Caroline Fink, Samuel Truempy, Bernard van Dierendonck, Riccardo Götz
Bergführerin Rita Christen trat 2020 als erste Frau das Amt als Präsidentin des Schweizer Bergführerverbands an, im Herbst 2026 wird sie Präsidentin der Internationalen Vereinigung der Bergführerverbände. Im Interview spricht sie über das Risiko am Berg und den Mut, eigene Wege zu gehen.
Rita, du arbeitest als Bergführerin, Juristin und Yogalehrerin. Warst du schon immer so vielseitig?
Rita Christen: Ja, ich brauchte schon als Kind Abwechslung und Herausforderung, körperlich wie intellektuell. Zu meinen Hobbys zählten Leichtathletik, Fussball, Skifahren – mit meinem Vater war ich schon früh im alpinen Gelände im Alpstein unterwegs. Ich hatte aber in der sechsten Primarklasse auch bereits fast die ganze Schulbibliothek gelesen. Als Jugendliche und als junge Frau entwickelte ich zudem eine Leidenschaft fürs Reisen.
Was waren die prägendsten Reisen?
Rita Christen: Diejenigen, auf denen ich mich Risiken aussetzte. Zum Beispiel allein als junge Frau abseits der Touristenströme in Nordafrika. Oder allein in Alaskas Wildnis mit dem Zelt. Ich war naiv, wollte mich nicht einschränken lassen. Aus Trotz bin ich in die gefährlichen Viertel, etwa in New York.
Eine Suche nach Abenteuer?
Rita Christen: Ja. Ich absolvierte brav Schule und Jura-Studium. Parallel dazu bin ich ausgebrochen, suchte nach alternativen Lebensentwürfen.
Rita Christen (58) vereint unterschiedliche Welten. Die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen arbeitet als Gerichtsschreiberin, Bergführerin und Yogalehrerin. 2020 wurde sie zur ersten Präsidentin des Schweizer Bergführerverbands gewählt, ab Herbst 2026 wird sie die erste Frau an der Spitze der Internationalen Vereinigung der Bergführerverbände (IVBV) sein. Ihre juristische Expertise kommt ihr bei verschiedenen weiteren Ämtern zugute, etwa als Lehrbeauftragte in der Bergführerausbildung. Sie lebt in Disentis und engagiert sich dort seit einem schweren Unfall ihres Mannes bei der Bergrettung.
Mit alternativen Lebensformen hast du dich sogar wissenschaftlich beschäftigt.
Rita Christen: Ich war sehr frustriert von unserer patriarchalen, kapitalistischen und von Konsum geprägten Gesellschaft. Mit einer Dissertation in Rechtsphilosophie wollte ich herausfinden, was wir vom Umgang der First Nations mit der Natur lernen können. Einen Sommer verbrachte ich in Vermont bei einem Stamm der Cherokee, einem indigenen Volk Nordamerikas, wo ich mit Menschen unterschiedlicher Herkunft nach Cherokee-Traditionen zusammenlebte. Das simple Leben in einem Zelt im Wald und die schamanischen Rituale gefielen mir, aber die langwierigen Diskussionen vor jeder Entscheidung, der Personenkult um die Stammesführerin und das Esoterische sagten mir auf Dauer nicht zu. Als ich merkte, dass meine Motivation eigentlich meine persönliche Sinnsuche war, gab ich die Diss auf.
Warum hast du als Freigeist ein Jura-Studium gewählt?
Rita Christen: Ich wollte in die Entwicklungszusammenarbeit oder Diplomatie. Doch dann lernte ich meinen Mann Martin Kreiliger kennen. Er hatte sich zu diesem Zeitpunkt gerade ein Forstökologiebüro in Disentis aufgebaut und ich entschied mich für ein Leben mit ihm. Da sass ich nun als Juristin in einem kleinen Ort in Graubünden und fing ein Anwaltspraktikum in Chur an. Als mir das nicht gefiel, begann ich als Gerichtsschreiberin am kantonalen Obergericht zu arbeiten. Das mache ich heute immer noch. In Vollzeit wäre mir das zu monoton gewesen und so kam mir die Idee, Bergführerin zu werden.
Zu diesem Zeitpunkt hattest du selbst noch wenig Erfahrung im Bergsteigen.
Rita Christen: Ja, ehrlich gesagt war ich eine Anfängerin. Ich bin ein bisschen geklettert, hatte aber noch nicht so viele Ski- und Hochtouren gemacht. In der Ausbildung dachte ich oft: Wow, ist das wild hier. Mir ist natürlich bewusst, wie frech das war, die Ausbildung mit so wenig Erfahrung zu starten. Aber ich empfand das als zusätzliche Herausforderung. Und natürlich trainierten Martin und ich viel.
