Fluss Vjosa von oben

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Fluss Vjosa: Das Flusssystem in Albanien wird zum Nationalpark

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Portraet Kim Kristin Mauch
Kim Kristin Mauch
Gastautorin 4-Seasons
© Fotos

Den grössten Teil seines Lebens arbeitet Ulrich Eichelmann bereits im Naturschutz. Meist ein Job, für den man eine hohe Frustrationstoleranz braucht. Bis ihm und seinen Mitstreitenden in Albanien etwas gelingt, was niemand für möglich gehalten hat: Ein ganzes Flusssystem wird zum Nationalpark.

Ulrich, wann hast du erstmals von der Vjosa gehört?
Bis 2008 hatte ich noch überhaupt nichts von der Vjosa gehört und das ist schon eher un-gewöhnlich, denn die meisten Flüsse in Europa kenne ich eigentlich. Das erste Mal war ich dann Anfang 2012 dort. Ich habe sofort gesehen, dass dieser Fluss etwas ganz Besonderes ist. Unglaublich, dass es sowas überhaupt noch gibt!

Was war so besonders?
Um das zu verstehen, muss man wissen, wie es sonst um die Flüsse in Europa bestellt ist. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es kaum einen Fluss in natürlichem Zustand. Vielleicht mal ein kleiner Bach ganz am Rand eines Flussnetzes. Der Rest ist begradigt, verbaut oder aufgestaut.

Und wie ist das bei der Vjosa?
Als wir zum ersten Mal dort hingefahren sind, haben wir schon von der Strasse aus hinunter ins Tal blicken können. Da zieht sich das Kiesbett wie ein breites, weisses Band durch die Landschaft. Darin ein Geflecht aus blauen Bändern, den Flussläufen, die mal auseinanderfliessen und dann wieder zusammen. Dass es sowas in dieser Grösse und Unberührtheit in Europa noch gibt, hat mich wirklich überrascht. Die Region ist relativ dicht besiedelt und liegt nah am Mittelmeer, dem grössten Touristenhotspot der Welt. Nur das Wasserkraftwerk von Kalivaç war damals schon im Bau.

Ein Wasserkraftwerk könnte doch nachhaltigen Strom für die Region liefern. Warum bist du trotzdem dagegen?
Das Einzige, was daran nachhaltig ist, ist die Zerstörung. Staudämme und Wasserkraftwerke zerstören einen Fluss komplett. Alles, was darin lebt, wird stark negativ beeinträchtigt. Wir müssen uns fragen, ob wir in einer biologisch diversen Welt leben wollen. Wir haben in nur wenigen Wochen bei einer Erhebung an der Vjosa fast 1’500 Arten gefunden. Diese Tiere und Pflanzen zu erhalten, ist extrem wichtig.

Ausserdem geht es schon längst nicht mehr um die Frage: Wasserkraft – ja oder nein? Die haben wir schon längst mit zigtausend Wasserkraftwerken in ganz Europa beantwortet. Aber wollen wir wirklich alles kaputtmachen und gar nichts übrig lassen? Oder als Gesellschaft, die über die Zeit Erkenntnisse gewinnt, irgendwann sagen: Komm, es reicht jetzt!

  • Ein Bagger im Fluss Vjosa, Albanien.
    Foto © Archiv Patagonia
  • Aufnahme Fluss Vjosa von oben.
    Foto © Archiv Patagonia
  • Karte von Albanien

Hast du damals daran geglaubt, dass man das an der Vjosa schaffen kann? Zu sagen: Jetzt reichts!
Am Anfang hat kaum jemand aus unserer eigenen Community geglaubt, dass wir es schaffen können, das gesamte Flusssystem zu schützen. Der Bau eines grossen Staudamms hatte damals schon begonnen, man sieht heute noch die Reste davon. Aus meiner langjährigen Erfahrung weiss ich: Das Einzige, was dann noch hilft, ist Konfrontation – also haben wir uns zusammen mit EcoAlbania in Albanien und EuroNatur aus Deutschland an die Arbeit gemacht.

Was habt ihr den Menschen erzählt?
Die Geschichte der Schönheit dieses Flusses. Es waren damals 40 Wasserkraftwerke geplant. Acht direkt an der Vjosa und der Rest an ihren Zuflüssen. Wir hätten damals sagen können: «Na gut, das eine Kraftwerk wird nun eh schon gebaut. Können wir den Rest bitte so belassen?» Aber das wäre nicht zielführend gewesen. Wir haben gesagt, wir werden versuchen, alle Kraftwerke zu verhindern.

