Noah Raaflaub
Mal eben kurz ein Tapetenwechsel: Für Transianerin Saskia und ihre Partnerin Lea war Verona die Überraschungsstadt.
Wir stehen am Gleis 9 im Zürcher Hauptbahnhof und blicken auf die Abfahrtstafel, die in grosser, weisser Schrift «Verona» anzeigt. Kaum zu glauben: In weniger als fünf Stunden und ohne Umsteigen kann man von Zürich in die italienische Stadt der Liebe fahren. Nachdem sich der Zug in Bewegung gesetzt hat, geniessen wir zuerst den Anblick der Innerschweizer Seenlandschaft, bevor es durch den Gotthard geht. Mit Snacks und Spielen vergeht die Zeit im Nu. Die ersten Palmen im Tessin versprühen Ferienflair, und nach Chiasso liegt der Alltag buchstäblich hinter dem Berg.
Der Zug verlangsamt und fährt fast pünktlich im Bahnhof ein mit dem grossen Schild und weisser Schrift: «Verona Porta Nuova». Es ist zwar leicht bewölkt, aber die Wärme des Spätsommers schlägt uns beim Aussteigen sofort entgegen. Auf dem Weg zur Unterkunft verzaubern uns bereits die vielen bunten Häuser mit ihren kleinen Balkonen. Einer davon ist besonders speziell: Eine bekannte Szene aus der wohl berühmtesten Liebestragödie der Geschichte spielt darauf. So ist «Romeo und Julia» untrennbar mit Verona verbunden.
In der Altstadt sind viele Wege aus Kopfsteinpflaster und wir sind froh, dass wir uns für Duffelbags anstelle von Koffern entschieden haben. Es ist schon später Nachmittag, als wir aufbrechen und durch die vielen Gassen schlendern. Immer wieder trifft der Duft von frisch gebackenem Teig auf das Grummeln in unseren hungrigen Bäuchen, bis wir nicht mehr länger widerstehen können und uns in einem kleinen Laden frische Focaccias gönnen.
Wir steuern hoch Richtung Castel San Pietro und entscheiden uns kurzerhand für die «Funicolare». Die Standseilbahn bringt uns über die Dächer der historischen Altstadt. Wer lieber zu Fuss geht, kann über einen hübschen Treppenweg hinaufgehen. Damit sind wir an einem der höchsten Punkte Veronas. Die Stadt selbst liegt nur knapp 59 Meter über Meer. Wer gerne etwas Höhenmeter sammeln will, kann in der Altstadt die 368 Stufen der historischen Wendeltreppe des Torre dei Lamberti auf 84 Meter Höhe bezwingen.
Der Aussichtspunkt beim Castel San Pietro ist zwar kein Geheimtipp, lohnt sich aber allemal. Von hier oben ist auch gut erkennbar, wie die Stadt vom Fluss Etsch regelrecht umschlossen wird. Ein fast kitschiger Sonnenuntergang rundet das Erlebnis ab. Die goldige Abendsonne lässt die Häuser regelrecht aufleuchten. Passend dazu spielt ein Strassenmusiker im Hintergrund auf seiner Gitarre. So viel Ambiente hätten wir nicht erwartet.
Was uns besonders überrascht und gefällt, ist, wie schnell man von der Stadt aus in der Natur ist. In der Region befinden sich viele prächtige und gepflegte Gärten. Der wohl bekannteste von ihnen, der Giardino Giusti, ist in Gehdistanz vom Stadtzentrum zu erreichen. Wer mehr Zeit mitbringt, kann rund um Verona Wanderungen durch Olivenhaine, Wälder und Weinberge unternehmen. Von hier bis zum Gardasee erstrecken sich ein gut ausgebautes Velowegenetz und zahllose Wanderwege. Dafür reicht unser Kurztrip nicht und wir entscheiden uns deshalb, in den nahegelegenen Parco delle Colombare hochzusteigen. Dort breiten wir unsere Picknickdecke unter den Bäumen aus und blicken auf die geschäftige Stadt. Wir hätten nicht gedacht, dass wir hier doch noch unseren Mückenschutz brauchen würden. Natur pur, auch im urbanen Einzugsgebiet.
Was wir während unseres Aufenthalts hier schnell feststellen: Vor 9 und nach 16 Uhr kann man viele Plätze eher allein und ohne die Tagesausflügler geniessen. Auch ein Besuch in der Nebensaison im Frühling oder Herbst lohnt sich. So werden wir heute fürs frühe Aufstehen belohnt. Wir stehen fast allein vor der bekannten Arena di Verona. Nur ein paar Kinder sind zu sehen, die zur Schule gehen, und ein paar Erwachsene, die sich einen Espresso auf dem Weg zur Arbeit holen. Von den abendlichen Opernaufführungen ist morgens nichts mehr zu spüren. Die aufgehende Sonne taucht das römische Amphitheater in oranges Licht. Ein Bauwerk älter als das Kolosseum.
Auch die belebte Piazza delle Erbe im Zentrum der Altstadt ist um diese Zeit fast menschenleer. Nach und nach erwacht die Stadt und langsam kommt Bewegung zwischen die Marktstände. Dann zieht ein kurzer, aber intensiver Platzregen auf und wir sind froh um unsere Regenjacken und kleinen Schirme. Während wir uns unter einen Dachvorsprung retten, blicken wir in das Schaufenster einer der vielen Bäckereien in Verona: Mit Pistaziencreme gefüllte Gipfel und allerlei Konfekt lachen uns aus dem Schaufenster an.
Nach einem ausgiebigen Frühstück zieht es uns zum Flanieren Richtung Fluss. Die Ziegelbögen der Via Sottoriva auf beiden Strassenseiten erinnern uns an die Lauben von Bern. Fotogen präsentieren sich die bunten Häuserreihen mit ihren farbigen Fensterläden. Wir schlendern durch schattige Gassen, überqueren die pittoresken Brücken Ponte Pietra und Ponte Scaligero und entdecken überall schöne Bauwerke aus verschiedenen Epochen. Gut erhaltene Architektur aus der Römerzeit und dem Mittelalter trifft auf Barock und Renaissance. Gegenüber der Burg Castelvecchio laden hübsche Flussufer zum Verweilen ein, der ideale Ort für ein Gelato.
An unserem letzten Abend entscheiden wir uns für Pizza. Müde von den vielen Eindrücken der Stadt schlendern wir im Licht der Strassenlaternen zurück zur Unterkunft. Dann hören wir auf einmal Musik: Zwischen alten Zierbögen in einem grossen Innenhof, der zur Strasse geöffnet ist, sehen wir Menschen allen Alters, die wie Figuren in einer Spieluhr Tango tanzen. Wir sind richtig magnetisiert. Eine schöne Überraschung zum Abschluss, die das elegante Lebensgefühl dieser Stadt für uns nicht besser hätte zusammenfassen können.
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