Verrücktes Duo

23. November 2022

Die beiden ostdeutschen Zweitaktfreunde Johannes und Franz fuhren im Corona-Sommer 2020 mit ihrem klapprigen DDR-Dreirad «Walli» von Dresden bis an den südlichsten Zipfel Portugals. Ihr Ziel: die letzte Bratwurstbude vor Amerika.

Fotos: Franz Müller & Johannes Kürschner

Gastautorin, 4-Seasons
Immer für gute Geschichten zu haben
Zunächst einmal: Wer und was ist Walli?
Franz : Walli ist ein «Krause Duo» – ein DDR-Krankenfahrstuhl, den man auf Kassenantrag erwerben konnte. Das Ding ist als Versehrter aber eigentlich nicht fahrbar. Wir fragen uns ernsthaft, wie ein körperlich eingeschränkter Mensch dieses Ding steuern sollte, ohne auf den ersten paar Metern im Graben zu landen.
Johannes: Wir haben den orangen Flitzer in einer Kleinanzeige entdeckt. Er stand bei uns um die Ecke. Ausser, dass der Motor nicht richtig lief und das Getriebe schwammig war, befand Walli sich in einem ordentlichen Zustand.

Wie kamt ihr denn auf die Idee, mit solch einem Fahrzeug zu verreisen?
J: Wie die meisten dummen Ideen kam auch diese von Franz. (lacht) Er hatte sich auf dieses Gefährt eingeschossen und wollte irgendwohin, wo man surfen kann.
F: Bei unserem Filmdreh zu «SIMPLY THE WORST» sind wir schon mal mit einem Duo gefahren. Wir sind beide Fans von Mopeds und Zweitaktern. Die alten Simsons kennt aber inzwischen jeder, daher war das Duo die perfekte Wahl.

Wie habt ihr euren Trip finanziert?
J: Durch Crowdfunding und einen tiefen Griff in die eigene Tasche. Die Stadt Dresden hat noch eine kleine Förderung dazugegeben, ebenso wie einige kleine Sponsoren und Unternehmen aus unserem Dunstkreis.
Warum ausgerechnet zur letzten Bratwurstbude vor Amerika?
F: Wir sind zwei verrückte Typen und brauchten ein mindestens genauso skurriles Ziel. Wir wollten nach Cabo de São Vicente, dem südwestlichsten Zipfel Europas. Und dort steht halt diese Wurstbude. Leider war sie am Ende wegen Corona geschlossen.

Das war nicht eure erste verrückte Reise, richtig?
J: Wir sind schon mit dem Trabi in die Slowakei gefahren und zwei Mal auf Simson-Mopeds nach Sardinien, um die Aguglia di Goloritzè zu besteigen. Zwei Mal, weil bei der ersten Reise in Rom unser ganzes Equipment geklaut wurde – inklusive Speicherkarten, sodass alles Material futsch war.

Wie habt ihr eure Route nach Portugal gewählt?
J: Gar nicht. Das Hauptziel stand fest, aber über einzelne Etappen haben wir uns keinen Kopf gemacht. Der Plan war: möglichst direkter Weg, Landstrasse. Autobahnen und Mautstrassen wollten wir möglichst vermeiden. Wir wollten das Duo auf jeden Fall über die Pyrenäen scheuchen und beweisen, dass die Maschine sowas schafft. 
F: Unsere Route führte quer durch Tschechien über Bayern nach Frankreich. Dann über die Pyrenäen nach Spanien, durch die spanische Tiefebene bis zur portugiesischen Grenze. Da war erst mal Schluss, weil der Übergang wegen Corona noch dicht war. Unverhofft waren wir viel zu schnell unterwegs gewesen. Also sind wir um Portugal herumgefahren bis an den spanischen Atlantik und konnten dann einreisen. Dort haben wir die komplette Küste abgeklappert, um surfen und klettern zu gehen.
Gab es ein übergeordnetes Ziel dieser Reise?
F: Zuerst mal wollten wir das Kap lebendig erreichen und daraus wieder einen Film machen. Wir nehmen uns bei unseren Reisen immer etwas vor, zum Beispiel einen Gipfel zu besteigen. Aber dieses Mal ging es vor allem darum, mit Walli überhaupt da unten anzukommen. Klettern und surfen wollten wir natürlich trotzdem.
J: Wenn wir ein Projekt ankurbeln, geht es ums Abenteuer, um die Fahrt ins Ungewisse. Deswegen auch dieses Gefährt. Mit Simson-Mopeds sind wir vertraut, aber das Duo war für uns wie ein Ufo. Die perfekte Herausforderung. Beweisen wollten wir, dass man mit etwas Ahnung mit jedem Fahrzeug ans Ziel kommen kann. 

Was konntet ihr im Duo überhaupt mitnehmen? 
J: Wir haben das Gefährt etwas umstrukturiert, das Dachgestell versteift, sodass wir das Dach beladen konnten. Darauf befanden sich unsere Surfbretter. Alles an Ersatzteilen lag hinter unseren Rücken, ebenso etwa neun Liter Gemischöl. Der Beifahrer hatte einen grossen Rucksack zwischen den Beinen, die Schlafsäcke nutzten wir als Kopfstütze. Die Isomatten dienten als Armlehnen. Ausserdem hatten wir Hängematten, Navi und Kochzeug dabei. Unser Kamera-Equipment hing hinter unseren Köpfen. Dann hatten wir noch einen Gepäckträger angebaut, an dem wir zwei Packtaschen mit Kleidung befestigen konnten. 

