Archiv Wild Country/Federico Ravassard
1977 brachte die britische Marke Wild Country den ersten «Friend» auf den Markt – ein mobiles Klemmgerät, das den Alpinsport revolutionieren sollte. Bis heute steht aber nicht die Ausrüstung im Mittelpunkt der Firmenphilosophie, sondern die maximale Freiheit am Fels.
Es gibt Marken, die den Bergsport begleiten. Und es gibt Marken, die ihn verändern. Wild Country gehört ohne Zweifel zur zweiten Kategorie. Seit bald fünf Jahrzehnten steht das britische Unternehmen für durchdachte Kletterausrüstung, die aus der Praxis heraus entwickelt wird. Vom ersten revolutionären Klemmgerät bis zu modernen Gurten und Seilen zieht sich ein roter Faden durch die Geschichte der Marke: Lösungen zu schaffen, die Kletter:innen mehr Sicherheit, mehr Vertrauen und mehr Freiheit am Fels geben.
Die Wurzeln von Wild Country reichen zurück in die frühen 1970er-Jahre. Zu jener Zeit waren Schlingen, Klemmsteine und Felshaken alles, was es gab, um anspruchsvolle Kletterrouten zu sichern. Vor allem bei britischen Kletternden galten per Hammer gesetzte Haken jedoch als verpönt, denn sie beschädigten und verunstalteten den Fels. Auch international rückten das Freiklettern und ein «sauberer» Kletterstil zunehmend in den Fokus. Zwei junge Männer aus dieser Community lernten sich 1972 beim Klettern im Yosemite-Nationalpark kennen: Mark Vallance aus dem Peak District in England und Ray Jardine, ein Ex-Raumfahrtingenieur aus Kalifornien.
Die beiden verstanden sich auf Anhieb, dass Ray aber schon bei ihrer ersten Begegnung einen Prototyp bei sich trug, der nicht nur das Leben der beiden Freunde verändern sollte, wusste Mark nicht. Erst drei Jahre später, bei einer Erstbesteigung an der Washington Column im Yosemite, machte er die ersten Erfahrungen mit der neuen Ausrüstung. Allerdings nicht, bevor er von Ray zur Verschwiegenheit verpflichtet wurde. Denn bisher wussten nur wenige von dessen Erfindung. So wie Kris Walker, ein gemeinsamer Kletterkumpel, der kurze Zeit später unfreiwillig den Namen «Friend» erfand. Als Kris mit Ray und ein paar anderen zum Klettern ging, wollte er vor Uneingeweihten nichts über die neuartigen Klemmgeräte ausplaudern. Kurzerhand fragte er: «Ray, hast du deine … äh … Friends dabei?» Der improvisierte Titel blieb hängen – und wurde zum Namen eines der berühmtesten Tools der Klettergeschichte.
Was den Friend so besonders machte, war seine ebenso einfache wie geniale Konstruktion. Im Inneren sorgen vier bewegliche Elemente dafür, dass sich das Sicherungsgerät beim Belasten selbstständig im Fels verklemmt. Entscheidend war dabei Ray Jardines technische Lösung: Die Segmente folgen der Form einer logarithmischen Spirale. Dadurch bleibt der Anpresswinkel an den Fels unabhängig von der Rissbreite nahezu konstant – der Friend hält in schmalen wie in breiteren Felsspalten gleichermassen zuverlässig.
Für Kletternde bedeutete das einen Quantensprung. Während Klemmkeile und Hexentrics nur in wenigen, exakt passenden Rissen sicher platziert werden konnten, liess sich der Friend mit einem Handgriff setzen und ebenso leicht wieder entfernen. Er deckte einen deutlich grösseren Bereich an Rissbreiten ab, sass sicher und hinterliess keine bleibenden Spuren am Fels.
Bis aus den ersten handgefertigten Prototypen ein serienreifes Produkt wurde, vergingen allerdings noch zwei Jahre intensiver Entwicklungsarbeit. Gemeinsam optimierten Ray und Mark Mechanik, Bedienung und Fertigung, bis die eigens dafür gegründete Firma Wild Country den Friend 1977 offiziell auf den Markt brachte. Der Erfolg war überwältigend: Bereits im ersten Jahr verkaufte sich das neuartige Klemmgerät mehrere Tausend Mal und veränderte nachhaltig die Art, wie weltweit am Fels geklettert und abgesichert wurde.
Mark Vallance, der Gründer von Wild-Country beim Klettern im Peak District (1979).
Foto © Archiv Wild Country, Federico RavassardMit dem Erfolg des Friends entwickelte sich Wild Country schnell zu einer festen Grösse in der internationalen Kletterszene. Die Marke blieb ihren Wurzeln treu und arbeitete von Beginn an eng mit erfahrenen Alpinist:innen zusammen. Neue Produkte entstanden nicht im Labor, sondern dort, wo sie später eingesetzt werden sollten: an rauen Sandsteinfelsen in Grossbritannien, an den Kalkklippen Südeuropas, in alpinen Granitwänden. Bis heute gehören intensive Praxistests und der Austausch mit Athlet:innen zum festen Bestandteil der Produktentwicklung.
Auch wenn mobile Sicherungsgeräte bis heute das Herz der Marke bilden, hat sich das Sortiment im Laufe der Jahrzehnte deutlich erweitert. Klettergurte, Seile, Karabiner, Express-Sets, Helme, Bekleidung sowie weiteres Zubehör für Sportklettern, Mehrseillängen und alpine Unternehmungen.
Typisch ist dabei der pragmatische Entwicklungsansatz der Marke. Statt auffälliger Effekte stehen Funktion und Bedienbarkeit im Mittelpunkt. Jedes Detail muss einen praktischen Nutzen erfüllen – vom ergonomisch geformten Karabiner bis zur sinnvoll positionierten Materialschlaufe am Gurt. «Die Briten hatten schon immer einen ganz eigenen Ansatz beim Klettern. Daraus ist nicht nur ein legendärer Stil entstanden, sondern auch Tools wie der Friend, mit dem Wild Country echte Alpingeschichte geschrieben hat», sagt Lukas Müller, Einkäufer Bergsport bei Transa. «Bis heute erkennt man auf den ersten Blick, wie viel Erfahrung und technisches Know-how in den Produkten stecken. Das überzeugt eine kompetente Kundschaft mehr als jedes Marketingversprechen.»
Inzwischen gehört Wild Country zur Oberalp-Gruppe mit Sitz in Südtirol. Das ermöglicht den Zugang zu umfangreichen Entwicklungs- und Fertigungsressourcen, ohne dass die Identität der Marke verwässert wird: Wild Country versteht Klettern als Zusammenspiel von Erfahrung, Verantwortung und Abenteuer. Die Ausrüstung soll dabei nicht im Mittelpunkt stehen, sondern das ermöglichen, worauf es am Ende ankommt: sich frei am Fels zu bewegen, Entscheidungen selbst zu treffen und Herausforderungen aus eigener Kraft zu meistern.
Vielleicht liegt genau darin das Erfolgsgeheimnis der Marke: Obwohl der erste Friend den Klettersport radikal verändert hat, ist Wild Country nie laut aufgetreten. Stattdessen wurden bewährte Produkte kontinuierlich weiterentwickelt. Diese Haltung erklärt, warum die Marke auch fast fünf Jahrzehnte nach ihrer Gründung einen festen Platz in der Kletterwelt behauptet.
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