Wie hat man eure Forderungen aufgenommen?
Die albanische Regierung wollte die Wasserkraftwerke damals unbedingt. Wir haben ihnen erklärt, dass schon der Bau eines einzigen Kraftwerks reicht, um das gesamte Ökosystem zu zerstören. Das hat sie aber natürlich zunächst nicht besonders interessiert. Deshalb war es für uns besonders wichtig, Menschen aus Justiz und Wissenschaft ins Boot zu holen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Alle haben sich wahnsinnig angestrengt und sind weit über ihre Komfortzone hinausgegangen.

Wie hat die Bevölkerung gedacht?
Erst mal war wichtig, dass sie überhaupt davon erfahren. Ich würde sagen, in Albanien und generell am Balkan ist es die Bevölkerung gewohnt, nicht informiert zu werden. Selbst die Menschen, die direkt an der Vjosa leben, wussten nichts über das Ausmass der Pläne. Wir haben deshalb erst mal eine Tour durch fast jedes Dorf am Fluss gemacht und in Abendveranstaltungen erklärt, was die Regierung vorhat – und was wir stattdessen vorschlagen.

Wie haben die Menschen in den Dörfern reagiert?
Wir waren uns ziemlich einig. Schon 2013 haben wir eine Pressekonferenz mit allen Bürgermeistern aus dem Tal gemacht. Die wollten die Wasserkraftwerke auf keinen Fall. Seitdem haben wir gemeinsam für einen Nationalpark gekämpft – auf der Strasse und vor Gericht.

Ist dieses Umweltbewusstsein besonders?
Na ja, die Menschen dort sind eben viel näher am Geschehen als wir und direkt von den Konsequenzen betroffen. Sie haben eine starke emotionale Verbindung zu ihren Flüssen. Diese sind Thema in vielen Liedern und Geschichten. Die Menschen sind an der Vjosa aufgewachsen, haben dort gefischt und sind als Kinder im Fluss schwimmen gegangen.

Ihr hattet also eine gute Strategie und engagierte Partner. Wie wurde daraus diese riesige Kampagne?
Ich denke, man hat die richtige Kombination, wenn man internationale, nationale und lokale Stellen bei solchen Projekten zusammenbringt. Wir konnten ein gewisses Know-how mitbringen. Wie man Widerstand organisiert, wie man Anwälte nutzt, um Recht zu bekommen, wie man Medien-arbeit macht. Wir wussten, wie man etwas richtig gross macht, so dass die Regierung nicht mehr wegschauen kann.

Wie gross ist die Kampagne denn geworden?
Die Firma Patagonia hat uns enorm unterstützt und selbst Leonardo DiCaprio hat in den sozialen Medien über die Vjosa geschrieben. Da konnte die Regierung noch so oft von «grünem Strom» reden – irgendwann haben alle gesagt: «Nicht dieser Fluss!»

Naturschützer Ulrich Eichelmann in Albanien.
Foto © Andrew Burr

Ulrich Eichelmann (61)...

ist Ökologe und Naturschützer. Mit seiner Organisation RiverWatch arbeitet er seit Jahren an der Kampagne zum Schutz der Vjosa, um dieses einzigartige Ökosystem vor der Zerstörung durch den Bau von Wasserkraftwerken zu schützen.

Und trotzdem seid ihr nicht ganz zufrieden? Sind dir nie Zweifel gekommen?
Natürlich muss man immer abwägen. Aber wir haben so viele kaputte Flüsse und 28’000 Wasserkraftwerke in Europa. Warum werden die nicht erst mal renoviert und modernisiert, anstatt einen der letzten Wildflüsse zu zerstören?

Eure Pläne sind aufgegangen: Kein Kraftwerk wurde gebaut, am 15. März 2023 wird der Vjosa-Nationalpark eröffnet. Sind alle eure Wünsche erfüllt?
Alle nicht, aber ein grosser Teil. Unsere Grundforderung war ja, dass die Vjosa und alle ihre Nebenflüsse geschützt werden. Das haben wir geschafft. Und es wird ein echter Nationalpark nach internationalen Standards. Nicht nur einer, der bloss auf dem Papier existiert.

Das klingt super...
Ja, wir hoffen, dass der Park ein Vorbild für andere Projekte auf der ganzen Welt werden kann. 75 Prozent der Fläche werden ausser Nutzung gestellt. Das heisst, dort kann die Natur ihren freien Lauf nehmen. Das gibt es nicht mal in vielen Nationalparks in Mitteleuropa.

