Dylan Wickrama, Torge Fahl, Martina Zürcher
Wer sein Leben dauerhaft im VW-Bus unterbringt, kommt auf Reisen auch mit einem Kleinwagen aus – logisch, oder? Martina Zürcher und Dylan Wickrama sind mit und in ihrem Minicamper Fiat Panda «Felicità» durch Tunesien gereist.
Vor zehn Jahren haben Martina und Dylan ihre Wohnung aufgegeben und sind in einen VW-Bus gezogen. Vor sieben Jahren berichtete Transa erstmals über das nomadische Dasein der beiden. Heute treffen wir sie in ihrer Werkstatt in der Schweiz, daneben wartet ihr neuestes Zuhause: ein 20 Jahre alter Fiat Panda, ausgebaut zum Minicamper. Im Gespräch wird schnell klar: Die Reduktion auf das Wesentliche kann gelebt werden, wenn man sich darauf einlässt.
In der Werkstatt riecht es nach Öl, Metall und Holzstaub. Kisten stapeln sich an einer Wand. Draussen parkt «Felicità» (italienisch: Glück), klein, beinahe trotzig, ein Auto, das eher nach Nachbarschaft aussieht als nach Nordafrika. Gerade deshalb passt es zu ihnen. Nicht die perfektionierte Vision vom Vanlife, nicht das rollende Versprechen eines luxuriösen Ausstiegs, sondern eher das Gegenteil: ein fahrender Beweis, dass weniger mehr ist. Dylan hätte am liebsten sogar ein Motorrad genommen – schliesslich war er so 2010 das erste Mal auf Weltreise. Martina legte ihr Veto ein. Also wurde es Felicità: ein Fundstück aus dem Jura, für rund 1’000 Franken gekauft, zerlegt, umgebaut, neu gedacht. Unter Dylans Händen wurde daraus ein Auto, das es so vorher nicht gegeben hatte: mit Dieselheizung, grossem Wassertank, Klimaanlage und warmer Dusche. Ein Raumwunder, in dem man fahren, schlafen, kochen und leben kann, wenn man bereit ist, das Wort Komfort neu zu definieren. Den Namen wählten die beiden aus, weil er so wie das Auto selbst italienisch ist.
Hündin Punchi, die Dritte im Bunde, wuselt ungeduldig umher, als wäre auch sie jederzeit bereit zum Aufbruch.
Martina Zürcher (46) aus Aarberg war Radiomoderatorin, Chefredaktorin beim Schweizer Reisemagazin «Transhelvetica» und hat eine Kinderhilfsorganisation in der Mongolei gegründet.
Dylan Wickrama (56) stammt aus Sri Lanka, hat in England studiert und betrieb bis 2010 eine Autowerkstatt in Glarus. Danach ging er auf Weltreise mit dem Motorrad und traf unterwegs Martina. Heute arbeiten beide als freie Reisejournalist:innen, Vortragsreferent:innen und Autor:innen.
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Wie kommt man auf die Idee, in einem Fiat Panda auf Reise zu gehen?
Martina: Wir leben seit zehn Jahren in einem VW-Bus, da wäre für viele der nächste logische Schritt ein grösseres Fahrzeug gewesen. Mehr Raum, mehr Technik, mehr Unabhängigkeit. Für uns ist diese Form des Lebens aber zur Normalität geworden, wir wollten wieder näher an das Einfache heran. Näher an die Menschen und näher an das Abenteuer.
Dylan: Mit Felicità bewegt man sich auf Augenhöhe mit den Leuten. Ein grosses Reisefahrzeug mit allem Luxus schafft Distanz. Der Panda wirkt eher wie eine absurde Idee – und genau das lädt zu Gesprächen ein.
Und warum ausgerechnet Tunesien?
Dylan: Wir wollten nicht einfach eine Runde durch Europa drehen und dann sagen: Ja, funktioniert schon irgendwie, wir sind bereit für die Welt. Wir wollten wissen, ob das Konzept wirklich trägt. Tunesien war dafür perfekt: auf die Fähre, anderes Land, andere Kultur, Wüste, Wärme, Weite, acht Wochen unterwegs. Es kam zwar anders als erwartet, aber Felicità hat unter Beweis gestellt, dass sie mehr ist als eine verrückte Idee.
Martina: Es war fürs Auto und für uns eine Generalprobe, mit allem, was dazugehört: wenig Platz, reichlich Regen, Festfahren in der Wüste, Spontanität und Improvisation. Es hat eine Weile gedauert, aber schliesslich haben wir uns zurechtgefunden – und in den Rhythmus des Reisens.