Braucht man kein gut gefülltes Tourenbuch für die Bewerbung?
Rita Christen: Heute schon. Mit der Bergführerausbildung kann nur beginnen, wer viele anspruchsvolle Touren in allen Bergsportdisziplinen nachweisen kann. Ich finde das richtig so. Damals bei mir waren die Anforderungen noch weniger formalisiert.
Hat sich auch die Ausbildung seitdem verändert?
Rita Christen: Ja, weil sich das Bergsteigen verändert hat. Neue Disziplinen wie das Eisklettern sind dazugekommen, Sportklettern ist wichtiger geworden und die Lawinenkunde hat sich stark weiterentwickelt. Zudem gibt es neue Herausforderungen wie zum Beispiel die Folgen des Klimawandels.
Wie hart ist die Ausbildung?
Rita Christen: Die Anforderungen sind sehr hoch. An der Eintrittsevaluation sind es meistens 60 Personen, drei Jahre später an der Abschlussfeier nur noch etwa die Hälfte. Ich selbst fand es damals vor allem konditionell hart. Ich bin klein und eher leicht und musste oft alles geben, um das dauernd hohe Tempo mitzuhalten.
Ist deine Körpergrösse auch beim Führen ein Nachteil?
Rita Christen: Als Bergführerin habe ich meistens einen relativ schweren Rucksack. Im Verhältnis zu meinem Körpergewicht ist der viel schwerer als für einen grossen Kollegen. Und das Führen am kurzen Seil ist ein Problem, wenn der Gast deutlich mehr Gewicht hat. Ich muss dann mehr an Fixpunkten sichern. Anfragen für anspruchsvolle Hochtouren gebe ich deswegen manchmal an Kollegen weiter. Hochtouren führe ich heute ohnehin nur noch selten und konzentriere mich stattdessen auf meine Lieblingsdisziplinen: abfahrtsorientierte Skitouren und alpines Sportklettern.
Du warst damals die zehnte Bergführerin in der Schweiz. Fehlten dir Vorbilder?
Rita Christen: Nein, im Gegenteil. Es war ein Ansporn für mich, mitzuhelfen, eine Männerdomäne zu knacken. Während sich die Frauen in der Bergführerausbildung zum Teil diskriminiert sahen, fühlte ich mich unterstützt. Womöglich habe ich negative Kommentare auch einfach nicht so wahrgenommen oder nicht an mich herangelassen.
Seit 2020 bist du die erste Präsidentin des Schweizer Bergführerverbands (SBV), im Herbst übernimmst du als erste Frau das Präsidium der Internationalen Vereinigung der Bergführerverbände (IVBV). Bist du das weibliche Aushängeschild?
Rita Christen: Nicht alleine, es gibt ja verschiedene prominente Bergführerinnen. Nach der Wahl zur SBV-Präsidentin gab es eine erstaunlich breite Resonanz, und das Geschlechterthema war sicher ein Schwerpunkt meiner Präsidentschaft. Ich wollte, dass Frauen im Bergsport mehr Anerkennung finden – auch wenn ich dafür immer dieselben Geschichten erzählen musste.
Der Frauenanteil bei den Schweizer Bergführer:innen ist mit 47 von 1’207 immer noch sehr gering, aber 2025 war ein Fünftel der Diplomierten weiblich. Ist das dein Verdienst?
Rita Christen: Nein, das ist Zufall. Im aktuellen Jahr wird keine einzige Frau abschliessen. Im Schnitt sind es 1,3 Frauen pro Jahr in der Schweiz, seit Nicole Niquille 1986 die Erste war.
Am Anfang hast du dich gegen eine Frauenförderung ausgesprochen. Nun steht sie in der Verbandsstrategie. Haben die Männer dich überstimmt?
Rita Christen: Meine Sorge war zunächst, dass eine spezielle Förderung die Position der Frauen verschlechtert. Weil Unterstützung sie schwächer wirken lässt. Das gefiel mir nicht. Aus einer Umfrage wissen wir aber, dass ein Teil der Frauen sich in der Bergführerausbildung nicht immer wohlgefühlt hat. Das versuchen wir zu ändern. Als dann die Ausbildungsverantwortlichen das Thema Frauenförderung für die Strategie 2025 bis 2029 aufbrachten, habe ich gerne zugestimmt.
Wie sieht es generell mit dem Nachwuchs bei Bergführer:innen aus?
Rita Christen: Nach einer Flaute wird der Beruf gerade wieder attraktiver. Gerade wenn man jung und ungebunden ist, kann man als Bergführer:in auf interessante Art gutes Geld verdienen. Das Führen lässt sich auch gut mit einem anderen Beruf kombinieren: 75 Prozent machen das als Nebenerwerb. Dass der Bergsport boomt, hilft auch.
