Paul Mühlfelder
Kaum jemand kennt São Tomé und Príncipe, den kleinen Inselstaat vor der Westküste Afrikas. Für Paul schon Grund genug, mit seinem Vater dorthin zu reisen. Während einer im Kajak paddelt, geniesst der andere lieber die Ruhe des Insellebens.
São wo? Ungefähr so waren die meisten Reaktionen, wenn ich von meinen Reiseplänen erzählte. Denn kaum jemand kennt den kleinen Inselstaat São Tomé und Príncipe vor der afrikanischen Westküste. Für mich bereits Grund genug, dorthin zu reisen. Mich zieht es nämlich schon immer an entlegene Orte dieser Welt und als ich die beiden einsamen Inseln auf der Karte entdeckte, wurde ich neugierig. Zudem wecken die beiden winzigen Punkte im Atlantik eine kindliche Assoziation: Ich muss an mein Lieblingskinderbuch denken, in dem es um eine einsame Insel im Meer geht, weit weg von allem. Und wen nehme ich am besten mit auf eine Reise passend zu meinem Lieblingskinderbuch? Genau, den Mann, der mir damals daraus vorgelesen hat: meinen Vater.
Unsere Reise startet an der rauen Westküste São Tomés. Atlantikwellen treffen hier mit voller Wucht auf Vulkangestein. Direkt dahinter beginnt der Regenwald. Die Insel ist etwa 100 Millionen Jahre alt – und damit dreimal älter als Galapagos oder Hawaii. Aufgrund ihres hohen Alters und der langen Isolation haben sich auf São Tomé endemische Arten entwickelt. Neben einzigartigen Vögeln und besonderen Orchideen gibt es unter anderem auch die sehr giftige Schwarze Kobra. Beim Landeanflug schiebt sich das Flugzeug durch die lockeren tropischen Regenwolken. Die Abendsonne streift grüne Berge, Regenwald, Brandung, blaues Meer. Die Maschine sinkt, die Vorfreude steigt.
Mein Gepäck ist diesmal etwas ungewöhnlich. Kein Velo, wie so oft. Stattdessen ein Packraft – ein ultraleichtes, aufblasbares Kajak. Während meinem Vater das Meer ein wenig ungeheuer ist und er lieber an Land die Natur geniesst, möchte ich die Inseln vom Wasser aus erkunden. Wandern kann man auf São Tomé und Príncipe zwar auch, doch während mein Vater und ich hier sind, ist Regenzeit. Bei 27 Grad ist Nasswerden zwar verkraftbar, doch die matschigen Wege machen den Urwald noch undurchdringlicher als sonst. Einmal wagen wir es trotzdem, werden komplett geduscht und drehen schliesslich wieder um.
Mein erstes Kajak-Ziel ist die Doppelinsel Ilhéus das Cabras. Nach gut einer Stunde Paddeln erreiche ich einen kleinen Strand in der Mitte der Insel. Ein alter Leuchtturm aus dem 19. Jahrhundert ragt über die Felsen, das Wasser ist klar, ruhig, einladend. Beim Schnorcheln vergesse ich die Zeit, eingenommen von der bunten Unterwasserwelt. Erst als mich ein Fischer anspricht, der mit seinem Einbaum herangepaddelt ist, um nach mir zu sehen, tauche ich wieder auf. Wir verstehen kein Wort voneinander. Ein Grinsen, Daumen hoch: «Tudo bem!» (auf Deutsch: «Alles gut!»)
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Wer genauer hinsieht, erkennt neben der schönen Natur auch eine andere Seite der Insel. Anfang des 20. Jahrhunderts war São Tomé der grösste Kakaoexporteur der Welt. Infrastruktur, Handelswege und Machtstrukturen waren komplett auf den Export von Kakao ausgelegt. Heute liegen viele der Plantagen brach. Nach der Unabhängigkeit von Portugal wurden sie verstaatlicht. Fehlendes Wissen, mangelnde Investitionen und ineffiziente Strukturen führten dazu, dass sie aufgegeben wurden. Die Folge: ein lang anhaltender wirtschaftlicher Einbruch. Hinzu kommt die starke strukturelle Abhängigkeit der Insel. Fast alle Konsumgüter auf São Tomé werden importiert. Jedes Gramm Mehl, jedes Reiskorn, jeder Tropfen Sprit. Alle paar Wochen erreicht ein Containerschiff die Insel. Es ist so gross, dass es nicht in den Hafen passt. Die Container werden vom offenen Meer mit Barken an Land gezogen. Und alles, was exportiert wird, verlässt den Inselstaat auf gleiche Weise. Kein Wunder, dass Maxence, ein junger Franzose, den mein Vater und ich bei der Besichtigung einer Kakaoplantage kennenlernen, heilfroh ist, wenn sein Container mit Kakaobohnen trocken den Inselstaat verlässt. Maxence hat die Kakaoplantage erst kürzlich geerbt und möchte sie nicht nur wieder profitabel machen, sondern auch Arbeitsplätze und faire Arbeitsbedingungen für die Menschen auf der Insel bieten.
