sagt Vittorio Forato, der Marketingmanager von AKU, «nun hatten wir noch eine weitere Stärke, derer wir uns bislang gar nicht bewusst gewesen waren.» Anschliessend beschäftigte man sich genauer mit der Lieferkette: Wo kann man Ressourcen einsparen, wie kann man verantwortungsbewusster produzieren?

Vor circa fünf Jahren hat AKU dann ein Projekt gestartet und damit begonnen, Daten zusammenzutragen. Für jeden Quadratmeter Leder, jeden Schnürsenkel, jede Sohle wurde der CO2-Fussabdruck ermittelt und in eine Datenbank einge­tragen. Was nach einem banalen bürokratischen Vorgang klingt, ist in Wahrheit ein organisatorischer Kraftakt: Schliesslich müssen all diese Daten einzeln bei den Zulieferern angefragt und erfasst werden. Von ihnen braucht AKU Herkunftsnachweise, detaillierte Infos zu Herstellungs­prozessen – und teilweise sogar die Stromrechnungen, zum Beispiel bei den in Vietnam gefertigten Produkten.

«Die meisten unserer Lieferanten von Rohmaterialien kommen aus der Region oder zumindest aus Italien. Wir arbeiten schon lange sehr eng zusammen und haben ein Vertrauensverhältnis – nur auf dieser Grundlage ist so eine Erhebung möglich», betont Giulio. Doch mit der Erfassung der Roh­materialien und Halbfertigprodukte ist es nicht getan: Auch sämtliche Transportwege – zum Beispiel zu den firmeneigenen Produktionsstätten in Serbien und Rumänien – und alle Prozesse in der Produktion mussten in der Datenbank festgehalten werden. Bei der Erhebung hat sich AKU an bestehenden ISO-Normen (14067:2018) orientiert, die gesamte Datenbank wurde letztendlich vom Bureau Veritas zertifiziert.

Nachdem alle Zahlen vorlagen, wurde ein Programm ent­wickelt, das auf die besagte Datenbank zugreift und genau weiss, welcher Schuh wie und aus welchen Materialien in welcher Menge produziert wird – so spuckt es am Ende einen Gesamtwert für das Modell aus, nach dem man gesucht hat.

Für ein Paar des Bellamont III Plus ergibt sich beispielsweise ein CO2-Abdruck von 25,46 Kilogramm. Das entspricht in etwa der Menge, die bei der Produktion von zwei Kilogramm Rindfleisch entsteht. Davon entfallen 86 Prozent auf die Rohmaterialien und Halbfertigprodukte, 11 Prozent auf Produktion und Transport und 3 Prozent auf den Verkauf und die Nutzungsdauer bei der Kundschaft. Von den 86 Prozent macht das verwendete Leder einen Grossteil aus. Zum Vergleich: Der Bellamont III V-Light, der nächstes Jahr im Frühling auf den Markt kommt und bei dem anstatt des Leders ein Ober­material aus teilweise recycelten Mikrofasern zum Einsatz kommt, hat einen CO2-Abdruck von rund 10 Kilogramm.

Nun fragt man sich als Laie reflexhaft: Warum verzichtet AKU nicht einfach auf Leder, wenn es doch Materialien mit einer besseren CO2-Bilanz gibt? Giulios Antwort: «Neben dem CO2-Abdruck spielen auch andere Faktoren eine wichtige Rolle: Wie viel Mikroplastik verursacht das Mikrofasermaterial? Wie langlebig ist es? Wie gut ist die Funktion auf Dauer? All das spielt bei der Bewertung eine Rolle. Von Leder wissen wir aus jahrzehntelanger Erfahrung, dass es während der Nutzungsdauer perfekt funktioniert und bei richtiger Pflege sehr lange hält. Von heute auf morgen alles um­zustellen, wäre leichtfertig. Wir müssen weiter genau hinsehen.» Immer wieder während unseres Besuchs betont Giulio, dass die Lebensdauer eines Produkts ein entscheidender Faktor für seine Umweltbilanz ist: Wer seine Schuhe gut behandelt und pflegt, braucht erst nach vielen Jahren neue zu kaufen.

Schritt für Schritt

Parallel zu der Erfassung des Status quo hat AKU in den letzten Jahren bereits viel getan, um CO2 einzusparen: In der Produktion wurde ein Kleber, der früher auf Lösungsmitteln basierte, durch einen Kleber auf Wasserbasis ersetzt. Beim Leder arbeitet AKU seit Jahren eng mit der Gerberei Dani, die nur 80  Kilometer westlich liegt, zusammen und kauft gezielt nur Rohmaterial ein, das die höchsten Umweltstandards erfüllt. Für die Zwischensohlen von vielen Modellen wurde zusammen mit einem lokalen Produzenten ein Material mit Recyclinganteil entwickelt. Die Liste der Massnahmen liesse sich noch beliebig fortsetzen …

Während wir mit Giulio durch die Räume schlendern, bleibt er immer wieder stehen und erklärt, was in den letzten Jahren erreicht wurde – aber er macht auch keinen Hehl daraus, dass es noch viel zu tun gibt. Wie es weitergeht, wollen wir zum Abschied von ihm wissen: «Nachdem wir nun unsere Produkte so genau untersucht haben, wollen wir als Nächstes uns selbst noch besser kennenlernen. Das Ziel: die genaue Berechnung und Zertifizierung der CO2-Bilanz des gesamten Unternehmens – das ist definitiv eine noch viel grössere Herausforderung.»

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