Hochtouren – von leichten Anfängertouren bis zu anspruchsvollen Touren durch Schnee und Eis – kannst du unter anderem bei unserer Partnerbergschule Höhenfieber buchen. Auch Kletterkurse, Schnupperkurse fürs Bergsteigen oder Skitouren bietet Höhenfieber an.
Wie bekommst du alle deine Aufgaben unter einen Hut?
Rita Christen: Das ist kein Problem. Meine Gerichtsarbeit kann ich mir als Freelancerin frei einteilen und bei der Arbeit für den SBV bin ich recht flexibel. Als Bergführerin bin ich nur rund 30 Tage pro Jahr unterwegs. Und meine beiden Söhne sind erwachsen. Früher war es schwieriger. Als die Kinder kamen, stellten wir eine Haushaltshilfe ein. Sie war schnell wie eine zweite Mutter für die Jungs. Wenn ich in einer Tourenwoche war, lebten sie bei ihr.
Trotz deiner unkonventionellen Biografie hast du einige repräsentative Ämter.
Rita Christen: Ich habe diese Ämter nicht gesucht. Vieles hat sich aus der Kombination von Jura und der Arbeit als Bergführerin ergeben. Die Anfrage für die SBV-Präsidentschaft kam just, als meine Jungs zum Studium weggezogen sind. Als Präsidentin der Internationalen Vereinigung der Bergführerverbände (IVBV) gehe ich den Schritt auf die internationale Ebene, die mich seit jeher interessiert.
Musst du dich manchmal verbiegen?
Rita Christen: Das Repräsentieren mache ich auf meine Art. Ich trage nie eine traditionelle Bergführeruniform und es macht mir Spass, einen unkonventionellen Typus Bergführer zu vertreten – nicht nur als Frau, sondern auch als eher städtische Person, als Akademikerin, die auf Technopartys geht.
Politisch stehst du auf der links-grünen Seite. Sorgt das für Reibung?
Rita Christen: Beim Thema Ökologie werde ich im Zentralvorstand oft überstimmt. Heliskiing zum Beispiel finde ich ökologisch nicht vertretbar. Genauso das Bergführen mit Schweizer Gästen in fernen Ländern: Skitouren auf den Lofoten, Klettern in Thailand. Das ist sicher reizvoll, aber hat aus meiner Sicht einen viel zu grossen CO₂-Fussabdruck. Hier wäre ich gerne aktiver geworden.
Spielen Natur- und Klimaschutz keine Rolle im SBV?
Rita Christen: Im Gegensatz zum Schweizer Alpen-Club sind wir dezidiert unpolitisch und nehmen an den grundsätzlichen Debatten über Natur- und Klimaschutz nicht teil. Bei Bergsportthemen sieht unsere Strategie hingegen einen klimafreundlichen und naturnahen Ansatz vor.
Machst du selbst keine Fernreisen?
Rita Christen: Ich lebe nach dem Prinzip «Abenteuer vor der eigenen Haustür». Dazu erschliesse ich auch sehr gerne zusammen mit Martin neue Kletterrouten in der Region.
Unterscheidet sich dein Umgang mit Risiko privat und beim Führen?
Rita Christen: Ja, sehr. Für mich selbst akzeptiere ich mehr Risiko. Auf Führungstouren bin ich hingegen recht defensiv unterwegs.
Klischeefrage: Hat sich deine Einstellung zum Thema Risiko verändert, als du Mutter geworden bist?
Rita Christen: Nicht, wenn ich allein oder mit Kolleg:innen unterwegs war. Aber als die Kinder klein waren, wollte ich keine heiklen Sachen gemeinsam mit meinem Mann Martin machen. Wenn uns beiden etwas passiert wäre ...
Hattest du Unfälle am Berg?
Rita Christen: Über die Jahre sind einige Kollegen ums Leben gekommen, auch mein Mann hatte schwere Unfälle. Ich selbst nie, weder mit Gästen noch privat. Aber heikle Situationen gab es schon. Die rechtliche und moralische Verantwortung bei Unfällen beschäftigt mich seit Langem bei meinen Tätigkeiten. Risiko ist Teil des Bergsports, davor darf man nicht die Augen verschliessen. Mit einem guten Risikomanagement kann man es aber auf ein akzeptables Mass verringern. Ich setze mich dafür ein, dass die Gesellschaft ein vernünftiges Mass an Risiko toleriert. Wir Menschen stellen uns Herausforderungen, bewältigen sie – und daran wächst unsere Persönlichkeit.
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