Wie eine Miniaturausgabe von São Tomé erscheint Príncipe. Noch kleiner, noch abgelegener, noch weniger erschlossen. Der Tourismus steckt noch in den Kinderschuhen. Bruno lebt hier und nimmt uns mit auf eine «Volta à Ilha», eine Umrundung der Insel mit dem Fischerboot. Die eine Hand am Aussenbordmotor navigiert er das kleine Boot geschickt durch die Wellen. In der anderen Hand hält er eine lange Angelschnur, die er hinter dem Boot herzieht. Nicht nur einmal zappelt die Leine. Vorbei an Basaltfelsen, Regenwald und Palmen zu einsamen Buchten mit glasklarem Wasser, an denen wir zum Schnorcheln anhalten. Und während Bruno schon mal Feuer macht, um den Fisch zu grillen, frage ich mich kurz, ob das hier nicht ein Traum ist …
Der Äquator verläuft drei Kilometer südlich von São Tomé durch die vorgelagerte Insel Rolas. Einmal ringsherum paddeln über den Äquator auf die Südhalbkugel und wieder zurück – eine Idee, die sich schnell in meinem Kopf gebildet hat und die ich nun in die Tat umsetze. Doch ich habe Respekt vor dem Wind und den Wellen auf dem offenen Atlantik. Mit etwa 100 Meter Abstand zur Küste – dort sind die Wellen weniger steil – paddle ich zunächst gegen Wind und Wellen. Die felsige Küste bietet immer wieder Buchten zum Anlanden. So kann ich bei Erschöpfung oder zu langsamem Vorwärtskommen das Boot zur Not zu Fuss über die zwei Kilometer grosse Insel zurücktragen. Aber ich komme sehr gut voran und überquere den Äquator. Irgendwie ein witziges Gefühl. Auf der Südseite wird das Meer rau. Die Wellen schlagen gegen die scharfen Vulkanfelsen, im Wellental sehe ich nur noch die Spitzen der Palmen auf dem Hügel. Zweimal halten einheimische Fischer neben mir und fragen, ob ich Hilfe brauche – offenbar bin ich in meinem Packraft kein alltäglicher Anblick. Ein bisschen verunsichert bin ich schon, anstrengend ist es auch.
Ein Blick auf meine Uhr, mit der ich mich zu meinem Ziel navigiere, verrät: Es ist nicht mehr weit zur Praia Bateria. «Obrigado, tudo bem», bedanke ich mich bei den Fischern und paddle weiter. Als ich schliesslich zwischen ein paar Felsen hindurch in ruhigeres Wasser komme und anlanden kann, fällt die Anspannung von mir ab. Alleine an diesem Strand zu stehen, nach dieser abenteuerlichen Fahrt – ein besonderer Moment. Ich packe Kamera und Drohne aus. Vielleicht ein Foto von mir im Kajak in dieser kleinen Bucht? Ich lasse meine Sachen am Strand und paddle noch mal hinaus. Plötzlich dreht das Meer. Die Flut erreicht ihren Höhepunkt. Wellen überrollen den Strand. Meine Ausrüstung ist in Gefahr, während ich in meinem Kajak draussen auf dem Wasser bin. Die Brandung bricht hart. Ein sauber getimtes Manöver, dann bin ich an Land, bringe alles in Sicherheit. Und genauso schnell, wie es wild wurde, beruhigt sich das Meer wieder.
Auf dem Rückweg habe ich Rückenwind. Die Wellen tragen mich und ich komme schnell voran. Die Kraft des Ozeans, das Licht, das Gefühl von Freiheit – ich grinse strahlend. Bis plötzlich ein Motorboot neben mir beidreht. Darin: mein Vater. «Einsteigen bitte. Du wirst gerettet – Widerstand ist zwecklos.» Er hatte sich grosse Sorgen gemacht und schliesslich selbst ein Boot organisiert. Ich steige ein und wir überqueren den Äquator ein zweites Mal.
Diese Reise ist auch die Fortsetzung einer langen Tradition von Vater-Sohn-Reisen. Wir haben Erfahrung zusammen, sind ein eingespieltes Team. Norwegen, Iran, Myanmar, -Djibouti, Äthiopien, Südafrika, Zimbabwe und Lesotho. Mit dem gemeinsamen Älterwerden änderte sich nicht nur langsam die Reiseleitung, sondern auch der Charakter. Es ist nicht immer leicht, eine Balance aus Abenteuer und Vorsicht, Vertrauen und Fürsorge hinzubekommen, sodass für jeden von uns etwas dabei ist. Wir hatten drei Ziele für die Reise nach São Tomé: Zeit miteinander verbringen, dem Massentourismus entkommen und Wärme geniessen. Alle drei haben wir erreicht. Früher hat mein Papa mir Abenteuergeschichten von Reisen in ferne Länder vorgelesen. Heute sammeln wir selbst Geschichten, die er mal meinen Kindern erzählen kann.
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