Hattet ihr viele Pannen? 
F: Nein, eigentlich nicht. Weil Walli hoffnungslos überladen war, hatten wir mit dem Schlimmsten gerechnet. Doch die grössten Defekte hatten wir nur, weil wir uns Spielereien wie lustige Drifts auf Schotterpisten nicht verkneifen konnten. Da sind schon mal die Speichen und Naben gebrochen.  
J: Genau, da habe ich mir schnell per Youtube-Video das Einspeichen beigebracht und die Räder auf einem Parkplatz mit zwei Kamerastativen zentriert. Ansonsten hat ständig der Vergaser gesponnen, sei es durch die extremen Höhen- und Temperaturunterschiede oder durch schlechtes Benzin.
Was waren eure grössten Herausforderungen?
F: Die Rhône-Alpen hatten wir total unterschätzt. Das lag daran, dass in unseren ADAC-Karten kein Höhenprofil eingezeichnet war. Das Duo hat gekocht und wir wurden immer nervöser. Es war nicht ganz ohne, diese Situation zu meistern, ohne dass uns die Walli um die Ohren fliegt.
J: Die Strecke überhaupt durchzuhalten. Sowohl geistig als auch körperlich. 14 bis 16 Stunden in der engen Karre sitzen, die Konzentration und Kraft aufbringen, den Lenker gerade zu halten. Man muss durch den Linksantrieb immer gegenlenken. Nach spätestens drei bis fünf Stunden Lenkzeit war man komplett fertig. Ein Riesenproblem in Frankreich waren auch die vielen Kreisverkehre. Ausserdem kamen alle paar Meter Bremsschwellen: Mir hat’s dauernd die Birne gegen das Surfbrett gehauen. 

Wie sah ein typischer Tagesablauf aus?
J: Morgens mit dem ersten Tageslicht aufstehen. Wenn wir ewig bis um drei oder um vier in der Früh gefahren waren, blieben wir auch mal länger liegen. Dann frühstücken, Tee machen, Energydrink und losfahren. Stundenlang einfach nur fahren, fahren, fahren, bis es wieder Nacht wurde. Da fuhr es sich am besten, deshalb haben wir meist durchgezogen. Als wir Portugal erreicht hatten, haben wir es uns gutgehen lassen: Klettern hier, surfen dort, Kultur und Sightseeing.
F: Ich bin meist morgens gefahren, ab 14 Uhr kam bei mir nämlich das Mittagstief und Hannes fuhr bis in die Nacht hinein. Dann bin ich noch ein paar Stunden ans Steuer, bis es nicht mehr ging. Zwischendrin ernährten wir uns von Energydrinks und handlichem Proviant, denn wir wollten jede Sekunde nutzen, um Kilometer zu machen. Wir hatten nur vier Wochen Zeit, weil ich pünktlich zum Geburtstag meines Sohnes zurück in Dresden sein wollte.
Wie haben die Menschen unterwegs auf euch reagiert?
F: Die waren immer freundlich und neugierig. Manche konnten mit dem Duo nichts anfangen, aber die Tschechen haben sich zum Beispiel tierisch gefreut, weil sie wussten, was das ist. In Deutschland waren die Menschen eher distanziert, in Frankreich dagegen standen sie am Strassenrand, haben applaudiert und gejubelt. Das war ziemlich cool. Die Portugiesen waren eher verhalten, die Spanier begeistert. Viele fragten auch, ob es ein Tuk-Tuk sei.  
J: Ab und an gab es auch Kontakt zur Polizei, die uns herausgefischt hat, weil wir auf der Autobahn fahren mussten. Aber die Guardia Civil war sehr nett und wollte eigentlich auch nur gucken und uns kennenlernen. Kurz die Papiere checken und dann war’s das auch schon.
Was ist eure schönste Erinnerung?
F: Die Grenzöffnung von Spanien zu Portugal. Diese ganze Reise zielte auch darauf ab, der Corona-Tristesse zu entfliehen. Auszubrechen, wieder aktiv zu werden. Dann kommst du nach Portugal und stehst wieder vor Gittern. Umso erlösender war dann der Moment, als wir schliesslich einreisen durften.
J: Bei mir ist es die Rückreise über Tschechien, wo uns zahlreiche Zweitaktfreunde mit ihren Mopeds jubelnd empfingen. Sie hatten unsere Reise via Facebook und Instagram verfolgt. Es war ein erhebendes Gefühl, wieder zu Hause zu sein.

Was würdet ihr jemandem raten, der auch mit einem Duo reisen will?
F: Mach’s nicht! Wenn du mit einem Duo losziehst, kannst du eigentlich schon dein Testament in die Packtaschen stecken. Es ist echt verantwortungslos, mit so einem Ding zu fahren. (grinst)

Gilt das auch für euch, oder ist die nächste Reise mit Walli schon in Planung?
F: Geplant ist noch nichts, aber in einer Bierlaune kam mal ins Gespräch, mit der Kiste nach Afrika zu fahren. Die Walli hat’s bis Portugal geschafft, warum sollte sie das nicht meistern?

Lust auf weitere spannende Inhalte?
In unserem Blog findest du Inspiration, Tipps und Aktuelles aus der Welt von Transa.