Sandra Christen, Carlos Crespo
Sandra Christen und Gentiana Zyba wagen sich gemeinsam mit einer Bergführerin an den Khan Tengri in Kirgistan. Es ist einer der nördlichsten 7'000er-Gipfel der Welt. Eine Expedition, die zur Grenzerfahrung wird.
Camp 3 – das letzte Lager vor dem Gipfel des Khan Tengri. Ein winziges Plateau auf 5’900 Metern, eingezwängt zwischen einer Schneewechte und der steil abfallenden Flanke am Fuss des Bergs. Hier verbringen wir zwei Nächte. In der ersten Nacht werden wir eingeschneit, unser Zelt schrumpft förmlich unter der Last des Neuschnees zusammen. In der zweiten klingelt um ein Uhr nachts der Wecker für die Gipfelbesteigung. Draussen peitscht der Wind mit 75 Stundenkilometern über den Berg. An Kletterei ist nicht zu denken. Wir warten und warten. Stunde um Stunde. Der Gipfel ist zum Greifen nah. Aber jeder Schritt höher wäre einer gegen den Khan Tengri gewesen, nicht mit ihm. Wir entscheiden: runter. Instinkt vor Ehrgeiz. Es war kein Gipfelsieg. Umkehren war unser Erfolg.
Sandra und ich sind seit Jahren zusammen in den Bergen unterwegs und ein eingespieltes Team. Gemeinsam standen wir bereits auf der Ama Dablam (6’812 Meter) in Nepal und auf dem Alpamayo (5’947 Meter) in Peru. Zentralasien ist noch ein weisser Fleck auf unserer Weltkarte. Hier gibt es keine Modeberge, keinen Touristenandrang, sondern pure Abgeschiedenheit. Der Khan Tengri in Kirgistan, eine 7’010 Meter hohe perfekte Pyramide an der Grenze zu Kasachstan und China, zieht uns magisch an. Zusammen mit dem Pik Pobeda ist er einer der nördlichsten 7’000er der Welt. Hier herrscht ein Klima, das härter ist als an manchem 8’000er weiter südlich. Hoch, einsam, fordernd – genau der Mix, den wir suchen. Uns ist klar: Der Khan Tengri besteigt sich nicht «einfach so». Wir werden trainieren müssen, hart.
Acht Monate vor unserer Expedition starten wir also mit der Vorbereitung. Fünf- bis sechsmal Kraft- und Ausdauertraining pro Woche. Dazu Trainingstouren auf Schweizer 4’000er. Beides zusätzlich zu unseren Vollzeitjobs. Wir wissen aus unseren früheren Expeditionen, wie sehr die Höhe den Körper fordert, und wollen gut vorbereitet sein. Daher werden unsere Wohnungen vier Wochen vor der Abreise zu kleinen Höhenlabors. Wir mieten uns zwei Höhenzelte. Das sind transparente Kuppeln über dem Bett, die künstlich Höhenluft erzeugen. Ein Generator filtert Sauerstoff aus der Luft, während der Luftdruck gleich bleibt. Der dauerhafte nächtliche Sauerstoffmangel kurbelt die Produktion roter Blutkörperchen an. Und das bedeutet: mehr Sauerstofftransport, mehr Leistung und ein geringeres Risiko für Höhenkrankheit – ein entscheidender Vorteil am Berg. Der Höhensimulator ist einer der unangenehmeren Teile unserer Vorbereitung, doch obwohl der Generator die ganze Nacht über laut und monoton brummt, schlafen wir überraschend erholsam.
Sandra Christen (35)
… arbeitet im Spital in der Chirurgie und kommt aus Nidwalden. Sie ist schon seit Kindheitstagen in den Bergen unterwegs – von Skitouren bis hin zu Expeditionen und liebt das Zusammenspiel von Natur, Herausforderung und Teamgeist.
Gentiana Zyba (35)
… arbeitet im Investment-Banking in Zürich. Sie ist im Kosovo aufgewachsen und entdeckte erst in der Schweiz ihre Leidenschaft für die Berge – vom Klettern über alpine Touren bis hin zu hochalpinen Expeditionen.
Zur Vorbereitung zählt nicht nur das intensive Training, sondern auch eine genaue Planung. Unsere Expedition buchen wir über ein deutsch-schweizerisches Expeditionsunternehmen, das mit einer lokalen Agentur kooperiert. Uns wird Maria «Masha» Yakushenkova als erfahrene lokale Bergführerin vorgestellt – und interessanterweise fragt man uns, ob es für uns in Ordnung wäre, dass sie eine Frau sei. Eine Frage, die man kaum stellen würde, wenn es sich um einen männlichen Bergführer handelte. Für uns ist das selbstverständlich kein Problem, sondern ein Glücksfall. Plötzlich bekommt die Expedition eine neue Dimension. Wir werden als reines Frauenteam aufbrechen! Unsere Expedition ist zudem autark ohne Träger:innen. Alles, was wir brauchen, tragen wir selbst: Zelt, Gas, Essen. Mindestens 18 Kilogramm pro Person.