Wo wir uns nicht durchsetzen konnten, ist zum Beispiel beim Flussdelta. Die Vjosa selbst wird Nationalpark, aber das Deltagebiet am Mittelmeer mit den Dünen und den Stränden ist noch nicht mit eingeschlossen.

Wieso ist das so schlimm?
Genau in dieser Gegend soll ein Flughafen gebaut werden – nur einen Kilometer von der Vjosa entfernt. Der ist sogar schon im Bau. Dafür haben sie extra die Grenzen des Schutzgebiets verschoben. Dagegen wird auch schon geklagt. Teil des Plans sind auch die Erschliessung der Strände mit Resorts für Touristen und Hafengebiete rund um die Mündung. Wenn das so kommt, ist das Delta kaputt.

Das klingt, als hättet ihr ein neues Projekt?
Wir werden alles versuchen, um das ganze Delta in den Nationalpark zu integrieren. Das ist der beste Schutz vor einer schleichenden Zerstörung, auch durch Tourismus. Für die albanische Regierung basiert das Tourismuskonzept darauf, dass möglichst viele Leute an die Vjosa kommen. Das ist erst mal legitim, aber Natur zu geniessen ist nicht gleich Ökotourismus.

  • Fluss Vjosa von oben, links sieht man ein Kraftwerk, dessen Bau nie fertiggestellt wurde.

    In der Nähe des Dorfes Kalivaç hatte bereits der Bau eines Wasserkraftwerks begonnen – durch die Aktivistinnen und Aktivisten ­wurde daran nie weitergebaut.

    Foto © Archiv Patagonia
  • Eine Gruppe von Bewohnern aus dem Vjosatal

    Die Menschen aus den Dörfern im Vjosatal waren grösstenteils gar nicht im Detail über die Bauvorhaben informiert.

    Foto © Archiv Patagonia
  • Ein Dorf am Ufer des Flusses Vjosa, Albanien.
    Foto © Archiv Patagonia
  • Einige Demonstranten mit Megaphon, Journalisten halten Kamera und Mikrofone zu einem Demonstranten, links stehen Polizisten.

    Egal ob auf der Strasse, vor Gericht oder durch andere kreative Aktionen – der Protest gegen die Pläne der Regierung entlud sich auf allen Ebenen.

    Foto © Archiv Patagonia
  • Die Screaming Lady, ein Bild von einer schreienden Frau, liegt im Fluss Neretva in Bosnien-Herzegowina.

    Die «Screaming Lady», hier künstlerisch in Szene gesetzt im Fluss Neretva in Bosnien-Herze-gowina, wurde zum Symbolbild des Widerstands.

    Foto © Archiv Patagonia

Ist Tourismus nicht auch ein Teil eures Plans?
Doch, in der Region Einkommen mit Tourismus über den Schutz der Natur zu generieren, ist richtig und wichtig. Deshalb war ein Nationalpark auch das richtige Mittel, weil es Tourismus und Naturschutz in Einklang bringen kann – sprich: Besucherlenkung. Aber eben nur innerhalb der Nationalparkgrenzen. Ausserhalb, also im Grossteil der Tallandschaft, hat das Nationalparkkonzept keinen direkten Einfluss darauf, ob irgendwer Hotels oder Parkplätze baut.

Was genau macht dir Sorge?
Wenn jetzt alle dort hinfliegen und mit dem Leihwagen ins Tal fahren, ist das problematisch. Dann müssen grosse Parkplätze und Hotels gebaut werden und es passiert mittelfristig das, was kein naturbegeisterter Mensch will: Wir lieben die Vjosa zu Tode. Wir müssen Ökotourismus weiterdenken und nachhaltige Konzepte entwickeln, vor allem für den Verkehr, aber auch für Ressourcenverbrauch, Abwasser und Müll ...

Würdest du trotzdem noch Leuten empfehlen, eine Reise an die Vjosa zu unternehmen?
Ja, sicher! Aber ganz ehrlich, es ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. Ich kann nicht sagen: «Guckt euch einfach die Bilder an, das muss reichen.» Stattdessen würde ich dazu raten, dort hinzugehen, die traumhafte Natur zu geniessen und dann im Anschluss etwas daraus zu machen. Erholung und Genuss sind völlig okay, aber idealerweise nimmt man von so einer Reise etwas mit nach Hause und stellt sich die Frage: Gibt es eigentlich auch in meiner direkten Umgebung schützenswerte Natur? Egal, ob das ein Baum im Stadtwald oder ein Bach vor der Haustür ist – wir alle können einen Beitrag dazu leisten, Ökosysteme zu bewahren. Wenn eine Reise an die Vjosa auf diese Art inspirierend wirkt, wäre das grossartig.

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