Doch noch bevor die Fähre ablegte, erteilte Minicamper Felicità den beiden die erste Lektion. Dylan erzählt lachend, wie sie auf einer italienischen Autobahn liegen blieben – ein Anfängerfehler, wie beide heute sagen. Die Tankanzeige eines Fiat Panda, lernten sie, funktioniert eben anders als jene ihres alten VW-Busses. Seither fährt stets ein voller Reservekanister mit.
Musstet ihr euch erst wieder ans Reisen gewöhnen?
Martina: Reisen ist für uns kein Dauerzustand aus Euphorie. Arbeit und Freizeit wechseln einander nahtlos ab, die Übergänge sind unscharf. Jeder Alltag wird durch einen Rhythmus bestimmt und wir mussten unseren erst finden.
Dylan: Die ersten Tage waren schon speziell. Der Kühlschrank steht nachts draussen vor dem Auto, weil drinnen schlicht kein Platz ist. Zuerst denkst du: Das kann ja niemals gut gehen, der wird geklaut. Und dann merkst du: Es geht doch.
Was war anfangs besonders ungewohnt?
Martina: Die Enge. Die neuen Routinen. Die Geräusche. Oder dass man am ersten Morgen von Gewehrschüssen geweckt wird und sich kurz fragt, wo man hier eigentlich gelandet ist.
Dylan: Oder die Nacht in der abgelegenen Schlucht, wo die Wüstenschakale die ganze Nacht so gejault haben und ihr Echo durch die Schlucht irrte, dass Punchi sich eingeschüchtert kaum aus dem Auto getraut hat. Das sind natürlich Erinnerungen, die bleiben. Vieles, was anfangs fremd oder bedrohlich wirkt, wird plötzlich normal. Nicht, weil man abstumpft, sondern weil man beginnt, die Dinge einzuordnen.
Wann habt ihr gemerkt, dass ihr angekommen seid?
Martina: Nach ungefähr zwei Wochen. Nicht geografisch, sondern innerlich. Dann hört man auf, ständig zu vergleichen und sich abzusichern.
Dylan: Wir hatten einmal vergessen, Brot zu kaufen, und plötzlich brachte uns jemand einfach einen Sack Brot vorbei. So eine kleine Geste, aber sie sagt wahnsinnig viel. Da hatten wir das Gefühl: Jetzt sind wir da.
Auch Vorurteile, sagen beide, hätten sie im Gepäck gehabt – Bilder und Vorstellungen, die sich vor Ort erstaunlich schnell auflösten. Tunesien sei viel freundlicher, vielschichtiger und menschlicher gewesen, als es Nachrichten und Erzählungen vermuten liessen.
Ist es das, worum es euch beim Reisen geht?
Dylan: Total. Es geht nicht um Sehenswürdigkeiten, wir fahren keine feste Route ab. Es geht um Begegnungen. Der Panda hilft enorm dabei, weil er Fragen auslöst. Sogar auf der Fähre wollten die Grenzbeamten uns zuerst nicht glauben, dass wir wirklich in diesem Auto schlafen. Erst ein Video hat sie überzeugt. Felicità ist kein Auto, das Distanz schafft – nicht einmal im wörtlichen Sinn. Sie provoziert Gespräche.
Martina und Dylan lachen, und man merkt, wie sehr die beiden solche Momente interessieren: wenn aus Skepsis Neugier wird und aus Neugier ein Gespräch. Für sie scheint Reisen immer dort am besten zu sein, wo etwas nicht reibungslos, nicht normiert, nicht geplant, nicht selbstverständlich ist.
Gab es in Tunesien eine Begegnung, die euch besonders in Erinnerung geblieben ist?
Dylan: Ja, eine Nacht in der Wüste: Es war schon dunkel, und ich habe irgendwo abseits der Strasse ein Feuer gesehen. Also sind wir hingefahren.
Martina: Was man bei Dylan vielleicht dazusagen muss: Wenn irgendwo in der Ferne ein Feuer brennt, dann ist das für ihn keine Warnung, sondern eine Einladung. Dort waren dann zwei Hirten, etwa 200 Schafe, ein Feuer und sonst einfach Dunkelheit. Nach anfänglicher Verwunderung haben wir dann unser Essen ausgepackt und begonnen, mit den Hirten zu kochen. Wir haben gegessen und geredet, obwohl wir sprachlich natürlich nicht alles verstanden haben. Aber vieles funktioniert über Gesten, Blicke, Lachen. Über uns die Milchstrasse, um uns herum die Tiere – das war magisch. Am nächsten Morgen haben wir dann noch Brot in der Asche gebacken.
Und ihr seid geblieben?
