Nachhaltig verreisen, geht das?

7. September 2022

Die Transianerinnen Sanne und Isabel haben mit Antonia vom Verein fairunterwegs über Fähren, Venedig, CO2-Kompensation und das Glück des Reisens gesprochen.

Fotos: Somara Frick

Verkaufsberaterin, Filiale Markthalle Bern
stellt wichtige Fragen vor jeder Reise
Antonia, wie entscheide ich mich umweltbewusst für eine Feriendestination?
Ökologisch betrachtet, verursacht die An- und Abreise am meisten CO2, erst recht, wenn man das Flugzeug wählt. Umso weiter ich fliege, umso länger sollte die Reisezeit vor Ort sein.

Viele Menschen in der Schweiz haben aber nur vier Wochen Ferien. Trotzdem sind Herzenswünsche da, wie einmal auf ein Trekking in Peru zu gehen oder Kängurus in Australien zu beobachten.
Klar, das ist auch sehr verständlich. Hier müssen wir an unserem System arbeiten. Arbeitgebenden sollte es wichtig sein, Träume zu ermöglichen. Sprich längere Ferien zu gewähren oder Workation, eine Kombination aus Arbeit und Ferien, anzubieten. Manchmal muss man als arbeitnehmende Person den Mut aufbringen und fragen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist unser Mindset: In der Schweiz scheint es völlig normal, zwei, drei Mal im Jahr ins fernere Ausland zu gehen oder einen Wochenendtrip in eine Hauptstadt zu machen. Dinge, die nur für einen ganz kleinen Teil der Weltbevölkerung möglich sind. Hier kann ich mich fragen, wie möchte ich dieses Privileg nutzen?
Was kann ich sonst noch beachten? Auch soziale und ökonomische Entscheide stehen bei der Wahl des Ferienziels an: Wenn ich eine einwöchige Pauschalreise nach Gran Canaria für 500 Franken buche, dann ist es unrealistisch, dass alle Personen, die dafür arbeiten, dass ich schöne Ferien habe, auch davon leben können. Labels können hier eine Orientierung sein. 

Welchen Labels kann ich denn vertrauen? 
Es gibt ungefähr 120 Labels, ein völliger Dschungel also. Wir haben eine Aufstellung erstellt mit zwanzig Labels, die wir gut finden. Ein Beispiel dafür ist Tourcert.

Dass die Reise mit dem Zug ökologischer ist als mit dem Flugzeug, ist längst be-kannt. Viele wählen immer noch den Luftweg in europäische Städte. Wie kann man das Zugfahren attraktiver machen? 
Es fängt an mit der eigenen Einstellung: Der Weg ist das Ziel und beginnt vor der Haustür. Dabei kann ich tolle Orte sehen, die ich sonst überfliege. Ausserdem «lande» ich mit dem Zug immer im Zentrum der Stadt und kann gleich mit der Erkundung starten. Flughäfen liegen oft weit ausserhalb.

Ein weiteres Transportmittel: Fähren. Der Ruf in Sachen Ökobilanz ist eher schlecht? 
Hier kommt es darauf an, welche Fähre: Bei Frachtschiffen geht es nicht um den Personentransport, sondern um die Fracht. Damit bist du nicht ausschlaggebend für das Angebot, sondern der Konsum von uns allen. Kreuzfahrtschiffe schneiden ökologisch gesehen schlechter ab, weil diese nicht fahren, wenn es keine Nachfrage gibt. Personenfähren sind sicher am besten.
Du sprichst myclimate an, eine Plattform, die CO2-Kompensationen in Form von unterschiedlichen Zahlungen anbietet. Macht das Sinn?
Das muss jeder für sich selber entscheiden. Ich bin eine klare Befürworterin davon. Wenn ich alle Argumente abgewogen und mich entschieden habe, eine Reise anzutreten – anstatt keine zu machen und somit auch keinen Fussabdruck zu haben –, dann sollte ich sie kompensieren. Ich sehe es nicht als Ablasshandel, sondern mehr als bewusste Entscheidung, Verantwortung zu übernehmen. Mit dem Geld werden tolle Projekte unterstützt. 

Gibt es Reiseziele oder Gebiete, die nicht mehr «vertretbar» sind? 
Wer auf die Malediven fliegt, trägt leider dazu bei, dass sich der Meeresspiegel weiter erhöht und die Malediven irgendwann untergehen. Aber anders anreisen ist kaum möglich. Es ist ein Abwägen. Ein weiteres Stichwort ist «Overtourism». Ein bekanntes Beispiel: Venedig. Die Einheimischen sind genervt, auch weil sich die Lebenskosten für die lokale Bevölkerung verteuert haben. Möchte ich an einen Ort, wo viele Menschen keine Lust mehr haben, Gastgebende zu sein? Ein weiterer Punkt ist die politische Lage eines Landes. Unterstütze ich unter Umständen ein militärisches Regime, indem ich die touristische Infrastruktur nutze? 
 
Wie sind wir vor Ort fair unterwegs? 
Wir haben dazu eine «Glücksformel» entwickelt, um Orientierung zu geben – unsere Formel für nachhaltiges Glück aller an der Reise beteiligten Personen. Denn Tourismus ist ein niederschwelliger Wirtschaftssektor, jede elfte Person auf dieser Erde arbeitet im Tourismus und wenige sind durch Arbeitsrechte geschützt. Die Wertschätzung gegenüber den Menschen, ihrem Land, ihrer Kultur liegt auch in unserer Verantwortung.
Wie kann ich in Sachen Gepäck bewusster planen? Was nehme ich mit, was nicht? 
Ich empfehle, so leicht wie möglich zu reisen. Wasserflasche und das Schweizer Sackmesser (schmunzelt) mitnehmen. In Ländern, wo man das Leitungswasser nicht trinken kann, Wasser abkochen oder einen Wasserfilter mitbringen. Dies ist nicht nur outdoor, sondern auch in der Stadt eine Möglichkeit. 

Wie kann man seine Strategien für eine nachhaltigere Lebensweise auch unterwegs beibehalten, zum Beispiel eine vegane Ernährung? 
Es gibt Internetseiten, die gute Tipps geben. Ansonsten finde ich es wichtig, mit den Menschen in den Austausch zu treten: ihnen zu erklären, warum ich kein Fleisch essen möchte. Gerade wenn es sich dabei um traditionelle Gerichte handelt. Ich bin immer wieder erstaunt, wie offen diese reagieren. Meist gibt es auch tolle vegetarische oder vegane einheimische Spezialitäten. 

Wie kann man zurück daheim möglichst viel nachhaltig mitnehmen? 
Das Erlebte teilen, erzählen, weiter in Gedanken schwelgen. Vermehrt Bücher oder Nachrichten zum Land lesen und in Verbindung bleiben mit den Menschen, die man vor Ort kennengelernt hat.

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