Allein der Weg ins Basislager ist ein Abenteuer. Wir landen frühmorgens in Kirgistans Hauptstadt Bischkek, werden direkt von der Agentur abgeholt und fahren noch am selben Tag nach Karkara – zehn Stunden Fahrt über staubige Strassen, vorbei an Pferdeherden, Jurten und dem endlosen Issyk-Kul-See. Spätabends erreichen wir das erste Zeltlager, wo wir zwei Nächte verbringen, bis sich ein geeignetes Wetterfenster für den Helikopterflug ins Basislager öffnet. Das Basislager am nördlichen Inyltschek-Gletscher ist so abgelegen, dass es nur per Militärhelikopter erreicht werden kann. Als wir abheben, fühlt es sich an wie ein Sprung in eine andere Welt: unter uns zerfurchte Täler und endlose Eismassen. Nach 45 Minuten landen wir auf 4’000 Metern. Wir sehen die kleinen Zelte des Basislagers und die riesige weisse Pyramide des Khan Tengri mitten in einer Parallelwelt aus Fels, Eis und Stille. Wir nutzen die ersten Tage im Basecamp, um uns als Team einzuspielen, Abseiltechnik zu üben und die Route gemeinsam zu besprechen. Für den Aufstieg auf den Khan Tengri haben wir uns bewusst für die Nordroute entschieden, weil sie objektiv als sicherer gilt. Zwar ist sie länger, steiler und technisch anspruchsvoller: 3’000 Höhenmeter in schwierigem Gelände, 50 Grad Steigung und blankes Eis. Ein einziger endloser Anstieg – roh, direkt, kompromisslos. Doch die Südroute beginnt mit einer berüchtigten Rinne, in der regelmässig grosse Eisblöcke abbrechen und Lawinen abgehen. Ein Risiko, das immer wieder Todesopfer fordert. Für uns ist von Anfang an klar: Dieses Roulette wollen wir nicht spielen.
Die richtige Entscheidung, denn wir hören das Grollen der ins Tal donnernden Lawinen, während wir uns vom Basislager des Khan Tengri zu Camp 1 Seillänge für Seillänge nach oben bewegen. Schon am darauffolgenden Tag steigen wir weiter zu Camp 2 – acht Stunden, 1’000 Höhenmeter, schwer beladen. Der Hang ist so steil und ausgesetzt, dass es keine Möglichkeit gibt, den Rucksack abzusetzen und Pause zu machen. Spätestens jetzt geht die anfängliche Nervosität in volle Konzentration über. Nach zwei Tagen im zweiten Camp steigen wir zur Regeneration wieder zurück ins Basislager. Zurückzugehen fühlt sich wie ein Rückschlag an, aber nur so können sich unsere Körper erholen und an die Höhe anpassen. Beim zweiten Aufstieg kommt die erste echte Prüfung. Dichter Schneefall setzt ein, ein Sturm erwischt uns. Bei jedem Schritt versinken wir bis zu den Knien im Schnee. Das Vorwärtskommen ist mühsam und zäh. Dicke Schneeflocken peitschen uns waagrecht ins Gesicht, der Wind reisst an uns, die Finger werden taub. Wir schreien einander Mut zu. Hier spüren wir, was es heisst, in diesen Höhen unterwegs zu sein. Wir sind den Elementen schutzlos ausgeliefert.
Nach einer Nacht in Camp 2 steigen wir über die Chapaev Shoulder weiter auf. Vor uns öffnet sich das Panorama des Hochgebirges Tian Shan. Angekommen in Camp 3 tobt der Sturm weiterhin, Böen zeichnen Wellenlinien in den Schnee, dicke Flocken peitschen uns ins Gesicht. Es ist das letzte Camp vor dem Gipfel, zwei Nächte harren wir hier aus in der Hoffnung, dass sich doch noch ein Wetterfenster für den Gipfelgang öffnet. Die Kräfte sind da, die Motivation ist ungebrochen, doch wir haben alle kein gutes Bauchgefühl. Neuschnee und Sturm – jeder Schritt weiter wäre ein grosses Risiko für uns. Und je länger wir warten, desto klarer wird: Nicht nur der Gipfelgang auf den Khan Tengri ist riskant, auch das Feststecken im Hochlager könnte fatale Folgen haben. Wir entscheiden uns für den Rückzug. Diesmal ist unser Gipfel die Umkehr – und dass wir als Team heil zurückkommen.
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