Marie und Ivo Drescher
Der Lykische Weg führt zwischen Fethiye und Antalya gut 500 Kilometer an der türkischen Mittelmeerküste entlang. Ein junges Paar aus Zürich hat jeden einzelnen davon unter die Sohlen genommen – mit dem Zelt im Rucksack und einem Baby in der Trage.
«Euer Baby wird schon bald mehr von der Türkei gesehen haben als ich in meinem ganzen Leben», sagt ein Mann, als wir mit Rucksäcken bepackt in einem voll besetzten Sammeltaxi zum Startpunkt des Lykischen Weges in Fethiye fahren.
«Was, ihr habt ein Baby dabei?», fragt ein anderer mit ungläubig‑freundlichem Ausdruck. Wie oft haben wir diesen Satz auf unserer Reise gehört! Oder einfach nur «bebek», türkisch für Baby. Meist kam das eine oder das andere, sobald wir mit unseren Sonnenschirmen in Rufweite waren. Aber hey – immerhin waren wir mit unserer sieben Monate alten Tochter Cleo auf einem 500 Kilometer langen Fernwanderweg unterwegs.
Wir wollten zu dritt ein Abenteuer erleben und aus Nachhaltigkeitsgründen terran, also ohne Flugzeug, reisen. Unser Vorhaben: den Sommer verlängern und ganz viel Natur erleben. Marie hat viele Fernwanderungen in den Beinen, unter anderem den Pacific Crest Trail und den GR20, ich bin in den Bergen aufgewachsen und passionierter Langstreckenläufer. Mit Cleo waren wir schon ein paar Mal in den Alpen wandern. Aber 500 Kilometer am Stück? Das ist eine ganz andere Nummer. Wir wollten es trotzdem wagen.
Länge: ca. 500 km
Dauer: je nach Kondition 3 – 6 Wochen
Höhenmeter: 20’000–25’000 Hm, höchste Passage ca. 1’820 m (Tahtalı‑Pass)
Start/Ziel: Fethiye/Antalya (in beide Richtungen möglich)
Beste Reisezeit: März–Mai und September–November
Besonderheit: Küste trifft Gebirge, antike Orte und stille Buchten
Im Vorfeld testeten wir im Tessin unsere Ausrüstung, wälzten Wanderführer, machten eine reisemedizinische Beratung, erneuerten Impfungen und erweiterten das Erste‑Hilfe‑Set. Von Anfang an war klar: Wir laufen nur weiter, wenn es uns dreien gut geht. Wir vertrauen auf unsere Intuition und treffen konservative Entscheidungen.
Weil wir unser gesamtes Gepäck tragen mussten, reduzierten wir konsequent auf das Minimum. Für Cleo landeten drei Bodys, zwei Hosen, zwei Pullover, ein Hut, zwei Nuscheli, eine Rassel, ein Kauring, Windeln und Feuchttücher für fünf Tage sowie ein Woll- und ein Schneeanzug im Rucksack. Letztere weil wir einfach keinen sicheren Babyschlafsack für draussen gefunden haben. Insgesamt kamen wir mit Wasser beim grossen Rucksack auf 17 Kilo und beim kleinen auf 12 Kilo. Die Person mit dem kleinen Rucksack trug zusätzlich Cleo (rund 7 Kilo) in der Babytrage – der einzige Faktor, der unterwegs potenziell noch Gewicht zunehmen konnte.
Die Anfahrt nach Fethiye war ein Projekt für sich: 24 Stunden Fährfahrt von Ancona nach Patras, weiter nach Athen, dann 24 Stunden Inselhüpfen bis Rhodos, zuletzt eine kurze Fährfahrt an die türkische Küste. Am 15. September standen wir endlich am Startschild des Lykischen Weges. Jetzt würde sich zeigen, ob unsere Vorbereitung dem Test der Realität standhalten würde.
Unsere Planung ging von angenehmen Temperaturen Mitte September aus – mit Baby wollten wir grosse Hitze vermeiden. Als wir dann die ersten Kilometer mit Sonnenschirm, Babytrage und zwei Rucksäcken bei 35 Grad durch schroffe Felsen über dem türkisblauen Meer bergauf stiegen, war klar, dass zumindest das Wetter nicht planbar ist. Zum Glück störte Cleo die Hitze nicht weiter und sie schlief oder blickte zufrieden aus der Trage.