Dylan: Ja. Einer der Hirten fragte, ob wir nicht Schuhe für ihn hätten. Wir hatten jedoch kein Extra-Paar dabei. Also sind wir losgefahren und haben im nächsten Dorf Schuhe besorgt und versucht, die beiden wiederzufinden – ohne Karte, nur mit einer groben Richtung im Kopf. Wir sind mit Felicità eine Weile durch die Wüste geirrt und hatten die Hoffnung schon aufgegeben. Erst Stunden später, fast im Dunkeln, haben wir die Männer tatsächlich gefunden. Die Überraschung und Begeisterung waren riesig! Für mich steckt da alles drin, was Reisen sein kann: offen sein, Zeit haben und nicht ständig fragen, ob etwas Sinn macht. Etwas tun, weil es sich richtig anfühlt.
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Wie lebt es sich zu zweit in einem Kleinstwagen?
Martina: Nur wenn man ordentlich ist. Sonst gar nicht.
Dylan: Der Panda erzieht dich dazu. Es gibt keinen Platz für Unordnung. Wenn du etwas nicht sofort zurücklegst, bestrafst du dich selbst.
Martina: Alles braucht seinen Platz. Wirklich alles. Sonst liegt die Zahnbürste plötzlich draussen neben dem Auto im Sand oder du suchst stundenlang nach dem Autoschlüssel.
Was muss in so einem kleinen Auto wirklich mit?
Dylan: Für mich Werkzeuge und Ersatzteile. Für Martina ihr kleiner Ofen. Für Punchi Leckerlis. Und für uns beide eine gute Toilette.
Stichwort Toilette: In eurer Werkstatt stehen eure «FlowerPotts». Wie kam es dazu?
Martina: Im Grunde eine Lösung aus Unzufriedenheit. Wir fanden viele bestehende Toilettenlösungen im Camperbereich einfach nicht überzeugend. Chemietoiletten werden irgendwann eklig, viele Trockentoiletten fangen an zu riechen.
Dylan: Also haben wir selbst etwas entwickelt. Mit Trennsystem und Aktivkohlefilter, damit es eben nicht stinkt und man wirklich länger autark unterwegs sein kann.
Martina: Dass daraus ein eigenes Produkt geworden ist, war am Anfang gar nicht der Plan. Aber es hat für uns so gut funktioniert, dass wir dachten: Vielleicht hilft das auch anderen.
Und als Paar – wird so ein kleiner Raum nicht irgendwann zur Belastung?
Martina: Natürlich gehen wir uns auch mal auf die Nerven. Aber das liegt nicht am Panda. Die gleichen Konflikte gäbe es auch in einer Wohnung.
Dylan: In der Enge von Felicità klären wir vieles direkt. Im Grunde ergänzen wir uns einfach gut: Ich probiere aus, improvisiere, scheitere auch mal. Martina ist eher die Stimme der Vernunft.
Martina: Was durchaus dazu beiträgt, dass Dylan vermutlich länger am Leben bleibt.
Beide lachen. Überhaupt wird an diesem Nachmittag viel gelacht. Vielleicht ist das die ehrlichste Antwort auf die Frage, wie ein Leben auf so engem Raum funktionieren kann.
Welche Bedeutung hat Reisen nach zehn Jahren für euch heute?
Dylan: Sicher nicht Ferien.
Martina: Reisen ist unser Leben. Arbeit und Privates lassen sich gar nicht sauber trennen. Wir schreiben, fotografieren, produzieren Podcasts, Videos – das passiert alles unterwegs. Wir sind keine Aussteiger, die sich von der Gesellschaft verabschiedet haben. Eher Einsteiger. In ein anderes Leben.
Und Heimat?
Martina: Heimat ist für uns längst mehr als nur ein Ort.
Dylan: Die Schweiz ist unsere Basis, da sind Freunde und Familie. Aber zu Hause ist für mich nicht in erster Linie eine Adresse. Zu Hause ist eher ein Zustand. Wenn wir gemeinsam unterwegs sind, fühlt sich das nach Heimat an.
Als das Gespräch langsam ausklingt, kriecht Dylan kurzerhand unter den Minicamper, denkt laut über die nächste Verbesserung nach. Martina verschwindet geschäftig in der Werkstatt. Punchi wuselt wieder um die Beine, als müsste auch sie bestätigen, dass Bewegung hier Grundzustand ist. Und Felicità? Steht da, klein und gelb, wie sie ist, bereit für die weite Welt. Wohin es als Nächstes geht? Schulterzucken. Wahrscheinlich wissen die beiden es wirklich nicht so genau – oder finden es unterwegs heraus. Wenn sie wieder in ihren Fiat Panda steigen und unverhofft in die nächste Begegnung stolpern.
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