Die erste Nacht auf dem Trail verbrachten wir im Zelt unter duftenden Orangen‑ und Mandarinenbäumen samt ungewohnter Geräuschkulisse: Hundegebell und Hühnergackern. Eigentlich wollten wir in einer Pension übernachten, doch der Wirt befürchtete, Cleo könne schreien und die anderen Gäste stören. Am Ende sollte das die einzige Ausnahme von der ansonsten überwältigenden Gastfreundschaft und Kinderliebe bleiben.
Unser Rhythmus fand sich schnell: Der Tag begann meist mit ein paar Kilometern am kühlen Morgen, gefolgt von Frühstück – entweder türkisches Kahvaltı oder Müsli aus dem Rucksack. Nach einer weiteren Etappe legten wir zur Mittagszeit eine lange Pause ein, um der Hitze zu entgehen. Ab 16 Uhr liefen wir weiter, bis wir einen geeigneten Übernachtungsplatz fanden. Meist liefen wir 25 bis 32 Kilometer – manchmal aber auch gar nicht, wenn wir Ruhetage einlegten oder etwas dazwischenkam.
Natürlich ging auch einiges schief. Einmal wurde Marie von einer Asiatischen Hornisse in den Fuss gestochen; ich hatte zuweilen mit Fussschmerzen zu kämpfen und lag einen Tag lang mit Fieber im Bett. Am herausforderndsten war eine Nacht im Krankenhaus, als Cleo so stark hustete, dass wir uns Sorgen machten. Doch auch hier trug uns die türkische Hilfsbereitschaft: Der Pensionsbesitzer fuhr uns zur Klinik und dolmetschte.
Überhaupt war die Willkommenskultur der Menschen herzerwärmend. Leute boten an, Cleo auf den Arm zu nehmen, während wir assen. Männer und Frauen scherzten und sangen mit ihr. Als ein Regenbruch drohte, durften wir im Gemeindehaus eines kleinen Bergdorfes schlafen und tranken Tee mit der Feuerwehr.
Landschaftlich ist der Lykische Weg ein Traum: schroffe Felsen, lange einsame Bergetappen mit Meerblick und dazwischen stille Buchten – oft wie gemacht fürs Zelten. Zwischen anatolischen Zedern und Schwarzkiefern liegt ein Duftteppich aus Harz, Oregano, Thymian und Zistrosen. Die Küste ist reich an Geschichte: In Myra, Patara und Olympos beeindrucken antike Ruinen in wilder Natur; in Kekova, der versunkenen Stadt, ruhen Sarkophage halb im Wasser. Die Flammen von Chimaira lodern seit Jahrtausenden direkt aus dem Fels, weil dort natürlich austretende Gase beim Kontakt mit Luft sofort Feuer fangen. Am Tahtalı Dağı streiften wir durch die Hochlagen mit Blick auf das Taurusgebirge, und in der Ferne lag noch Schnee.
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Unterwegs fanden wir Feigen, Weintrauben und Granatäpfel. Auch wenn die türkische Küche reich an Fleisch ist, liessen sich überall feine vegetarische Gerichte finden. Bei einem Ziegenhirten machten wir Halt, assen Feigen, türkischen Milchreis, tranken Ayran und schauten verblichene Fotos von ihm mit früheren Wandernden des Lykischen Weges an. Wenig später zog sein Schwiegersohn mit dem Gewehr los, um Schakale zu jagen.
Rund einen Monat später erreichten wir nahe Antalya das Ende des Weges – dankbar und zu dritt noch enger zusammengewachsen. Weitwandern mit Baby ist möglich, aber nicht selbstverständlich. Es braucht Vorbereitung, Flexibilität und gute Nerven. Cleo hat alles super mitgemacht! Wir hatten den Eindruck, dass es ihr noch besser ging als zu Hause: viel Zeit mit uns beiden, maximale Nähe in der Trage, viele liebe interessierte Menschen und ganz viel zu bestaunen. In schwierigen Momenten haben wir uns immer wieder gesagt: Wir erleben gerade ein Abenteuer – und Herausforderungen gehören dazu. Eine Haltung, die uns auch im Alltag trägt, denn das Leben ist ein Abenteuer.
Ob Cleo wirklich mehr von der Türkei gesehen hat als der Mann, den wir zu Beginn unserer Reise getroffen haben? Ganz egal. Vor allem hat sie Menschlichkeit erlebt – offene Arme, Freude und Empathie in jeder Begegnung. Das ist es, was zählt.
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